Hannah Arendt schreibt in „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (S. 679 der Piper-Taschenbuch-Ausgabe):

„Diese Menschen konnte man nicht mehr zu politischen oder revolutionären Aktionen bewegen, indem man ihnen sagte, daß sie nichts zu verlieren hätten als ihre Ketten; sie hatten bereits sehr viel mehr verloren als die Kette des Elends und der Ausbeutung, als das Interesse an sich selbst ihnen aus der Hand geschlagen wurde. Ihr materielles Elend war zumeist durchaus erträglich dank der Sozialversicherung moderner Staaten, aber das gab ihnen die verlorene Beziehung zu einer gemeinsamen Welt nicht wieder.“

Hannah Arendt kommt immer wieder auf diesen Verlust der gemeinsamen Welt.

„Das Hauptmerkmal der Individuen in einer Massengesellschaft ist nicht Brutalität oder Dummheit oder Unbildung, sondern Kontaktlosigkeit und Entwurzelt sein.

Jetzt kann man sich heute natürlich fragen: Leben wir in einer Massengesellschaft, wo diese Annahmen gelten? Ich kann in der mir eigenen und selbsteinschließenden Arroganz nicht ganz davon ab, Dummheit zu konstatieren: Die Massenmedien, die sich heute soziale Netzwerke nennen, machen den Menschen nicht klüger. „Informiere dich in den alternativen Medien“ heißt dich in der Regel nix anderes: Such so lange, bis das bestätigt wird, was Du sowieso schon denkst. Und dort, wo wir keine gemeinsame Welt mehr teilen, weil wir in sozialen Medien alles in tausenderlei parallel existierende Anschauungen und Meinungen zersplittern, können wir uns auch nicht mehr über eine gemeinsame Welt streiten.

Das Verbindende, das dann bleibt, wäre ein dumpfer Nationalismus als Verbundenheitsgefühl. Irgendwas muss einen ja verbinden. Hmm.

Ein klitzekleines Foto in der Saarbrücker Zeitung vom 16./17.10. zur Bebilderung des Sinziger Raubüberfalls. Zwei behelmte Polizisten, ein Absperrband, der Großteil des Eingangs der Volksbank-Filiale von einem Auto verdeckt, das Volksbank-Logo ist zu sehen und ein sehr großes Kruzifix direkt rechts daneben. Beide Polizisten im Vordergrund, der linke davon bildnerisch in direkter Nähe zum Kruzifix.  Links zwei zusammengefaltete grüne Sonnenschirme? Eine Komposition, wie man sie sich schöner nicht ausdenken könnte. Farblich und dramaturgisch auf dem Punkt. Auto, Krimi, Kapitalismus, Religion uns Staatsgewalt. Dieses Foto enthält mehr Essenz als das Gesamtwerk mancher — ach lassen wir das. Gemalt wär’s natürlich doof .

die weltraumfahrt: ein abfallprodukt der bratpfannenbeschichtungsforschung

dass hier zunehmend sprühfarben auftauchen hat nichts mit meiner geschätzten kollegin olgaruth blass zu tun, die gerade im künstlerhaus in saarbrücken gezeigt wird. sie ist 101 jahre alt und hat vor einiger zeit die sprühfarben für sich entdeckt.

ich bin ein paar jahre jünger und habe die sprühfarben als mitorganisator der PRÜF-demos entdeckt, die wir seit april auch hier in saarbrücken angeleiert haben. ich habe dort einen platz betreut, an dem man sich eigene demo-schilder erstellen konnte, vermittels schablonen etc.

und die eigentlichen initiatoren hatten u.a. auch sprühfarbe. ich hatte keinerlei erfahrung damit, hab mir dann eigene gekauft (auf wasserbasis), um ein bisschen ein handling dafür zu bekommen. und jetzt finde ich das grade superspannend. und mache schöne entdeckungen.

und die PRÜF-demos gehen weiter.

auch wenn von meinen bildkunst-kollegen bisher da noch kaum einer den weg hingefunden hat. volker schütz habe ich gesehen. doch. doch.

zu: menschen ohne parkplatz (überarbeitet, Version 14.5.26)

der mensch wird nicht hübscher, wenn er auto fährt, aber er tut es natürlich trotzdem. tagaus und tagein. ohne unterbrechung, vorwärts, rückwärts, meist vorwärts. manche haben vorfahrt und ampeln gibt es. der faradaysche käfig schützt nicht nur vor blitzeinschlag. ist straßenverkehr so etwas wie der alltag? hier bin ich mensch, hier darf ich sein? manche sitzen auch zu viert. wir müssen als erstes an der ampel sein, dann sind wir ein spermium. oder sonstwo. zeit ist leid. hier ist jetzt. welches bild habe ich von der welt, wenn ich immer nur auf grüne ampeln treffe? oder immer nur auf rote? die afd will ampeln nur noch mit blauem licht. was wäre, wenn es nur noch philosophen am lenkrad gäbe? nirgends darf ich aussteigen, denn nirgends gibt es einen halt. parkverbot heißt, dass niemand je ins grüne darf. halteverbot, dass alle rastlos leben müssen. oder rastlos rasen. ich halte mich am lenkrad. ich beiße hinein und es schmeckt kein bisschen nach advent. ich bin nicht gern, wo ich herkomme. ich bin nicht gern, wo ich hinfahre. und weißt du: das geht allen so!

tagessatz (letztens abends)

15.5.26 ein hündchen im dino-kostüm, eine frau am müllcontainer, deutlich dem hund zugehörend und die das alles auch schön findet, ein monotoner mäh-roboter, im dino kostüm, ebenso (das wäre ja auch vorstellbar (wieso ist noch nie jemand auf die idee gekommen, seinem mähroboter ein dinokostüm???)) = falsche atavismen im zeitalter falscher gefühle (war das nicht die definition von „kitsch“ das mit den falschen gefühlen (?), aber laut milan kundera ist kitsch ja die „verleugnung der scheiße“), im zeitalter falscher zukunftsvorstellungen also, auf dem trainingsplatz nebenan mehr bälle als spieler, wie zeichnet man das geräusch von torschüssen (?) – – – und jetzt, jetzt erst fällt es auf: kein einziger torwart weit und breit!

stöbere eben ein wenig in meinen „tagessätzen“. entdecke den vom 30.11.2016:

wenn es niemanden interessiert, was du tust, existierst du dann – wenn es nur ein paar interessiert, was du tust, existierst du dann ein wenig mehr – wenn es alle interessiert, was du tust, was dann???

aus: tagessätze

  • 12.5.26 die mähroboter des kunstgeschehens, sie mähen am abend und sie mähen am morgen, sie rasen und sie singen ihre bunten mähgesänge, solange bis wir zerfallen, so lange bis wir zerfallen vor erschöpfung, erschöpftem widerspruchsgeist, vor hirnverknebelung, vor farbverdruss, die nichtexistierende existenz, die scheinbar scheinbare scheinwelt, scheinweilt, es wird alles niedergerollt mit den vier zarten rädern des mäh-robotschiks, o kommet her: ich nehm euch eure last, ich nehm euch eure laster ebenso, ihr braucht auch nicht zu sprießen, ich halte euch klein, denkt nicht nach und singt mit mir das allerschönste lied vom allerbesten künstler.

kaum geh ich vor die tür,

mache ich mich schuldig

die nachbarin rettet den vogel

aber die luft, die wir atmen,

atmet sonst jemand anderes