BEWEGUNG

Die Nazis nannten ihre Bewegung ja Bewegung. Mir war nie so richtig klar, wie wörtlich man das eigentlich verstehen sollte.
Und es ist, wie es oft ist: Da gibt es ein Buch schon länger, als es einen selbst gibt, was so ziemlich auf die meisten Bücher zutreffen dürfte, und dann liest man es irgendwann, in diesem Falle sogar relativ spät in seinem Leben, und dann entdeckt man Sätze, die einem quietschvergnügt eine Erkenntnis an die Hand geben, die einem die Augen und Gedanken öffnet, und die für andere schon seit 75 Jahren zwischen diesen Buchdeckeln zu entdecken war.
Wieso hat dies nur nie jemand erwähnt?
„Vergleicht man den totalen Herrschaftsapparat mit einem der vielen aus der Geschichte bekannten Staatsapparate, dann kann man ihn nur als strukturlos bezeichnen. Dabei vergißt man, daß nur ein Gebäude eine Struktur haben kann, daß aber eine Bewegung, nimmt man dies Wort so buchstäblich ernst, wie die Nazis es genommen haben, nur eine Richtung haben kann und daß jegliche gesetzliche oder staatliche Struktur für eine immer schneller in eine bestimmte Richtung sich bewegende Bewegung nur ein Hindernis ist. Die totalitären Beweungen repräsentieren bereits vor der Machtergreifung diejenigen Massen, welche in einem staatlichen Gebäude gleich welcher Natur nicht mehr zu leben bereit sind. …“ (S. 832)
Die totale Macht über jemanden erreichst du nur, wenn du ihm keine Ruhe gibst. Sobald sich die Bewegung in irgendwelchen Formen verlangsamt, festfährt, dann ist es wortwörtlich vorbei mit der Bewegung, es kehrt Ruhe ein – und Ruhe ist der Feind der Bewegung, ist Stillstand, ist Machtverlust. Denn in der Ruhe kommt der Mensch wieder zu sich. Beruhigt sich. Lässt sich nicht mehr total kontrollieren und bemächtigen.

Der totalitäre Staat (eigentlich wäre das schon ein Widerspruch an sich, da alleine schon die Idee des Staates dem Chaos der Bewegung entgegenläuft) muss also an der permanenten Wiederherstellung der Strukturlosigkeit arbeiten. Nur dann ist die Macht total.

Das ist interessant und lässt uns natürlich sofort auf unseren amerikanischen Freund Trump schauen. Was macht er mit uns? Eben tritt er den Iran-Krieg los, dann droht er wieder mal damit, Grönland zu annektieren, dann führt er Selensky im amerikanischen Fernseher vor, danach empfängt er ihn wieder ernsthaft, um dann wieder eine Rot-Sperre bei der Fußball-WM zurücknehmen zu lassen. Die zwischen Staaten geltenden diplomatischen Regeln werden außer Kraft gesetz (Arschloch J.D. Vance mischt sich in die Innenpolitik von Großbritannien und der Bundesrepublik Deuzschland ein, um die rechten Kräfte zu stärken, wer weiß, was da noch kommt, wenn Trump weg ist).
Eine permanente Unberechenbar- und scheinbare Strukturlosigkeit.
Yeah.
Keine weiß, wie man damit umgehen kann. Keiner weiß, was noch kommt.
So übt man Macht aus. So wird die Macht über die Welt totaler.

Und geht es uns im täglichen Klein-Klein nicht auch so?
So fern wir es zulassen, werden wir zugeballert mit Infos und noch mehr Infos.
Noch ne Mail. Noch eine Aufplopp-Nachricht.
Keine Zeit für Muße und Nachdenken und klare Sicht.

An anderer Stelle heißt es (S. 695): „Für den totalen Herrscher stehen die beiden Tätigkeiten des Schachspielens und der Kunst auf durchaus gleichem Niveau; in beiden ist der Mensch völlig von einer Sache absorbiert und gerade darum nicht vollkommen beherrschbar. Himmler hat nicht zu Unrecht den SS-Mann als den neuen Typus definiert, der unter keinen Umständen ‚je eine Sache um ihrer Selbst willen‘ tun wird.“