heute konnte ich es nicht vermeiden, die augen nicht schnell genug geschlossen, um auf facebook einem post zu entgehen. normalerweise schreib ich da ja keine kommentare mehr und bemühe mich immer um die einhaltung der regel: erstmal eine nacht drüber schlafen. aber eine meiner lieblingskolleginnen, eine ältere dame, die sich als künstlerin begreift, für mich aber nur eine weitere person ist, die katzen liebt und bei dem ansteigen der benzinpreise sich nicht entbödet hat, regelmäßig zum wochenende hin die preisanzeige einer saarlouiser tankstelle zu posten mit der bildunterschrift: „schönes wochenende!“, was das auch immer zwischen und über den zeilen transportieren sollte. wie auch immer, der kommentar einer ihr wohl bekannten person, der ungefähr so ging: „…aber die Blauen nicht wählen wollen“ blieb leider unkommentiert. ach so, ach was. jedenfalls ging es heute im die unsäglichen staus auf der autobahn saarbrücken stadtauswärts richtung völklingen und saarlouis. die politik, die die menschen gängelt und zu blöd ist, die baustellen zu managen und was dann an diesen sermonen zum armen ausgebeuteten volk noch so hinterherkömmt. ich habs früher schon gedacht, auch und gerade dann, wenn ich selbst mit dem auto im stau stehe und gestanden habe: WER IM STAU STEHT IST TEIL DES PROBLEMS. Das Problem sind nur second hand die baustellen, die den verkehr lahmlegen. das problem ist der massenhafte verkehr. ich kann nicht im stau stehen und über den verkehr schimpfen. ich kann nicht im stau stehen und über den stau schimpfen. ich bin teil der veranstaltung. und komm mir keiner mit: aber ohne auto komme ich nicht zur arbeitsstelle und und und. ich gehe an unserer bäckerei vorbei und die wenigsten brötchen werden auch auf dem dorf (und gerade dort) zu fuß erworben. das hat nix mit „ich komme ohne auto nicht auf meine arbeitsstelle“ zu tun. natürlich kann ich ohne auto in dem öffentlich-rechtlichen-nahverkehr-schlecht-erschlossenen saarland nicht das landleben im nordsaarland genießen und in saarbrücken dem gutbezahlten job nachgehen. ich könnte aber in saarbrücken leben und dort arbeiten. aber das will eben keiner. ich will ich will und ich will und die anderen sollen.

3 minuten gehirnwäsche

hab ich mir doch vor jahren schon einen stempel gemacht: den humor verlieren. vor vielen vielen vielen jahren. in weisheitlicher voraussicht. denn schien es mir doch lange nicht so wirklich vorstellbar, so ertappe ich mich immer öfter dabei, ebensolches zu tun. aber einmal verloren, wo wiederfinden? es ist gar nicht so einfach weiterzumachen. sinn zu finden in einem tun, das einem jahrzehntelang das überleben gesichert hat. anarchischen überlebenswillen auszugraben, auszupacken und der welt entgegen zu halten. humor hat was mit intelligenz zu tun. aber man wird selbst auch immer dümmer. hineingezogen in den sog des allgemeinen abwärts. es gibt nur ein falsches leben im falschen? ich trete wasser, um die hitze zu überstehen. ich sprühe schilder gegen die anrollende scheiße. man sollte sich sisyphos als glücklichen menschen vorstellen? echt, ey, der hatte es wirklich einfach. nur der stein und ich. klar war der glücklich.

jeder mensch ist ein künstler. nur du nicht. (angeblich auch von jesus maria beuys, einem seiner zahlreichen schüler*innen gegenüber).

jesus maria beuys ist übrigens die schwester von jesus maria rilke. glaub ich. oder doch?

die lehrerin, die ihre schülerin, die gerade eine seerose gepflückt hat, zurechtstutzt, das mache man nicht, die blume gehöre doch nicht ihr (was die schülerin zurecht kontert mir: gehört sie vielleicht ihnen?), sie ihr aus der hand reißt und wieder in den teich zurückwirft, als wäre es unnützer müll: eine kleine, aber interessante szene, anstatt zu sagen: steht unter naturschutz, darf man eigentlich nicht und der schülerin die freude an der blüte zu lassen trotz des ungewussten verstoßes und zu sagen: das nächste mal weißt du das, hat auch die lehrerin keinen gedanken daran, keine idee und vorstellung und wirft die blume als müll zurück, als wäre dadurch alles wieder heil: situation gerettet, nein, nix gerettet, heul, eigentlich und blüte unnütz zerstört in zweifachem sinn.

Jetzt sterben sie alle. Marjane Satrapi am 4. Juni. Und jetzt David Hockney. Hockney habe ich relativ früh entdeckt. 1987 war ich zum erstenmal im Centre Pompidou in Paris und hab mir dort ein Katalogbüchlein über David Hockney gekauft.Ich war angetan insbesondere von den Portraitzeichnungen in Blei-, Farbstift und Feder in Tusche. Sehr klare und konzentrierte Zeichnungen, die ich, insbesondere die Farbstift-Varianten, nachzuahmen suchte. Es würde mich reizen, die Tage mal auf den Speicher zu krabbeln und die alten Mappen rauszusuchen, ob ich da noch was finde … Hockney hat mich immer wieder beschäftigt, wahrscheinlich ist er der Einzelkünstler, von dem ich die meisten Ausstellungen gesehen habe: Die Retrospektive 2001 in Bonn, 1998 die Photoworks in Köln, 2013 The bigger Picture, ebenso im Ludwig in Köln. Auf Schloss Moyland gab es eine kleine Show mit seinen Radierungen zu den Gebrüdern Grimm 2016. Das war eher Zufall, ich war natürlich wegen Beuys dort. Was mich beeidruckt hat, waren immer die Freiheiten, die er sich genommen hat. Die Experimentierfreude. Er hatte ein schönes und langes Leben.

Weshalb mich der Tod von Marjane Satrapi letzte Woche dann allerdings doch mehr erschüttert und berührt hat. Ihr „Persepolis“ habe ich erst 2018 entdeckt. Zuerst als Buch. Und dann auch als Film. Ich habe das Buch letzte Woche nochmal aus dem Regal geholt und noch einmal gelesen. Ein völlig anderes Leben. Eine völlig andere Welt. Ich weiß mit diesem Tod gar nichts anzufangen. Eben stolpere ich über einen France Inter – Beitrag zu ihrem Tod, wo sie auf die Frage, ob sie manchmal an den Tod denke, antwortet: Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. Was bleibt übrig, als ihre anderen Bücher auch endlich mal zu lesen.

Vermisst man jemanden, von dem es so viel gegeben hat, weniger, als jemanden, von dem noch so viel hätte kommen können? Ist das eine blöde Frage, vielleicht sogar eine ungehörige und ungebührliche?

Ich hege ja die Vermutung, dass irgendwann der Punkt erreicht ist, wo man von der Welt dermaßen genug hat, dass man gehen kann.
Zwei sehr unterschiedliche Leben.

Nachtrag: Alle wissen, was sie am 9. September 2001 getan haben. Ich höchstselbst war in der Hockney-Retrospektive in Bonn. Müde im Zug noch insbesondere über Bilder nachsinnend, bei denen ich mir die Frage stellte „darf der das?“ (diese Ansicht vom Fuji mit Blumen davor z.B.), schlief ich, um an dem ein oder anderen Bahnhof leicht das Auge zu öffnen, eine merkwürdige Stimmung unter den Leuten spürend, ohne zu wissen, dass inzwischen die Welt eine andere war.