
Skizzenbuch und permanenter Ausstellungsraum von Klaus Harth



Der neue Werbeslogan für das Saarland lautet: GROSSES BEGINNT IMMER IM KLEINEN. Mal davon abgesehen, dass diese Aussage nicht haltbar ist, was sie auch immer im Genauen und diesem Zusammenhang des Werbezweckes meinen mag, besteht das grösste Problem mit diesem Slogan darin, dass ein Wunschdenken als Tatsache verkauft wird. Durch das Behaupten einer Behauptung soll eine Tatsache erzeugt werden. Wenn ich lange genug behaupte, ich hätte gesunde Zähne, dann habe ich irgendwann welche. Vor vielen vielen Jahren, noch zu Zeiten des Saarbrücker Tatortkommissärs Jean Fitou, Jaques Filou, nee: Max Palu erinnere ich mich an ein entsprechendes Drehbuch, das im Eishockeymilieu spielte (ich muss zugeben, habe ich nie gesehen, erinnere mich aber an die lebhafte Berichterstattung der Saarbrücker SZ) und man ist zum Drehen extra nach Frankfurtmain gefahren, weil das entsprechende Milieu ici n’existe pas. Alors: Lüg et trüg. Oder etwas anspruchsvoller: Es handelt es sich einfach um einen Fall falscher Induktion:
Das Saarland ist klein. Alles Große beginnt im Kleinen. Also beginnt auch im Saarland etwas Großes.
Wobei Problem: Bereits der zweite Satz ist Nonsense.
Merke: Sätze mit „immer“ sind immer falsch!
Merke weiter: Die Leute sind zwar oft doof, aber nicht immer.
ES GIBT KEIN WAHRES LEBEN IM KLEINEN.


Wes Anderson: GRAND BUDAPEST HOTEL. Man hat viel zu gucken. Man kommt manchmal mit den ganzen Anspielungen nicht mehr mit. Es gibt eine Menge zu lachen. Es strotzt nur so vor Einfällen und Ideen. Alleine das Riesenwildschweinbild bei der Testamentseröffnung… Das wäre für meine Begriffe ein schöner und gelungener Unterhaltungsfilm. Wobei ich THE ROYAL TENENBAUMS im Vergleich aber vorerst bevorzugen würde. (War LA GRANDE BELLEZZA im letzten Jahr ein Film, den man nach dem Abspann sofort, aber wirklich sofort, noch einmal sehen wollte, so besteht der Wunsch nach nochmaligem Betrachten durchaus auch bei GRAND BUDAPEST HOTEL, aber nicht direkt im Anschluß, irgendwann später mal wieder, vielleicht auch auf DVD, damit man das ein oder andere sofort zurückspulen kann.)
brötchenesser sind doof (oder haben zumindest doofe kinder)…darauf kann man kommen, wenn man sonntagmorgends in wemmetsweiler in der bäckereifiliale beim rewe markt ausnahmsweise mal brötchen kauft. die bäckertüte verspricht ein „rätsel“ auf der rückseite, das aussieht wie folgt:

…und man denkt noch: gehört unbedingt in die sammlung angewandter zeichnung… und dann entdeckt man auf der seite die lösung des „rätsels“:

Wahnsinn! (Wäre das nicht ein prima Titelbild für’s nächste Buch von Thilo Sarazzin?)
Am Freitagabend in der Kinowerkstatt St. Ingbert. Eigentlich war „12 years a slave“ angekündigt, den durften sie aus verleihtechnischen Gründen aber nicht zeigen…Den Ersatzfilm „All is lost“ mit Robert Redford hätte ich mir wahrscheinlich nicht unbedingt angesehen, aber als Ersatzfilm und wenn man schonmal da war und Hans-Ulrich Pönack war auch ganz euphorisch (was sonst: euphorisches Lob oder euphorische Verrisse). Nungut.
Der Film leidet an zweierlei: Erstens daran, dass er nicht komplett auf Musik verzichten kann. Er verzichtet zum Großteil auf Musik, und das ist auch wunderbar so, das was akustisch passiert, wenn die Wellen während des Sturms auf das Boot schlagen etc., ist wirklich sehr interessant und schafft eine bedrohliche Atmosphäre. Und dann spielen plötzlich mitten auf dem Meer nach einer ersten überstandenen Bedrohung plötzlich die Geigen…Und auch in einer weiteren Bedrohungssituation können sie darauf nicht verzichten. Das zerrt Dich als Betrachter sofort aus dem Geschehen und schafft einen sicheren Abstand. Und das ist schade. Das verschenkt der Film vieles der Wirkungen, die er vorher erzeugt hat.
Dasselbe passiert leider durch die zahllosen Ungereimtheiten, die man wahrscheinlich gar nicht alle aufzählen kann. Und auch das ist schade. Es geht nicht darum, dass ein Film in allen seinen Details absolut echt und der Wirklichkeit entsprechende abbilden muss. Das tut Kunst in den seltensten Fällen.
Aber: Wichtig ist eine gewisse Grundglaubwürdigkeit, die erhalten bleiben muss.
Wenn ich mich ständig frage, wieso plötzlich wieder alle Landkarten so schön trocken sind, damit er sich auf dem Ozean zurechtfinden kann, wenn ich mich fragen, wieso er nach all dem Kentern und Ungemach plötzlich eine unversehrte Lesebrille aus der Hemdtasche zieht, wo plötzlich die trockenen unversehrten Bücher herkommen, anhand derer er sich mal eben flugs das Navigieren mit dem Sextanten beibringt, dann fühle ich mich als Betrachter nicht ernst genommen.
Ein Frachtschiff, dass so dicht an ihm vorbeifährt, ohne ihn trotz Signalraketen zu sehen, finde ich noch halbwegs glaubwürdig, dass das Schiff aber kaum 20 Meter an der Rettungsinsel vorbefährt, ohne das es diese auch nur im Geringsten zum Schaukeln bringt, resp. sie nicht gleich zum Kentern bringt, das ist irgendwie nicht ganz nachvollziehbar. Schade.
Dabei hat der Film zum Teil wirklich starke Bilder, und erzielt beklemmende Wirkungen dort, wo er das Verletzliche und Bedrohte des Menschlichen zeigt. Der Topos „Haus“, hier in die Kajüte des Einhandseglers verlagert, schwankt und wankt, und die Sicherheit ist eine scheinbare. Das funktioniert gut, wird aber durch viele handwerkliche Fehler kaputt gemacht.
Eine interessante Idee für einen Film, aber einfach zu schludrig gemacht.
Und: Die amerikanische Filmindustrie sollte generell ein mehrjähriges Verbot für Filmmusik aussprechen.


elektrische fabrik und mond

dreierlei vom mond




…dass an manchen Stellen aus den Häusern ein mächtiges Gebirge wachse…
Eben auf dem Balkon gestanden und ein Zigarillo geraucht (wann schaff‘ ich es endlich, mit dem Rauchen anzufangen?) und ein Gläschen Bushmills dazu getrunken und mich im Küchenfenster gespiegelt: mit geschnittenem Haar sehe ich aus wie der Bruder meiner Mutter. Manchmal sehe ich für einen Moment aus wie mein Bruder. Was mich auf folgende Idee bringt: Wäre doch mal interessant, eine Reihe von Selbstportraits in der Rolle verschiedener Personen aus meiner Verwandschaft. Wurzel-Erforschung. Abneigungen und Aneignungen. Mal sehen. ob ich das schaffe.

Dr. Sabine Graf schreibt heute in einem Auftragsartikel für die Saarbrücker SZ über die Jubiläumsausstellung Jo Enzweiler im Museum Schloss Fellenberg in Merzig.
Der Artikel endet mit folgenden Gedanken:
„Die Ausstellung versammelt das, was man von Enzweiler kennt: Die gerissenen Karton-Collagen in leuchtendem Gelb in immer neuen Variationen, die Farbkombinationen sowie Nuancen einer einzigen Farbe auslotenden Gouache-Drucke, die das Verhältnis von Raum und Zwischenraum erkundenden Papierschnitte beziehungsweise Zeichnungen und die seit einigen Jahren gefertigten Skulpturen, die das Zusammenspiel geometrischer Formen erkunden.
Das ist altvertraut, doch stammen die gezeigten Arbeiten aus dem Zeitraum zwischen 2006 und 2014. Es wäre ein Leichtes, daher von der Wiederkehr des Immergleichen zu sprechen. Doch geht es hier gerade darum, die Qualität herauszukehren, die in der dauernden Befragung des Materials und der Entdeckung weiterer Kombinationsmöglichkeiten von Vorhandenem liegt. Hierin begegnen sich Kunst und Leben. Zudem geht es wie in jedem künstlerischen Werk um Wiedererkennbarkeit. Die Wiederholung ist dafür ein probates Mittel. Sie schafft ein Markenzeichen, um einen Künstler den Tag hinaus einen Platz in der Kunstgeschichte zu sichern.“
An folgenden Punkten muss wiedersprochen werden:
Es wäre nicht ein Leichtes, von der Wiederholung des Immergleichen zu sprechen. Man muss hier von der Wiederholung des Immergleichen sprechen. Denn darum handelt es sich. Und aus der bloßen Wiederholung erwächst erstmal per se keine Qualität. Sich zu wiederholen heisst noch nicht, dass man dabei Entdeckungen macht.
Es ist zwar eine interessante Frage, ob es möglich ist, und ab welchem Zeitpunkt Quantität in Qualität kippt, ob aus der bloßen Wiederholung irgendwann etwas Erhellendes wächst, aber Sisyphos, der täglich seinen Stein zu rollen hat, ist eine andere Veranstaltung. Auch Entwicklung gehört zum Mensch-Sein. Zugegeben, es mag natürlich auch an mir liegen, dass ich hier keine Entwicklungen sehe. Ich sehe hier keinen Suchenden, der ein Thema umkreist und mit sich und der Welt etwas zu klären und mir folglich etwas Interessantes zu sagen hätte. (Wie ich es durchaus bei Sigurd Rompza oder Lukas Kramer sehr). Ich sehe hier jemanden, der in seinen jungen Jahren einmal eine Idee hatte und uns seit 30 Jahren immer wieder dasselbe Bild zeigt, oder dasgleiche, das spielt hier kaum eine Rolle. Kennste eines, kennste alle.
Heftig wiedersprochen werden muss dem (ich bin ja nicht Dr. Sabine Graf, aber diese hätte früher einfach folgendes Adjektiv in den Raum geworfen, das ich nie mochte, aber das Imperium darf ja auch mal zurückschlagen, also bitteschön:) hirntoten Satz „Zudem geht es wie in jedem künstlerischen Werk um Wiedererkennbarkeit.“ …bei jedem künstlerischen Werk!? Das ist in seiner groben Verallgemeinerung eine derartige Frechheit und Anmaßung von Urteilskraft, dass man sich das nicht lange genug immer wieder vorlesen kann…; Vielleicht geht es bei Jo Enzweiler um Wiedererkennbarkeit. Aber das ist generell schon eine hahnebüchene Bemerkung. Es geht von mir aus um solche Dinge wie „Schönheit“, Erkenntnis, Wahrheit, Leben und Tod, die Welt an sich, aber doch nicht um Wiedererkennbarkeit. Angenommen, auch Litaratur sei Kunst, was ich gerne annähme, hat Vrginia Woolf so stilistisch unterschiedliche Bücher geschrieben, weil sie in ihrem Schreiben um Wiedererkennbarkeit gerungen hat? Liebe Literaturwisschenschaftlerin: behaupten kann man vieles, aber halten lässt sich oft davon nur wenig. Max Ernst rang um Wiedererkennbarkeit? Fuck off.
„Die Wiederholung ist dafür ein probates Mittel. Sie schafft ein Markenzeichen, um einen Künstler den Tag hinaus einen Platz in der Kunstgeschichte zu sichern.“ Diesen Satz kann sie noch weniger ernst meinen. Ich kann das nur so verstehen, dass sie, mit dem Güllepfosten winkend, dem Enzweiler Joachim (wie heisst man wirklich, wenn man „Jo“ heisst?)(Josef?)(Jorinde?)(Joringel?) eins reinwürgen will, sich vor der anerkannten Fachkraft aber nicht das zu sagen traut, was sie sagen möchte, wo sie doch jedem anderen hergelaufenen Künstlersmann oder jeder hergelaufenen Künstlersfrau einen reinwürgt, wenn sie den oder die sich tiefer dünkt, und sich auch noch was drauf einbildet.
Fuck off, die Zweite.
Es gilt Billy Wilders Prämisse: Du darfst nicht langweilen!
