eclectic field

Hach, dachte ich, was für eine Gelegenheit, das Kino 8 1/2 zeigt den Gewinnerfilm des Ophüls-Festivals aus dem letzten Jahr. „Electric fields“ von Lisa Gertsch. Es fallen einem zwei Sachen ein. Zum einen das Diktum von Billy Wilder: Du darfst alles, nur nicht langweilen. Und zum zweiten, wie Jurys so funktionieren. Menschen, die aus welchen Gründen, zusammen in einer Jury gefangen sind, um, wie hier nach einer Woche, einen Gewinnerfilm küren zu müssen. Man kennt sich nicht, ist ein Individuum, versteht sich besser oder schlechter und muss sich auf einen Film einigen. Man fand vielleicht einen anderen Film besser, hat sich mit seinen Argumenten aber nicht durchsetzen können. Und nun ist es also das, auf was man sich einigen konnte.
Und ich finde es schon schlimm, wenn sich nach einem Film erstmal solche Gedanken aufdrängen.
Lisa Gertsch traut sich was. Kleine Episoden, die immer irgendwie im Unerwarteten enden, wobei, und das ist das Problem, dieses Unerwartete oft ein wenig belanglos daherkommt, wenig existentielle Tiefe hat, und alles in allem reichlich konstruiert wirkt. Die zweite Szene, wo eine Frau in einen Elektroladen kommt mit einer Glühlampe, die scheinbar so eine Art ewiges Licht darstellt. Sie leuchtet ohne Strom, leuchtet und leuchtet und dem Elektriker ist es unerklärlich, warum er die Lösung nicht findet. Keine Spannung drauf. Ja, sagt die Kundin. Aber sie leuchtet trotzdem. Das alles wird ins Unendliche gedehnt, so dass man sich zwischendurch bei dem Gedanken ertappt: hau doch einfach mit dem Hammer drauf! Und wie endet die Szene: Der Elektriker schlägt vor, die Lampe zu zerschlagen, und tut es, in dem er sie auf den Boden fallen lässt. Die Kundin bezahlt und nimmt die Scherben mit nachhause.
Mir ging es schon mal so mit den Erzählungen von Felicitas Hoppe. (Picknick der Friseure). Die erste Erzählung in dem Bändchen hat durchaus noch einen gewissen sprachlichen und intellektuellen Pfiff. Danach läuft aber alles wieder und wieder nach demselben Schema. Auch hier, für mein Empfinden, ohne ausreichende existentielle Tiefe.
Zwischendurch denke ich – natürlich – auch an die Filme von Roy Andersson. Auch hier unerwartete Wendungen. Absurditäten. Aber auch: die Abgründe des menschlichen Daseins. Und Bilder, die dies zu greifen vermögen.
Lisa Gertschs Film vertraut zu viel auf die ein oder andere fixe Idee oder schnelle Pointe. Man wartet und wartet. Es werden Andeutungen gemacht, die nicht eingehalten werden. Und vor allem: das alles funktioniert nicht über interessante Bilder, die sich einprägen.
Mit einer einzige Ausnahme: Der Mann, der, plötzlich, um Jahre gealtert, an der Brücke in den See steigt, unter- und nicht mehr auftaucht. Ganz langsam dramatisiert sich das Bild, der Wellengang nimmt zu, der Geräuschpegel nimmt zu, die Boote im Hintergrund werden absurd hin und her bewegt und es beschleicht einen die Ahnung, dass die Wellen und alles auch über einen selbst zusammenschlagen könnten. Das war der einzig wirklich berührende Moment des ganzen Films.
Am wirklich unnötigsten die Szene des Liebespaars, das sich in einem Hotelzimmer trifft. Keine Idee, was hier gesagt werden sollte.
Und was mich hier interessieren sollte. Ich war ja selbst früher ein glühender Verfechter der Ansicht, dass, wenn es bohrende Langeweile vermitteln soll, selbst auch bohrend langweilig inszeniert sein muss. Aber dann versehe ich wenigstens, dass es hier um das Thema bohrender Langeweile geht.
Ich denke auch an unzählige Video-Arbeiten aus dem Kunst-Bereich. Die meisten banaler Zeitdiebstahl.
Und wo ist der Film entstanden: Kunsthochschule Zürich. Bitteschön. Dankeschön.
Kann ja sein, dass die Jury gelangweilt war von unendlich konventionellen Erzählfilmen, aufwändig co-produziert von arte, ZDF etc. und dann dachte: wow, hier kommt eine neue mutige Erzählform.
Nee. Leider. Kommt sie nicht.

aus gegebenem Ablass

Gestern dieses CDU-Wahlplakat gesehen: Für die Wiederherstellung von Recht und Ordnung. Und letztens das kleine mit dem Gesicht von Friedrich Merz mit dem Spruch: für ein Land, auf das wir wieder stolz sein können.
Als ob wir in einem Land lebten, in dem Recht und Ordnung schon komplett den Bach runter seien.
Habt Ihr sie noch alle? CDU = AfD light?
Aber noch schlimmer eigentlich: Spricht man damit wirklich die Menschen an? Ist es das, was insgeheim gedacht wird?
Dies, so scheint mir, steht allerdings tatsächlich zu befürchten.
Da ich mich ja nicht nur in meiner sozialen Bubbleblase bewege, sondern in meiner nebenkünstlerischen Tätigkeit auch im richtigen Leben bewegen muss, ist manches im Alltag tatsächlich nur schwer auszuhalten.
Hinter mir die unendliche Masse eines unendlich schweren Vakuums.
M’illumino d’immenso.
Vielleicht sollte man sich diese Zeilen von Guiseppe Ungaretti irgendwo ins Vorderhirn meißeln. So dass man sie im Notfall immer greifbar hat.
Robert Habeck zeigt sein Gesicht ernst neben dem Wort ZUVERSICHT.
Geht mir doch alle aus der Sonne.

20.1.25

montagmorgen 6.20 uhr auf der treppe zum bahnhof eine leere flasche mixery, 1 plastikdeckel und 1 plastik-wie-nennt-man-das-schale-schüssel-nix-von-allem-aber-doch-irgendwie, leer, verlassen, fallen- und liegengelassen, stille, zug kommt pünktlich, aber doch ein schwacher abklatsch 1 durchgemachten nacht in berlin: ganz frühe s-bahn, relativ menschenleer, samstagmorgen, voller aufrecht stehender leerer bierflaschen, keine rollend, als führe der zug extra-vosicht, als führen sie zur arbeit, all diese flaschen, als müsse man leise sein, weil gleich ihr tagwerk beginnt, sie sich wieder füllen mit irgendwas – oder einfach nur auch nachhaus, ihre vakuumme so lassen, wie sie sind.

… noch etwas, was ich mir aus dem Büchlein von Benedict Wells habe merken wollen: Er bemerkt irgendwann, nicht alle haben den Luxus von Zeit und Erfolg.

Mir erschien das recht treffend. Welche Auswirkungen auf die eigene Arbeit das auch immer haben mag. Weil: Man muss sie ja trotzdem tun. Wenn man sich nicht unterkriegen und entmutigen lässt.

zum Schreiben

In seinem Büchlein „Die Geschichten in uns“, in dem er sich Gedanken über das Handwerk des Schreibens macht, insbesondere auch über sein eigenes Schreiben, zitiert er ein – wohl englisches – Sprichwort (zumindest bezeichnet er es als solches): When I lost my excuses, I found my results.

Das wollte ich mir hier einfach auch mal merken.

9.1.25

zum feuer in kalifornien gibt es in der ard eine „brennpunkt“-sondersendung, so steht’s geschrieben, 2025, keiner spürt mehr irgendwas

7.1.25

montag, 16uhr47: tief, elemente-traurig, wund am eigenen schrei, taub ohne gegenwind & eckig ohne kanten

Tage wie Hunde

Am Vorabend liegt das
Brautkleid bereit (so mutet es an, gewaschen, ge-
bügelt, wiewohl schon von vielen getragen, und von
vielen wird es noch getragen werden):
Spitalhemd
Kompressionsstrümpfe
Netzhöschen
Im Schließfach wartet
der Ehering auf die Rückkehr
der frisch Operierten, dem Leben neu vermählt
Draußen schneit es –
Schneeregen eher.
Ich schließe die Augen
und höre am Morgen wie zum Trost als Erstes die
Bagger –
hier wird an der Zukunft gebaut

tage wie hunde

In Ruth Schweikerts Buch „Tage wie Hunde“ stoße ich ziemlich gegen Ende auf folgende Sätze:
Zum 1. Januar 2018: „… und unvermutet bekommt die Zeit ein Volumen, als könne man das neue Jahr betreten wie einen Raum …“
und etwas später:
„ich werde morgen operiert, heute erst auf alles
vorbereitet. ist wohl schlimmer als die OP selbst… die
man ja nicht mitkriegt bekanntlich, nur der körper kriegt
sie mit“

zum 24.12.24 (am 3.1.25):

große fenster in einem café. Der blick nach draußen auf eine baustelle und eine straße, die nach links ansteigt. Immer wieder fahren pkws, lkws und ominöse omnibusse den berg rauf oder den berg herunter, sehr dicht am fenster vorbei, in einer leichten linkskurve bergab, in einer leichten rechtskurve bergauf. Dazwischen immer wieder auch nichts. Was in diesem falle heißt: nur die baustelle und der große himmel.
Man sollte eine kamera aufstellen und das ganze filmen.
Und als ausstellungsbeitrag zeigen. Jedes fenster in seiner eigenen projektion.
Vielleicht auch noch die caféhaustische davor mit der blumendekoration?
Yepp. Und wieder ein bus riesengroß von rechts nach links. Von einem fenster zum anderen und dann weg.