WIR FÜLLEN DIE LEERE DURCH ZUFALL.

 

(ein Satz aus dem Jahr 2018. gilt immer noch.)

vor weihnachten ist nach weihnachten, teil 2

Anpassung oder Wagnis.  Wehren sich meine Ästhetiken oder nehmen sie teil? An was auch immer. Lass ich mich fressen oder werde ich gefressen?  Mich würde es interessieren, mir die Anzeigen-Ästhetiken anzuverwandeln. Zeichnerisch zu verfremden, zuzuspitzen, die einem eher künstlerischen Ansatz auszuliefern. Den Marktscheiß rauszupusten. Sie rückzuführen in einen rechtfertigbaren Ausdruck. Auf ein menschliches Maß. Was auch immer.

Man hat ja sonst nix zu tun.

 

vielleicht auch doch?

Die untere Abbildung zeigt eine Arbeit von Alicja Kwade gegen eine Anzeige von DOUGLAS. Das obere Foto Carneb Winant mit Grace Weaver. Eine Doppelseite ohne Werbung, wo sich zwei künstlerische Positionen auf interessante Art und Weise kommentieren. Links eine Art Collage aus dokumentarischen Fotos, gesammelt und gefunden und montiert, rechts „Madonna lactans“ von Grace Wieaver. Die Fotos eröffnen einen Raum von Körper-Sprachen, Geschlechter-Identitäten, Körper-Rhythmen, der sich betreten, erkennen, aber nicht entschlüseln lässt. Dem gegenüber steht die „Madonna lactans“ in ihrer fast kindlichen Ästhetik. In sich selbst eine inhaltliche Spannung entfaltend aus traditionellem christlichen Bildthema und der gewählten Umsetzung. Beide zusammen finde ich eine sehr gelungene Kombination, die angespielten Themen nochmal steigernd.

Alicja Kwade könnte in ihrer Rundästhetik auch als Verbreitung der Duftnoten gelesen werden. Ich mag ihr Uhren-Objekt in Mannheim. Das Blatt hier heißt übrigens „Form light to dark in 3 months (91 days/2184 hours)“. Es könnte dann auch: die Verbreitung der Düfte in 3 Stunden heißen. Ok, ok. Ich bin schon still.

vor weihnachten ist nach weihnachten

Kurz vor Weihnachten gab es in der Süddeutschen eine Beilage mit künstlerischen Beiträgen. Es gab jeweils ganzseitige Abbildungen mit Arbeiten von Thomas Demand, Liv Liberg, Camille Henrot, Carmen Winant, Grace Weaver, Peter Shire, Ólafur Elíasson, William Kentridge und Alicja Kwade. Im Zeitungsformat gedruckt. Ich mag sowas. Kunst, die in einem Zusammenhang auftaucht, den man vielleicht nicht unbedingt erwartet – ach nein, das stimmt nicht so ganz, die aber vielleicht nicht so edel daherkommt wie sonst in einem Ausstellungskatalog. In einem anderen Medium einer anderen Wahrnehmung ausgesetzt wird. Die in die Zeitungsästhetik gequetscht wird und sich dort behaupten muss. GROSSE KUNST heiß die Beilage.

Manchmal stehen zwei Kunst-Seiten gegenüber, wie z.B. die von Thomas Demand und Liv Liberg, manchmal steht eine Kunst-Seite eine ganzseitige Anzeige gegenüber.

Und dort wird es besonders interessant.

Denn es stellt sich die berechtigte Frage (neben der allerersten Frage, wie es überhaupt zu genau dieser Auswahl an Künstler*innen kommt): Wie behaupten sich die künstlerisch gestalteten Blätter gegen die werbetechnisch durchgestylten und strategisch ausgerichteten Gestaltungen. Manchmal, wie in den  Beispielen oben, Camille Henrot gegen HERMES und unten Peter Shire gegen PORSCHE gehen sie für mein Gefühl eine doch merkwürdige Allinanz ein. Mag sein, dass sich die Werbeagenturen in den speziell für diese Beilage angelegten Anzeigen an künstlerischer Sprache orientiert haben, mag sein, dass die künstlerische Sprache ihre Widerständigkeit zu zaghaft formuliert, oder sich bereits beide Sprachen zu sehr angenähert haben?

Wobei ich es natürlich sehr spannend fände, traute sich CHANEL an die kindliche Madonnen-Ästhetik einer Grace Weaver heran.

Mischen wir alles miteinander. Es ist eh alles egal.

Natürlich ist es eine Binsenweisheit, wie sehr sich das meiste an Kunst den kapitalistischen Zeitzwängen anpasst, Wert und Bedeutung in Geldwert gemessen wird.

Ich musste dran denken, dass bei meiner ersten Einzelausstellung 1993 die Mainzer Rheinzeitung nichts als ein Foto veröffentlichte, auf eine Zeitungsseite gepackt mit den anderen Meldungen, untertitelt mit „Klaus Harth zeigt seine Werke“. Eine Abbildung eines meiner überschmierten Werbeplakatteile, die ich damals in den Büros der „Forschungsgruppe Jugend und Europa“ gezeigt hatte und die in der Zeitung die Form eines vielleicht etwas irritierenden Zeitungsfotos angenommen hatten. Was mir natürlich sehr gefiel.

Anpassung oder Wagnis.  Wehren sich meine Ästhetiken oder nehmen sie teil? An was auch immer. Lass ich mich fressen oder werde ich gefressen?  Mich würde es interessieren, mir die Anzeigen-Ästhetiken anzuverwandeln. Zeichnerisch zu verfremden, zuzuspitzen, die einem eher künstlerischen Ansatz auszuliefern. Den Marktscheiß rauszupusten. Sie rückzuführen in einen rechtfertigbaren Ausdruck. Auf ein menschliches Maß. Was auch immer.

Man hat ja sonst nix zu tun.

spinoza

Das Spinoza Monument. Auffallend natürlich die Vögel auf seinem Gewand. Bei der Recherche nach den Hintergründen zu dieser Skulptur, stoße ich auf einen Text von Thomas Hirschhorn, der 1999 in Amsterdam sein eigenes Spinoza-Monument platziert hatte. Den Text, den er selbst dazu geschrieben hat, finde ich sehr interessant, so dass ich ihn hier gerne verlinken möchte.

HIER ALSO KLICKEN ZU THOMAS HIRSCHHORN

stedelijk

Im Stedelijk Museum gab es eine Sonderschau des niederländischen Fotografen Oil of Olaz, sprich: Erwin Olaf. Wieso kann ich mir diesen Namen eigentlich nicht merken? Weil Erwin bei mir mit Erwin Wurm fest verknüpft ist? Vielleicht. Erwin Olaf beeindruckte uns vor allem mit den späteren Arbeiten, insbesondere mit einer Reihe von meist großformatigen Schwarzweiß-Fotos, die er im Schwarzwald konzipiert und aufgenommen hat. Eine wirklich geglückte Formulierung fand ich das Foto, wo ein schwarzwälder Fährmann zwei muslimische Frauen übersetzt. Eine neblige, dunstverhangene Szenerie. In etwa in meiner Notiz nachzuvollziehen. Was hier an Anspielungen und Verweisen alles drinsteckt und in ein eigentlich recht einfaches Bild einfließt. Voilà! Der späte Olaf war für uns der gute Olaf. Ein Foto eines eine Katakomben-Treppe im nazi-vorbelasteten berliner Olympiastadion hinaufsteigende Person ist mir auch noch sehr im Gedächtnis.

cafe de doelen

am zweiten abend im café de doelen wurde irgendwann im laufe des abends eine amerikanische reisegruppe junger menschen von der terasse nach drinnen verlagert an den großen zentralen tisch. irre, was für ein unterhaltungslärm plötzlich den raum erfüllte. nicht unangenehm, aber einnehmend.

vondelpark in the dark

ein beeindruckender moment war die fahrrad-rushour-feierabendverkehr-performance kurz nach 17 uhr im vondelpark. die saarbrücker stadtautobahn ist fast dreck dagegen. nur halt mir fietsen. fast keine chance, den schmalen geteerten weg zu überqueren. ich habe einen smartphone-film davon gemacht, da ich ja seit kurzem mit dieser technik ausgestattet bin. und habe die letzten tage versucht, die stimmung in zeichnungen zu retten. denn: was man nicht fotografieren kann, das kann man auf alle fälle zeichnen.

5895. Beitrag in diesem seit 2009 bestehenden Blog

Eben bin ich beim Spülen des Geschirrs. Der Reste unserer weihnachtlichen Einladung. Keine Familie diesmal. Sondern Freunde. Ich höre dabei eine alte Schallplatte, die mir einmal zugetragen wurde mit den Worten: Kannst du gerne haben, ich kann nichts damit anfangen. Ich konnte damals schon sehr viel damit anfangen: Keith Jarrett „Invocations“. Er spielt an der Orgel und dazu gibt es ab und an Saxophon. Wobei ich nie herausbekommen habe, wer hier Saxophon spielt, das steht nirgends auf der Platte und im Internet hab ich es bisher auch nicht rausbekommen. Eine teils, für viele Ohren wohl, schräge und radikale Aufnahme. Mich berührt diese Musik immer sehr. Gerade an den Stellen, wo es sehr radikal wird. So radikal ist er in seinen Klavierimpros eher nie gewesen. Das hab ich bei seinem Bruder gefunden, Chris Jarrett, aber bis auf dieser Platte Invocations nie bei ihm.

Das sollte Kunst können: Das Leben in all seinem Schmerz und Unaushaltbaren ausdrücken. Und auch in dem Aushaltbaren.

Ich versuche mich zu erinnern, von wem dieses Zitat war. Und warum ich es nie irgendwo notiert habe, außer in Tagebüchern.

Glenn Gould wird es in den Mund gelegt im Buch von Jonathan Cott: „Telefongespräche mit Glenn Gould“.

Seite 20, Gould zitiert wiederum Nietzsche:

„Sie (die Kunst) allein vermag jene Ekelgedanken über das Entsetzliche und Absurde des Daseins in Vorstellungen umzubiegen, mit denen sich leben lässt: diese sind das Erhabene als die künstlerische Bändigung des Entsetzlichen und das Komische als die künstlerische Entladung vom Ekel des Absurden.“

Yes. Und das ist es, was ich oft bei dem vermisse, was sich im mich herum so als Kunst enfaltet. Oft nur noch Design und Projektionsflächen für die Kopfkinematografien der Betrachter*innen.

So viel muss gesagt werden an diesem 1. Januar.

Ach, es ist noch gar nicht erster Januar?

Sondern 25. Dezember.

Egal.

 

abends am valeriusplein

ein Fensterplatz in einem Kneipen-Restaurant am Valeriusplein kann auch ein schöner Platz sein, um Menschen und Straßenbahnen zu beobachten. Die Linie 2 nach Nieuw Sloten kommt ca. alle 3 Minuten vorbeigeschnellt. Auffallend waren auch diese kleinen dick bereiften Fahrräder, die uns öfter begegnet sind. Eher E-Bikes als nicht.

Die sind auch hier vorbeigekommen, auch der Boten-Radfahrer fünf Postings retour.

Und das hier auch (was ich die Tage auch schonmal veröffentlicht hatte):

cafe de doelen


Im Café de Doelen findet sich dieses zusammengeschweißte Wandobjekt. Das ist natürlich „mit Hingucken“ skizziert. Und während ich so am Kritzeln bin, steht ein junger Mensch neben mir, der erklärt, dass diese ovale Form unten ein wirklicher „skull“ sei. Uns hat das ein wenig an ein Zwischending zwischen Hans Arp und Max Ernst erinnert, deshalb eigentlich die Skizze, um es uns zu merken.

reise nach amsterdam

im Zug auf dem Hinweg, bei s’Hertogenbosch. Eine Technik, die in dem Amsterdam-Skizzenbuch immer wieder angewendet wird: eine Zeichnung mit sehr dünnem violetten Filzer, abends im Hotelzimmer mit billigen Aquarellfarben coloriert.
Ich bin nicht unglücklich damit. Es hat sich als eine amsterdam-adäquate Technik herausgestellt, die viel von dem wiedergibt, was ich bisher noch nicht so ganz in Worte fassen kann.
Diese Portraits haben wir immer wieder gemacht:

Das ist eine sehr entspannende Zeichnerei, weil man ja nicht so viel falsch machen kann.