das internet ist ja lug und trug. wie elena ferrante schrieb: sieht sauber aus, ist es aber nicht. gestern abend hat ein zug auf der strecke zwischen st. ingbert und homburg einen brand ausgelöst. 8500 m² haben gebrannt laut SR. dabei sind auch neben der bahnstrecke verlegte kabel der bahn und auch von vodafone zu schaden gekommen.

seit gestern gab es in einem großteil des saarlandes bei allen vodafone kunden, so am I, kein internetz mehr.

und da haben wir es, und wir sollten es uns wie immer faustdick hinter die ohren malen:

all das wunderhübsche blablablubb von wegen: alles in der cloud, alles ständig und überall leicht und easy erreichbar, alles sofort und überall und sowieso nur ein leichter gedanke: lüg und trüg: alles superhandfestes material. und wenn man den stecker zieht, geht sowieso nix mehr.

ein lob also der digitalen patientenakte, die im falle eines falles … droff geschiss

I have a dream

Einer meiner Lieblingsalpträume geht ja so: plötzlich mitten in der Nacht fällt mir ein, dass ich in Mainz ja noch eine Wohnung gemietet habe. Ich habe es nur völlig vergessen. Ich bezahle die ganze Zeit unnötig die Miete und wer weiß, wie die Wohnung inzwischen aussieht. Ich war ja schon ewig nicht mehr dort. Und was der Vermieter dazu sagt.

Schon eine ganze Weile nicht mehr geträumt, diesen Traum.

Heute Nacht dann wieder, aber mit etwas anderem Schwerpunkt. War es bisher oft so real (und wegen des Zustands der Wohnung auch beschämend), dass ich manchmal zwischen Noch-Schlaf und Wirklichem-Aufwachen tatsächlich dachte, ich müsse gleich mal nach dem Kontoauszug sehen, so war es heute Nacht in dem Traum nicht der Geldaspekt, der einen Teil des Geschehens bestimmte. Im Gegenteil: ich kam in die Wohnung und es war zwar alles voll mit altem und vergessenem Material, aber nicht dreckig oder versifft. Es wuchs zwar überall kleinteiliges Grünmaterial, und an der Eingangstür war durch diesen Wildwuchs und die damit einhergehende Feuchtigkeit auch der Bereich des Türschlosses aufgedunsen und verbeult, aber ich fand sogar eine alte Hose, die mir noch passte und in derer linken Hosentasche noch 8 Euro in Münzen drin waren. Freude. Die Wohnung habe ich mir im Übrigen hell und freundlich erträumt. Und es gab eine Kiste, die wohlsortiert gefüllt war mit alten Eddings und massenweise kleinen und vollen Tuschefläschchen. Ich wollte gerade damit beginnen, das alles runterzubringen und zu verladen, als mir vor der Tür eine Mann und eine Frau entgegenkamen: Schön, dass wir sie endlich einmal antreffen, wir arbeiten für die Hausverwaltung: Sie scheinen ja schon länger nicht mehr hier gewesen zu sein! Die Nachbarn haben sich schon beschwert, dass es aus der Wohnung nicht ganz so gut riecht. Wir schnüffelten (auch ich), hielten unsere Nasen in die Luft, in Richtung Wohnung und auch in andere Richtungen: ich roch nichts. Die anderen behaupteten das Gegenteil. Auffallend auch: der Hausflur war voller Menschen, fast wie auf einem belebten Bürgersteig.

nachtrag

falls sich eine sz-leser*in auf diese seite verirren sollte nach dem heute erschienenen artikel: die vogel-serie ist nicht so wichtig, wie es in dem bericht vielleicht rüberkommen mag. und wenn man auf den von mir auf dem foto präsentierten vogel schaut, dann sieht man dort die wörter: je doute de tout.

ja, so isses. das motto eines alten fluxus-artisten, das ich sehr schätze.

und epiktet natürlich: nicht die dinge verwirren den menschen, sondern die ansichten von den dingen.

farewell.

(heute werden es wieder 40°.)

Celsius!

 

 

 

gestern am bahnhof in neunkirchen: ein vollverkleideter spiderman am bahnsteig. gewisse körperliche merkmale ließen darauf schließen, dass darunter allerdings ein spider-woman gesteckt haben könnte. auf alle fälle war das gesicht nicht zu erkennen wegen einer komplett-spiderman-maske. und das war irritierend. weil ich mich dabei ertappe, dass meine gedanken abschweifen in richtung: ist das jetzt lustig oder steckt darunter vielleicht ein potentieller attentäter/attentäterin? und massakriert uns selenruhig mit messer und maske? kann man sich wehren, wenn man es vorher ahnt? ein nicht erkennbares gesicht, dazu mit diesen großen augenlöchern macht unruhig. und ich denke sogar darüber nach, ob ich in denselben zug steigen soll, ob ich nicht übertreibe mit meiner übertriebenen reaktion und ob sie nicht vielleicht übertrieben ist. ich war dann etwas beruhigt, als eine junge frau den spiderman-woman um ein selfie gebeten und er/sie es nicht verweigert hat. lassen attentäter vorher noch selfies zu?

so weit sind wir schon, dass wir mit allem rechnen. und das, obwohl ich nicht ständig lanz und precht und noch schlimmeres an mich ranlasse.

lieber brecht als precht übrigens.

BEWEGUNG

Die Nazis nannten ihre Bewegung ja Bewegung. Mir war nie so richtig klar, wie wörtlich man das eigentlich verstehen sollte.
Und es ist, wie es oft ist: Da gibt es ein Buch schon länger, als es einen selbst gibt, was so ziemlich auf die meisten Bücher zutreffen dürfte, und dann liest man es irgendwann, in diesem Falle sogar relativ spät in seinem Leben, und dann entdeckt man Sätze, die einem quietschvergnügt eine Erkenntnis an die Hand geben, die einem die Augen und Gedanken öffnet, und die für andere schon seit 75 Jahren zwischen diesen Buchdeckeln zu entdecken war.
Wieso hat dies nur nie jemand erwähnt?
„Vergleicht man den totalen Herrschaftsapparat mit einem der vielen aus der Geschichte bekannten Staatsapparate, dann kann man ihn nur als strukturlos bezeichnen. Dabei vergißt man, daß nur ein Gebäude eine Struktur haben kann, daß aber eine Bewegung, nimmt man dies Wort so buchstäblich ernst, wie die Nazis es genommen haben, nur eine Richtung haben kann und daß jegliche gesetzliche oder staatliche Struktur für eine immer schneller in eine bestimmte Richtung sich bewegende Bewegung nur ein Hindernis ist. Die totalitären Beweungen repräsentieren bereits vor der Machtergreifung diejenigen Massen, welche in einem staatlichen Gebäude gleich welcher Natur nicht mehr zu leben bereit sind. …“ (S. 832)
Die totale Macht über jemanden erreichst du nur, wenn du ihm keine Ruhe gibst. Sobald sich die Bewegung in irgendwelchen Formen verlangsamt, festfährt, dann ist es wortwörtlich vorbei mit der Bewegung, es kehrt Ruhe ein – und Ruhe ist der Feind der Bewegung, ist Stillstand, ist Machtverlust. Denn in der Ruhe kommt der Mensch wieder zu sich. Beruhigt sich. Lässt sich nicht mehr total kontrollieren und bemächtigen.

Der totalitäre Staat (eigentlich wäre das schon ein Widerspruch an sich, da alleine schon die Idee des Staates dem Chaos der Bewegung entgegenläuft) muss also an der permanenten Wiederherstellung der Strukturlosigkeit arbeiten. Nur dann ist die Macht total.

Das ist interessant und lässt uns natürlich sofort auf unseren amerikanischen Freund Trump schauen. Was macht er mit uns? Eben tritt er den Iran-Krieg los, dann droht er wieder mal damit, Grönland zu annektieren, dann führt er Selensky im amerikanischen Fernseher vor, danach empfängt er ihn wieder ernsthaft, um dann wieder eine Rot-Sperre bei der Fußball-WM zurücknehmen zu lassen. Die zwischen Staaten geltenden diplomatischen Regeln werden außer Kraft gesetz (Arschloch J.D. Vance mischt sich in die Innenpolitik von Großbritannien und der Bundesrepublik Deuzschland ein, um die rechten Kräfte zu stärken, wer weiß, was da noch kommt, wenn Trump weg ist).
Eine permanente Unberechenbar- und scheinbare Strukturlosigkeit.
Yeah.
Keine weiß, wie man damit umgehen kann. Keiner weiß, was noch kommt.
So übt man Macht aus. So wird die Macht über die Welt totaler.

Und geht es uns im täglichen Klein-Klein nicht auch so?
So fern wir es zulassen, werden wir zugeballert mit Infos und noch mehr Infos.
Noch ne Mail. Noch eine Aufplopp-Nachricht.
Keine Zeit für Muße und Nachdenken und klare Sicht.

An anderer Stelle heißt es (S. 695): „Für den totalen Herrscher stehen die beiden Tätigkeiten des Schachspielens und der Kunst auf durchaus gleichem Niveau; in beiden ist der Mensch völlig von einer Sache absorbiert und gerade darum nicht vollkommen beherrschbar. Himmler hat nicht zu Unrecht den SS-Mann als den neuen Typus definiert, der unter keinen Umständen ‚je eine Sache um ihrer Selbst willen‘ tun wird.“

Ich denke da oft dran, aber ich erwähne es selten, weil es irgendwie so selbstverständlich die Mainzer Schule ist, die ich durchlaufen habe: Kein Strich ohne Bedeutung.
Alles, was auf dem Papier ist, erfüllt seinen Zweck und ist Teil des Inhalts und des Ausdrucks.

Je älter man wird und je mehr Zeichnungen man gemacht hat, desto näher kommt man dem vielleicht.
Das wär cool.
Und dann hätte das alles doch ein bisschen einen Sinn ergeben.