3 minuten gehirnmwäsche 4.1.26 4.1.26 9uhr23 bis 9uhR27

am 1. januar flog eine amsel hier gegen die scheibe, so heftig, dass sie verstarb. Amseln sind vögel, die uns glücklich machen. Vor jahren grub ich im garten eine wurzel aus und eine noch recht junge amsel flog immer wieder in meine nähe und beobachtete mich und den aufgegrabenen boden. Ich machte also immer mal wieder eine pause, kletterte aus dem loch und ließ die amsel würmer finden. Danach haben wir wieder gewechselt. Ich buddele weiter, die amsel sitzt und guckt. Etwas später im jahr damals kam immer wieder eine junge amsel in meine nähe geflogen und beobachtete mich beim lesen oder den anderen dingen, die ich im garten tat. Und natürlich war ich der meinung, dass es genau dieselbe amsel gewesen sein muss. Der tod anderer vögel geht uns nicht so nahe. Wenn es sich beispielsweise um hühner handelt, wenn auch aus kontrolliertem anbau. Aber amseln: ja! Sich am ersten januar in den tod fliegen, weil man eine scheibe nicht erkennt: nehmen wir uns kein beispiel!

3 minuten gehirnwäsche, 4.1.26 4.1.26 8uhr31 bis 8uhr36

einer der träume, die mich immer wieder verfolgen: in einer stadt, in der ich früher mal gelebt habe, gibt es noch eine wohnung, die ich nie gekündigt habe, die ich selten aufsuche, in der sich noch eine menge dinge befinden und die ich endlich einmal auflösen müsste. Manchmal kostet mich diese wohnung noch unnötig miete, meist spielt das aber keine rolle. Wichtiger ist, dass die dinge dort verkommen und vorkommen, dass ich es nicht schaffe, das endlich mal zu sortieren und in ordung zu bringen. Manchmal verstecke ich mich vor den nachforschungen der wohnungsgesellschaft, die mir auf die schliche gekommen ist. Auf alle fälle bin ich immer froh, wenn ich merke, dass das nur ein traum ist und es einen ausweg gibt. Das ist von der deutung jetzt auch nicht sonderlich tiefgründig. Aber trotzdem sehr beunruhigend.

spaßbremse

Gestern war die Stadt schön ruhig. Überall Schnee und weniger Autos und Menschen als sonst. Die Gelegenheit genutzt und mir noch kurz vor Ende die aktuelle Ausstellung von Carina Linge „Allerseelen“ in den Neunkircher Ausstellungshallen angeschaut. Fotografien, die angepriesen werden als „tiefsinnig, rätselhaft und berührend“. Und wie so oft, so dass ich mich natürlich frage, in wie weit das an meiner eigenen inneren Verfasstheit liegt, was es natürlich tut, und darüber sollte man sich bei Kritiken natürlich immer im Klaren sein, finde ich diejenigen Arbeiten besser, die aus einer Art Beobachtung heraus entstanden sind. Arbeiten, die einen gesehenen Moment festhalten, der aber in der Lage ist, über sich und das Abgebildete hinauszuweisen. Solche Fotos gibt es in dieser Ausstellung, wenn auch nur sehr wenige. Es gibt beispielsweise ein Foto, wo, der Kleidung und dem Habitus nach, eine Malerin in einer Rauchpause aus dem geöffneten Atelierfenster in die Weite schaut. Es gibt eines, wo sich jemand die Fingernägel rot lackiert und an dem einen Arm ein Tatoo erkennbar wird, ebenso leise ein fehlender Finger. Ein anderes, eine sehr ausschnitthaft gehaltene Aktaufnahme, wo ebenfalls ein Tatoo eine aufmerksamkeitsheischende Rolle spielt. Diese Fotos erzählen Dir etwas. Eine weitere recht spannende Bildfindung: Auf dem Bild sieht man eine Wand, an der ein Foto festgepinnt wurde. Es zeigt einen Mann mit rotem Pullover, der ein Kind auf den Armen hält. Hinter diesem Foto kommt einen rote Schnur hervor, die in leichtem Bogen in den Vordergrund führt, dort sehr groß und unscharf wird: Es gibt also eine Verbindung von der Betrachterin zum Foto zum Pulli des Mannes (über die Farbe rot und über den Bogen, den die Schnur von Dir zu dem roten Pulli des Mannes spannt). Und das auf sehr unaufgeregte Art und Weise. Und dann gibt es leiderleider eine ganze Menge Fotos, die denken, dass sie über eine ausgeprägte Symbolik etwas erreichen. Im für mich schlimmsten Fall sieht man einen von der Decke baumelnden Strick und darunter einen umgestürzten Hocker am Boden. Desweiteren gibt es Schädel in unterschiedlichem Kontext. Es gibt z.B. ein klassisches memento mori mit Schädel und Kerze, die sich nochmals spiegelt. (Ganz spontan denke ich, dass mir Gerhard Richters gemalte Versionen hier tiefgründiger erscheinen). Es gibt einen weiblichen Rückenakt, der ergänzt wird durch einen Fisch (?), der kreisförmig zusammengerollt am Boden liegt. Es gibt einen weiteren Rückanakt, der mir heimlich hinter dem Rücken ein Steinchen entgegenhält, es mir quasi heimlich zeigt, und das auf den ersten Blick vielleicht wie ein Würfel sein könnte (alea iacta est). Es gibt zwei nackte Frauenbeine, die von einem herabgehaltenen Lot ergänzt werden, quasi als dritte Senkrechte im Bild. Alles in allem wird mir hier einfach ein bisschen zu viel gewollt. Das funktioniert für meinen Geschmack zu wenig über das bildnerische Denken und verlässt sich zuviel auf die Erzählung, die aber auch nicht immer funktioniert. Die manchmal einfach einen Tick zu plump und einfach gestrickt scheint. (Das Problem haben wir ja auch mit vergleichbarer Malerei aus vergangegen Jahrhunderten: Man muss die Anspielungen kennen, um sie verstehen zu können. Aber kann es heute überhaupt noch um solche Formen des Verstehens gehen? In jener alten Malerei kann man sich immerhin an der „Leckerheit“ des Malerischen selbst ergötzen, wenn sich einem die Symbolik schon nicht erschließt. Offensichtlich scheint das hier auch eine gewisse Rolle zu spielen, denn an irgendetwas muss die Betrachterin hier ja ihre Freude haben, sonst würde die Ausstellung ja nicht, wie in Neunkirchen üblich, über den grünen Klee gelobhudelt. In diesen heiligen Hallen frage ich mich ja fast in jeder Ausstellung, welchem Kunstanspruch überhaupt nachgeeifert wird.) Eine immerhin interessante Bildfindung ist eine ältere, am Boden sitzende Frau. Sie trägt ein schwarzes Top und ist gerade dabei, sich eine Beinbekleidung zu stricken. Zum Teil ist sie damit schon fertig, die Füße und Unterschenkel sind bereits verhüllt. Wenn man genau hinschaut, ist dieses Beinkleid dann später aber unten geschlossen wie eine Art Sack, sie strickt sich keine Hose, keinen Rock. Wenn sie fertig ist, wird sie sich damit nicht bewegen können. Aber auch hier beschleicht mich hier sofort der Gedanke: Was wäre, wenn dieses Motiv jetzt gemalt wäre? Sprich: warum ist Fotografie hier das gewählte Medium?

Aus einer Ausstellung sollte man anders rausgehen, als man reingegangen ist. Kunst sollte einen verändern. Auch wenn es nur an einen  klitzekleinen Punkt meines Bewusstseins passiert. Ich habe den Verdacht, dass die Symbolismus-Strategie, die hier gefahren wird, aber weder etwas verändert oder in irgendwelche Tiefen vordringt, auch gar nix verändern will, dass sie, in den meisten Fällen zumindest, Symbole wählt, die wohlfeil sind, an denen sich das Betrachter*innen-Hirn beruhigen und ergötzen kann. Die Wahrnehmung wird bestätigt. Ähnlich wie früher in Familienfotos oder in unserer Zeit in tausendfach reproduzierten Selfies und anderen Smartphone-Fotos: Die Reproduktion als die Versicherung, dass alles in Ordnung ist in dieser Welt. Das kenne ich, das kann ich verstehen und bin als Individuum genau wie alle anderen. Und diese wohlfeilen Symbolismen in dieser Ausstellung funktionieren als intellektuelle Befriedung derjenigen, die nicht weiter denken wollen, denen sich das Rätsel ganz schnell löst (die verschüttete Milch in einem der Stillebenkompositionen, das memento mori (ah! ja klar, die Vergänglichkeit!), der Strick (ah, klar, Suizid!), und wenn es sich nicht ganz schnell löst, wie bei dem zum Kreis gefügten Fisch: tiefgründig!

Nein, Leute: Die Welt erschließt sich nicht so schnell. Kommt zu mir, wenn ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch beruhigen. Die Menschheit hat es verdient, dass sie untergeht. Und auch das Neunkircher Publikum bekommt immer wieder die Shows, die es verdient hat. Neunkirchen: die Musical-Stadt. All is pretty.

 

WIR FÜLLEN DIE LEERE DURCH ZUFALL.

 

(ein Satz aus dem Jahr 2018. gilt immer noch.)

vor weihnachten ist nach weihnachten, teil 2

Anpassung oder Wagnis.  Wehren sich meine Ästhetiken oder nehmen sie teil? An was auch immer. Lass ich mich fressen oder werde ich gefressen?  Mich würde es interessieren, mir die Anzeigen-Ästhetiken anzuverwandeln. Zeichnerisch zu verfremden, zuzuspitzen, die einem eher künstlerischen Ansatz auszuliefern. Den Marktscheiß rauszupusten. Sie rückzuführen in einen rechtfertigbaren Ausdruck. Auf ein menschliches Maß. Was auch immer.

Man hat ja sonst nix zu tun.

 

vielleicht auch doch?

Die untere Abbildung zeigt eine Arbeit von Alicja Kwade gegen eine Anzeige von DOUGLAS. Das obere Foto Carneb Winant mit Grace Weaver. Eine Doppelseite ohne Werbung, wo sich zwei künstlerische Positionen auf interessante Art und Weise kommentieren. Links eine Art Collage aus dokumentarischen Fotos, gesammelt und gefunden und montiert, rechts „Madonna lactans“ von Grace Wieaver. Die Fotos eröffnen einen Raum von Körper-Sprachen, Geschlechter-Identitäten, Körper-Rhythmen, der sich betreten, erkennen, aber nicht entschlüseln lässt. Dem gegenüber steht die „Madonna lactans“ in ihrer fast kindlichen Ästhetik. In sich selbst eine inhaltliche Spannung entfaltend aus traditionellem christlichen Bildthema und der gewählten Umsetzung. Beide zusammen finde ich eine sehr gelungene Kombination, die angespielten Themen nochmal steigernd.

Alicja Kwade könnte in ihrer Rundästhetik auch als Verbreitung der Duftnoten gelesen werden. Ich mag ihr Uhren-Objekt in Mannheim. Das Blatt hier heißt übrigens „Form light to dark in 3 months (91 days/2184 hours)“. Es könnte dann auch: die Verbreitung der Düfte in 3 Stunden heißen. Ok, ok. Ich bin schon still.

vor weihnachten ist nach weihnachten

Kurz vor Weihnachten gab es in der Süddeutschen eine Beilage mit künstlerischen Beiträgen. Es gab jeweils ganzseitige Abbildungen mit Arbeiten von Thomas Demand, Liv Liberg, Camille Henrot, Carmen Winant, Grace Weaver, Peter Shire, Ólafur Elíasson, William Kentridge und Alicja Kwade. Im Zeitungsformat gedruckt. Ich mag sowas. Kunst, die in einem Zusammenhang auftaucht, den man vielleicht nicht unbedingt erwartet – ach nein, das stimmt nicht so ganz, die aber vielleicht nicht so edel daherkommt wie sonst in einem Ausstellungskatalog. In einem anderen Medium einer anderen Wahrnehmung ausgesetzt wird. Die in die Zeitungsästhetik gequetscht wird und sich dort behaupten muss. GROSSE KUNST heiß die Beilage.

Manchmal stehen zwei Kunst-Seiten gegenüber, wie z.B. die von Thomas Demand und Liv Liberg, manchmal steht eine Kunst-Seite eine ganzseitige Anzeige gegenüber.

Und dort wird es besonders interessant.

Denn es stellt sich die berechtigte Frage (neben der allerersten Frage, wie es überhaupt zu genau dieser Auswahl an Künstler*innen kommt): Wie behaupten sich die künstlerisch gestalteten Blätter gegen die werbetechnisch durchgestylten und strategisch ausgerichteten Gestaltungen. Manchmal, wie in den  Beispielen oben, Camille Henrot gegen HERMES und unten Peter Shire gegen PORSCHE gehen sie für mein Gefühl eine doch merkwürdige Allinanz ein. Mag sein, dass sich die Werbeagenturen in den speziell für diese Beilage angelegten Anzeigen an künstlerischer Sprache orientiert haben, mag sein, dass die künstlerische Sprache ihre Widerständigkeit zu zaghaft formuliert, oder sich bereits beide Sprachen zu sehr angenähert haben?

Wobei ich es natürlich sehr spannend fände, traute sich CHANEL an die kindliche Madonnen-Ästhetik einer Grace Weaver heran.

Mischen wir alles miteinander. Es ist eh alles egal.

Natürlich ist es eine Binsenweisheit, wie sehr sich das meiste an Kunst den kapitalistischen Zeitzwängen anpasst, Wert und Bedeutung in Geldwert gemessen wird.

Ich musste dran denken, dass bei meiner ersten Einzelausstellung 1993 die Mainzer Rheinzeitung nichts als ein Foto veröffentlichte, auf eine Zeitungsseite gepackt mit den anderen Meldungen, untertitelt mit „Klaus Harth zeigt seine Werke“. Eine Abbildung eines meiner überschmierten Werbeplakatteile, die ich damals in den Büros der „Forschungsgruppe Jugend und Europa“ gezeigt hatte und die in der Zeitung die Form eines vielleicht etwas irritierenden Zeitungsfotos angenommen hatten. Was mir natürlich sehr gefiel.

Anpassung oder Wagnis.  Wehren sich meine Ästhetiken oder nehmen sie teil? An was auch immer. Lass ich mich fressen oder werde ich gefressen?  Mich würde es interessieren, mir die Anzeigen-Ästhetiken anzuverwandeln. Zeichnerisch zu verfremden, zuzuspitzen, die einem eher künstlerischen Ansatz auszuliefern. Den Marktscheiß rauszupusten. Sie rückzuführen in einen rechtfertigbaren Ausdruck. Auf ein menschliches Maß. Was auch immer.

Man hat ja sonst nix zu tun.

spinoza

Das Spinoza Monument. Auffallend natürlich die Vögel auf seinem Gewand. Bei der Recherche nach den Hintergründen zu dieser Skulptur, stoße ich auf einen Text von Thomas Hirschhorn, der 1999 in Amsterdam sein eigenes Spinoza-Monument platziert hatte. Den Text, den er selbst dazu geschrieben hat, finde ich sehr interessant, so dass ich ihn hier gerne verlinken möchte.

HIER ALSO KLICKEN ZU THOMAS HIRSCHHORN

stedelijk

Im Stedelijk Museum gab es eine Sonderschau des niederländischen Fotografen Oil of Olaz, sprich: Erwin Olaf. Wieso kann ich mir diesen Namen eigentlich nicht merken? Weil Erwin bei mir mit Erwin Wurm fest verknüpft ist? Vielleicht. Erwin Olaf beeindruckte uns vor allem mit den späteren Arbeiten, insbesondere mit einer Reihe von meist großformatigen Schwarzweiß-Fotos, die er im Schwarzwald konzipiert und aufgenommen hat. Eine wirklich geglückte Formulierung fand ich das Foto, wo ein schwarzwälder Fährmann zwei muslimische Frauen übersetzt. Eine neblige, dunstverhangene Szenerie. In etwa in meiner Notiz nachzuvollziehen. Was hier an Anspielungen und Verweisen alles drinsteckt und in ein eigentlich recht einfaches Bild einfließt. Voilà! Der späte Olaf war für uns der gute Olaf. Ein Foto eines eine Katakomben-Treppe im nazi-vorbelasteten berliner Olympiastadion hinaufsteigende Person ist mir auch noch sehr im Gedächtnis.

cafe de doelen

am zweiten abend im café de doelen wurde irgendwann im laufe des abends eine amerikanische reisegruppe junger menschen von der terasse nach drinnen verlagert an den großen zentralen tisch. irre, was für ein unterhaltungslärm plötzlich den raum erfüllte. nicht unangenehm, aber einnehmend.