
Graphit in Brunnenblock, 15.11.09
Skizzenbuch und permanenter Ausstellungsraum von Klaus Harth

Graphit in Brunnenblock, 15.11.09

Ein grüner Kopf hängt nach unten. Ein grüner Kopf, fast in der Mitte des kleinen Bildes platziert, hängt nach unten und sieht dich an. Die Oberlippe ist in einem Rotorange-Ton gemalt, das zu dem grünen Kopf in einem abgemilderten Primärkontrast steht. Die beiden Schneidezähne sind deutlich zu erkennen. Was man als Halsansatz oder Hemdkragen lesen könnte ist allerdings kein Halsansatz oder Hemdkragen: Es handelt sich um eine Art Tafelberg im Hintergrund, der von dem grünen Kopf verdeckt wird. In lasierenden Grün- und Brauntönen ist in lockeren Pinselstrichen eine Landschaft skizziert, die einen ein wenig an jene Landschaften erinnert, wie man sie aus Wildwestfilmen gewohnt ist. Ein paar angedeutete Bäume links, ein paar parallele Linien rechts unten. Im Vordergrund ein paar locker gesetzte weiße Pinselstriche. Im Himmel selbst sind noch einige übermalte rosa Strukturen zu erkennen, die aus einem früheren Stadium des Bildes zu stammen scheinen. Am oberen Bildrand abschließende schwarze und blaue Farbschlieren, die jetzt aber auch keine Wolken sein wollen, dem Bildgefüge nach oben hin aber einen gewissen Halt verleihen.



Graphit, Öl, Farbstift auf Papier, 62×269, 31.10. und 11.11.09


2 Zeichnungen auf sehr glattes Papier, Folienschreiber, 21x21cm, 10.11.09
Ein Bild im Format 60x60cm. Von weitem sieht es aus wie ein Urlaubsfoto. Im Hintergrund rechts ein majestätischer Berg, vorne eine Alpenwiese mit gelben Blüten, ein Weg führt vom Mittelgrund zum Berge hin, darauf schreiten zwei Wanderer (ein Mann und eine Frau) von dannen. Die Farbigkeit erinnert stellenweise tatsächlich an Urlaubsfotos, wie man sie aus den fünfziger Jahren kennt. Betrachtet man sich das Bild jedoch näher, dann merkt man, dass da irgendetwas nicht stimmen kann: Die Wiese links vorne ist ja gar nicht farbig, sondern schwarzweiss! Ebenso die Felsen links im vorderen Mittelgrund. Und wenn man sich den majestätischen Berg rechts hinten genauer anschaut, dann stimmt auch mit ihm etwas nicht so richtig: Da bricht der Berg links plötzlich ab und wird ergänzt durch einen anderen Berg, der aber eigentlich viel weiter weg sein müsste, und der Himmel darüber ist auch merkwürdiges Stückwerk. Des Rätsels Lösung: Es handelt sich um eine Collage! Und hat das Auge erst einmal die ersten dieser Unstimmigkeiten entdeckt, dann sieht es plötzlich immer mehr davon. In dieser wunderschönen Bergidylle stimmt gar nichts. Und doch wieder alles: Die Welt als Wille und Vorstellung.

Foto: Kathrin Werno

Ausblick, Graphit auf Papier, Brunnenblock, 17x24cm, 8.11.09

sich spiegelndes Auto, Graphit auf Papier, Brunnenblock, 17x24cm, 8.11.09

Folienschreiber auf glattes Papier, 21x21cm, 4.11.09
Auf dem Bild ist Jesus Christus zu sehen, der von Angehörigen oder/und Jüngern beweint wird. Der Focus ist ganz deutlich der tote Körper Jesu, auf den alle Anwesenden ausgerichtet sind. Einige von ihnen mit Heiligenschein. Im Himmel fliegen Engel. Hintergrund, ein Fels mit einem vertrockneten Baum. Blauer Grund.
Eine kleine Frau in weißem Kleid und dunkler Kurzhaarfrisur steht in einer merkwürdig gebückten Haltung. Die Figur vom Betrachter aus gesehen nach links. Das Gesicht berührt in etwa die senkrechte Mitttelachse des Bildes. Die Arme, von denen nur einer zu sehen ist, werden seitwärts nach unten abgestreckt. Große weiße Blüten dominieren das Bild. Der Hintergrund in einem dunklen Rot gehalten. Der Vordergrund in ausdifferenzierten Grautönen. Es könnte sich um den Boden von einem Zimmer handeln. Der linke Bildhintergrund wird bestimmt durch dunkle Blattformen. Es entsteht eine gewisse Spannung zwischen der Größe der Blüten und der Kleinheit der Figur, auch deren Haltung. Als ob sich eine kleine, ernste, menschliche Bienenkönigin in der Welt allzugroßer Blüten zurechtfinden muss. Ein Balanceakt zwischen Naivität und Selbstbehauptung.


Folienschreiber auf extrem glattes Papier, j1 21x21cm, 4.11.09




Zwei Frauen im Mittelalter stehen in einer lieblichen grünen Landschaft. Im Hintergrund eine Burg oder Kirche zu der ein Weg führt. Nach links im Bild schweift der Blick in eine weite Ferne: eine mittelhohe Bergkette, ein naher Baum, eine Gruppe von ferneren Bäumen, blauer Himmel mit weißen Wolken. Im Bildmittelgrund künstlich angelegte Teiche mit Wasservögeln.
Das Bild wird deutlich bestimmt durch die beiden Frauen im Vordergrund. Die links steht, trägt das lange Haar offen und ein königsblaues Gewand.
Die andere etwas ältere hat ihr Haar mit einem weißen Schleier bedeckt, der ihr über Hals und Schultern fällt und in klarem Kontrast zu dem roten Gewand steht. Sie legt den Arm um die jüngere, die linke Hand aber befühlt deren hervortretenden Bauch.
Die jüngere hat ihrerseits die linke Hand auf den Bauch der älteren gelegt. Man muss genau hinsehen, um deren Wölbung unter dem weiten Gewand zu bemerken. Offensichtlich zwei Schwangere, die sich freundschaftlich aber doch ernst und erwartungsvoll begegnen.




alle: Graphit auf Papier, 20,5×15,2cm, bzw. 15,2×20,5cm, 30.10.09
Ein kleines, hochformatiges Bild. 40cm hoch, 30cm breit. In dunklen, verwaschenen Grüntönen gehalten. Das ganze Bild wirkt ein wenig verwaschen. Die Farbe wurde, so wie es aussieht, nachträglich nochmals mit einem Gegenstand (nicht mit Pinseln o.ä.) verwischt. Im Vordergrund könnte man sich eine Rasenfläche vorstellen (ungepflegt), im Hintergrund Bäume oder Gebüsch. Farbigkeit und Farbauftrag erzeugen einen unwirtlichen Eindruck. Im Vordergrund rechts ein weißer Tisch. Die Tischplatte mit weißer Ölfarbe in dicken pastosen Farbspuren gekennzeichnet. Die Tischbeine zum Teil ähnlich verwischt wie der gesamte Hintergrund. Nur das, vom Betrachter aus gesehn, linke vordere Tischbein wurde nochmals durch eine dünne weiße Farbspur betont. Dies dürfte mitunter die hellste Stelle des Bildes sein; in ihrer Krakeligkeit erinnert diese Linie fast an einen Blitz. Auch die Tischplatte selbst darf man sich nicht gerade, eben und ordentlich vorstellen. Sie wurde perspektivisch sehr frei verzeichnet und sieht merkwürdig verbogen aus. Direkt hinter dem Tisch ragt eine, ebenfalls sehr im Unklaren belassene helle Linie nach oben, von der aus wiederum drei dunkle Linien je nach links, rechts und schräg oben abgehen. Ein Baum ist dies keiner.
Ein großes rotes Blatt, Format 88×63 cm. Das Rot fast gleichmäßig aufgetragen, rechts bis zum Blattrand, links endet die Farbe unkonturiert unregelmäßig und lässt auch Papierweiß frei. In der unteren Hälfte des Bildes schwarze, weiße und rote Elemente, die sich zu einer Art Zeichen verdichten. Relativ schnell erkennt man eine Hand. Diese Hand wurde als Foto eincollagiert. Sobald man die Hand gesehen hat, sieht man auch den dazugehörenden Kopf im rechten Teil dieses verdichteten Zeichens. Dieser Kopf ist von oben fotografiert worden. Augenbrauen, Wimpern, Nase und Wangen sind zu erkennen. Allerdings besteht nur der linke Teil des Kopfes, der übrigens zur Mittelachse des Bildes blickt, aus besagtem Foto, die rechte Hälfte wurde malerisch ergänzt. Als eine solche malerische Ergänzung sieht man nun auch den dominierenden Balken im oberen Teil des Zeichens, der nichts anderes darstellt als eine Verlängerung des dunklen Armes einer Strickjacke. Der dunkle Balken am rechten Rand des Zeichens allerdings nimmt auf nichts Gegenständliches bezug, sondern ist als freies graphisches Element zu sehen, der, genauso wie die locker gesetzte Dunkelheit am unteren Ende, dem Zeichen eine Begrenzung und einen Halt auf der roten allumfassenden Fläche verleiht. Links ist das Zeichen, das wir jetzt als von oben gesehene, sitzende weibliche Figur sehen können, durch Reste des fotografierten weißen T-Shirts, sowie ergänzende und kommentierende rote und weiße Malspuren, definiert. Ein kleiner und feiner schwarzer Tintenstrich rechts oberhalb des Gesichtes setzt der relativen Grobheit der malerischen Ergänzungen einen sensiblen Kontrapunkt, der noch einmal betont, wie fein aufeinander abgestimmt sich die diversen Elemente zueinander schlussendlich doch verhalten.
Wir dürfen nochmals dazu aufrufen, uns die entsprechenden Bildbeschreibungen zu schicken! Es wird ein kleines Büchlein geben. Stephan Flommersfeld erstellt aufgrund jeder Bildbeschreibung eine graphische Interpretation und das Layout des Buches, das dann, pünktlich zu den KUNSTSTOFFEN, Anfang Dezember, erscheinen wird.
