

Skizzenbuch und permanenter Ausstellungsraum von Klaus Harth
wenn du weißt, wo du bist, kannst du sein, wo du willst
Diese Woche in der Saarbrücker Zeitung ein Foto von einem Kindergartenkind, dem die Eltern ein Schild um den Hals gehängt haben, auf dem man lesen konnte, dass auf des Kindes Rücken der Streik der Kita-Angestellten ausgetragen werde. Erster Gedanke: Das ist falsch: Die Eltern meinen ja wohl eher, dass auf ihrem eigenen Rücken der Streik der Kita-Angestellten ausgetragen wird. Also müssten sie sich doch eher selbst das Schild um den Hals binden und nicht ihr Kind als Transporter politischer Botschaften missbrauchen, das sie selbst wiederum als Opfer des Streiks sehen.
Eine ältere Bewohnerin der ehemaligen Residenzstadt Ottweiler, die vor ihrem Haus irgendetwas in ihr Auto räumt, und dabei eine glitzernde Bluse trägt mit der Aufschrift: HEAT. Erster Gedanke: Ob die Menschen wissen, was sie sich da auf die Bluse schreiben? Zweiter Gedanke: Was wäre, wenn da muttersprachlich korrekt HITZE stünde? Wäre das nicht igendwie lustiger, tiefgreifender, erhellender? Dritter Gedanke (wenn auch etwas albern vielleicht): Ausdruck hitzewallender Erfahrungen in der Menopause?
Barbara Schöneberger zum 0-Punkte-Erfolg von Ann-Sophie beim ESC: „Wieso hat das nicht geklappt? Das Lied war toll und sie sah doch gut aus?“ Erster Gedanke: Eben, genau dort liegt das Problem. Mühe allein genügt nicht, das wusste schon Frau Sommer aus der Jacobs-Kaffee-Werbung aus eigener leidvoller Erfahrung.
Erstaunlich überhaupt dieser gesamte Wettbewerb, der ja doch einige Menschen bewegt. Diese Kraftmeierei, dieser zähe, durchgestylte Bombast in jedem Stück, man fühlt sich doch an Eiskunstlaufwettbewerbe erinnert, wird die nächste Sängerin den dreifachen Toe-Lop stehen oder bringt sie dann doch nur die Biellmann-Pirouette? Man sollte vielleicht A und B Noten verteilen für technischen Anspruch und Kostüm. Einheitsbrei, Bombast, 100% sensibilitätsfrei: ein absoluter Ausdruck unserer Zeit.
21.5.15 der politische jamertyp, in der lokalpolitik engagiert seit mindestens 30 jahren, wenn nicht länger, ein parteisoldat, der alles mitträgt, wenn es nur die eigene partei beschließt, und der dasselbe scheiße finden würde, wenn es die gegenpartei beschlösse, phatansie- und humorlos bis auf’s mark, alles besserwissend, weil er ja – zumindest nach eigenem dafürhalten – mit allen wassern gewaschen, alle boshaftigkeiten der anderen kennt und weiß von welchen Intrigen begleitet die entscheidungen gefällt werden: Ihr werdet noch sehen, was Ihr davon habt, denn Ihr habt die ja gewählt, die jetzt dies und das wollen; nur gut, dass die eigene partei alles anders gemacht hätte, wenn man sie denn gelassen hätte: das alles ist nur noch deformation, nicht der geringste krümel an information oder geistiger bewegung.
cLAUDIUS sEIDL SCHREIBT IN DER fRANKFURTER aLLGEMEINEN sONNTAGSZEITUNG VON DIESEM wOCHENENDE EINEN aRTIKEL ZU kULKTU UND tTIP-aBKOMMEN, DEN ICH FÜR ABSOLUT BEMERKENS- UND NACHDENKENSWERT HALTE: eR ENDET MIT FOLGENDER sENTENZ.
„…Kultur ist das Wort, das wir an jede Scheune nageln, die für die Landwirtschaft nicht mehr zu gebrauchen ist, an jede Brauerei, aus der die Bierproduktion ausgelagert wurde. Kultur ist der Nenner, auf welchen sich die Gremien, die Räte, die Jurys einigen können, der Dämmstoff, welcher den Lärm und die Kälte tatsächlicher Konflikte draußen hält, wenn deutsche Funktionäre die Fördermittel vergeben. Sie ist also das Gegenteil dessen, was uns die Kunst sein müsste: Anspruch und Zumutung, Gipfel und Abgrund, eine Herausforderung und vielleicht der Vorschein eines besseren Lebens.
Und schon deshalb haben die Proteste der „Kulturschaffenden, Kultureinrichtungen und Kulturverbände“ mit den tatsächlichen Gefahren des Freihandelsabkommens kaum etwas zu tun. Die Gefahr, um die es hier geht, wäre die, dass wir, die Gesellschaft uns bewusst würden, wie brav, niedlich und obrigkeitshörig unsere Kultur geworden ist:“
Der Mainzer Kunstverein Eisenturm, der sich immer wieder mit fragwürdigen Ausschreibungen hervortut, lobt seinen 26. Mainzer Kunstpreis Eisenturm zum Thema „Kollaps der Moderne“ aus.
Ich zitiere:
„Kollaps der Moderne. Eine Epoche auf dem künstlerischen Prüfstand. Technik: Malerei.
Steht der Begriff der Moderne immer noch für Innovation, Aufbruch, Zeitgeist, Fortschritt, Erneuerung – Avantgarde? Oder ist er zum eineingenden Korsett und Dogma erstarrt und reflektiert den Pluralismus unserer Gesellschaft nicht mehr? Wie sehen Künstler die momentane Diskussion, die mittlerweile einen Großteil der gestalterischen Erzeugnisse der Zeit nach 1045 erfasst hat? …“
Häh????
Ich erinnere mich, dass zu Beginn der 80er Jahre mit dem Aufkommen der sogenannten Neuen Wilden und der Transavangardia plötzlich die Rede war von der sogenannten Postmoderne in der Bildenden Kunst. Das deckt sich zeitlich nicht unbedingt mit vergleichbaren Phänomenen in anderen Bereichen, wo dieser Begriff auch verwendet worden ist. Das war ungefähr ziemlich genau vor 33 Jahren oder so.
Das Ende der Moderne wurde damals bereits postuliert und die Beliebigkeit der Postmoderne war ein beliebter Diskussionsgegenstand während meines Studiums, und das ist jetz auch schon wieder 20 – 25 Jahre her (und ich habe spät damit angefangen).
Also kann eigentlich nicht davon gesprochen werden, dass heute jemand sich „in der Moderne“ bewegt und artikuliert und wenn man sich die Bienalen anguckt oder regelmäßig mal ins Kunstforum guckt, dann wird dort der Pluralismus der Gesellschaft auff’s Schönste und wunderbar Unübersichtlichste abgebildet.
Gucken die in Mainz nur ZDF oder was?
Wie sehen Künstler die momentane Diskussion, die mittlerweile einen Großteil der gestalterischen Erzeugnisse der Zeit nach 1045 erfasst hat? -> Ehrlich gesagt, diesen Satz verstehe ich überhaupt nicht, welche Produktion seit 1945 ist hier gemeint, zwischen Informel, Zero, Pop, Fluxus, Konzept und und und und? Und von welcher „momentanen Diskussion“ ist hier die Rede? Hab‘ ich da was verpasst?
Au backe.
Wie sagte schon Konfuzius: Es geht um die Richtigstellung der Begriffe.
Angucken, wo immer man die Chance dazu hat.
Klares Ver Huntzen am 2.5.2015 bei der nichtöffentlichen Performance „Raumkonzepte – ich baue mir mein eigenes Gefängnis part.1 – drei Tage in Vorteils-Haft“ in Wemmetsweiler/Saar. Für die Besucher dieses blogs einige Fotos mehr, als man auf facebook oder twitter sehen kann. Man hat also schon was davon, wenn man HIER ab und an mal reinguckt. Alle Fotos by Lisa B.
Ein Flug durch die gemeinsame Ausstellung EPHEMER im plan.d in Düsseldorf Ende letzten Jahres (15.11. – 7.12.). Stephan Flommersfeld, Susann Gassen, Klaus Harth, Ute Thiel und Martin Wilhelm zeigten ihre bildnerischen Arbeiten. Dem Film unterlegt sind Tonaufnahmen, die als spontane Improvisationen teilweise vor Ort, bzw. bei einem Nachtreffen im Januar eingespielt wurden.
Das Projekt ist aus einer Zusammenarbeit von Studierenden des Fachbereich Gestaltung – Hochschule Mainz und des Fachbereich Wirtschaft unter der Projektleitung von Jacqueline Nyalwal entstanden.
An zwei Tagen wollen wir allen unseren Gästen zeigen, was einige aktuelle afrikanische Künstlerinnen in Deutschland hervorbringen und gemeinsam mit allen ein tolles Wochenend-Festival genießen!
Freier Eintritt!
Hinweis -> vor einigen Jahren hatte ich mir mal ein twitter-Account eingerichtet und ihn jetzt endlich aktiviert. Wer da immer folgsam sein möchte, der findet meine täglichen Sätze und Worte unter @fugenpoet
Das Wort stammt noch aus der heißen Renovierungsphase hier im Haus, als ich ständig mit Fugendichtung zu tun hatte…





Beim Aufräumen über eine alte Daten-CD gestolpert (als es noch keine externen Festplatten für mich gab). Hier ein paar Signale aus der Vergangenheit.






Im September 2012 durfte ich ein Konzept zur bildnerischen Ausgestaltung zweier Stockwerke der Nebenstelle Heidenkopferdell des Saarbrücker Amtsgerichtes vorlegen. Ende 2013 erhielt ich dann den Zuschlag für diesen Auftrag, dessen Realisierung, umfassend der detaillierteren Ausarbeitung des Konzeptes und Erstellung bis Montage der fertigen Arbeiten sich bis zum 13. Dezember 2014 erstreckt hat. Oben einige Abbildungen auch zur Situation vor Ort.
Im Folgenden einige Gedanken aus meinem überarbeiteten Bildkonzept aus dem Frühjahr 2014, aktualisiert und textlich angepasst für harthbasel im Februar 2015.
Soviele Gedanken, damit am Schluß der Weg frei ist für ein paar locker gepinselte Bilder…
Gedanken zum Bildkonzept:
Bereits nach der ersten Besichtigung der zu bespielenden Räumlichkeiten im September 2012 stand für mich folgende Frage als erstes im Raum:
Was machen nun also Bilder im Gerichtsgebäude?
Wenn man nun davon ausgehen soll, dass sie die dort wartenden Menschen nicht agressiv
stimmen sollen, es aber auch nicht Aufgabe der Kunst sein kann, Dinge zu beschönigen,
so muss die Kunst einen anderen Weg finden.
Wenn man nun davon ausgehen soll, dass man die dort wartenden Menschen nicht
intellektuell überfordert oder sie gar unmutig stimmt, man aber andererseits mehr erwarten
sollte, als dass jemand Pril-Blumen an die Wand klebt, so muss die Kunst einen anderen
Weg finden.
Für die dort arbeitenden Richter und anderweitig beschäftigten Menschen dagegen ergibt
sich die Aufgabe, sie auch auf einen längeren Zeitraum gesehen nicht zu unterfordern und
zu langweilen. Also dann doch einen gewissen intellektuellen
und optischen Reiz zu bieten.
Ich stricke also ein T-Shirt, dass gleichzeitig ein Norwegerpullover ist, der die einen wärmt
und das die anderen auch den Sommer über tragen können.
Was die Textilbranche mit Bestimmtheit nicht vermag, das vermag die Kunst.
Wie im Gerichtssaal, so wird in der Kunst Wahrheit verhandelt.
Was ist wahr und was ist recht.
Was ist wahr und was ist Recht?
Was ist der Fall?
Was ist die Welt?
Ist die Welt der Fall?
Ist der Fall die Welt?
Was ich mir vorstelle, sind eine Anzahl Bilder aus zwei unterschiedlichen
Themenbereichen, die jedoch eines zumindest gemeinsam haben:
Sie sind auf mehreren Ebenen zu lesen und vermögen den Betrachter, so er will,
anzusprechen und zu beschäftigen.
Was mir bei meinen Ortsterminen ebenso aufgefallen ist: der extrem zerfasernde optische Eindruck
der Situation. Nicht nur die üblichen Wartestühle sind zu finden, jetzt gibt es auch auf den
Etagen selbst eine Reihe von cafeteria-ähnlichem Mobiliar. Zusätzlich an den Wänden
montiert Hinweisschilder nach allerei Art, was bei der Art der vorzuschlagenden bildnerischen
Eingriffe und Ergänzungen zu berücksichtigen ist.
Komplett klare Linie, sprich am besten monochrome Blöcke, die die optische Unruhe
ausbalancieren, oder, und das wäre eher „mein Ding“, Bilder, die mit der gegebenen räumlichen
(und inhaltichen) Situation spielerisch umgehen und auf mehreren Ebenen gelesen
werden können.
Ich dachte mir als bestmögliche Variante, die Räumlichkeiten optisch zu beruhigen eine
fries-artig Gestaltung.
Die Signalkästen mit den Lautsprechern und den Hinweisen „öffentlich“ oder „nicht-öffentlich“
sind 50cm hoch. Sie waren der Maßstab für die Anbringung langer Bilder, die sich von
Tür zu Tür ziehen und sich sowohl im 1. OG als auch im 2. OG möglichst an identischer
Stelle wiederfinden.
An einer Stelle im 1.OG wird dieser Fries aber auch formal gebrochen, um auf die beiden großen Bilder im EG Eingangsbereich
bezug zu nehmen. Dies sollte aber den Eindruck einer bildnerischen Vereinheitlichung
nicht wesentlich schmälern, vielleicht sogar eher betonen.
Ein weiterer grundlegender Gedanke wäre, 1.OG und 2. OG zusätzlich zu verbinden,
indem sich die gleichen Bilder auf den unterschiedlichen Stockwerken ab gleicher Stelle
wiederholen. Bis auf die Stelle der beiden größeren Bilder und an der Stirnwand im Treppenbereich
(hier findet sich im 1.OG ein Heizkörper, wo im 2. OG ein breiteres Bild passen
würde) schien dies sehr gut möglich.
Dies ist eine bildnerische Konzeption, die mich schon länger beschäftigt, die aber bisher
noch nirgends realisiert werden konnte:
Die Idee der Dopplung (oder annähernden Dopplung) der gleichen Bilder in unterschiedlichen
Räumen.
Dies wäre vor allem für diejenigen interessant, die sich öfter in dem Gebäude aufhalten
und auch die Stockwerke wechseln müssen; das scheinbar Gleiche in unterschiedlichem
Kontext und dadurch natürlich auch den Kontext wieder anders wahrzunehmen.
Welche Motivgruppen fänden Verwendung?:
1. Sitzgelegenheiten als individuelle, vergleichbare Formen
Wie z.B. beim Arzt oder in mittlerweile so genannten Arbeitsagenturen, wo man inzwischen
weder Kranker noch Arbeitssuchender mehr sein darf, sondern zum „Kunden“ degradiert
wurde, so vermitteln einem Warteräume öffentlicher Gebäude generell oft das Gefühl von
Identitätsverlust. Ich bin nur eine Nummer, bzw. ein Fall unter vielen. Man sitzt auf Stühlen
und wartet auf das wie auch immer geartete Schicksal, auf das man keinen Einfluss zu
haben scheint. Ebenso trist wie das entstehende Gefühl sind meist auch die Stühle, auf
denen man sitzt. Hat man Glück, sind sie wenigstens bequem.
Eine Bildidee, die mich umtreibt, wäre also das Portraitieren erst einmal einer ausgewählten
Sitzgelegenheit, wie man sie im Amtsgericht vorfindet, gepaart möglicherweise mit ein
oder zwei anderen Stühlen von außerhalb, damit das ansonsten eher unbeachtete Möbel
an Aufmerksamkeit gewinnt und in seiner Unterschiedlichkeit und Individualität wahrgenommen
werden kann. Diese Sensibilisierung für Unterschiede im scheinbar Gleichen
kann der Betrachter natürlich auch wieder auf sich selbst beziehen und dadurch ein Stück
Identität und Gleichgewicht zurückgewinnen.
Die vorhandenen Sitze im Amtsgericht kontrastieren sowieso bereits sehr hübsch mit dem
cafeteria-ähnlichen Mobiliar, das, wie berichtet wurde, vom Publikum ausgesprochen gerne
angenommen wird. Man sitzt also bequem und könnte sich in die Betrachtung der Stuhlformen
auf Bild und in Realität entspannt widmen. Das Aufgreifen von Formen, die einem
später in Sitzungssälen oder anderen Räumen begegnen können, wäre zusätzlich interessant.
Möglich sind hierbei auch direkte Dopplungen von Wirklichkeit und Abbild in nächster
Nähe, was den Raum zusätzlich optisch beruhigen könnte.
2. Ampelbilder
Neben dem Motiv-Konzept der Stühle möchte ich als zweites auf das Konzept der Ampelbilder
zurückgreifen:
In den Jahren 2004 und 2005 gab es eine Reihe von vielleicht etwas naiv gemalt anmutenden
sogenannten „Ampelbildern“. Von einem verballhornt-philosophisch angehauchten
Gedanken angeregt: „Wie fühlt sich jemand, der, egal wohin er kommt und zu welcher Zeit,
von Kindesbeinen an bis ins hohe Alter nur auf Ampeln trifft, die „rot“ zeigen? Was macht
das mit Selbst- und Weltbild?“, könnte man eine mutige Brücke schlagen zu der Frage:
Was macht eigentlich die Justiz?
Sie schafft Interpretationen von Wirklichkeit, ordnet ein, spricht Recht, stellt Ampeln für
die betroffenen Parteien auf Grün, Gelb oder Rot. Deshalb fände ich als zweiten bildnerischen
Ansatz weitergedachte Ampelbilder durchaus geeignet. Mit etwas hoffnungsvollem
Blau am oberen Bildrand, darunter ein Wald aus Bäumen und Ampeln. Für den außenstehenden
Nichtjuristen sind die Bewertungs- und Einordnungskriterien der Juristen oft ein
undurchdringlicher und unverständlicher Dschungel. Bäume und Ampeln, wild gemischt,
geschaltet auf Grün, Gelb oder Rot.
Vielleicht ein etwas gewagter Symbolismus, aber man muss die Bilder ja nicht auf dieser
Ebene lesen.
Zwei große Ampelbilder fänden sich im 1. OG. Darüberhinaus werden sich die Motivstränge
auch auf unterschiedlichste Art und Weise mischen.
Diese Idee der beiden großen Ampel-Wälder ließ sich aber gerade bei den Juristen inhaltlich nicht durchsetzen. Vielleicht war der Symbolismus dann doch etwas zu gewagt. Es wurde ergänzt und geändert in zwei große Landschaften, die das Gerichtsgebäude in einer landschaftlich gebrochenen “Gegend” darstellen, die Ampeln tauchen immer wieder in den anderen Bildern und Motivgruppen auf.
Der Vorteil dieser großen, das Gebäude selbst aufgreifenden, Landschaften ist denn ein anderer: Wir haben zusätzlich in dem Gesamtbildkonzept einen Blick von Außen ins Innere des Gebäudes und gehen bis hin zu den Stuhl-Motiven immer mehr ins Detail und auf’s Einelne, und wenn man die Stühle als symbolisch für “das Individuelle” sehen will, sogar hin zum Einzelnen. Dies war ein gedanklicher Vorschlag aus einer Besprechungsrunde Ende März 2014, die ich interessant fand und gerne aufgegriffen habe.
Das Arbeiten in und für Situationen, die dafür scheinbar erst einmal nicht geeignet scheinen,
ist etwas, was mich von jeher sehr interessiert hat. Auch das Konzipieren von Bildern oder
Ausstellungskonzepten für Räume, die „man“ eigentlich nicht bespielt.
So fand bereits mein Vordiplom 1992 im Treppenhaus des Fachbereichs Bildende Kunst
der Johannes-Gutenberg-Universität statt und nicht in der Ausstellungshalle.
Und hier schließt sich der Kreis: Was machen eigentlich Bilder im Amtsgericht?
Alles in allem sind also Arbeiten entstanden, die sich inhaltlich und formal mit den gegebenen Räumlichkeiten
auseinandersetzen — wo man einfach nur „Stühle“, „Landschaft“ oder „Ampel“ sehen
kann, oder, sofern man kann und will, weiterführende Betrachtungen anzustellen vermag.
Alles ist so wie es ist. Aber es kann auch anders sein. Und darin liegt entscheidendes utopisches
Potential. Und ein bisschen utopisches Potential im Gerichtsgebäude, das kann ja
eigentlich nicht von Schaden sein.
“ohne Titel (Ikarus)” ist ein Titel für den gesamten Komplex, der sich beim Malprozess eingeschlichen hat. Die individuelle Katastrophe ist nicht sichtbar, aber sie findet statt. Irgendwas an der Welt stimmt dann doch nicht, obwohl doch alles so schön blau ist.
KAISERJÄGERTOD: Wie hoch schätzen Sie die voraussichtlichen Verluste?
DER KOMMANDANT: 4000.
KAISERJÄGERTOD: Die Truppen sind befehlsmäßig zu opfern.
DER KOMMANDANT: Wenn sie herauskommen werden, waten sie bis zu den Knieen im Schnee und sollen dabei eine überhöhende Stellung des Feindes angehen.
KAISERJÄGERTOD: Haben Sie denn keinen Feldkuraten, der die Leute aufpulvern könnte? Die Offensive darf um keinen Preis verzögert werden!
DER KOMMANDANT: Exzellenz, es liegt ja soviel Schnee, daß ein ganzes Regiment aufgerieben wird.
KAISERJÄGERTOD: Ein Regiment? Was macht mir ein Regiment?
DER KOMMANDANT: Die Leute stehen mit hungrigem Magen im Wasser. Sie kämpfen verzweifelt gegen die gewaltigen unausgesetzten Anstürme der Russen.
(Der Kaiserjägertod wird zum Telefon gerunfen.)
KAISERJÄGERTOD: Was? Ablösung oder Verstärkung? Herr Oberst, Sie haben auszuhalten bis auf den letzten Mann, ich habe keine verfügbare Mannschaft, und ein Zurück kenne ich nicht, koste es, was es will! Was? Einen Tag Ruhe wollen s‘ zum Trocknen der Kleider? Was sagen Sie? Ihre armen, braven Tiroler liegen erschossen draußen und schwimmen im Wasser? (Brüllend.) Zum Erschießen sind sie da! Schluß! – So und Ihnen habe ich nichts anderes zu sagen. Die Truppen haben in ihren Stellungen auszuharren, es geht um meine Existenz! (Ab.)
Bei all meinem Nous sommes tous Charlie-Unbehagen habe ich mir letztens nach acht fast Jahren Abstinenz mal wieder eine titanic-Ausgabe gekauft. Und fand das alles sehr erfrischend, war aber andererseits auch erstaunt darüber, was es acht Jahre später fast immer noch genauso gibt wie damals.
Stefan Gärtner schreibt einen beachtenswerten Artikel zu meinem Unbehagen-Thema, „Alle Charlie. Keiner BODO“.
Er führt den Gedanken dorthin, wo die Probleme herkommen: Wir sind Teil des Systems.
Der Schluß seines Textes sei hier zitiert:
„…Anderes Beispiel, wiederum vom 8. Januar: ‚In einem außergerichtlichen Vergleich vor einem Londoner Gericht hat der Konzern (Shell) sich bereiterklärt, 15600 Einwohnern einer Gemeinde namens Bodo insgesamt rund 70 Millionen Euro Enstschädigung zu zahlen. Dafür, daß im Jahr 2008 eine Pipeline von Shell zweimal kurz hintereinander brach, woraufhin wochenlang soviel Öl auslief, daß Mangrovenwälder und Fischgründe weiträumig auf Jahre zerstört waren…Dokumente, die dem Gericht im Laufe des Verfahrens vorgelegt wurden, zeigen, daß der Konzern den verheerenden Zustand der Pipeline seit langem kannte… In der Region seien bis heute zahlreiche weitere Pipelines in ähnlich marodem Zustand in Betrieb und gefährdeten die Lebensgrundlagen Tausender Anwohner.‘ (SZ)
Deswegen ist freilich keiner Bodo, der auf dem Heimweg von der Ich-bin-Charlie-Demo seinen Wagen volltankt. ‚Durch nichts‘, da hat die Kanzlerin mal recht, ist das Massaker als ‚Angriff auf die Meinungs- und Pressefreiheit‘, ein ‚Kernelement unserer freiheitlich-demokratischen Kultur‘, zu rechtfertigen. Unsere freiheitlich-demokratische Kultur ist aber auch darum unsere, weil wir nach Kräften dafür sorgen, daß niemand sonst sie sich leisten kann.“
Danke Stefan Gärtner!
Das Foto unten war letzte Woche in der Saarbrücker Zeitung auf der Leserbriefseite. Ich glaube, es sind die Dillinger Gymnasiasten, die jetzt alle umgetauft wurden…

Heute erhalte ich über den BBK eine Einladung, an einer Ausstellung teilzunehmen, die sich die Anschläge auf Charlie Hebdo zum Anlass nehmen will, dazu Stellung zu nehmen.
Ich bin seit diesem 7.Januar ein wenig überfordert, aber weniger durch die Anschläge selbst, sondern durch die diversen Reaktionen darauf.
Menschen, die bis eben noch nie den Namen CHARLIE HEBDO gehört haben, sind plötzlich alle höchstpersönlich Charlie.
Wer bin ich, wenn alle Charlie sind?
So sehr einem diese Anschläge betroffen machen können, ist diese Art des Mitgefühls nicht ein wenig wohlfeil?
Mainstream-Mitgefühl, das ja nix an Engagement kostet, weil es ja alle machen?
Ich hatte fast 20 Jahre lang ein Titanic-Abo. Charlie Hebdo war mir kein Begriff. Ich kannte auch keinen der dort getöteten Zeichner. Wäre es nicht jetzt ein wenig anmaßend, plötzlich so zu tun, als wäre ich ein Mitglied der Familie? Was bewirke ich, wenn ich mir jetzt die neueste Ausgabe auf dem Schwarzmarkt ergattere?
Ist das dann Anteilnahme? Oder Trophäen-Jagd? Oder kaufe ich mir damit ein Stück vom Kuchen des Guten, das ich herzeigen kann und sagen: auch ich bin ein Guter?
Warum ist keiner Donezk? Oder warum war keiner Madrid? Srebrenica? Lidice? Buchenwald?
Gibt es ein richtiges Leben im Valschen?
Kann es richtig sein, für etwas Richtiges das Falsche zu tun?
Nämlich für das Gute zum Mitläufer zu werden? Zum Mitmacher?
Ich bin nicht Charlie. Ich bin Klaus. Und als solcher trage ich Verantwortung für mein Tun und Handeln.
Und nur das trägt zu einer verantwortungsvollen und offenen Gesellschaft bei.
Keine verallgemeinernden und gedankenlosen Parolen. Auch wenn sie für das Gute stehen.


Donnerstag 29.1. ab 19 Uhr30 Mannheim-Feudenheim Neckarstraße 3.

Ausstellungseröffnung jetzt am Donnerstag, 29.1., 19Uhr30 in Mannheim-Feudenheim, Neckarstraße 3.