Sätze

Stolpere eben über einen Satz, den ich letztes Jahr zum „König ?“ geschrieben habe:

Der reale Kontrollverlust wird vermeintlich durch alternative Wahrheiten aufgelöst.

Ich nagel den hier nochmal ans Bord. Dieser Satz gehört unbedingt auch nach Friedrichsthal.

was oft fehlt ist einfach mal ein bisschen muße, ein bisschen einfach nur auf den blöden weiher starren, und dann kein selfie machen, oder doch ein selfie machen, was natürlich blöd ist, denn man sitzt ja mit dem rücken zum ufer, vom weiher also nix zu sehn außer ich selbst mal wieder

aus: 3 minuten gehirnwäsche, 3. juley 2026, 20uhr46 piss 20UHR52

nichts geh. nichts geht. rien ne vas plus und minus. es tromeelt auf mein ohr. ein tromeldar. und tromeldort. what you see is what you get. praph, noch prapher, prapho und prapha. superbraph. supergraf. weg. weg. weck. superbrav statt supergraf. weg. weg. weg. das beste ist das doppel-weg. warum muss das sein bloß sein. gestern haben wir ein foto gemacht, das fast aussah wie das foto, das wir vor 24 jahren gemacht haben. ist wirklich nix passiert? was ist wirklich sofort passiert? guck ich noch genauso blöt? ich bin weltmeiser in weiterentwicklung, automatischer rechtschreibung und zigarettenstummelbetrachtung. warum sagen die nix: es sind stummeln und keine murmeln, so in etwa. orthogeographie. wo wohne ich, wenn ich nicht bin? warum denken alle, dass ich zumülle, wenn ich alleine auf der welt bin? und das sagen menschen, die über andere sagen, dass sie keiner kenntete. kenntete und knetete. wie ging alles los: ein haus, ein hauch, ein dromedar.

samstag/fieber

auf dem heißen parkplatz sitzt im schatten des supermarktes ein junger mann im meditativen schneidersitz – er meditiert allerdings nicht, sondern unterhält sich mit einer jungen frau, die ihm, nicht im schneidersitz, aber interessiert gegenüber sitzt. autos fahren vorbei. menschen schieben ihre einkaufswagen. es könnte eine kritik sein. an uns allen und unserem lebensstil. neben ihm steht u.a. eine plastikflasche mit cola. flasche und falsche. die falsche flasche. es gibt nur falsches leben im falschen.

und es gab noch eine beobachtung heute morgen, die gut dazu gepasst hätte.

vielleicht fällt sie mir ja wieder ein.

korrektur:

EINUNDVIWERZIG KOMMA DREI GRAD WAR ES GESTERN HEISS, NICHT EINUNDVIERZIG KOMMA SECHS – WER MERKT DA NOCH EINEN UNTERSCHIED. (UND VIELE DENKEN, BEI DER afd GÄB’S SOWAS NICHT).

26.6.26 23uHR17 bis 23uhr32

sitze eben auf unserer kleinen terasse, es ist freitagabend, 23uhr11, immer noch sehr warm (heute war der heißeste tag mit 41,6° C oder so um den dreh), und ich hab eben ein honorar ausgerechnet und hab das laptop vor meiner nase und bin in einer dieser freitagabend-talkshows hängen geblieben und das hat meine erinnerung an meine mainzer nachtportier-zeit getriggert. das war 1994 – 96, auch da gab es oft warme, fast heiße sommerabende, an denen ich das hotel hüten musste und irgendwann den fernseher anschalten konnte und so zeug wegguckte, während ich auf der schreibmaschine vorher die rechnung getippt hatte und freitag abends glücklicherweise kaum menschen irgendein getränk oder noch schlimmer: gespräche aus der hotelbar wollten. das musste ich dann nämlich auch liefern. es war ruhiger an diesen hotelabenden. hier, wo ich 32 jahre später wohne, erkennt man den freitagabend am autoverkehr. es könnte eine ruhige nacht sein, was es lustigerweise unter der woche oft auch ist, aber freitags (und natürlich samstags) ist die landjugend unterwegs und muss ihre kraft durch geschwindigkeit ausdrücken. wohin man hier auch immer so schnell gelangen muss. ohne jetzt sentimental zu werden: an wochenenden, insbesondere auch samstags war es schön in unserem hotel. wir hatten unter der woche überwiegend geschäftsgäste und am wochenende ab und zu mal eine familie, die in den zdf fernsehgarten wollte. oder was anderes. da konnte man viel zeitung lesen. und notizen machen. und zwischendrin den frühstücksraum eindecken. das frühstück gehörte mit zur bezahlung. 100,- Mark die nacht für 10 stunden. irre. trotzdem kam man dann je nachdem manchmal auf 1600,- Mark im monat. Und damit und einem anderen job ließ es sich ganz gut leben. ich war ja spät dran mit allem: spät mit dem studium angefangen, mit 30 dann immer noch in diesem nachtportier job, und in der totalen krise, weil noch nix erreicht. wie sagte max ernst: ich bin froh, mich nie gefunden zu haben. und immer noch schwebt dieses ding über mir: aus dir darf nix werden. obwohl ich mich von so vielem befreit habe. es ist so interessant, aus welchem umfeld man kommt. was in der eigenen familie vorstellbar war und was nicht. welches selbstbild man von zuhause mitbekommen hat. und sich nicht davon lösen konnte, weil man sich noch nicht mal darüber im klaren war. heute mache ich so viele sachen, die in meiner familie undenkbar waren. die sich meine mutter immer noch nicht vorstellen kann. aber wäre anderes denkbar gewesen, dann wäre anderes denkbar gewesen. war es aber nicht.

früher hatte ich als ein lebensziel für mich immer definiert: nicht mit 70 irgendwo zu sitzen und gelegenheiten nachzutrauern, sondern das gefühl zu haben, alles probiert zu haben. und nicht über vertane chancen zu jammern.

aktuell weiß ich nicht, ob mir das gelingt.

bis 70 sind’s auch noch ein paar jahre.

weiß übrigens jemand, wo ich das buch: „Warten auf die Barbaren“ abgelegt habe?

 

PS: heute ist übrigens der 26.6.26

PPS: irgendjemand ist wahrscheinlich auch am 26.6.62 geboren …

PPPS: ich nicht.

3 minuten gehirnwäsche

hab ich mir doch vor jahren schon einen stempel gemacht: den humor verlieren. vor vielen vielen vielen jahren. in weisheitlicher voraussicht. denn schien es mir doch lange nicht so wirklich vorstellbar, so ertappe ich mich immer öfter dabei, ebensolches zu tun. aber einmal verloren, wo wiederfinden? es ist gar nicht so einfach weiterzumachen. sinn zu finden in einem tun, das einem jahrzehntelang das überleben gesichert hat. anarchischen überlebenswillen auszugraben, auszupacken und der welt entgegen zu halten. humor hat was mit intelligenz zu tun. aber man wird selbst auch immer dümmer. hineingezogen in den sog des allgemeinen abwärts. es gibt nur ein falsches leben im falschen? ich trete wasser, um die hitze zu überstehen. ich sprühe schilder gegen die anrollende scheiße. man sollte sich sisyphos als glücklichen menschen vorstellen? echt, ey, der hatte es wirklich einfach. nur der stein und ich. klar war der glücklich.

die lehrerin, die ihre schülerin, die gerade eine seerose gepflückt hat, zurechtstutzt, das mache man nicht, die blume gehöre doch nicht ihr (was die schülerin zurecht kontert mir: gehört sie vielleicht ihnen?), sie ihr aus der hand reißt und wieder in den teich zurückwirft, als wäre es unnützer müll: eine kleine, aber interessante szene, anstatt zu sagen: steht unter naturschutz, darf man eigentlich nicht und der schülerin die freude an der blüte zu lassen trotz des ungewussten verstoßes und zu sagen: das nächste mal weißt du das, hat auch die lehrerin keinen gedanken daran, keine idee und vorstellung und wirft die blume als müll zurück, als wäre dadurch alles wieder heil: situation gerettet, nein, nix gerettet, heul, eigentlich und blüte unnütz zerstört in zweifachem sinn.

Jetzt sterben sie alle. Marjane Satrapi am 4. Juni. Und jetzt David Hockney. Hockney habe ich relativ früh entdeckt. 1987 war ich zum erstenmal im Centre Pompidou in Paris und hab mir dort ein Katalogbüchlein über David Hockney gekauft.Ich war angetan insbesondere von den Portraitzeichnungen in Blei-, Farbstift und Feder in Tusche. Sehr klare und konzentrierte Zeichnungen, die ich, insbesondere die Farbstift-Varianten, nachzuahmen suchte. Es würde mich reizen, die Tage mal auf den Speicher zu krabbeln und die alten Mappen rauszusuchen, ob ich da noch was finde … Hockney hat mich immer wieder beschäftigt, wahrscheinlich ist er der Einzelkünstler, von dem ich die meisten Ausstellungen gesehen habe: Die Retrospektive 2001 in Bonn, 1998 die Photoworks in Köln, 2013 The bigger Picture, ebenso im Ludwig in Köln. Auf Schloss Moyland gab es eine kleine Show mit seinen Radierungen zu den Gebrüdern Grimm 2016. Das war eher Zufall, ich war natürlich wegen Beuys dort. Was mich beeidruckt hat, waren immer die Freiheiten, die er sich genommen hat. Die Experimentierfreude. Er hatte ein schönes und langes Leben.

Weshalb mich der Tod von Marjane Satrapi letzte Woche dann allerdings doch mehr erschüttert und berührt hat. Ihr „Persepolis“ habe ich erst 2018 entdeckt. Zuerst als Buch. Und dann auch als Film. Ich habe das Buch letzte Woche nochmal aus dem Regal geholt und noch einmal gelesen. Ein völlig anderes Leben. Eine völlig andere Welt. Ich weiß mit diesem Tod gar nichts anzufangen. Eben stolpere ich über einen France Inter – Beitrag zu ihrem Tod, wo sie auf die Frage, ob sie manchmal an den Tod denke, antwortet: Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. Was bleibt übrig, als ihre anderen Bücher auch endlich mal zu lesen.

Vermisst man jemanden, von dem es so viel gegeben hat, weniger, als jemanden, von dem noch so viel hätte kommen können? Ist das eine blöde Frage, vielleicht sogar eine ungehörige und ungebührliche?

Ich hege ja die Vermutung, dass irgendwann der Punkt erreicht ist, wo man von der Welt dermaßen genug hat, dass man gehen kann.
Zwei sehr unterschiedliche Leben.

Nachtrag: Alle wissen, was sie am 9. September 2001 getan haben. Ich höchstselbst war in der Hockney-Retrospektive in Bonn. Müde im Zug noch insbesondere über Bilder nachsinnend, bei denen ich mir die Frage stellte „darf der das?“ (diese Ansicht vom Fuji mit Blumen davor z.B.), schlief ich, um an dem ein oder anderen Bahnhof leicht das Auge zu öffnen, eine merkwürdige Stimmung unter den Leuten spürend, ohne zu wissen, dass inzwischen die Welt eine andere war.

Es kann wunderbar sein, nicht zu denken. Naja, sagen wir mal: anders zu denken. Wenn man die Sachen nicht zu greifen bekommt, dann kann man in angedachten Formlierungen schwelgen, sie wieder abbrechen lassen, durch etwas anderes ergänzen. In dieser Zeit, in der einen so vieles bedrückt, kann es zwar keine Lösung sein, aber die Verknotungen etwas lösen, wenn man undurchdacht vor sich hin formuliert. Das ist eine Art des Zeichnens, die etwas Befreiendes haben kann. Dort, wo wir nix greifen und begreifen können, entstehen Gedichte. Sprache, die ausspricht, in dem Wissen, dass sie eigentlich nichts konkret benennen kann, weil es mit Sprache eben nicht konkret zu benennen ist. Oder eben solche Zeichnungen.

Derzeit (entstanden aus dem Zusammentreffen mehrerer Zufälle: die Benutzung von Sprühfarbe wegen der plötzlichen Einbeziehung in die Organisation der PRÜF-Demos, das Geschenk einer schön dickflüssigen Farben, die mir Sita aus Kamerun mitgebracht hat, dem Wunsch Peter Tiefenbrunners nach einer Steam-Punk-Maschinen-Zeichnung im Rahmen der Bühnenbild-Projektions-Zeichnungen für das Lebenshilfe Musical) kritzele ich an 63x44cm großen Blättern, die ich gar (noch) gar nicht näher benennen kann. Obwohl ich heute mittag dachte, dass sie meinen Zeichnungen zu Ann-Cotten-Gedichten doch recht nahe kommen, die ich anfang 2021 gemacht habe. Damals mit Kugelschreiber und Haarspray vor allem.

Auch entstehen wieder Vogelbilder. Und auch das ist interessant und hat befreienden Charakter: Die mir allzu vertraute Serie, das mir allzu vertraute Motiv, in Szene gesetzt, um dieses Allzu-Vertraute immer wieder aufzubrechen und über einen längeren Zeitraum und vermittels großem Durchhaltevermögen auf die Probe zu stellen. In wie weit trägt das? In wie weit taugt das? Und auch hier: das Experimentieren mit Sprühfarbe (u.a.) für die Hintergründe und die Verwendung von wasserlöslicher Ölfarbe führen zu unbedachten Setzungen, die sich aber immer wieder am Motiv und dessen Ausdrucksmöglichkeiten orientieren und dabei Freiheiten freisetzen. Verknotungen lösen. In Vertrautem neues entdecken.

Und dann entstehen parallel größere Aquarelle (in denen auch der ein oder andere gesprühte Part ins Spiel kommt) nach Fotos von Autofahrten. Sie sind eine Ergänzung zu der (auch weiterhin entstehenden) Serie: menschen ohne parkplatz. Und eine Weiterführung der gegenden aus den „botanischen Gärten“ Burbach und Völklingen. Und den „gegenden-nk“. Hier macht die Größe den Unterschied zu den Dingen, die bisher so passiert sind.

Und wenn alles gut geht, arbeite ich an all diesen Dingen parallel: An den Aquarellen und den Vogelbildern an zwei improvisierten Tischen im Garten, wo man auch wunderhübsch rumsprühen kann. Und an den Zeichnungen an einem kleinen Tisch im Zwischenbereich unserer Wohnung.

Atelier ist immer und überall.

Klingt doch eigentlich alles ganz in Ordnung. Aber es übertüncht nur schwer die Fratzen unserer Zeit, die man grade fast überhaupt nicht los werden kann. So viel kann ich gar nicht zeichnen und malen und schreien.

Hannah Arendt schreibt in „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (S. 679 der Piper-Taschenbuch-Ausgabe):

„Diese Menschen konnte man nicht mehr zu politischen oder revolutionären Aktionen bewegen, indem man ihnen sagte, daß sie nichts zu verlieren hätten als ihre Ketten; sie hatten bereits sehr viel mehr verloren als die Kette des Elends und der Ausbeutung, als das Interesse an sich selbst ihnen aus der Hand geschlagen wurde. Ihr materielles Elend war zumeist durchaus erträglich dank der Sozialversicherung moderner Staaten, aber das gab ihnen die verlorene Beziehung zu einer gemeinsamen Welt nicht wieder.“

Hannah Arendt kommt immer wieder auf diesen Verlust der gemeinsamen Welt.

„Das Hauptmerkmal der Individuen in einer Massengesellschaft ist nicht Brutalität oder Dummheit oder Unbildung, sondern Kontaktlosigkeit und Entwurzelt sein.“ (S. 682).

Jetzt kann man sich heute natürlich fragen: Leben wir in einer Massengesellschaft, wo diese Annahmen gelten? Ich kann in der mir eigenen und selbsteinschließenden Arroganz nicht ganz davon ab, Dummheit zu konstatieren: Die Massenmedien, die sich heute soziale Netzwerke nennen, machen den Menschen nicht klüger. „Informiere dich in den alternativen Medien“ heißt dich in der Regel nix anderes: Such so lange, bis das bestätigt wird, was Du sowieso schon denkst. Und dort, wo wir keine gemeinsame Welt mehr teilen, weil wir in sozialen Medien alles in tausenderlei parallel existierende Anschauungen und Meinungen zersplittern, können wir uns auch nicht mehr über eine gemeinsame Welt streiten.

Das Verbindende, das dann bleibt, wäre ein dumpfer Nationalismus als Verbundenheitsgefühl. Irgendwas muss einen ja verbinden. Hmm.

zu: menschen ohne parkplatz (überarbeitet, Version 14.5.26)

der mensch wird nicht hübscher, wenn er auto fährt, aber er tut es natürlich trotzdem. tagaus und tagein. ohne unterbrechung, vorwärts, rückwärts, meist vorwärts. manche haben vorfahrt und ampeln gibt es. der faradaysche käfig schützt nicht nur vor blitzeinschlag. ist straßenverkehr so etwas wie der alltag? hier bin ich mensch, hier darf ich sein? manche sitzen auch zu viert. wir müssen als erstes an der ampel sein, dann sind wir ein spermium. oder sonstwo. zeit ist leid. hier ist jetzt. welches bild habe ich von der welt, wenn ich immer nur auf grüne ampeln treffe? oder immer nur auf rote? die afd will ampeln nur noch mit blauem licht. was wäre, wenn es nur noch philosophen am lenkrad gäbe? nirgends darf ich aussteigen, denn nirgends gibt es einen halt. parkverbot heißt, dass niemand je ins grüne darf. halteverbot, dass alle rastlos leben müssen. oder rastlos rasen. ich halte mich am lenkrad. ich beiße hinein und es schmeckt kein bisschen nach advent. ich bin nicht gern, wo ich herkomme. ich bin nicht gern, wo ich hinfahre. und weißt du: das geht allen so!

stöbere eben ein wenig in meinen „tagessätzen“. entdecke den vom 30.11.2016:

wenn es niemanden interessiert, was du tust, existierst du dann – wenn es nur ein paar interessiert, was du tust, existierst du dann ein wenig mehr – wenn es alle interessiert, was du tust, was dann???

aus: tagessätze

  • 12.5.26 die mähroboter des kunstgeschehens, sie mähen am abend und sie mähen am morgen, sie rasen und sie singen ihre bunten mähgesänge, solange bis wir zerfallen, so lange bis wir zerfallen vor erschöpfung, erschöpftem widerspruchsgeist, vor hirnverknebelung, vor farbverdruss, die nichtexistierende existenz, die scheinbar scheinbare scheinwelt, scheinweilt, es wird alles niedergerollt mit den vier zarten rädern des mäh-robotschiks, o kommet her: ich nehm euch eure last, ich nehm euch eure laster ebenso, ihr braucht auch nicht zu sprießen, ich halte euch klein, denkt nicht nach und singt mit mir das allerschönste lied vom allerbesten künstler.

Es gibt einen kleinen Videoschnipsel wohl aus einem längerem Interview mit Ann Cotten. Sie wird dort gefragt, was denn Poesie eigentlich sei. Und sie macht einen Schlenker zu Vorgärten. Und wenn sich nun in einem Vorgarten etwas findet, was merkwürdig zugeschnitten ist oder wächst oder ein Gegendstand vielleicht und man es nicht so genau einordnern könne, der Gestaltungswille aber klar erkennbar sei, auch wenn sich mir der Sinn nicht erschließt, das Ding also unverstehbar bleibt, aber heischt, dass es vielleicht verstehbar sein könne – sofern ich sie halbwegs verstanden habe: dann sei das so, wie es sich auch mit einem guten Gedicht verhalte.

Das ist mir auf alle alle alle Fälle sehr viel sympathischer als die gestaltungswilligen Statements all der beflissenen Künstler*innen-Kolleger*innen, die immer so Dinge von sich geben: Ich beschäftige mich mit den Unwägbarkeiten von Blablablupp. All diese Erklärungen des gepflegten Kunstgewerbes.

Es gibt wahrscheinlich mehr Autos als Künstler*innen. Aber wahrscheinlich immer noch mehr Künstler*innen als Tankstellen. Was immer das auch heißt in Zeiten der Inflation.

3.5.26

ich esse kuchen und könnte genauso gut tot sein, kuchen essen und tot sein sind in solchen momenten identisch, sind ein und dasselbe, während sie in der kirche silbrig aufgeblasene kreuze als luftballons in die luft halten, man kann keine nägel reinhauen, genauso wenig, wie man sie reinhauen kann in einen solchen tag

30.4.26 wal-purgis-nacht 23ur37 bis 23UUR41

letzte woche hab ich die garage geöffnet. keller sind in filmen ja der ausdruck des unbewussten. hier ist das aber gar kein film, sondern das richtige leben und auch nicht der keller, sondern die garage (was nicht heißt, das es im keller gut ausgesehen hat), aber die garage hat es getoppt: irgendwo dort drin sollte sich eine kleine pferdekutsche befinden. sie ist allerdings überhaupt nicht zu sehen. du machst das garagentor auf und du siehst einfach nur müll. ich weiß gar nicht mehr, wie lange mein bruder und seine frau das obere stockwerk des hauses bewohnt haben. neun jahre oder sowas könnten es gewesen sein. und dann ein plötzlicher auszug. wobei das wort auszug ja oft mit dem wort besenrein verknüpft ist. hier allerdings nicht. der auszug war bereits im dezember 2024. jetzt bin ich nach all den dingen im letzten jahr so langsam in der lage, ein wenig klar schiff zu machen. mein bruder macht es nämlich nicht. und was hat man denn schon für möglichkeiten? ich werde ein foto machen von der garage. ich hatte die idee, dieses foto auf leinwand drucken zu lassen. einmal für mich als kunstwerk, und einmal für meinen bruder und seine frau als weihnachtsgeschenk. jetzt sehe ich heute aber eine werbung für foto-ausdrucke u.a. auch auf kissen, decken etc. und jetzt weiß ich:  2 kissenbezüge, vielleicht sogar mit den jeweiligen namen drauf (könnte ich ja als namensschilder mit in den müll stellen und mitfotografieren) als weihnachtsgeschenke. und für mich eins als kunstwerk.

abendspaziergang

die welt als riesengroßer schwachtisch, die traurigkeit des abgebauten kinderkarussels, abgebaut auf der wiese, verdreckt, plastik und metall, vielleicht auch holz, vortäuschung falscher tatsachen, jedesmal frage ich mich, ob das nur so vor sich hinrostet oder tatsächlich noch benutzt wird, ein jeep neben einem zaun, hinter dem leute sprechen, nachbarschaft, auch zeitungen haben ihre gerüche, manche mag ich, manche mag ich nicht, volks-lore, menschen, die in ihren garagen aus den autos steigen um ohne umherschweifen in ihre häuser zu krabbeln, hättest du für mich einen kalten bauch (?), eine ente quietscht in der luft, fliegt man besser, wenn man schreit (?), warum können pferde nicht gähnen (?), zu groß geratene hunde, die wie pferde aussehen, gleich hebt einer ab, ein baum klebt auf der wiese, die blumen kleben am himmel, nichts spiegelt sich und das internetz ist auch nichts anderes als eine zu groß geratene spinnenfalle für alltagsdumme, gefühlt ewig, wie heißt noch schnell die pflanze, die dich sticht (oder beißt, wie sagt man (?))(?), egal, sie riecht nach zwölf hunden mindestens und gleichzeit, riechen kann man aber nur nacheinander, meine mütze ist nicht verloren, mein ladekabel ist nicht verloren, eine freundin mit teilviel ahnung, kann man einen sonnenuntergang malen, der nicht kitschig ist, der sonnenuntergang unterhalb des weges gefällt uns besser als der oberhalb des weges, wir schweifen ab, ein extrem lauter vogel, bei vögeln erträgt man das, was man bei menschen furchtbar findet, im angesicht jedweder lüge ein doch ganz angenehmer abend

aus: der Radiozeichner

aus gegebenem Anlass finde ich es ganz interessant, die Texte zum Radiozeichner nochmal aus der Versenkung zu holen, ggf. zu überarbeiten, was ich eh schon seit Jahren machen wollte, und nochmal zu veröffentlichen. Vielleicht auch neue Tondateien dazu zu erstellen. Das Thema der Übersetzung von Bilder in Text in Töne ist mir mehr oder weniger zufällig nochmal zugelaufen. Also: Ran an den Speck.

Text zu Zeichnung Nr. 3 blieb unverändert.

here it is:

Zeichnung Nr. 3: Klaus Harth, aus: „DER FALL SOLA, abandonné, verlassen, einsam, öd“

Ausnahmsweise wird hier an dieser Stelle auch eine einzige Zeichnung aus eigener Produktion vorgestellt. Wenn man die eigene Arbeit als ein diskontinuierliches Kontinuum versteht, als ein meist tägliches Zeichnen, Aufnehmen, Uminterpretieren und Neuordnen von Welt, dann stellt sich vielleicht die Frage: wo kommt die Sache auf den Punkt? Kommt sie überhaupt irgendwo auf den Punkt? Und: ist ein Punkt denn schon eine Zeichnung, wo er doch per Definition gerade eben noch keine Linie ist? Also etwas, das sich noch nicht bewegt hat? In der Aufführung DER FALL SOLA des Liquid Penguin Ensembles (u.a. am 9.11.2017 während der ARD Hörspieltage), bei der ich als Life-Zeichner mitwirken durfte, und bei der man, grob gesagt, die Entwicklung von Sprachen, deren multimediale Verquickungen und Übersetzungen  von verbalen in musikalische und in bildnerische und von bildnerischen in verbale und musikalische undsoweiter und nochmal anders mitverfolgen konnte, gibt es eine Szene, die ich dann doch herausgreifen möchte. Es kommt, relativ zu Anfang, zu einer kleinen Meditation über das Wort „allein“. In mehreren Sprachen wird das durchgespielt, französisch, englisch, italienisch, japanisch, finnisch, deutsch und die Bedeutungen werden immer dramatischer. Von einem relativ neutralen „allein“ steigert sich das bis zu „wüst“ und „leer“ und „abandonné“, „verlassen“,“einsam“,“öd“. Währenddessen entsteht auf dem Overhead-Projektor, so langsam es geht, eine einfache Linie. Sehr sehr langsam. Extrem langsam. Eine einfache, einzige, einsame schwarze Linie auf hellem Grund, die auf der Bühne an die Rückwand projeziert wird. Von links nach rechts waagerecht gezogen. Die Musiker, eine Pianistin, ein Cellist, eine Bratschistin und ein Bassist, finden sich im Verlauf der Linie allmählich auf einem hohen vibrierenden Ton ein. Und in diesem Moment kann man die Linie hören und den Ton sehen. Da gibt es keinen Unterschied mehr. Diese Linie ist ein bewegter Punkt ist eine Linie und keine Linie. Sie kann allein und alles sein. Öd und bewegt, ein Horizont, auf oder vor dem etwas passieren könnte. Eines der einfachsten Dinge, die man tun kann. Zeichnen ist einfach. (Und man sollte hier auch erwähnen, dass man natürlich auch das Entstehen der Linie beobachten kann; sie entsteht nicht aus dem Nichts, man sieht den Zeichner über den Overhead-Projektor gebeugt stehen und man sieht natürlich auch den Schatten von Hand und Stift auf der Projektion, so wie man ja auch den Musikern beim Bedienen ihrer Instrumente zuschauen kann).  Im weiteren Verlauf des Stückes wird diese Linie dann auch wieder zu etwas anderem, um dann schließlich zu verschwinden und durch andere Linien ersetzt zu werden. Und das war aus zeichnerischer Sicht das Wunderbare an diesem Projekt: Von einem einfachen Punkt (den gab es tatsächlich auch an einer Stelle) über eine einfache Linie bis zu Portraitzeichnungen von zu Stimmen gehörenden Köpfen, die man sonst nur als Einspieler hören konnte und die Teil des Bühnenbildes waren, bis zu einem stilisierten Radio, das immer wieder auftaucht und das man als „Radio“ akzeptiert, nicht nur, weil man es dann tatsächlich auch hören kann, konnte sich das, was Zeichnung ausmachen kann, in einer recht anschaulichen Bandbreite entfalten. Eine Linie ist eine Linie ist keine Linie.