Es kann wunderbar sein, nicht zu denken. Naja, sagen wir mal: anders zu denken. Wenn man die Sachen nicht zu greifen bekommt, dann kann man in angedachten Formlierungen schwelgen, sie wieder abbrechen lassen, durch etwas anderes ergänzen. In dieser Zeit, in der einen so vieles bedrückt, kann es zwar keine Lösung sein, aber die Verknotungen etwas lösen, wenn man undurchdacht vor sich hin formuliert. Das ist eine Art des Zeichnens, die etwas Befreiendes haben kann. Dort, wo wir nix greifen und begreifen können, entstehen Gedichte. Sprache, die ausspricht, in dem Wissen, dass sie eigentlich nichts konkret benennen kann, weil es mit Sprache eben nicht konkret zu benennen ist. Oder eben solche Zeichnungen.

Derzeit (entstanden aus dem Zusammentreffen mehrerer Zufälle: die Benutzung von Sprühfarbe wegen der plötzlichen Einbeziehung in die Organisation der PRÜF-Demos, das Geschenk einer schön dickflüssigen Farben, die mir Sita aus Kamerun mitgebracht hat, dem Wunsch Peter Tiefenbrunners nach einer Steam-Punk-Maschinen-Zeichnung im Rahmen der Bühnenbild-Projektions-Zeichnungen für das Lebenshilfe Musical) kritzele ich an 63x44cm großen Blättern, die ich gar (noch) gar nicht näher benennen kann. Obwohl ich heute mittag dachte, dass sie meinen Zeichnungen zu Ann-Cotten-Gedichten doch recht nahe kommen, die ich anfang 2021 gemacht habe. Damals mit Kugelschreiber und Haarspray vor allem.

Auch entstehen wieder Vogelbilder. Und auch das ist interessant und hat befreienden Charakter: Die mir allzu vertraute Serie, das mir allzu vertraute Motiv, in Szene gesetzt, um dieses Allzu-Vertraute immer wieder aufzubrechen und über einen längeren Zeitraum und vermittels großem Durchhaltevermögen auf die Probe zu stellen. In wie weit trägt das? In wie weit taugt das? Und auch hier: das Experimentieren mit Sprühfarbe (u.a.) für die Hintergründe und die Verwendung von wasserlöslicher Ölfarbe führen zu unbedachten Setzungen, die sich aber immer wieder am Motiv und dessen Ausdrucksmöglichkeiten orientieren und dabei Freiheiten freisetzen. Verknotungen lösen. In Vertrautem neues entdecken.

Und dann entstehen parallel größere Aquarelle (in denen auch der ein oder andere gesprühte Part ins Spiel kommt) nach Fotos von Autofahrten. Sie sind eine Ergänzung zu der (auch weiterhin entstehenden) Serie: menschen ohne parkplatz. Und eine Weiterführung der gegenden aus den „botanischen Gärten“ Burbach und Völklingen. Und den „gegenden-nk“. Hier macht die Größe den Unterschied zu den Dingen, die bisher so passiert sind.

Und wenn alles gut geht, arbeite ich an all diesen Dingen parallel: An den Aquarellen und den Vogelbildern an zwei improvisierten Tischen im Garten, wo man auch wunderhübsch rumsprühen kann. Und an den Zeichnungen an einem kleinen Tisch im Zwischenbereich unserer Wohnung.

Atelier ist immer und überall.

Klingt doch eigentlich alles ganz in Ordnung. Aber es übertüncht nur schwer die Fratzen unserer Zeit, die man grade fast überhaupt nicht los werden kann. So viel kann ich gar nicht zeichnen und malen und schreien.

Hannah Arendt schreibt in „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (S. 679 der Piper-Taschenbuch-Ausgabe):

„Diese Menschen konnte man nicht mehr zu politischen oder revolutionären Aktionen bewegen, indem man ihnen sagte, daß sie nichts zu verlieren hätten als ihre Ketten; sie hatten bereits sehr viel mehr verloren als die Kette des Elends und der Ausbeutung, als das Interesse an sich selbst ihnen aus der Hand geschlagen wurde. Ihr materielles Elend war zumeist durchaus erträglich dank der Sozialversicherung moderner Staaten, aber das gab ihnen die verlorene Beziehung zu einer gemeinsamen Welt nicht wieder.“

Hannah Arendt kommt immer wieder auf diesen Verlust der gemeinsamen Welt.

„Das Hauptmerkmal der Individuen in einer Massengesellschaft ist nicht Brutalität oder Dummheit oder Unbildung, sondern Kontaktlosigkeit und Entwurzelt sein.“ (S. 682).

Jetzt kann man sich heute natürlich fragen: Leben wir in einer Massengesellschaft, wo diese Annahmen gelten? Ich kann in der mir eigenen und selbsteinschließenden Arroganz nicht ganz davon ab, Dummheit zu konstatieren: Die Massenmedien, die sich heute soziale Netzwerke nennen, machen den Menschen nicht klüger. „Informiere dich in den alternativen Medien“ heißt dich in der Regel nix anderes: Such so lange, bis das bestätigt wird, was Du sowieso schon denkst. Und dort, wo wir keine gemeinsame Welt mehr teilen, weil wir in sozialen Medien alles in tausenderlei parallel existierende Anschauungen und Meinungen zersplittern, können wir uns auch nicht mehr über eine gemeinsame Welt streiten.

Das Verbindende, das dann bleibt, wäre ein dumpfer Nationalismus als Verbundenheitsgefühl. Irgendwas muss einen ja verbinden. Hmm.

zu: menschen ohne parkplatz (überarbeitet, Version 14.5.26)

der mensch wird nicht hübscher, wenn er auto fährt, aber er tut es natürlich trotzdem. tagaus und tagein. ohne unterbrechung, vorwärts, rückwärts, meist vorwärts. manche haben vorfahrt und ampeln gibt es. der faradaysche käfig schützt nicht nur vor blitzeinschlag. ist straßenverkehr so etwas wie der alltag? hier bin ich mensch, hier darf ich sein? manche sitzen auch zu viert. wir müssen als erstes an der ampel sein, dann sind wir ein spermium. oder sonstwo. zeit ist leid. hier ist jetzt. welches bild habe ich von der welt, wenn ich immer nur auf grüne ampeln treffe? oder immer nur auf rote? die afd will ampeln nur noch mit blauem licht. was wäre, wenn es nur noch philosophen am lenkrad gäbe? nirgends darf ich aussteigen, denn nirgends gibt es einen halt. parkverbot heißt, dass niemand je ins grüne darf. halteverbot, dass alle rastlos leben müssen. oder rastlos rasen. ich halte mich am lenkrad. ich beiße hinein und es schmeckt kein bisschen nach advent. ich bin nicht gern, wo ich herkomme. ich bin nicht gern, wo ich hinfahre. und weißt du: das geht allen so!

tagessatz (letztens abends)

15.5.26 ein hündchen im dino-kostüm, eine frau am müllcontainer, deutlich dem hund zugehörend und die das alles auch schön findet, ein monotoner mäh-roboter, im dino kostüm, ebenso (das wäre ja auch vorstellbar (wieso ist noch nie jemand auf die idee gekommen, seinem mähroboter ein dinokostüm???)) = falsche atavismen im zeitalter falscher gefühle (war das nicht die definition von „kitsch“ das mit den falschen gefühlen (?), aber laut milan kundera ist kitsch ja die „verleugnung der scheiße“), im zeitalter falscher zukunftsvorstellungen also, auf dem trainingsplatz nebenan mehr bälle als spieler, wie zeichnet man das geräusch von torschüssen (?) – – – und jetzt, jetzt erst fällt es auf: kein einziger torwart weit und breit!

stöbere eben ein wenig in meinen „tagessätzen“. entdecke den vom 30.11.2016:

wenn es niemanden interessiert, was du tust, existierst du dann – wenn es nur ein paar interessiert, was du tust, existierst du dann ein wenig mehr – wenn es alle interessiert, was du tust, was dann???

aus: tagessätze

  • 12.5.26 die mähroboter des kunstgeschehens, sie mähen am abend und sie mähen am morgen, sie rasen und sie singen ihre bunten mähgesänge, solange bis wir zerfallen, so lange bis wir zerfallen vor erschöpfung, erschöpftem widerspruchsgeist, vor hirnverknebelung, vor farbverdruss, die nichtexistierende existenz, die scheinbar scheinbare scheinwelt, scheinweilt, es wird alles niedergerollt mit den vier zarten rädern des mäh-robotschiks, o kommet her: ich nehm euch eure last, ich nehm euch eure laster ebenso, ihr braucht auch nicht zu sprießen, ich halte euch klein, denkt nicht nach und singt mit mir das allerschönste lied vom allerbesten künstler.

kaum geh ich vor die tür,

mache ich mich schuldig

die nachbarin rettet den vogel

aber die luft, die wir atmen,

atmet sonst jemand anderes

3.5.26

ich esse kuchen und könnte genauso gut tot sein, kuchen essen und tot sein sind in solchen momenten identisch, sind ein und dasselbe, während sie in der kirche silbrig aufgeblasene kreuze als luftballons in die luft halten, man kann keine nägel reinhauen, genauso wenig, wie man sie reinhauen kann in einen solchen tag

30.4.26 wal-purgis-nacht 23ur37 bis 23UUR41

letzte woche hab ich die garage geöffnet. keller sind in filmen ja der ausdruck des unbewussten. hier ist das aber gar kein film, sondern das richtige leben und auch nicht der keller, sondern die garage (was nicht heißt, das es im keller gut ausgesehen hat), aber die garage hat es getoppt: irgendwo dort drin sollte sich eine kleine pferdekutsche befinden. sie ist allerdings überhaupt nicht zu sehen. du machst das garagentor auf und du siehst einfach nur müll. ich weiß gar nicht mehr, wie lange mein bruder und seine frau das obere stockwerk des hauses bewohnt haben. neun jahre oder sowas könnten es gewesen sein. und dann ein plötzlicher auszug. wobei das wort auszug ja oft mit dem wort besenrein verknüpft ist. hier allerdings nicht. der auszug war bereits im dezember 2024. jetzt bin ich nach all den dingen im letzten jahr so langsam in der lage, ein wenig klar schiff zu machen. mein bruder macht es nämlich nicht. und was hat man denn schon für möglichkeiten? ich werde ein foto machen von der garage. ich hatte die idee, dieses foto auf leinwand drucken zu lassen. einmal für mich als kunstwerk, und einmal für meinen bruder und seine frau als weihnachtsgeschenk. jetzt sehe ich heute aber eine werbung für foto-ausdrucke u.a. auch auf kissen, decken etc. und jetzt weiß ich:  2 kissenbezüge, vielleicht sogar mit den jeweiligen namen drauf (könnte ich ja als namensschilder mit in den müll stellen und mitfotografieren) als weihnachtsgeschenke. und für mich eins als kunstwerk.

abendspaziergang

die welt als riesengroßer schwachtisch, die traurigkeit des abgebauten kinderkarussels, abgebaut auf der wiese, verdreckt, plastik und metall, vielleicht auch holz, vortäuschung falscher tatsachen, jedesmal frage ich mich, ob das nur so vor sich hinrostet oder tatsächlich noch benutzt wird, ein jeep neben einem zaun, hinter dem leute sprechen, nachbarschaft, auch zeitungen haben ihre gerüche, manche mag ich, manche mag ich nicht, volks-lore, menschen, die in ihren garagen aus den autos steigen um ohne umherschweifen in ihre häuser zu krabbeln, hättest du für mich einen kalten bauch (?), eine ente quietscht in der luft, fliegt man besser, wenn man schreit (?), warum können pferde nicht gähnen (?), zu groß geratene hunde, die wie pferde aussehen, gleich hebt einer ab, ein baum klebt auf der wiese, die blumen kleben am himmel, nichts spiegelt sich und das internetz ist auch nichts anderes als eine zu groß geratene spinnenfalle für alltagsdumme, gefühlt ewig, wie heißt noch schnell die pflanze, die dich sticht (oder beißt, wie sagt man (?))(?), egal, sie riecht nach zwölf hunden mindestens und gleichzeit, riechen kann man aber nur nacheinander, meine mütze ist nicht verloren, mein ladekabel ist nicht verloren, eine freundin mit teilviel ahnung, kann man einen sonnenuntergang malen, der nicht kitschig ist, der sonnenuntergang unterhalb des weges gefällt uns besser als der oberhalb des weges, wir schweifen ab, ein extrem lauter vogel, bei vögeln erträgt man das, was man bei menschen furchtbar findet, im angesicht jedweder lüge ein doch ganz angenehmer abend

aus: der Radiozeichner

aus gegebenem Anlass finde ich es ganz interessant, die Texte zum Radiozeichner nochmal aus der Versenkung zu holen, ggf. zu überarbeiten, was ich eh schon seit Jahren machen wollte, und nochmal zu veröffentlichen. Vielleicht auch neue Tondateien dazu zu erstellen. Das Thema der Übersetzung von Bilder in Text in Töne ist mir mehr oder weniger zufällig nochmal zugelaufen. Also: Ran an den Speck.

Text zu Zeichnung Nr. 3 blieb unverändert.

here it is:

Zeichnung Nr. 3: Klaus Harth, aus: „DER FALL SOLA, abandonné, verlassen, einsam, öd“

Ausnahmsweise wird hier an dieser Stelle auch eine einzige Zeichnung aus eigener Produktion vorgestellt. Wenn man die eigene Arbeit als ein diskontinuierliches Kontinuum versteht, als ein meist tägliches Zeichnen, Aufnehmen, Uminterpretieren und Neuordnen von Welt, dann stellt sich vielleicht die Frage: wo kommt die Sache auf den Punkt? Kommt sie überhaupt irgendwo auf den Punkt? Und: ist ein Punkt denn schon eine Zeichnung, wo er doch per Definition gerade eben noch keine Linie ist? Also etwas, das sich noch nicht bewegt hat? In der Aufführung DER FALL SOLA des Liquid Penguin Ensembles (u.a. am 9.11.2017 während der ARD Hörspieltage), bei der ich als Life-Zeichner mitwirken durfte, und bei der man, grob gesagt, die Entwicklung von Sprachen, deren multimediale Verquickungen und Übersetzungen  von verbalen in musikalische und in bildnerische und von bildnerischen in verbale und musikalische undsoweiter und nochmal anders mitverfolgen konnte, gibt es eine Szene, die ich dann doch herausgreifen möchte. Es kommt, relativ zu Anfang, zu einer kleinen Meditation über das Wort „allein“. In mehreren Sprachen wird das durchgespielt, französisch, englisch, italienisch, japanisch, finnisch, deutsch und die Bedeutungen werden immer dramatischer. Von einem relativ neutralen „allein“ steigert sich das bis zu „wüst“ und „leer“ und „abandonné“, „verlassen“,“einsam“,“öd“. Währenddessen entsteht auf dem Overhead-Projektor, so langsam es geht, eine einfache Linie. Sehr sehr langsam. Extrem langsam. Eine einfache, einzige, einsame schwarze Linie auf hellem Grund, die auf der Bühne an die Rückwand projeziert wird. Von links nach rechts waagerecht gezogen. Die Musiker, eine Pianistin, ein Cellist, eine Bratschistin und ein Bassist, finden sich im Verlauf der Linie allmählich auf einem hohen vibrierenden Ton ein. Und in diesem Moment kann man die Linie hören und den Ton sehen. Da gibt es keinen Unterschied mehr. Diese Linie ist ein bewegter Punkt ist eine Linie und keine Linie. Sie kann allein und alles sein. Öd und bewegt, ein Horizont, auf oder vor dem etwas passieren könnte. Eines der einfachsten Dinge, die man tun kann. Zeichnen ist einfach. (Und man sollte hier auch erwähnen, dass man natürlich auch das Entstehen der Linie beobachten kann; sie entsteht nicht aus dem Nichts, man sieht den Zeichner über den Overhead-Projektor gebeugt stehen und man sieht natürlich auch den Schatten von Hand und Stift auf der Projektion, so wie man ja auch den Musikern beim Bedienen ihrer Instrumente zuschauen kann).  Im weiteren Verlauf des Stückes wird diese Linie dann auch wieder zu etwas anderem, um dann schließlich zu verschwinden und durch andere Linien ersetzt zu werden. Und das war aus zeichnerischer Sicht das Wunderbare an diesem Projekt: Von einem einfachen Punkt (den gab es tatsächlich auch an einer Stelle) über eine einfache Linie bis zu Portraitzeichnungen von zu Stimmen gehörenden Köpfen, die man sonst nur als Einspieler hören konnte und die Teil des Bühnenbildes waren, bis zu einem stilisierten Radio, das immer wieder auftaucht und das man als „Radio“ akzeptiert, nicht nur, weil man es dann tatsächlich auch hören kann, konnte sich das, was Zeichnung ausmachen kann, in einer recht anschaulichen Bandbreite entfalten. Eine Linie ist eine Linie ist keine Linie.

mastodon

Seit einiger Zeit unterhalte ich auch ein Konto auf dem etwas sozialeren sozialen Netzwerk mastodon. Letztens habe ich dort obiges Foto gepostet. Direkt aus der Arbeit an einem großen Aquarell im Garten. Im Hintergrund die Tulpen, die dort im Hintergrund so wachsen.

Jetzt hat eine Freundin, die ich aus dem richtigen Leben kenne und nicht erst von mastodon, darauf reagiert. Sie mochte mein Foto, aber sie mochte es nicht teilen. Wenn ich (gerne auch nachträglich) eine alternative Bildbeschreibung zufügte für Sehbeeinträchtigte, dann wäre sie allerdings gerne bereit, mein Bild, das ihr gefalle, zu teilen, ansonsten nicht, weil sie dann die Sehbeeinträchtigten von der Teilhabe ausschließe.

Ein interessanter Gedanke, der mich ein wenig überrascht hat. Diese Freundin schreibt selbst, liest viel und Genauigkeit im sprachlichen Ausdruck scheint ihr wichtig.

Letztens hat sie das von sich aus schon einmal gemacht: Eine Zeichnung von mir eigenständig mit einer kleinen Beschreibung versehen und dann geteilt.

Auch damals fand ich dieses Anliegen aller Ehren wert und nachvollziehbar. Aber auch irritierend, denn ich fand meine Zeichnung nur bedingt richtig und außerdem recht oberflächlich beschrieben. Ist damit geholfen? Dass es sich dabei um einen Baumstamm handelt im zentralen Motiv, der sich um einen Stein klammert, davon war z. Bsp. überhaupt nicht die Rede. Trotzdem danke für’s Teilen! Ernsthaft. Und auch danke für die Mühe der Beschreibung. Die Sehbeeinträchtigten nicht auszuschließen, mich aber auch nicht. Auch das fand ich sehr sympathisch.

Aber hier kommen wir dann nämlich auch zu einem mir nicht ganz unwichtigen Punkt: In wie fern lässt sich ein solches Bild überhaupt angemessen beschreiben? Das was der eine zeichnet, wird von der anderen noch nicht einmal wahrgenommen. Oder ein anderes Detail als wichtiger erachtet. Und das wäre nur eine der Hürden.

Wir sind ja nicht im Fernsehen, wo man eine Version für Sehbeeinträchtigte wählen kann und dann unter den Dialogen und der Musik immer wieder eine Stimme hört, die sagt: „Der Mann betritt den Raum, blickt nach links und sieht eine Frau auf dem Stuhl sitzen. Sie hat eine Pistole in der Hand und blutet aus der Nase.“ Da sind die Bilder einfacher zu greifen.

Geht das auch mit einer künstlerischen Form?

Ich nehme meine Bilder und Kritzeleien ernst. Das heißt: die gewählte Form ist die gewählte Form. Wenn ich einen Text hätte schreiben wollen, um ein Thema auf eine bestimmte Weise greifbar zu machen, dann hätte ich einen Text geschrieben. Und ein Bild oder eine Zeichnung arbeitet bis ins Detail mit der über die Jahre erlernten Sensibilität im Umgang mit der Setzung bestimmter graphischer und farblicher Elemente, die am Ende das ergeben und formulieren, was sie ergeben und formulieren. Jeder noch so kleine Farbspritzer und jede noch so kleine Regung der Hand gehört zur Sprache.

Wie will ich das (wenn möglichst auch noch in aller Kürze) sinnvoll verbal-sprachlich fassen? Und ist das nicht eigentlich eine Verkürzung der Aussage, fast schon eine Banalisierung?

Klar, es bleibt natürlich die Frage, auf welche Art man das formuliert und welche Dinge man hervorhebt. Vielleicht geht ja das ein oder andere. Aber noch nicht mal eine super-dupi gedruckte Katalogabbildung kommt in der Regel an das Werk im Original heran.

Und umgekehrt: Wird von einer Schriftsteller*in verlangt, dass sie ihren Text auch gleichzeitig als wortlosen Comic-Strip publiziert, damit Analphabeten nicht ausgeschlossen sind? Oder gleich als Audiodatei hinterherschickt?

Aber: Auch eine Audiodatei ist etwas anderes als ein gedruckter Text. Und ein Text schon wieder etwas anderes als Musik. Oder ein Bild. Eine Comic-Version von Kafkas Strafkolonie ist halt eben nicht Kafkas Strafkolonie und auch nicht Kafkas Strafkolonie in einfacher Sprache ist Kafkas Strafkolonie. Eigentlich alles Binsenwahrheiten.

In meiner eigenen Arbeit habe ich mich immer wieder auch mit genreübergreifenden Ansätzen beschäftigt. In dem Stück „Der Fall Sola“ ging es ganz zentral um Übersetzungen von Sprache in Bild und Bild in Musik und Musik in Zeichnung und hin und zurück. Während einer dieser Aufführungen habe ich sogar tatsächlich  live im Radio gezeichnet. Was bleibt lost in translation? Was ist möglich?

Nicht zu vergessen natürlich auch das literarisch-sprachliche Problem: Beschreibe ich als Schriftsteller*in ein Zimmer, nennen wir es Karls Zimmer, mit den Worten: Es war ein heller Raum mit einem großen Fenster an der Stirnseite und einem schweren Holztisch in der Mitte, dann haben wir alle eine schöne Vorstellung davon. Aber natürlich alle eine andere. Gehen wir hin und beschreiben das Zimmer als ca. 6,20 m in der Länge und 3,50 m in der Breite, vielleicht 2,10m hoch, mit einem etwa 1,20x3m großen Fenster ohne Gardinen an der einen Stirnseite. Der Fußboden aus abgenutztem Holz, ein schwerer dunkler Holztisch in der Mitte etc. etc. etc., beige-vergilbte Raufaser an den Wänden, dann sind wir in der Beschreibung zwar sehr präzise, aber je mehr Details, desto schwieriger kann ich mir das aber alles merken und zu einem wirklich lebendigen Ganzen zusammensetzen.

Ich habe vor Jahren mit einer früh erblindeten Freundin ein Bild gemalt. Sie hat mir ihr geträumtes Motiv beschrieben und die Farben und ich habe die Farben gemischt und ihr beschrieben und wir haben dann die Farben wieder geändert nach ihrer Beschreibung etc. ppp.  Es wurde ein interessantes Bild, von dem weder sie noch ich wissen, in wie fern es das getroffen hat, was es sein sollte.

Ich habe einen Werkansatz verfolgt mit dem Titel „Der Radiozeichner“ , wo es auch um  verbale und musikalische Beschreibung von bestimmten Zeichnungen ging, die mich beschäftigt haben. Und natürlich sind das immer nur Näherungen, Übersetzungen.

(ok, ok, natürlich sind auch Übersetzungen gerade auch von Lyrik von einer Sprache in eine andere Sprache nur eine Näherung …)

Wollte ich nun also tatsächlich auf diesen Wunsch eingehen und die Abbildung einer Zeichnung, eines Bildes, in diesem Fall das Foto einer Arbeitssituation sprachlich fassen, um sehbeeinträchtigte Menschen nicht auszuschließen, dann hätte ich, nähme ich diese Arbeit ernst, mindestens nochmal genau so viel mit der Beschreibung zu tun wie mit dem Erstellen des Werkes selbst. Ein eigenes Werk also. Wenn man es ernst denn nähme.

Oder sollte ich das sogar einer KI anvertrauen? Just another Pandora-Büchse.

Wie gesagt: Inclusive Ansätze sind ehrenwerte Ansätze. Aber zwischen „gibt-es-nicht-einfach-auch-Dinge-die-man-akzeptieren-muss“ und „wir-sollten-aber-versuchen-die-dinge-besser-zu-machen“ gibt es dann halt doch viele Grauzonen.

Und jetzt bitteschön: Beschreib mir all diese ganzen Grau-Töne in eigenen Worten!

Aber: Ich denke darüber nach. Vielleicht poste ich auf mastodon keine Bilder mehr. Nur noch Bildbeschreibungen. Oder aktiviere wieder den Radiozeichner.

Und schließe damit alle aus, die meine Texte nicht verstehen. Nur Englisch können. Oder nur Französisch.

Irgendwas ist immer.

 

 

7.4.26

      1. 23uhr09 23UHR38

im vergleich, so erinnere ich mich an meinen kunst-professor in den früher neunzigern, sei Tapiès im gegensatz zu Arnulf Rainer ja ein richtger intellektueller. Ein interessanter vergleich, weil für mich die beiden so gänzlich was anderes waren in meiner wahrnehmung und empfindung. Aber ich musste daran denken letztens: im vergleich mit Merz war Helmut Kohl tatsächlich ein intellektueller. Zumindest ein kanzler. Obwohl wir Helmut Kohl, angeführt von den poeten der titanic, ja als „Birne“ gesehen haben, als intellektuell minderbemittelten, der in der schule „gut in Hölderlin“ war, wie er das zu formulieren pflegte. Jetzt haben wir hier einen Black-Rock-gebildeten Schnösel ohne jeglichen horizont. Von den franzosen hieß es früher, dort könne niemand staatsmann werden, der nicht ein homme-de-lettre sei. Auch dort hat sich das verändert. Die erste potentielle staatspräsidentin, die jetzt doch erstmal keine werden wird, ist auch alles andere als femme-de-lettre. Aber immerhin scheint sie einen horizont zu haben, wenn auch keinen, der mir sypathisch ist. Können einem horizonte sympathisch oder unsympathisch sein? Here is your princess, and this is the horizon. Merz ist nicht verschrien als minderbemittelt wie es Helmut Kohl damals war. Aber er ist komplett horizontfrei. Und das ist das schreckliche. Er weigert sich rassist zu sein, obwohl er einer ist. Einfach, weil er die definition nicht kennt. Fragen sie ihre töchter. In den ideen des merz. In den iden des merz. Reimt sich vieles auf schmerz. Und auf kommMErz.

biographie: er fertigte seine ersten zeichnungen bereits kurz vor seiner geburt, die gar keine war, allzeit bereits, machte anfang 60 einen schub ins alter & schrieb mit 85 sein erstes gedicht & wurde unheilbarer millionär mit 90 – er hätte einfach noch ein wenig zeit gebraucht