grundlegende Menscheitsprobleme:
1. alle denken, sie könnten denken und
2. alle denken, dass sie zu allem etwas zu sagen hätten
(von wem stammt das noch?: der mensch hat 2 ohren aber nur 1 mund)
Skizzenbuch und permanenter Ausstellungsraum von Klaus Harth
grundlegende Menscheitsprobleme:
1. alle denken, sie könnten denken und
2. alle denken, dass sie zu allem etwas zu sagen hätten
(von wem stammt das noch?: der mensch hat 2 ohren aber nur 1 mund)
Eine meiner Lieblings-Hetz-Geschichten, kolportiert von einem ortsansässigen Elektrofachbetriebs-Betreiber, selbst umfangreich schwergewichtiger Ich-selbst-arbeite-16-Stunden-am-Tag-Typ.
Und eigentlich müsste man hier schon eine kleine Zäsur machen: Diese Ich-selbst-arbeite-16-Stunden-am-Tag-Typen, denen man von ihrem Körpergewicht gesehen noch nicht mal mehr als drei Stunden am Stück zutrauen würde: Ich selbst würde deren Arbeitstag gerne mal sehen.
Zur Baustelle fahren, die Arbeit besprechen und an die Angestellten verteilen, zurückfahren, Angebot schreiben, woanders hinfahren, um ein wichtiges Teil zu besorgen, zurückfahren, um eine Rechnung zu schreiben, ach, was sind die Tage voll. 16 Stunden Arbeit, 8 Stunden Schlaf, wann wird denn jetzt gefrühstückt, gemittagesst, geabendesst? Alles Arbeitszeit. Wie auch immer. Gefahren wird übrigens G-Klasse. In was anderes passt man ja auch nicht rein. Die Rechnungen sind entsprechend, aber abgesehen von Baumarkt und Selbermachen Monopolist im Ort. Feuerwehr.
Sei immer vorsicht, wenn Dir so jemand sagt, wieviel er so arbeitet. Schlaue Menschen arbeiten weniger. Nur Künstler*innen arbeiten rund um die Uhr. Und selten gegen Geld.
Wurscht.
Dieser Ich-selbst-arbeite-16-Stunden-am-Tag-Typ hat bei einem Kunden die Zeit, sich über die „Asylanten“ zu beschweren (als ob man sich bei diesem Körpergewicht noch mehr beschweren könne…) (Und: gehört diese Erzählzeit jetzt auch noch zur Arbeitszeit?) – auch wurscht – jedenfalls hat diesem Ich-selbst-arbeite-16-Stunden-am-Tag-Typ ein Bekannter berichtet, dass er gesehen habe, wie „Asylantenkinder“ sich im Aldi Wasserflaschen gekauft hätten, auf den Parkplatz raus seien, das Wasser einfach weggeschüttet hätten, um dann frech den Pfand einzulösen. Skandal!
Du denkst: Aha, „Asylantenkinder“ gehen ins Aldi, kaufen Wasser, schütten es weg, um den Pfand zu kassieren. — äh? Hab ich da was falsch verstanden?
Vor lauter „Hä?“ kann man da gar nicht empört zustimmen und weiß auch gar nicht, ob nicht der Ich-selbst-arbeite-16-Stunden-am-Tag-Typ da was falsch verstanden haben könnte.
Als Super-Geschäftsmann jedenfalls könnte er bemerkt haben, dass die Geschichte an einer bestimmten Stelle ökonomisch-überlegerisch nicht soooo ganz aufgeht…
Wie auch immer.
Das Narrativ ist gesetzt. Die Empörung erheischt. Das Weltbild gefestigt.

„Der ideale Untertan einer totalitären Herrschaft ist nicht der überzeugte Nazi oder engagierte Kommunist, sondern ein Mensch, für den die Unterscheidung zwischen Tatsache und Erfindung (d.h. die Realität der Erfahrung) und die zwischen wahr und falsch (d.h. Normen des Denkens) nicht mehr existiert.“ (Elemente und Ursprünge des Totalitarismus, zitiert nach Lyndsey Stonebridge).
und weiter schreibt Andreas Speit in seinem Buch „Autoritäre Rebellion“ (S.30):
Ein demokratisch geführter Streit könne ohne eine geteilte Wirklichkeit nicht mehr stattfinden.. Diskussionen könnten jedoch nur gelingen, wenn wir uns in einer gemeinsam ausgehandelten Realität bewegten.
Und hier haben wir den Salat. Für mich begann das Problem ja bereits mit der Einführung der Fernbedienung am Fernseher. Vorher musste man sich immerhin aus dem Sessel erheben, zum Fernseher gehen und einen anderen Knopf drücken. Drei Programme standen zur Verfügung, die einem gefielen oder nicht gefielen.
Später gab es dann Fernbedienung und Privatfernsehn. Ich sitze auf dem Sessel und zappe von „gefällt-mir-nicht“ zu „gefällt-mir-nicht“ zu „sieht-auf-den-ersten-blick-interessant-aus“ zu „gefällt-mir-nicht“ usw. Ich muss nix aushalten, mich nix und niemandem aussetzen und bekomme mit der Zeit ein merkwürdiges Verhältnis zum sogenannten „richtigen Leben“.
Später kommen Internet und Smartphones und sog. soziale Medien: Die Meinungen und Ansichten werden aufgesplitterter und das was mir nicht gefällt, brauche ich nicht wahrzunehmen. Am typischsten wohl bei Tinder und solchen Sachen: Zewa-wisch-und-weg. Die Welt ist das, was mir gefällt. Vielleicht ist die Welt auch das, was mir nicht gefällt.
Vielleicht brauche ich das Gefühl, dass alles den Bach runtergeht. „Deutschland stand noch nie so schlecht da wie heute“. Je schlechter die Stimmung, desto schöner das Feindbild, desto stärker die AfD.
Falschmeldungen, gefälschte Nachrichten und Bilder (gab es früher auch alles schon, aber bei weitem nicht in diesem Ausmaß und dieser Verbreitung) tragen ihres dazu bei, dass wir keinen gemeinsamen Boden mehr haben, auf dem wir stehen.
Man fragt sich bei solchen Figuren wie Trump: Ist er jetzt der perfekte Totalistator, der durch seine Halbwahrheiten geschickt manipuliert oder glaubt er das alles selber und ist der Perfekte Untertan. Untertan von wem oder was? Des kapitalistischen Prinzips? Des spermatoiden Machtstrebens? Seines eigenen Egos?
Das Interessante, dass diejenigen, die im Internet alles zu glauben bereit sind, was ihrem Weltbild und ihrer Leiderfahrung entspricht, nicht mehr den klassischen Medien Glauben schenken, die für meine Generation mit einem gewissen journalistischen Ethos (natürlich ist hier nicht der alte Manipulator Springer, sowohl mit BILD als auch mit WELT, gemeint) als vetrauenswürdige Quelle galten, sondern jedem und allem Dahergelaufenen im Netz ihr Herz zu schenken bereit sind. Wer mir nicht nach dem Munde spricht, dem glaub ich nicht, wer mich bestätigt und es mir einfach macht: dem schon. Bei denen, die sich Querdenker genannt haben, hatte man ja oft den Eindruck, dass sie nicht mal gerade aus denken konnten. Aber datt hilft ja alles nix.
Augen auf im Straßenverkehr: Chimamanda Ngozi Adichie schreibt:
WIR FÜRCHTEN DEN MOB, ABER DER MOB SIND WIR.
Ein leider nach rechts abgedrifteter ehemaliger Neunkircher Szenewirt hatte in der Corona-Zeit Zeit, George Orwells 1984 nochmals zu lesen. Auf facebook wollte er uns dann alle wachrütteln, was die staatstragenden Medien doch alle für eine Manipulation mit uns treiben, und George Orwell hätte das doch alles bereits usw. usf. Wer den Balken im Auge hat, sieht das Dingens nicht, oder wie hieß das: der postet das auf facebook! Wenn irgendwo der Geist von 1984 wohnt, dann auf facebook, insta, twitter, x und wie sie alle heißen. Unüberschaubare Beeinflussung, Meinungsmanipulation, Bots, Fake-News und und und.
By the way: das interessante an dem Phänomen der Fake-News ist ja, dass sie gerade nicht 100% falsch sind. Sondern immer ein Teilchen verbacken ist, das beleg- und überprüfbar ist. Und schon zieht das alles andere mit in den Bereich des Möglichen, bzw. als wahr empfundenen.
Wenn die statistischen Zahlen über die Arbeitslosenquote nicht stimmt, wird die Leiterin des statistischen Amts entlassen. Sie ist unfähig. Gerade passiert. In den USA.
Was ist wahr und was ist falsch. Richtige Beobachtungen – falsche Schlüsse. Die Wahrheit ist ein ganz schwieriger Begriff. Aber sie muss verhandelt werden.

gestern in Köllerbach, after all


14.1.21
kaiserschmarren:
hier sitze ich
und forme kaiser
nach meinem bilde
kleine, über-
und durchschaubare
was ziehe ich ihnen bloß an
wenn es draußen dunkel wird?
Was … ist der „Volkswille“ denn anderes als ein Sammelbegriff, der das Potential hat, die Pluralität auszulöschen? Man muss, wie Martha Arendt verlangt, gut aufpassen. (Lyndsey Stonebridge, S. 251)
wer zuerst kommt, den beißen die Hunde
wenn ich König von Deutschland bin, nehm‘ ich mir als erstes mal einen Tag frei (zum Nachdenken z.B.)
in der Kunst heißt Nachdenken, zuerst etwas tun und danach denken,
von einem König würde ich mir das gerne umgekehrt erwarten
DIE INDIVIDUELLEN ERFAHRUNGEN FÜHREN ZU POLITISCHEN VERALLGEMEINERUNGEN









kirche im liberalistischen baustil, rietheim bei VS
