
Skizzenbuch und permanenter Ausstellungsraum von Klaus Harth

Ein Lob der Neunkircher Bibliothek, wie so oft. In der Kinderabzeilung entdeckt: der preisgekrönte Band „GAMES“ von Patrick Oberholzer erzählt fünf Flucht-Geschichten aus Afghanistan in die Schweiz. Patrick Oberholzer ist Schweizer. Deshalb. Ein „bande dessinée“, was bei uns bisschen blöd „graphic novel“ heißt. Patrick Oberholzer ist von zuhause aus Grafiker. Man sieht das den Zeichnungen an. Das ist alles grundsolide illustratorisch gedacht, aber nicht unspannend in Szene gesetzt. Und es ist lobenswert, dass er am Ende des Buches die Karten offen legt: Wie er von Bleistiftskizzen ausgehend, Foto- und Dokumaterial sammelnd, diese Skizzen am Pad überarbeitend, diese Stadien und Zwischenstadien auch immer wieder mit den Protagonisten bespricht und korrigiert (es soll alles so aussehen, wie es wirklich war; es soll echt wirken und sein und stimmig), wie er das dann am Schluss farblich fasst und mit dem Text versieht: Es tut einem gut, zu sehen, wie das entstanden ist und mit welcher inhaltlichen Sorgfalt. Interessant finde ich die Gestaltung des Buches. Die Comic-Passagen sind eigentlich keine klassisch-erzählerischen Comic-Passagen, aber sie vermitelln einem ein Bild, wenn man das so sagen kann. Und zwischendurch gibt es immer wieder Info-Blöcke, wo erklärt wird, wie Dinge ablaufen. Wie z.B. Geld transferiert werden kann von Afghanistan nach Istanbul, ohne dass das über Banken läuft, was ja nicht funktionieren würde. So erfährt man eigentlich sehr viele Dinge, von denen man noch nichts wusste. Das ist nicht aufdrinlich, sondern einfach nur klar. Und deutlich. Und in so fern passt diese Art des illustrativen Zeichnens natürlich wunderbar. Sehr lesens- und sehenswert.
… wäre etwas zu tun, von dem man noch nicht weiß, was dabei herauskommt: kann natürlich auch in die vielzitierte hose gehen. aber es ist spannend und interessant, dinge zu tun, die man so vielleicht noch nicht getan hat, sich selbst zu provozieren, sich einen strich durch die rechnung zu machen, um noch einen anderen strich in die andere richtung zu machen und es dann scheiße zu finden. etwas zu tun, um es weniger scheiße zu finden. aber so bekomme ich etwas heraus. erkenne dich selbst. das blattgegenüber als spiegel dessen, was man aushält und erträgt an scheuslichkeit und kitschigkeit. süßlickes und salzlickes. manchmal ist das auch natürlich nur schwer auszuhalten. und es scheint kaum verbesserung in sicht. wegwerfen ist die letzte option. like in the richtiges leben.
es gibt aber auch andere arten des zeichnens und malens.
knetegard hilf!
-> wenn’s deinen eltern gefällt, dann taugt’s nix. punkt und fertig.
nichts geh. nichts geht. rien ne vas plus und minus. es tromeelt auf mein ohr. ein tromeldar. und tromeldort. what you see is what you get. praph, noch prapher, prapho und prapha. superbraph. supergraf. weg. weg. weck. superbrav statt supergraf. weg. weg. weg. das beste ist das doppel-weg. warum muss das sein bloß sein. gestern haben wir ein foto gemacht, das fast aussah wie das foto, das wir vor 24 jahren gemacht haben. ist wirklich nix passiert? was ist wirklich sofort passiert? guck ich noch genauso blöt? ich bin weltmeiser in weiterentwicklung, automatischer rechtschreibung und zigarettenstummelbetrachtung. warum sagen die nix: es sind stummeln und keine murmeln, so in etwa. orthogeographie. wo wohne ich, wenn ich nicht bin? warum denken alle, dass ich zumülle, wenn ich alleine auf der welt bin? und das sagen menschen, die über andere sagen, dass sie keiner kenntete. kenntete und knetete. wie ging alles los: ein haus, ein hauch, ein dromedar.



Gehen bei der Saarbrücker Zeitung grad alle Maßstäbe verloren? In dem heutigen Portrait von Meret-Sophie Preis und ihrer zeichnerischen Arbeit wird am Anfang vor Superlativen nur so gestrotzt: „… der heißeste Scheiß von morgen“ etc. Ich will jetzt gar nicht näher darauf eingehen: Aber ist es sinnvoll, nein: ist es verantwortbar, eine 24-Jährige, die noch nicht mal ihr Studium abgeschlossen hat, derart öffentlich hochzujazzen, sie schon jetzt auf das festzulegen, was sie grade für sich gefunden zu haben glaubt? Ich versteh’s halt einfach nicht. Lasst die Leute sich doch einfach mal in Ruhe entwickeln!
Kunst ist Widerstand. Nicht Anpassung. Und schon gar nicht „der heißeste Scheiß“, denn der kann übermorgen schon ganz schön erkaltet sein.





Blättere eben in einem Baselitz-Interview in einem älteren Lettre International. An der Rand habe ich mir am 16.10.2024 die Notiz geschrieben:
Kunst als Werkverweigerung -> schält sich das nicht als mein Thema heraus?
Je älter ich werde, desto mehr scheint es mir, als sei das eines meiner grundlegenden Themen. Ich war ja eh schon immer davon überzeugt, dass das, was man „Thema“ nennen sollte, die in einem tiefer verborgenen Dinge sind. Der Umgang mit Ordnung und Chaos etwa. Eine gewisse Unbehaustheit in der Welt. Das Vereinen unterschiedlichster und teils widersprüchlichster Elemente zu einem Ganzen. Oder halt die Werkverweigerung.
Ob ich ein Portrait zeichne oder eine Landschaft oder eine Zeichnung zu einem Musikstück mache: Die tiefer liegenden Theman transportieren sich durch Anordnung und Verwendung des Materials, durch die Art und Weise etwas zu sehen und zu sagen.
Das ist natürlich ein Problem. Denn damit vereinzelt man sich. Die meisten brauchen wiedererkennbare Spuren. Bei wiedererkennbaren und sich wiederholenden Spuren kann fast jeder eine Fährte lesen. Einen Kontext erschließen.
Ich habe in meinem Leben zwei Komplimente für meine Zeichnungen etc. bekommen, die sich mir tief eingegraben haben:
Eines lautete (über eine postkartengroße Zeichnung): „Die ganze Welt in ein paar Strichen“.
Das andere: „Egal, was Du malst und zeichnest und wie Du das tust, man erkennt doch immer, dass das von Dir stammen muss.“
„Die Welt in ein paar Strichen“ tröstet mich immer, wenn wieder diese ganzen wohlfeilen Selbstdarstellungsstrategien gerühmt werden, Bildprodukte gelobt werden, weil sie das „Kopfkino“ befeuern u.ä. Ich mache diese Dinge in erster Linie für mich, es geht um Beobachten, Verstehen, Verstoffwechseln, Umdeuten, den DIngen auf den Grund gehen. Die Welt aushalten. Die eigene Sicht der Dinge verstehen und zeigen. Dem mag und kann nicht jede*r folgen.
Das „Egal“-Zitat tröstet mich immer, wenn ich denke, ich hätte mir alle Chancen selbst verbaut, indem ich nicht anders kann, als die Dinge von den unterschiedlichsten Seiten aus zu beleuchten. Und dass dann die Sachen nicht alle den gleichen Stil pflegen. Früher gab es dann noch ellenlange Serien über größere Zeiträume hinweg. Mittlerweile gibt es immer noch Serien, die laufen aber anderen Dingen parallel und verquer und versuchen alles zu greifen. Und natürlich sehen die wenigsten den Zusammenhang und das habe ich mir nicht nur selbst eingebrockt, nein, das ist zutiefst in mir angelegt.
Die Werkverweigerung als künstlerische Strategie. Weil das Werk suspekt ist.
Vielleicht.
Man hat immer wieder bemerkt, dass totalitäre Bewegungen sich der demokratischen Freiheiten bedienten, um dieselben abzuschaffen.
…
Gerade Gleichheit vor dem Gesetz kann es nur für Ungleiche, also, politisch gesprochen, nur für Menschen geben, die entweder von Geburt oder durch ihren Beruf oder durch ihren politischen Willen sich in Gruppen scheiden und differenzieren.
Der Zusammenbruch der Klassengesellschaft, welche die einzige zugleich soziale und politische Strukturiertheit der Nationalstaaten bildete, war zweifellos „eines der dramatischsten Ereignisse der neueren deutschen Geschichte“ und hat dem Aufstieg der Nazibewegung die gleichen günstigen Bedingungen geboten wie das Fehlen jeder gesellschaftlichen Strukturiertheit in der ungeheuren russischen Landbevölkerung … dem Sturz der Kerensky-Regierung durch die Bolschwewisten.
S. 671
und was einen auch wieder sehr an die Trump’sche USA erinnert:
… sie konnten mitten im Frieden und ohne dass dies von revolutionären Umwälzungen begleitet worden wäre, die Methoden des Bürgerkrieges in die normale politische Propaganda tragen, den Gegner morden, anstatt ihn zu widerlegen, diejenigen, welche nicht bei ihnen organisiert waren, terrorisieren, anstatt sie zu überzeugen.
S. 669
Totalitäre Bewegungen andererseits sind überall da möglich, wo Massen existieren, die aus gleich welchen Gründen nach politischer Organisation verlangen. Massen werden nicht von gemeinsamen Interessen zusammengehalten, und ihnen fehlt jedes spezifische Klassenbewusstsein, das sich bestimmte, begrenzte und erreichbare Ziele setzt. Der Begriff „Masse“ ist überall da zutreffend, und nur da, wo wir es mit Gruppen zu tun haben, die sich, entweder weil sie zu zahlreich oder weil sie zu gleichgültig für öffentliche Angelegenheiten sind, in keiner Organisation strunkturieren lassen, die auf gemeinsamen Interessen an einer gemeinsam erfahrenen und verwalteten Welt beruht … Potentiell exisieren sie in jedem Lande und zu jeder Zeit; sie bilden sogar zumeist die Mehrheit der Bevölkerung auch sehr zivilisierter Länder, nur dass sie eben in normalen Zeiten politisch neutral bleiben und sich damit begnügen, ihre Stimmen nicht abzugeben und den Parteien nicht beizutreten.“
S. 667 f.
Idealismus ist der Gegenspieler der Fanatismus. „Die Nazis haben sich ausdrücklich dagegen verwahrt, für Idealisten gehalten zu werden. Jede idealistische Gesinnung, ob sie schwärmerisch ist oder heroisch, kommt aus einem inividuellen Entschluss und führt zu einer Überzeugung, die von Erfahtungen und Argumenten abhängig bleibt und in ihnen sich bewegt, und dies auch dann, wenn das Idealistische ins Fanatische umschlagen sollte …
Der Fanatismus der totalitären Bewegungen bricht in deutlichem Gegensatz zu allen Formen des Idealismus in dem Augenblick zusammen, wo die Bewegung ihre fanatisierten Anhänger im Stich lässt; in ihnen lebt keine Überzeugung mehr, die den Untergang der Bewegung überleben könnte.
Solange aber die Bewegung hält und innerhalb ihres organisatorischen Rahmens ist das fanatisierte Mitglied weder von Erfahrung noch von Argumenten zu erreichen; es hat sich so sehr mit der Bewegung identifiziert, geht den Bewegungsgesetzen so völlig konform, dass es scheint, als sei die Fähigkeit, Erfahrungen zu machen, überhaupt vernichtet, so dass der einzelne selbst gegen Tortur abgedichtet ist und gleichsam nicht mehr dazu kommt, auch nur Angst vor dem Tod zu empfinden.“
S. 662 f.
… Und diese Popularität wiederum ist keineswegs das Produkt einer meisterhaften und lügnerischen Propaganda, welche die Dummheit und Unwissenheit der Massen auszunutzen versteht; denn die Propaganda totalitärer Bewegungen, die der totalen Herrschaft vorausgehen und sie bis zu einem gewissen Punkt weiterhin begleiten, ist zwar letztlich verlogen, aber keineswegs geheimnistuerisch; totalitäre Führer beginnen ihre Karriere meist damit, dass sie sich ihrer vergangenen Verbrechen mit unvergleichlicher Offenheit rühmen und ihre zukünftigen mit unvergleichlicher Genauigkeit „voraussagen“. SIe verlassen sich darauf, dass „Gewalttätigkeiten mit dem bewundernden Ausdruck: es ist zwar gemein, aber sehr klug“ aufgenommen werden. … Dass moderne Massen in dieser Hinsicht nicht anders reagieren als der Pöbel aller Zeiten, haben die Demagogen immer gewusst.
S. 659 f.
Wieso denkt man hier unwillkürlich an Trump? Sich der eigenen Verbrechen in aller Offenheit rühmen, ich glaube, das wäre der Triggerpunkt für diese Analogie.

auf dem heißen parkplatz sitzt im schatten des supermarktes ein junger mann im meditativen schneidersitz – er meditiert allerdings nicht, sondern unterhält sich mit einer jungen frau, die ihm, nicht im schneidersitz, aber interessiert gegenüber sitzt. autos fahren vorbei. menschen schieben ihre einkaufswagen. es könnte eine kritik sein. an uns allen und unserem lebensstil. neben ihm steht u.a. eine plastikflasche mit cola. flasche und falsche. die falsche flasche. es gibt nur falsches leben im falschen.
und es gab noch eine beobachtung heute morgen, die gut dazu gepasst hätte.
vielleicht fällt sie mir ja wieder ein.
EINUNDVIWERZIG KOMMA DREI GRAD WAR ES GESTERN HEISS, NICHT EINUNDVIERZIG KOMMA SECHS – WER MERKT DA NOCH EINEN UNTERSCHIED. (UND VIELE DENKEN, BEI DER afd GÄB’S SOWAS NICHT).