Buchtipp

Ich werde ja nicht müde, es zu empfehlen:

„Das Lied des Propheten“ von Paul Lynch. DAS Buch zu unserer Zeit. DAS Buch, das zeigt, wie schnell es passieren kann. Hier. Bei uns. Wo sonst.

41

Jetzt stellen wir uns  mal vor, 41% unserer Mitbürger kämen auf die Idee, dass sie es ab sofort cool fänden, kleine süße Kampfhunde zu besitzen und mit ihnen unangeleint durch die Gassen und Flure zu flanieren. Fänden wir gut, oder? Sind ja immerhin 41% und dann haben die auch das Recht dazu. Ist ja fast eine Mehrheit. Bleiben wir also lieber zuhause oder hoffen, auf dem Weg zum Einkaufsladen ohne Biss davonzukommen. Die Mehrheit hat das Recht, uns unsere Rechte abzuerkennen. So einfach geht das nicht, oder doch?

Es gibt Leute, die argumentieren, es wäre unrecht, die AfD verbieten zu wollen, weil sie ja inzwischen von 41% gewählt würde. Das wäre antidemokratisch.

Wie haben wir als Kinder gerufen?: Leute fresst Scheiße, Millionen Fliegen können sich nicht irren .

Eben auf dem Spaziergang dachte ich: Eigentlich sollte man das Parteiprogramm der AfD publizieren. Damit keiner sagen kann: das habe ich so nicht gewusst.

Selbst Alice Weidel sagt zum klassischen Familienbild der AfD und ihren Parteigenossen (absichtlich nicht gegendert): Die können da reinschreiben, was sie wollen, mein Lebensmodell ist ein anderes.

Hitler hat sich auch als Bohemien gesehen.

tagessätze

erschreckender gedanke: wenn man alice-weidel-portraits machen will, um sie aus sich rauszukotzen, dann heißt das im umkehrschluss auch, dass sie in einem drin ist – sie sind alle in einem drin, sie okkupieren uns alle

Ein Lob der Neunkircher Bibliothek, wie so oft. In der Kinderabzeilung entdeckt: der preisgekrönte Band „GAMES“ von Patrick Oberholzer erzählt fünf Flucht-Geschichten aus Afghanistan in die Schweiz. Patrick Oberholzer ist Schweizer. Deshalb. Ein „bande dessinée“, was bei uns bisschen blöd „graphic novel“ heißt. Patrick Oberholzer ist von zuhause aus Grafiker. Man sieht das den Zeichnungen an. Das ist alles grundsolide illustratorisch gedacht, aber nicht unspannend in Szene gesetzt. Und es ist lobenswert, dass er am Ende des Buches die Karten offen legt: Wie er von Bleistiftskizzen ausgehend, Foto- und Dokumaterial sammelnd, diese Skizzen am Pad überarbeitend, diese Stadien und Zwischenstadien auch immer wieder mit den Protagonisten bespricht und korrigiert (es soll alles so aussehen, wie es wirklich war; es soll echt wirken und sein und stimmig), wie er das dann am Schluss farblich fasst und mit dem Text versieht: Es tut einem gut, zu sehen, wie das entstanden ist und mit welcher inhaltlichen Sorgfalt. Interessant finde ich die Gestaltung des Buches. Die Comic-Passagen sind eigentlich keine klassisch-erzählerischen Comic-Passagen, aber sie vermitelln einem ein Bild, wenn man das so sagen kann. Und zwischendurch gibt es immer wieder Info-Blöcke, wo erklärt wird, wie Dinge ablaufen. Wie z.B. Geld transferiert werden kann von Afghanistan nach Istanbul, ohne dass das über Banken läuft, was ja nicht funktionieren würde. So erfährt man eigentlich sehr viele Dinge, von denen man noch nichts wusste. Das ist nicht aufdrinlich, sondern einfach nur klar. Und deutlich. Und in so fern passt diese Art des illustrativen Zeichnens natürlich wunderbar. Sehr lesens- und sehenswert.

eine art des zeichnens

… wäre etwas zu tun, von dem man noch nicht weiß, was dabei herauskommt: kann natürlich auch in die vielzitierte hose gehen. aber es ist spannend und interessant, dinge zu tun, die man so vielleicht noch nicht getan hat, sich selbst zu provozieren, sich einen strich durch die rechnung zu machen, um noch einen anderen strich in die andere richtung zu machen und es dann scheiße zu finden. etwas zu tun, um es weniger scheiße zu finden. aber so bekomme ich etwas heraus. erkenne dich selbst. das blattgegenüber als spiegel dessen, was man aushält und erträgt an scheuslichkeit und kitschigkeit. süßlickes und salzlickes. manchmal ist das auch natürlich nur schwer auszuhalten. und es scheint kaum verbesserung in sicht. wegwerfen ist die letzte option. like in the richtiges leben.

es gibt aber auch andere arten des zeichnens und malens.

knetegard hilf!

aus: 3 minuten gehirnwäsche, 3. juley 2026, 20uhr46 piss 20UHR52

nichts geh. nichts geht. rien ne vas plus und minus. es tromeelt auf mein ohr. ein tromeldar. und tromeldort. what you see is what you get. praph, noch prapher, prapho und prapha. superbraph. supergraf. weg. weg. weck. superbrav statt supergraf. weg. weg. weg. das beste ist das doppel-weg. warum muss das sein bloß sein. gestern haben wir ein foto gemacht, das fast aussah wie das foto, das wir vor 24 jahren gemacht haben. ist wirklich nix passiert? was ist wirklich sofort passiert? guck ich noch genauso blöt? ich bin weltmeiser in weiterentwicklung, automatischer rechtschreibung und zigarettenstummelbetrachtung. warum sagen die nix: es sind stummeln und keine murmeln, so in etwa. orthogeographie. wo wohne ich, wenn ich nicht bin? warum denken alle, dass ich zumülle, wenn ich alleine auf der welt bin? und das sagen menschen, die über andere sagen, dass sie keiner kenntete. kenntete und knetete. wie ging alles los: ein haus, ein hauch, ein dromedar.

maßstabsgetreu

Gehen bei der Saarbrücker Zeitung grad alle Maßstäbe verloren? In dem heutigen Portrait von Meret-Sophie Preis und ihrer zeichnerischen Arbeit wird am Anfang vor Superlativen nur so gestrotzt: „… der heißeste Scheiß von morgen“ etc.  Ich will jetzt gar nicht näher darauf eingehen: Aber ist es sinnvoll, nein: ist es verantwortbar, eine 24-Jährige, die noch nicht mal ihr Studium abgeschlossen hat, derart öffentlich hochzujazzen, sie schon jetzt auf das festzulegen, was sie grade für sich gefunden zu haben glaubt? Ich versteh’s halt einfach nicht. Lasst die Leute sich doch einfach mal in Ruhe entwickeln!

Kunst ist Widerstand. Nicht Anpassung. Und schon gar nicht „der heißeste Scheiß“, denn der kann übermorgen schon ganz schön erkaltet sein.

Blättere eben in einem Baselitz-Interview in einem älteren Lettre International. An der Rand habe ich mir am 16.10.2024 die Notiz geschrieben:

Kunst als Werkverweigerung -> schält sich das nicht als mein Thema heraus?

Je älter ich werde, desto mehr scheint es mir, als sei das eines meiner grundlegenden Themen. Ich war ja eh schon immer davon überzeugt, dass das, was man „Thema“ nennen sollte, die in einem tiefer verborgenen Dinge sind. Der Umgang mit Ordnung und Chaos etwa. Eine gewisse Unbehaustheit in der Welt. Das Vereinen unterschiedlichster und teils widersprüchlichster Elemente zu einem Ganzen. Oder halt die Werkverweigerung.

Ob ich ein Portrait zeichne oder eine Landschaft oder eine Zeichnung zu einem Musikstück mache: Die tiefer liegenden Theman transportieren sich durch Anordnung und Verwendung des Materials, durch die Art und Weise etwas zu sehen und zu sagen.

Das ist natürlich ein Problem. Denn damit vereinzelt man sich. Die meisten brauchen wiedererkennbare Spuren. Bei wiedererkennbaren und sich wiederholenden Spuren kann fast jeder eine Fährte lesen. Einen Kontext erschließen.

Ich habe in meinem Leben zwei Komplimente für meine Zeichnungen etc. bekommen, die sich mir tief eingegraben haben:

Eines lautete (über eine postkartengroße Zeichnung): „Die ganze Welt in ein paar Strichen“.

Das andere: „Egal, was Du malst und zeichnest und wie Du das tust, man erkennt doch immer, dass das von Dir stammen muss.“

„Die Welt in ein paar Strichen“ tröstet mich immer, wenn wieder diese ganzen wohlfeilen Selbstdarstellungsstrategien gerühmt werden, Bildprodukte gelobt werden, weil sie das „Kopfkino“ befeuern u.ä. Ich mache diese Dinge in erster Linie für mich, es geht um Beobachten, Verstehen, Verstoffwechseln, Umdeuten, den DIngen auf den Grund gehen. Die Welt aushalten. Die eigene Sicht der Dinge verstehen und zeigen. Dem mag und kann nicht jede*r folgen.

Das „Egal“-Zitat tröstet mich immer, wenn ich denke, ich hätte mir alle Chancen selbst verbaut, indem ich nicht anders kann, als die Dinge von den unterschiedlichsten Seiten aus zu beleuchten. Und dass dann die Sachen nicht alle den gleichen Stil pflegen. Früher gab es dann noch ellenlange Serien über größere Zeiträume hinweg. Mittlerweile gibt es immer noch Serien, die laufen aber anderen Dingen parallel und verquer und versuchen alles zu greifen. Und natürlich sehen die wenigsten den Zusammenhang und das habe ich mir nicht nur selbst eingebrockt, nein, das ist zutiefst in mir angelegt.

Die Werkverweigerung als künstlerische Strategie. Weil das Werk suspekt ist.

Vielleicht.