
Skizzenbuch und permanenter Ausstellungsraum von Klaus Harth

wenig geschrei um alles
ich mißtraue dem funkeln der sterne seit wir damals alle eingeschlossen waren kommen sie mir hinterlistig vor und nicht mehr lustig und ich füttere den mond stattdessen der mich beißen wird oder sogar fressen wer weiß aber aus dem mißtrauen gegenüber den sternen wird das vertrauen in den mond der mich beißen wird oder sogar fressen und eigentlich weiß ich das genau aber gleiches recht für alle auch für die die micht entrechten und engrechten und da hinten war ein stern für den sich niemand interessiert hat aber ich es geht ungerecht zu und gleiches recht für alle ihr starrt nur alle auf die zähne des mondes es wird aber nicht so schlimm werden denn die gefahr ist anderswo nämlich in der hinterlist der sterne die schwach funkelnd schon lange nicht mehr die wahrheit sagen was ist also gegen den mond zu sagen gegen seine zähne dank seiner gravitätischen kraft könnten sich neue hoffnungsvolle und alternative sternbilder bilden sie wachsen am himmel sie wachsen am abend und am morgend sind sie auch noch da (ich weiß nicht was ihr wollt) mit neuen horrorskopischen tatsachen bekommen alle diejenigen futter denen das futter zusteht nur diejenigen nicht die gar nicht hierher gehören und wer sagt das das sagen ich und der mond und am schluss nur noch der mond ganz allein allein mit seinen zähnen.
In der Süddeutschen gestern ein Artikel über den Begriff der Kulturschaffenden, der immer mehr um sich greift und, wie der Artikel nachweist, nachweislich aus dem Nazi-Jargon stammt. Das ist interessant. Mein Lieblingssatz aus dem Artikel: „Wer Kultur schafft, hat einen Plan und erfüllt seine Pflicht. All das Überflüssige und Überschüssige, das Nutzlose, Luxuriöse, das Zufällige, Emergente, Explosive, das die Kunst braucht, geht in dem Begriff nicht auf. Und schon gar nicht die seltsame Erkenntnis, dass es oft die Werke sind, die den Künstler formen und nicht umgekehrt.“ Ok, das war mehr als ein Satz. Aber: Wer Kunst schafft, erfüllt seine Pflicht. Kunstsschaffende kommt bei mir fast in einem Atemzug mit „Kreativwirtschaft“. Und vielleicht sind auch hier die Gründe zu suchen, warum mich kaum noch was hinter dem Ofen hervorlockt. Alles funktioniert irgendwie. Passt sich ein. Ist ein Teil der Unterhaltungsindustrie: Jetzt Tickets lösen für die Art Karlsruhe! Die Leute vom Saarbrücker Künstlerhaus bieten seit Jahren Fahrten zur Art Karlsruhe. Dabei war Joseph Beuys, den laut Matthias Winzen diese Woche im Saarbrücker Zeitung Interview kaum noch 5% der aktuellen Kunststudenten kennen, bereits klar: die Mysterien finden am Hauptbahnhof statt. Mit Sicherheit nicht auf der Art Karlsruhe. Dort findet man das, was auf dem Markt funktioniert. Ach, wär ich doch nur ein wirklicher Epikuräer. Kann man das lernen? Ich halt mich da raus, muss mich dann aber auch nicht drüber aufregen? Ich spiele nicht mit, spiele dann aber auch nicht mit? Konsequenz ist was für Anfänger. Belegen wir einen Fernkurs in Misanthropie. Vielleicht macht es das besser. Und: Ich sollte endlich, endlich mal Lutger Lüdekehaus‘ Buch über NICHTS lesen. Das liegt seit 21 Jahren auf meinem Nachttisch. Vielleicht ist langsam Zeit dafür.
24.1.26 23uHr20 bis 23UHR24
die kauende schwester zaubert einen ball. Betrachtet ihn. Betrachtet ihn noch länger. Doch sie will und kann es nicht erklären. Oder sollte man nicht besser sagen: sie will und darf es nicht erklären? Nicht über alle dinge darf man sprechen, nämlich. Insbesondere nicht über namenlose bälle. Und endliche bälle. Und namenlose, endliche bälle. Hin und zurück. Schwester hin. Und schwester her. Wir gehen in ihre küche und lesen ein buch. Danach messen wir ihren blutdruck. Es gibt kein zurück. Wir ziehen uns warm an, denn man sollte sich auf alle fälle immer warm anziehen. Alle felle. Aber nicht zu warm. Zu warm kann dann wieder doch gefährlich werden. Die schwester kaut. Aber sie schweigt nicht. Sie hat einen blutdruck und keinerlei gefühl für ihren puls. Was für ende. Was für ein beginn.
ich war in der wohnung eines freundes. er war munter und voller energie. das war überraschend. er plante und machte, war voller tatendrang und suchte bilder aus. irgendwann wurde er müde. schlief ein. mitten in seinem eigenen satz. ich entdeckte in der wohnung überall hausschuhe. so ein bisschen wie adiletten. darin säuberlich drapiert jeweils ein paar socken. ich dachte: wahrscheinlich vergisst er jedesmal, wo er seine hausschuhe abgestellt hat und kauft sich dann ein neues paar, um es wieder zu vergessen, um sich wieder ein neues paar zu kaufen usw. usf. was für ein drama. und es scheint ihm überhaupt nicht aufzufallen, weil ja alles voller schuhe steht …
er wird wach und ich erzähle ihm diesen gedanken. er blickt sich um, bemerkt all diese schuhe und ist sichtlich verlegen. er begreift und es ist ihm peinlich. er ergreift meinen arm. es ist ihm einfach noch nie aufgefallen. hausschuhe als gedanken, die er immer wieder vergisst, wiederholt und neu irgendwo abstellt. was haben schuhe mit denken zu tun? kann man seinen kopf mit immer wieder denselben hausschuhen vollstellen? vorstellung und vollstellung?
der mensch wird nicht hübscher, wenn er auto fährt, aber er tut es natürlich trotzdem. tagaus und tagein. ohne unterbrechung, vorwärts, rückwärts, meist vorwärts. manche haben vorfahrt und ampeln gibt es. der faradaysche käfig schützt nicht nur vor blitzeinschlag. ist straßenverkehr so etwas wie der alltag? hier bin ich mensch, hier darf ich sein? manche sitzen auch zu viert im auto. wir müssen als erstes an der ampel sein, denn wir sind ein spermium. oder sonstwo. zeit ist leid. welches bild habe ich von der welt, wenn ich immer nur auf grüne ampeln treffe? wenn es nur noch philosophen am lenkrad gäbe? nirgends darf ich aussteigen, denn es handelt sich um eine utopie. parkverbot heißt, dass niemand je ins grüne darf. halteverbot, dass alle rastlos leben müssen. oder rastlos rasen. ich halte mich am lenkrad. ich beiße hinein und es schmeckt kein bisschen nach advent. ich bin nicht gern, wo ich herkomme. und weißt du: das geht allen so!
letztens haben wir geatmet nicht heimlich sondern in aller öffentlichkeit und es war fast schön und angenehm die luft konnte man sogar im spiegel sehen da sie die körper steigerte und dehnte und steigerte und dehnte fast ins unermessliche von dem ungaretti sagte dass es ihn erleuchte aber ich ernähre mich durchs unvergessliche und nicht durchs unermessliche und wenn ich das hier sehe und nicht vergesse dann werde ich platzen platzen und platzen und das atmen wird mir eine qual
die sehr schmale mondsichel mit dem stern darunter – fast bin ich zu faul gewesen, es zu zeichnen – ein schlechter versuch etwas später aus dem gedächtnis, aber immerhin: ansonsten wäre der mond ewig verloren
(es ist interessant: auf die idee, zeichnungen zu verbessern, kommt man ja immer mal wieder. und natürlich schraube ich immer wieder auch, und manchmal sogar massiv, an sätzen und texten rum. zum erstenmal aber komme ich auf die idee, einen text, in diesem fall den tagessatz vom 20.9. letzten jahres nur in einem einzigen wort zu verändern, aber beide versionen so stehen zu lassen.)
die welt macht mich dümmer, tag für tag
NEGIERUNGSCHEF
das rätsel ist gelöst: alle begriffe sortiert in unnachahmlicher zeit. Ich tausche etwas gegen etwas und nichts gegen nichts. Langsam gegen schnell. tun gegen nicht-tun. dasein gegen wegsein.
am 1. januar flog eine amsel hier gegen die scheibe, so heftig, dass sie verstarb. Amseln sind vögel, die uns glücklich machen. Vor jahren grub ich im garten eine wurzel aus und eine noch recht junge amsel flog immer wieder in meine nähe und beobachtete mich und den aufgegrabenen boden. Ich machte also immer mal wieder eine pause, kletterte aus dem loch und ließ die amsel würmer finden. Danach haben wir wieder gewechselt. Ich buddele weiter, die amsel sitzt und guckt. Etwas später im jahr damals kam immer wieder eine junge amsel in meine nähe geflogen und beobachtete mich beim lesen oder den anderen dingen, die ich im garten tat. Und natürlich war ich der meinung, dass es genau dieselbe amsel gewesen sein muss. Der tod anderer vögel geht uns nicht so nahe. Wenn es sich beispielsweise um hühner handelt, wenn auch aus kontrolliertem anbau. Aber amseln: ja! Sich am ersten januar in den tod fliegen, weil man eine scheibe nicht erkennt: nehmen wir uns kein beispiel!
einer der träume, die mich immer wieder verfolgen: in einer stadt, in der ich früher mal gelebt habe, gibt es noch eine wohnung, die ich nie gekündigt habe, die ich selten aufsuche, in der sich noch eine menge dinge befinden und die ich endlich einmal auflösen müsste. Manchmal kostet mich diese wohnung noch unnötig miete, meist spielt das aber keine rolle. Wichtiger ist, dass die dinge dort verkommen und vorkommen, dass ich es nicht schaffe, das endlich mal zu sortieren und in ordung zu bringen. Manchmal verstecke ich mich vor den nachforschungen der wohnungsgesellschaft, die mir auf die schliche gekommen ist. Auf alle fälle bin ich immer froh, wenn ich merke, dass das nur ein traum ist und es einen ausweg gibt. Das ist von der deutung jetzt auch nicht sonderlich tiefgründig. Aber trotzdem sehr beunruhigend.
WIR FÜLLEN DIE LEERE DURCH ZUFALL.
(ein Satz aus dem Jahr 2018. gilt immer noch.)
Eben bin ich beim Spülen des Geschirrs. Der Reste unserer weihnachtlichen Einladung. Keine Familie diesmal. Sondern Freunde. Ich höre dabei eine alte Schallplatte, die mir einmal zugetragen wurde mit den Worten: Kannst du gerne haben, ich kann nichts damit anfangen. Ich konnte damals schon sehr viel damit anfangen: Keith Jarrett „Invocations“. Er spielt an der Orgel und dazu gibt es ab und an Saxophon. Wobei ich nie herausbekommen habe, wer hier Saxophon spielt, das steht nirgends auf der Platte und im Internet hab ich es bisher auch nicht rausbekommen. Eine teils, für viele Ohren wohl, schräge und radikale Aufnahme. Mich berührt diese Musik immer sehr. Gerade an den Stellen, wo es sehr radikal wird. So radikal ist er in seinen Klavierimpros eher nie gewesen. Das hab ich bei seinem Bruder gefunden, Chris Jarrett, aber bis auf dieser Platte Invocations nie bei ihm.
Das sollte Kunst können: Das Leben in all seinem Schmerz und Unaushaltbaren ausdrücken. Und auch in dem Aushaltbaren.
Ich versuche mich zu erinnern, von wem dieses Zitat war. Und warum ich es nie irgendwo notiert habe, außer in Tagebüchern.
Glenn Gould wird es in den Mund gelegt im Buch von Jonathan Cott: „Telefongespräche mit Glenn Gould“.
Seite 20, Gould zitiert wiederum Nietzsche:
„Sie (die Kunst) allein vermag jene Ekelgedanken über das Entsetzliche und Absurde des Daseins in Vorstellungen umzubiegen, mit denen sich leben lässt: diese sind das Erhabene als die künstlerische Bändigung des Entsetzlichen und das Komische als die künstlerische Entladung vom Ekel des Absurden.“
Yes. Und das ist es, was ich oft bei dem vermisse, was sich im mich herum so als Kunst enfaltet. Oft nur noch Design und Projektionsflächen für die Kopfkinematografien der Betrachter*innen.
So viel muss gesagt werden an diesem 1. Januar.
Ach, es ist noch gar nicht erster Januar?
Sondern 25. Dezember.
Egal.
4.12.25 heute morgen ein kurzer moment des innehaltens und erschreckens: eine plötzliche stille, von der man erst einmal begreifen musste, dass es diese war, die einen irritierte: von einer sekunde auf die andere kein auto mehr auf der straße, morgens, viertel vor sieben, eine epiphanie, wie lange wird das anhalten, wird das sogar ab sofort für immer und ewig so sein, als hätte es niemals … (?) – eine halbe minute war es am schluss, die einem aber unendlich lang vorgekommen ist
Ich denke grade über neue Formen nach. Und über Dinge, die man sich früher so getraut hat. Und die niemanden interessiert haben. Die einen aber freier gemacht haben. Ich hatte zum Beispiel mal die Idee, für ein paar Wochen lang Sonntag morgens so um 6 Uhr rum an der Konzertmuschel im Deutsch-französischen-Garten in Saarbrücken ein Klarinettenstück zu spielen. Dinge, die sich ereignen, die aber kaum jemand mitbekommt. Die sich aber trotzdem ereignet und folglich die Welt verändert haben. Auch wenn sie, diese Welt, das nicht bemerkt hat. Heute lasse ich mich vom Alltag auffressen. Die tagessätze, mit denen ich mich gegen die Vereinnahmung wehre, schreibe ich viel zu selten. Meine Beobachtungen sind meine Beobachtungen und meine Sprache, die ich der Welt entgegensetze, verhindern, dass ich überrollt und aufgefressen werde. Ich schreibe sie viel zu selten, diese Sätze. Ich zeichne viel zu selten die Blätter, die mich am Leben halten. Auch wenn sie keiner sieht, existieren sie und verändern die Welt. Auch wenn sie es nicht merkt. Sprich wenigstens mit dir selbst. Leise reicht völlig. Viel zu viele sind laut genug.
während die einen sich verirren, müssen die anderen an ihrem platz bleiben