
Skizzenbuch und permanenter Ausstellungsraum von Klaus Harth







So, jetzt hab ich es gestern endlich mal geschafft, mir die Ausstellung meines Kollegen Armin Rohr in Neunkirchen anzugucken. Sie hat einen für mich fast unerträglich prätentiösen Titel, was, von der in den letzten Wochen nicht vorhanden Zeit mal abgesehen, mich durchaus auch davon abgehalten hatte, einfach mal in einem vorhandenen Zwischendurch vorbeizuhüpfen. Mich schreckt sowas ab. Wie wenn jemand mit dem Messer auf dem Teller kratzt. (Wobei ich den Namen „KULT“ für dieses Zentrum Neunkircher Kulturgeschehens auch nicht gerade glücklich finde). Ich verstehe, was damit gesagt werden soll, ich verstehe auch die Motivation dahinter und die Haltung, die ja durchaus begrüßenswert ist, aber in meinem Ohren klingt das zu prätentiös. Sing a song. Jetzt hat es mich dann doch sehr erfreut, dass die Bilder (bis auf ein oder zwei Ausnahmen) eben alles andere als prätentiös daherkommen. Manches kannte ich ja bereits aus dem Netz, das ein oder andere war im Zuge der Berichterstattung in der Presse zu sehen. Die Kritik von Frau Elß-Seringhaus fand ich in ihrer Argumentation furchtbar, bei der beim Betrachten ein „Kopfkino“ losratterte und sie das als die ultimative Qualität erkannt hat. Dazu habe ich aber letztens bereits abgekotzt. Man braucht hier die Originale! Was, und das soll jetzt nicht überheblich klingen, IMMER für die Bilder spricht! Was Armin hier an Differenziertheit zaubert, erschließt sich weder im Netz noch im Katalog, der mir in so fern nicht gelungen scheint. In den Abbildungen erscheint zu plump, was im Original von einer unglaublichen Intensität und Differenziertheit der Farbgebung lebt. Chapeau! In den Abbildungen fand ich das Installieren dieser weißen Figuren einen billigen Trick, Aufmerksamkeit und einfache Projektionsflächen zu erzeugen. Im Original sind aber auch diese Figuren ausdifferenziert und eben doch lebendig und nicht nur einfache Projektionsflächen. Ich musste an eine Picasso-Aussage über Marc Chagall denken, der gesagt haben soll: Ich kann mit all seinen fliegenden Menschen und Tieren nix anfangen, aber er ist der einzige, der noch weiß, was Farbe ist. Hier entsteht Tiefe und Ausdruck durch Farbgebung. Armin ist der einzige, der weiß, was Farbe sein kann. Gefällt mir am besten von allem, was ich von ihm bisher gesehen habe. Hier hat sich die letzten Jahre scheint’s enorm was erarbeitet. (Was natürlich auch kein Qualitätskriterium ist, wenn MIR was gefällt, genauso wenig wie Kopfkino, schon klar) (Aber wenn ich bei Darja Linder z.B. weiterhin nur bunte Bilder sehe, sehe ich bei Armin tatsächlich inhaltliche Tiefe und Kompetenz).
Was meine ich jetzt mit aber mit „plump“? Das Autowrack in Natur etwa. Das ist motivisch-inhaltlich natürlich schon a bisserl simpel gestrickt. Das finde ich auch weiterhin eines der weniger gelungenen Bilder. Trotzdem, dass auch hier die Differenzierung noch ein bisschen was rausreißt. Aber das ist mir gedanklich zu simpel und beleidigt einen deswegen ein bisschen. (Ich finde unsere tägliche Autokultur viel empörender als ein verlassenes Wrack im Wald). (Obwohl die schief stehenden Räder natürlich geil in Szene gesetzt sind).
Das zentral gehängte Bild mit dem Maler in der Landschaft. Natürlich müsste ich sowas mögen, weil es sich was traut, das Motiv an die absolute Kitschgrenze führt und man nicht weiß, ob sogar drüber hinweg. Eigentlich mag ich solche Grenzgänger. Aber irgendwie mag ich es dann doch nicht. Kippt bei mir auch eher in die Richtung Prätention statt Ironie. Vielleicht nimmt es sich dann doch ernster, als es vorgibt? Ach, ich bin so ironisch, will dann aber doch ernst genommen werden? Für mich knapp vorbei. Aber andere sehen das natürlich anders.
Die in der Ausstellung angebrachten Textpassagen: Ich neige ja auch dazu, zu viel zu sprechen. Wozu ist das nötig? Ich war mal in meiner Studentenzeit in einer Podiumsdiskussion zu irgendeinem malerischen Thema im Hinterhof in Wiesbaden. Ein Mitstudent, ein paar Semester älter als ich, meldete sich zu Wort und sagte: Ich male, weil ich dumm bin und nix anderes kann. Oder so ähnlich. Er fand das schlau. Betretenes Schweigen im Publikum.
Nichtsdestodings: Wer etwas über Farbe lernen will, drehe seine Füße Richtung Neunkirchen und wackele los.

Eine Figur, die relativ schnell klar war, war Diana, die in dem Stück eine nicht ganz so tragende Rolle spielt, aber zumindest in der Höllenszene am Schluss eine sehr schöne kleine Passage singt, die Lisa Ströckens wunderbar gesungen und vor allem auch spielerisch interpretiert hat. Dazu brauchte es von mir kein extra-Bild. Es gibt aber die etwas größere Szene im Olymp, wo sie enttäuscht von ihrem nächtlichen Ausflug zurückkommt, für die es eine bildnerische Umrahmung gebraucht hat.
Bei der ersten musikalischen Probe, bei der ich dabei war, hab ich ein paar kleine Skizzen gemacht, mit und ohne auf’s Papier zu schauen. Lisa hatte schon einen sehr langen Probentag hinter sich und hat zwischendurch immer wieder Dehnübungen gemacht, sich gestreckt, den Fuß hinter ihrem Körper in die Hand genommen etc., was ich sehr interessant fand.
Daher kam z.B. diese erste Skizze oben.
Es lag also nahe, darauf zurückzugreifen.
Jetzt haben die Götter alle ihre Attribute, an denen sie zu erkennen sind. Diana als Göttin der Jagd Pfeil und Bogen. Das war mir natürlich ein wenig zu klischeehaft und ich hatte auch sofort ein Musikvideo von Aldous Harding im Kopf. Nämlich das zu „Perfect Blend“. Also hab ich damit herumgespielt, ihr zwei Revolvertaschen anzudichten (wobei natürlich niemand mit dem Revolver auf die Jagd geht, genauso wenig wie mit Pfeil und Bogen). Feder am Kopf oder keine Feder am Kopf. Der verdrehte Fuß reißt es aber.
Zwei Zeichnungen haben gereicht. Eine davon war diese:

Datt janze musste dann wieder vor einen schwarzen Hintergrund. Also alles im Bildbearbeitungsprogramm (übrigens: sowohl Photoshop als auch GIMP, je nachdem an welchem Rechner ich gerade gearbeitet hab, bzw. was im Speziellen zu tun war) grob ausgeschnitten und vor einen schwarzen Hntergrund gesetzt:


Und als komplette Bühnenzeichnung ergänzt durch Jupiter, der links im Bild sitzt und guckt, was seine Tochter so bedrückt, und durch geschossenes Wild und Jagdhörner (also doch noch ein paar klischeehafte Contorni) ergänzt.
ton ton tontaine ton ton (=der Klang des Jagdhornes auf französisch verbalisiert).




… Als die ersten Klänge den Raum erfüllten, verstand ich endlich, was er meinte. Ich hörte mir alle seine Songs an. Jeder von ihnen klang gut, es gab kein einziges schlechtes Lied. Die Kritik wäre sicher wohlwollend ausgefallen. Aber es war auch nichts dabei, was einen umhaute. Dafür, dass Beck seit acht Jahren daran arbeitete, dafür, dass es sein Leben total ändern sollte, war es zu wenig. Irgendetwas fehlte. Eine einzelne besondere Melodie, ein Hauch von Genialität, den er nicht hatte. Ein Hit.
Ich sagte ihm, was ich dachte. Er hörte gelassen zu. „Du sagst also, meine Songs sind einfach nur solides, gehobenes Mittelmaß?“
„So hab ich das nicht gemeint.“ Natürlich hatte ich es so gemeint. Ich seufzte: „Das Problem ist einfach: Sie haben alles reingesteckt, was Sie gefühlt und gelitten haben. Diese Songs sind sicher Ihr Ein und Alles, und sie sind auch ganz gut, aber Sie haben nicht ein Lied, eine Melodie, die wirklich heraussticht. Sie haben keine Speerspitze, und deshalb fällt alles in sich zusammen.“
Und das war der Punkt.
Beck … hatte nichts. Er würde ein paar gute Besprechungen kriegen, ein paar CDs verkaufen, und das war es dann. Und er wusste das.
(Seite 413)
In Benedict Wells‘ Erstling „Becks letzter Sommer“ finde ich auf Seite 181 den Satz:
„Es sind Gespräche wie diese, die das Leben als lieblosen Unfug enttarnen, dachte Beck.“

Es gibt in dem Stück eine weibliche Figur, die auf den Namen „die öffentliche Meinung“ hört. Orpheus ist eigentlich nicht unglücklich, als er vom Tod Eurydices hört, aber dann taucht sie auf, die öffentliche Meinung und meint, das tue seiner Reputation nicht so gut, wenn das publik wird, er müsse auf alle Fälle zu Jupiter und intervenieren, auf dass er seine Gattin zurückbekommt.
Für mich eine der interessantesten Figuren, gerade auch in unserer Zeit. Deshalb war es für mich klar, dass es eine Person sein muss, die eine populäre Meinung vertritt, sprich, durchaus ein wenig populistisch auftritt, und nach einigem Hin- und Her kam mir unbedingt Sarah Wagenknecht in den Sinn. Und so gab des die ein oder andere Skizze und dann ein Blatt, wo das Gesicht aber wieder verschmiert wurde. Manchmal passiert einem das so aus einem Instinkt heraus. Die Hand weigert sich, das gewollte Gesicht lesbar wiederzugeben, ein innerer Widerspruch bricht sich Bahn und man muss zugeben: die verschmierte und nicht so deutlich wahrnehmbare Figur: that’s it. Als kleine Reminiszenz bleibt bei mir das rosa Kostümchen, bzw. am Ende noch ein rosa Blüschen.

Es gab eine Zeichnung mit Beinen und Schuhen, einem Modeprospekt entnommen, die mir geeignet erschienen und eine aus einem Skizzenblatt ausgeschnittene Form eines Rocks.

All das wurde fotografiert und grob ausgeschnitten und der Hintergrund in einem Bildbearbeitungsprogramm schwarz eingefärbt, da ich die Projektionsdateien für die Aufführung auf schwarze Hintergründe montiere.
Und dann, ebenfalls im Bildbearbeitungsprogramm, wurden facebook-, Bildzeitungs- und Instagram-Logo montiert und die Beine in einer in der Größe variierenden Dreier-Kombi druntermontiert. Fertig meine „Öffentliche Meinung“. Die Rolle wird in der Inszenierung gesungen von Lisa Stroeckens, die das alles wunderbar ergänzt, indem sie Orpheus erstmal mit ihrem Smartphone ablichtet, Selfies macht etc. ppp. Was natürlich super schön zusammengeht.

und so sieht’s dann in der fertigen Bühnenprojektion aus.

Dazu muss man sich nun vorstellen (besser aber: man kommt in die Vorstellung): Hinter der Projektion stehen Sängerin und Sänger und sind beleuchtet, folglich durch den Vorhang hindurch zu sehen und stehen quasi hinter und inmitten meiner Zeichnung.

die welt im löffel

Venus taucht als Bild in der Projektion nur ein einziges Mal auf: wenn sie als dritte Göttin nach Cupido und Mars von ihren nächtlichen Liebesabenteuern in den Olymp zurückkehrt, um sich in die Reihe der Schlafenden einzureihen. Wie stelle ich mir nun eine Venus vor, wenn ich mich nicht aus der klassischen Klischeekiste bedienen will? Anfang des Jahres haben wir den Film „POOR THINGS“ mit Emma Stone gesehen. Gleich zweimal hintereinander. Weil das einfach eine umwerfende Geschichte ist, für die der Regisseur auch sehr phantasievolle Bilder gefunden hat. Phantasievoll heißt in diesem Fall auch einprägsame. Emma Stone spielt die Hauptrolle. Eine weibliche Figur, die eine Evolutionsgeschichte durchlebt und dabei u.a. auch eine sehr selbstbestimmte Sexualität jenseits irgendwelcher Vorprägungen entwickelt und auch lebt. Und sich auch ansonsten zu einer sehr originär denkenden und eigenständigen Persönlichkeit entwickelt. Und es schien mir auf einmal sinnig, Emma Stone in dieser Rolle als Vorbild für meine Venus zu nehmen. Die Zeichnung basiert auf einer Filmszene (natürlich hätte ich auch andere nehmen können), aber dieses Foto schien mir dann für die Situation, in der es funktionieren soll, doch irgendwie am passendsten. Es spielt weiterhin mit einem bestimmten Klischee, zeigt aber, hoffentlich, gleichzeitig einen darüber hinausgehenden Ausdruck.
letztens abends ein rumpelnder mann im zug: packt seine sachen aus, macht sich breit, atmet laut und schwer und unkontrolliert, der vierer-platz, den er einnimmt, bietet immer noch zu wenig raum – glatze, rote trainingsjacke, unangenehme gesamtausstrahlung (wohlgemerkt: ich sehe ihn kaum, da wir durch die Sitzreihe getrennt sind, dafür spüre ich seine anwesenheit, die andere zu verdrängen trachtet, umso mehr); später putzt er geräuschvoll seine lesebrille, beugt sich über ein buch, vorerst immer noch nervös, zwischendurch am smartphone dinge suchend, dann ruhiger werdend und lesend – sobald der zug an bahnhöfen anfährt, bremst er, ohne den blick vom buch abzuwenden, fast schon zärtlich sein dosenbier mit der linken hand, damit es ihm nicht vom tisch rutscht.

Wer’s einmal gesehen hat, möchte es sowieso noch ein zweites mal sehen.
(Ich sitze da hinten in der Technik, fahre meine Bilder und hab jedesmal meinen Spaß: tut es mir nach!(also: das mit dem Spaß, nicht das mit der Technik))
mit Elizabeth Wiles @lisadreskad
& Lisa Ströckens (Sopran),
Ralf Peter (Tenor)
am Klavier: Thomas Layes
Bühnenzeichnungen: Klaus Harth @klaus_harth
Inszenierung: Ralf Peter
5. April 2025, 19.30 Uhr (Premiere)
6./12./13.04., jeweils 19.30 Uhr
Theater im Viertel,
Saarbrücken
Weitere Infos unter https://dastiv.de/2025-04-05_orpheus-unterwelt/
Tickets (normal 15 €, ermäßigt 10 €, Kinder bis 12 Jahre 6,50 €)
unter https://dastiv.de/karten-orpheus-unterwelt/
oder 0681-390462
#TheaterimViertel #Saarbrücken #Operette #Offenbach