Kritik

Da hatte doch letztens während unseres Freistil_Festivals in der Völklinger Hütte mein Kollege Sebastian Müller-Bech eine Wiederauferstehung von Joseph Beuys gefeiert. Ich war gespannt, weiß ich doch, dass Sebastians Einschätzung der aktuellen innenpolitischen Lage eine andere ist als meine. Und ich fand es schwierig, diese seine Performance. Das Kostüm von Beuys stand ihm gut. Das kam sehr glaubwürdig rüber. Aber wenn der erste Satz bereits schon lautet, Beuys in den Mund gelegt, aber zutiefst Sebastians Überzeugung entsprechend: „Wir wissen alle, dass wir nicht in einer Demokratie leben“, dann schließt sich bei mir bereits eine Tür. Natürlich leben wir in einer Demokratie. Wir leben nicht in einer Diktatur, wir leben nicht in einer Tyrannei und nicht in einer Anarchie. Es zeigt sich allein daran, dass jedem, der diese Last auf sich nehmen will und der die entsprechenden Opfer zu bringen bereit ist, der Weg in politische Entscheidungsgremien offen steht. Prinzipiell. Die Frage ist: Ist das eine Form der Demokratie, die mir gefällt? Funktioniert das nach so vielen Jahren weiterhin, dass ich alle paar Jahre meine Stimme abgebe und mich dann kaum noch einmische oder denke, mich kaum noch einmischen zu können? Gäbe es auch andere Möglichkeiten? Ja, die gibt es natürlich, zum Beispiel das ostbelgische Modell, wo zusätzlich zu dem gewählten Parlament ein Bürgerrat bestimmt wird, der zyklisch Bürgerversammlungen einberuft, um über eine vom Bürgerrat festgelegte Fragestellung zu beraten und politische Empfehlungen zu formulieren. Das ist interessant, wird getestet und wissenschaftlich begleitet. Wenn man den Demokratiebegriff bemüht, dann weiß man auch, dass im alten Griechenland das Stimmrecht auch auf wenige beschränkt war. Generell ist es ein guter Plan, über Veränderungen des bestehenden Systems nachzudenken. Sebastian alias Joseph stellt die Frage in den Raum: Wer von Euch wäre für direkte Demokratie, direkte Volksabstimmungen wie in der Schweiz, beispielsweise? Natürlich hat Joseph Beuys damals die Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung mitbegründet. Er war dann später aber auch Mitbegründer der Grünen Partei, die ihren Weg in die traditionelle Parteien-Demokratie finden sollte. In der oft ein wenig populistisch geforderten direkten Demokratie durch Volksabstimmung steckt in meinen Augen aber ein gehöriger Anteil an Naivität. Oft werden diese Forderungen aktuell vorgetragen von Mitmenschen, die in der Corona-Zeit an den getroffenen Maßnahmen gelittet, sie nicht gut gefunden und unter ihnen gelitten haben. Die Naivität beruht in meinen Augen nun darin, dass von der Annahme ausgegangen wird, dass, hätte man nun die direkte Volksabstimmung zu bestimmten Themen, dies immer so ausgehe, wie man selbst abstimmen würde. Denn an der menschlichen Vernunft gibt es ja keinen Zweifel. Und das meine Meinung zu dem Thema ja die vernünftigste ist, auch nicht. In einer Zeit, wo, aktuell auf den Tag, 30% der bundesdeutschen Wähler bei einer Bundestagswahl die AfD wählen würden, ich hoffe, doch wenigstens überwiegend aus Protest und in Unkenntnis oder Ignoranz dessen, was diese Partei eigentlich will, was es allerdings nicht besser macht, dann habe ich doch allerherzlich wenig Vetrauen in Urteilsvermögen und Vernunft meiner Mitmensch*innen. Und darüber hinaus, in einer Zeit, wo die Einflussnahme durch die sogenannten sozialen Medien größer ist als je und alles und jedes behauptet und geglaubt wird, dann wird es mir bei kollektiven Abstimmungen mehr als angst und bange. Und natürlich kommt es immer auch auf die Fragestellung an, über die abgestimmt wird.

Wollt Ihr die Todesstrafe für Kinderschänder?

Es wird ja immer gerne die Schweiz als Beispiel genannt. Es gibt in der Schweiz durchaus Gesetze, auch in Bezug auf geflüchtete Menschen, für die sich auch in der Schweiz manche schämen. Klar kann man sagen, wenn die SVP jetzt dies oder jenes will, dann muss darüber vor einer Abstimmung entsprechend auch argumentiert werden. Kein schlechtes Ding, eigentlich. Und das Verhalten der Schweiz ggü. schutzsuchenden Menschen aus Deutschland z.B. während der Nazi-Diktatur war auch nicht ganz so rühmlich. (Gab es über diese Politik Volksabstimmungen?)

Also: Wollt Ihr die Todesstrafe für Kinderschänder?

Ich kenne einige, die hier für JA stimmen würden.

… Diese Masse verzweifelter und ressentimentgefüllter Individuen wuchs sehr rasch nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland und Österreich, wo Inflation und Arbeitslosigkeit in kurzen Abständen der militärischen Niederlage und ihren Konsequenzen gefolgt waren; …

Diese Menschen konnte man nicht mehr zu politischen oder revolutionären Aktionen bewegen, indem man ihnen sagte, dass sie nichts mehr zu verlieren hätten als ihre Ketten; sie hatten bereits sehr viel mehr verloren als die Kette des Elends und der Ausbeutung, als das Interesse an sich selbst ihnen aus der Hand geschlagen wurde. Ihr materielles Elend war zumeist durchaus erträglich dank der Sozialversicherung moderner Staaten, aber das gab ihnen die verlorene Beziehung zu einer gemeinsamen Welt nicht wieder. Mit dem Verlust der gemeinsamen Welt hatten die vermassten Individuen die Quelle aller Ängste und Sorgen verloren, die das Leben in der Welt nicht nur bekümmern, sondern es auch leiten und dirigieren.

(S. 678 f.)

 

Das Hauptmerkmal der Individuen in einer Massengesellschaft ist nicht Brutalität oder Dummheit oder Unbildung, sondern Kontaktlosigkeit und Entwurzeltsein. Insofern sie noch herkunfts- und erinnerungsmäßig stark genug mit der Klassengesellschaft des Nationalstaates verbunden waren, um nach den dort gemachten Erfahrungen ihr neues Leben einzurichten, verfielen sie in einen besonders fanatischen und chauvinistisch gefärbten Nationalismus, da ja der Nationalismus das Verbindungsmittel gewesen war, welches die Nation über alle Klassengesetze hinweg zu einigen hatte. …

Insofern die totlitären Führer aus den nationalistischen Emotionen der Massen ein gewisses Propagandakapital schlugen, benahmen sie sich nicht anders als die Demagogen des 19. Jahrhunderts. Was sie von diesen unterschied, war, daß sie selbst weder Nationalisten waren noch gedachten, die nationalistische Propagandalinie länger zu verfolgen als unbedingt nötig.

S. 682 f.

Der Massenerfolg der totalitären Bewegungen bedeeutete das Ende zweier Illusionen, die allen Demokraten, besonders allen Anhängern des europäischen Parteiensystems teuer gewesen waren. Die erste Illusion war, daß alle Einwohner eines Landes auch Bürger sind, die ein aktives Interesse an öffentlichen Angelegenheiten nehmen, und daß jeder einzelne zwar nicht notwendigerweise in einer Partei organisiert zu sein brauchte, aber doch mit irgendeiner von ihnen sympathisierte und sich auch von ihr vertreten fühlte, wenn er selbst niemals wählte. Die Bewegungen bewiesen, daß politisch neutrale und indifferente Massen die Mehrheit der Bevölkerung auch in einer Demokratie bilden können und daß es also demokratisch regierte Staaten gibt, die zwar im Sinne des Mehrheitsprinzips funktionieren, in denen aber dennoch nur eine Minderheit herrscht und überhaupt politisch repräsentiert ist.

Die zweite Illusion, die von den totalitäten Bewegungen vernichtet wurde, war, daß diese politisch neutralen und indifferenten Massen auch ohne politisches Gewicht seien, daß sie wirklich, wenn es sie schon gab, neutral seien und nur den Hintergrund des politischen Lebens der Nation bildeten.  …

Da die totalitäten Bewegungen trotz ihrer Verachtung des Parlamentes, und nur scheinbar im Widerspruch zu ihr, sich an öffentlichen Wahlen beteiligten und ihre Repräsentanten in die Reichstage schickten, konnten sie sogar innerhalb demokratischer Spielregeln demonstrieren, daß die parlamentarischen Majoritäten nur scheinbare waren, daß die antiparlamentarischen Bewegungen im Begriff waren, die Mehrheit des Volkes zu repräsentieren, daß also die Majoritäten, die sich in den Parlamenten innerhalb des Parteiensystems bildeten, den Realitäten des Landes niemals entsprachen; …

Man hat immer wieder bemerkt, daß totalitäre Bewegungen sich der demokratischen Freiheiten bedienen, um dieselben abzuschaffen.

Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, S. 670f.

HEUTE KÖNNT IHR EUCH WIEDER DIE MENSCHEN OHNE PARKPLATZ ANGUCKEN STOP IM SALI E TABACCHI FELDMANNSTRASSE 144 STOP SAARBRÜCKEN STOP ICH SELBST BIN DORT UND MACHE AUFSICHTSPERSON STOP AUCH ERKLÄRPERSON STOP ICH WERDE AUCH GARANTIERT NIEMANDEN ERQUICKEN STOP

time runs dabber oder: mühsam nährt sich das eichhörnch’n

mittwochabend: probe in der erzhalle in völklingen – STOP – donnerstagabend: probe im TIV in saarbrücken – STOP – freitagabend: aufführung im TIV in saarbrücken – STOP – heute: parking day und eröffnung der ausstellung „menschen ohne parkplatz“ in saarbrücken, galerie sali e tabacchi, 16 uhr, felmanstraße 144 – STOP – sonntag, 20 uhr, erzhalle: aufführung „orpheus‘ unterwelt“ in der erzhalle der völklinger hütte – STOP – dazwischen noch all die anderen sachen – STOP – am 29. fahr ich nach köln, um ein vogelbild zu signieren – STOP –

ps: das buch „unendliche postkarte“ von daniela daub ist auch jetzt offiziell erschienen, könnt ihr kaufen, edition federleicht, und am 25.9. gibts dazu die vernissage in der büchergilde in wiesbaden (da bin ich aber nicht, da ich keinen klon gefrühstückt habe), aber bei der finissage am 14.11. bin ich dort vor ort