18.3.21

 

      1. 7uhr20 bis 7uHr27

Sing mich in den Schlaf. Jahrelang hab ich alleine gewohnt. Wenn ich abends nachhause kam, habe ich meine Wohnung begrüßt: Hallo Wohnung! Und wenn ich nachts nicht schlafen konnte, dann habe ich das Radio angemacht. Deutschlandradio Kultur. Mit langen merkwürdigen Musiksendungen, z.B. einer Spezialsendung nur über Filmmusiken. Mit einem Moderator, der da die unglaublichsten Sachen wusste und kannte. Eine Welt für sich. Und das war nicht die einzige Welt, die sich da entfaltete. Um 1 Uhr immer die Diskussionssendung, wo Menschen zu einem bestimmten Thema anrufen konnten. Und auch dort schien es die immer ein und selben Schlaflosen zu geben, die zu allem etwas zu sagen wussten. Weltbeobachtung und Weltkommentar aus nächtlicher Sicht. Wobei ich dann nicht schlaflos war. Ich schlief gut unter akustischer Begleitung. Wurde stellenweise wach und schnappte etwas auf. Mein Hirn kam nicht auf dumme Gedanken. Manchmal nahm ich einen Fetzen aus Strawinsky wahr. Oder Mahler. Oder was auch immer. Und hatte meine Verbindung zur Welt. Und etwas Vertrautes, was einfach da war. Wie andere ihre Wellensittiche haben. Wellensicht. Wellensichtiche. Nachtsicht. Nachtschicht und Nachsicht. Wellenweltnachtsicht-Gerät. Selbst heute mache ich das ab und an, wenn ich alleine zuhause bin. Ich bin mir dann vertraut und gut gewogen. Wellenweltnachsichts-Gerät.

gesterday: probencheck

Ein schöner Arbeitstag: Proben-Check mit Daniela Daub. Auf dem Weg zu einem kleinen Bühnenprogramm mit Texten, Projektionen und musikalischen Beilagen.

11.3.21

      1. 8UhR49 bis 8UHr59

mit dem fahrrad hatte ich meine schwierigkeiten. Es hat lange gedauert, bis mein vater die stützräder abmontieren konnte. Wahrscheinlich hatte er es schon aufgegeben. Und trotzdem bin ich zum passionierten alltagsradler geworden. Das fahrrad halte ich für die größte erfindung des menschen. Mit dem schlittschuhlaufen war es anders. Als kind ausgeprägt unsportlich, was sich erst so mit zwölf, dreizehn jahren änderte als ich mit dem handballspielen anfing, war das eis sofort mein freund. Freunde stellten mich drauf. Sportliche freunde. Und ich konnte es sofort besser als sie. Und was motiviert einen mehr? Ich hatte etwas, was ich konnte. Sogar besser als die, die soviel besser waren. Zeitweise war ich, war die halle offen, zweimal wöchentlich auf dem eis. Jahrelang dann nicht mehr, mangels gelegenheit. Die letzten jahre dann wieder ab und zu. Was ist das besondere? Ich bin ja auch kein tänzer? Aber auf dem eis bewege ich mich leicht und elegant. Locker und elastisch. Ich vermute, es ist die bindung an vorgegebene bewegungsabläufe. Die schlittschuhe geben gewisse bewegungsabläufe vor, innerhalb derer man frei ist. Man muss den kräften, die sich zwischen den geschliffenen kanten, dem eis und dem eigenen richtungswunsch entspannen, nachgehen. Man darf nicht etwas anderes wollen. Man muss diese kräfte und ihren ausgleich spüren und ihnen nachgehen. Man darf nichts zwingen. Besser sogar: man muss nichts zwingen. Man muss nicht überlegen: wie beweg ich mich jetzt? Hat man angst vor dem eis, dann fällt man hin. Traut man ihm, so wird man getragen. Nachdenken über die bewegung führt zum misserfolg. Und das scheint mir sehr zu entsprechen. Wenn ich überlege, bin ich oft schlecht. Anders als auf rollschuhen, wird man beim fallen auf dem eis kaum gebremst, was weniger schmerzhaft ist. Man fällt leise.

Ps: im november 2019 war ich in schwenningen zu besuch und morgens zum schlttschuhlaufen. Ein gewöhnlicher wochentag. Außer mir war kein mensch in der halle. Ganz allein auf frischem eis. Alle spuren waren am ende ganz allein von mir. Auch eine zeichnung. Und etwas, was ich so wohl nie wieder erleben werde.

pps: wer vollendet mein schlttschuhläuferisches werk, wenn ich tot bin?

2.3.21

23uHr37 bis 23Uhr46

ich bin müde und wäre es auch gewesen, wenn ich nicht müde gewesen wäre. Die dinge sind nicht die dinge, die interessant sind. Lange konnte ich nicht auf dem fahrrad fahren. Mein vater lief hinter mir her und war verzweifelt. Sein vater lief nicht hinter ihm her und war verzweifelt. Er konnte schlecht atmen. Weil von wegen dem krieg. Angeblich kam er mit einem der letzten transporte aus stalingrad raus, bevor es zu dem wurde, was wir unter stalingrad verstehen. Ich verstand damals allerdings noch nicht einmal die sache mit dem gleichgewicht. Das kam später. Der vater meines vaters musste jeden tag zu einem spaziergang in den wald. Dabei war ich oft dabei. Ich kannte alle wege auswendig. Wir versteckten eine limoflasche am wegesrand und fanden sie am folgenden tage wieder. Ich erinnere mich, dass diese sorte limo schon nicht so super schmeckte, bevor wir sie versteckten. Fünf tage nach meinem zwölften geburtstag verstarb der vater meines vaters in dem krankenhaus, in dem ich geboren wurde. meine haare wuchsen ungebremst.

27.2.21

8UHr09 bis 8 uhr17

der traum von eben

ich war mitglied in einem mainzer verein für sport und bestattungen. Es gab einen alten veranstaltungssaal und ich durfte auf dem podium sitzen und war auch gleich in die illustre runde aufgenommen. Alles in brau und ockertönen. Stühle dunkelgrün bezogen. Wenn auch neben mir ein etwas unsympathischerer mensch saß. Aber der war auch den anderen mitgliedern unsympathisch. Ich musste mich auch nicht direkt neben ihn setzen und konnte einen stuhl zwischen uns frei lassen. Niemand im zuschauerraum. Ein mitglied fuhr mit seinem rennrad einmal um den raum und hinter uns am podium vorbei, um schonmal für mich eine duftmarke zu setzten. Die wände der großen räume hinter dem podium waren mit einem leinenartigen stoff bespannt, was mir sehr gefallen hat. Ich sollte schon bald bei der ersten beerdigung behilflich sein. Ich wartete an einem grab, bis die trauernden sich entfernt hatten und der mir zugeteilte erfahrene mitarbeiter zu mir kam, um mir zu sagen, was ich zu tun hatte. Das schien etwas länger zu dauern und ich war mutig und ging direkt an den grabhügel (alles war eher eine hügelige grablandschaft) und sah ein skelett, halb mit erde bedeckt, halb offen daliegend, die knochen nicht mehr in kompletter ordnung. Dass es eine frau war, wusste ich durch die gegebene situation. ich fand das alles nicht so schlimm. Eine halbverweste leiche wäre schlimm gewesen. Knochen einsammeln sollte möglich sein. Denn das war dann wohl meine aufgabe.

zwischenstand

es geht wieder, bzw. ich fahre wieder. auf dem bösen fahrrad. das ja gar nicht böse war, sondern geistig, seelisch und moralisch meinem fahrfehler nicht folgen wollte. letzte woche am donnerstag 10 km. heut so ca 32 km. nach neunkirchen, am briefkasten vorbei, sonntagsleerung allerdings schon um 9 uhr morgens, alle, die am 1.3. von mir ein kärtchen bekommen, bekommen es erst am 2.3. …  dann am zoo vorbei, winterfloss-siedlung, wo zwischen den hässlichen hochhäusern schönere bäume stehen, als man vermuten könnte, dann über wemmetsweiler und die alte stillgelegte fahrstraße zwischen wiebelskirchen und wellesweiler, die wir zu meiner kindheit noch mit dem opel rekord caravan, den wir in unserem malerbetrieb immer hatten, entlangfahren mussten, um nach bexbach zu meinem onkel zu kommen. danach am eberstein vorbei, und auf der alten forsthausstraße entstand dann das foto oben. verwunschener wald meiner kinderheit. ich konnte als grundschüler einen kompletten (und richtigen) plan des waldes und seiner spazierwege aus dem kopf zu papier bringen. ich konnte auch europa aus dem kopf. die straße war früher auch mal für den autoverkehr frei.  zu meiner grundschulzeit richtige verkehrsstraße, später dann befahrbar, aber nur als zubringer  zu eberstein und sportplatz. ich hatte noch nicht meinen führerschein (aber schon fahrstunden), als ich mal den blauen opel kadett meiner tante von vor dem haus nebenan in die einfahrt neben dem haus einparken durfte, allerdings mit einem umweg von locker 5 km über die hauptstraße richtung neunkirchen, dann durch den wald und auf der anderen seite über die bexbacher straße wieder zurück. ein bespiel meiner kriminellen energie. das weiß sie bis heute nicht und liegt seit vorgestern wieder im krankenhaus. in den früher 80ern war alles anders. dann mit dem rad runtergerollt nach neunkirchen, am bahnhof vorbei, landsweiler, heiligenwald, wemmetsweiler, fertig. meine finger sind mit einem heilmittel bandagiert und das handgelenk verstärkt. und ich habe den eindruck, dass das der beweglichkeit der finger gut tut.