
Skizzenbuch und permanenter Ausstellungsraum von Klaus Harth

falls sich eine sz-leser*in auf diese seite verirren sollte nach dem heute erschienenen artikel: die vogel-serie ist nicht so wichtig, wie es in dem bericht vielleicht rüberkommen mag. und wenn man auf den von mir auf dem foto präsentierten vogel schaut, dann sieht man dort die wörter: je doute de tout.
ja, so isses. das motto eines alten fluxus-artisten, das ich sehr schätze.
und epiktet natürlich: nicht die dinge verwirren den menschen, sondern die ansichten von den dingen.
farewell.
(heute werden es wieder 40°.)
Celsius!
gestern am bahnhof in neunkirchen: ein vollverkleideter spiderman am bahnsteig. gewisse körperliche merkmale ließen darauf schließen, dass darunter allerdings ein spider-woman gesteckt haben könnte. auf alle fälle war das gesicht nicht zu erkennen wegen einer komplett-spiderman-maske. und das war irritierend. weil ich mich dabei ertappe, dass meine gedanken abschweifen in richtung: ist das jetzt lustig oder steckt darunter vielleicht ein potentieller attentäter/attentäterin? und massakriert uns selenruhig mit messer und maske? kann man sich wehren, wenn man es vorher ahnt? ein nicht erkennbares gesicht, dazu mit diesen großen augenlöchern macht unruhig. und ich denke sogar darüber nach, ob ich in denselben zug steigen soll, ob ich nicht übertreibe mit meiner übertriebenen reaktion und ob sie nicht vielleicht übertrieben ist. ich war dann etwas beruhigt, als eine junge frau den spiderman-woman um ein selfie gebeten und er/sie es nicht verweigert hat. lassen attentäter vorher noch selfies zu?
so weit sind wir schon, dass wir mit allem rechnen. und das, obwohl ich nicht ständig lanz und precht und noch schlimmeres an mich ranlasse.
lieber brecht als precht übrigens.




Die Nazis nannten ihre Bewegung ja Bewegung. Mir war nie so richtig klar, wie wörtlich man das eigentlich verstehen sollte.
Und es ist, wie es oft ist: Da gibt es ein Buch schon länger, als es einen selbst gibt, was so ziemlich auf die meisten Bücher zutreffen dürfte, und dann liest man es irgendwann, in diesem Falle sogar relativ spät in seinem Leben, und dann entdeckt man Sätze, die einem quietschvergnügt eine Erkenntnis an die Hand geben, die einem die Augen und Gedanken öffnet, und die für andere schon seit 75 Jahren zwischen diesen Buchdeckeln zu entdecken war.
Wieso hat dies nur nie jemand erwähnt?
„Vergleicht man den totalen Herrschaftsapparat mit einem der vielen aus der Geschichte bekannten Staatsapparate, dann kann man ihn nur als strukturlos bezeichnen. Dabei vergißt man, daß nur ein Gebäude eine Struktur haben kann, daß aber eine Bewegung, nimmt man dies Wort so buchstäblich ernst, wie die Nazis es genommen haben, nur eine Richtung haben kann und daß jegliche gesetzliche oder staatliche Struktur für eine immer schneller in eine bestimmte Richtung sich bewegende Bewegung nur ein Hindernis ist. Die totalitären Beweungen repräsentieren bereits vor der Machtergreifung diejenigen Massen, welche in einem staatlichen Gebäude gleich welcher Natur nicht mehr zu leben bereit sind. …“ (S. 832)
Die totale Macht über jemanden erreichst du nur, wenn du ihm keine Ruhe gibst. Sobald sich die Bewegung in irgendwelchen Formen verlangsamt, festfährt, dann ist es wortwörtlich vorbei mit der Bewegung, es kehrt Ruhe ein – und Ruhe ist der Feind der Bewegung, ist Stillstand, ist Machtverlust. Denn in der Ruhe kommt der Mensch wieder zu sich. Beruhigt sich. Lässt sich nicht mehr total kontrollieren und bemächtigen.
Der totalitäre Staat (eigentlich wäre das schon ein Widerspruch an sich, da alleine schon die Idee des Staates dem Chaos der Bewegung entgegenläuft) muss also an der permanenten Wiederherstellung der Strukturlosigkeit arbeiten. Nur dann ist die Macht total.
Das ist interessant und lässt uns natürlich sofort auf unseren amerikanischen Freund Trump schauen. Was macht er mit uns? Eben tritt er den Iran-Krieg los, dann droht er wieder mal damit, Grönland zu annektieren, dann führt er Selensky im amerikanischen Fernseher vor, danach empfängt er ihn wieder ernsthaft, um dann wieder eine Rot-Sperre bei der Fußball-WM zurücknehmen zu lassen. Die zwischen Staaten geltenden diplomatischen Regeln werden außer Kraft gesetz (Arschloch J.D. Vance mischt sich in die Innenpolitik von Großbritannien und der Bundesrepublik Deuzschland ein, um die rechten Kräfte zu stärken, wer weiß, was da noch kommt, wenn Trump weg ist).
Eine permanente Unberechenbar- und scheinbare Strukturlosigkeit.
Yeah.
Keine weiß, wie man damit umgehen kann. Keiner weiß, was noch kommt.
So übt man Macht aus. So wird die Macht über die Welt totaler.
Und geht es uns im täglichen Klein-Klein nicht auch so?
So fern wir es zulassen, werden wir zugeballert mit Infos und noch mehr Infos.
Noch ne Mail. Noch eine Aufplopp-Nachricht.
Keine Zeit für Muße und Nachdenken und klare Sicht.
An anderer Stelle heißt es (S. 695): „Für den totalen Herrscher stehen die beiden Tätigkeiten des Schachspielens und der Kunst auf durchaus gleichem Niveau; in beiden ist der Mensch völlig von einer Sache absorbiert und gerade darum nicht vollkommen beherrschbar. Himmler hat nicht zu Unrecht den SS-Mann als den neuen Typus definiert, der unter keinen Umständen ‚je eine Sache um ihrer Selbst willen‘ tun wird.“
Ich denke da oft dran, aber ich erwähne es selten, weil es irgendwie so selbstverständlich die Mainzer Schule ist, die ich durchlaufen habe: Kein Strich ohne Bedeutung.
Alles, was auf dem Papier ist, erfüllt seinen Zweck und ist Teil des Inhalts und des Ausdrucks.
Je älter man wird und je mehr Zeichnungen man gemacht hat, desto näher kommt man dem vielleicht.
Das wär cool.
Und dann hätte das alles doch ein bisschen einen Sinn ergeben.



Drei Bücher der letzten Jahre, die um ähnliche Themen kreisen. Tarjei Vesaas „Der Keim“, J.M. Cotzees „Warten auf die Barbaren“ und Paul Lynchs „Das Lied des Propheten“. Parallel dazu Hannah Arendt „Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft“.
Alles berührt die für mich brennendsten und belastendsten Themen unserer Zeit. Und zu allen drei Romanen hatte und habe ich Bilder im Kopf. Und warum nicht auch Skizzen zur totalitären Herrschaft?
Das wäre jetzt der Plan.
Gestern habe ich begonnen mit 2 Blättern zu den Barbaren.
Ich lese Hannah Arendt zum ersten mal.
Alle anderen Bücher parallel zum zweiten mal.
Auch die Zeichnungen entstehen parallel und querbeet.
Die komplette Reihe heißt DER BLOCK DIE VIER. Dazu findet sich auch ein entsprechender Reiter hier auf dem zeichenblock.info
Dazu werden die Zeichnungen nochmal in extra-Reitern den einzelnen Büchern zugeordnet.


ES erscheint am 14.9.26. Gestern kam das Layout vom Verlagsprospekt.
Als Möglichkeit der Illustration könnte man auch einzelne Sätze aus dem Buch nehmen und von Hand schreiben und quasi nochmal explizit aus dem Text rausnehmen. Wäre auch was für Hannah Arendt.
Oder auch für Friedrichsthal.
so wie hier bei diesem unabhängig entstanden Blatt in etwa:

oder wie hier:

lese ich eben:
Dr. Sabine Graf spricht zur Ausstellung des Saarländischen Künstlerbundes „schwarz und weiß“.
Da wächst zusammen, was zusammen gehört. Gar keine Frage.

