Gestern in meinem Lieblingsmuseum KOLUMBA in Köln: Im letzten Raum (Raum 21) finden sich nur drei konzentriert aufeinander bezogene Werke: Das Künstlerbuch „Ein Jahrhundert der verletzten Männer“ von Bernhard Cella von 2022, „Die gefiederte Schlange“ von Paul Thek, 1969, und ein Ecce homo, lebensgroß aus Lindenholz aus Köln, 1460 – 1500. Für solche Kombinationen liebe ich dieses Museum. Aber noch besser: Mit uns zur selben Zeit angekommen: Ein junger Mann mit Kleinkind. Die ganze Zeit schon fällt er mir auf, wie er seinem Kind wie einem lebenden Hasen die Bilder erklärt. Nun komme ich in die Nähe eben dieses Raums 21 und eben dieser Mann steht, das Kind im Umwickeltuch vor die Brust haltend, Auge in Auge vor dem hölzernen Christus. Leider konnte ich nicht schnell genug das Skizzenbuch zücken, um diese Begegnung festzuhalten. Es hätte wahrscheinlich auch gestört. Ein Moment der Stille und der angehaltenen Zeit. Der geschundene Lindenholzchristus und eine männliche Madonna mit Kind aus Fleisch und Blut. Ebenso bewegungslos wie sein Gegenüber. Auge in Auge. Form in Form. Ebenso lebendig.

Ein Saarbrücker Künstlerkollege, der manchmal erwähnt, dass ihn die Leute fragen, warum er immer so düster und dunkel male, und er dann immer antworte: guck dir die Lage der Welt doch an …

Nachvollziehbar. Aber ob das wirklich stimmt?

Kommt das Grauen (sic!) nicht in Farbe?

Ilko-Sascha Kowalczuk

eben in der wochentaz das Interview mit Ilko-Sascha Kowalcuk gelesen.

Wir haben es mit einer Bewegung zu tun, deren Ziel ein faschistischer Staat ist. Gleichzeitig leben wir in einer Gesellschaft, in der es historisch betrachtet noch nie so viel Wohlstand und Freiheitsrechte für alle gab,

Die Vorstellung traf ein völlig anderes Staats- und Gesellschaftsverständnis im Westen, als es im Osten eintrainiert wurde. Die Bundesrepublik war nach dem Bruch von 1945 allmählich liberal geworden – die DDR blieb von 1949 bis 1989 diktatorisch und extrem autoritär. Die Einzelnen und die Gesellschaft sahen sich im Westen als Korrektiv staatlicher Maßnahmen. Man musste sich einbringen und teilhaben. Etwas, das im Osten von Anfang an nicht ging.

Das Leben in einer Diktatur scheint so vielen rückblickend tausendmal einfacher als in der Demokratie. Hier musst du dich um vieles kümmern, während in der Diktatur alles für dich geplant und geregelt wurde. Die meisten meiner Altersgenossen im Osten haben überhaupt nicht mitbekommen, dass sie in einer Diktatur lebten. Sie liefen einfach mit. … Und wenn du nichts mitbekommst, ist die Vergangenheit ein schöner Ort. Anders als die chaotische Gegenwart.

 

 

Wie gesagt, die meisten haben die DDR nicht als Diktatur wahrgenommen, auch nicht als Homunculus des Kremls. Das zeigt sich bis heute in der ignoranten Haltung gegenüber der überfallenen Ukraine. Der westliche Liberalismus bleibt der Feind, der Kreml der natürliche Verbündete.

 

… aber auch Demagoginnen wie Wagenknecht verbreiten unentwegt schlechte Nachrichten. Eine Katastrophe jagt die andere. Immer ist Weltuntergang. … Positive Nachrichten entziehen Faschisten die Geschäftsgrundlage.

eben auf facebook entdeckt: ein gewisser Marc Hase postet oben stehenden Satz. Spontan möchte ich ihm antworten: Und die Schwimmer in diesen Jahren findest Du unter den Nicht-Schwimmern.

das internet ist ja lug und trug. wie elena ferrante schrieb: sieht sauber aus, ist es aber nicht. gestern abend hat ein zug auf der strecke zwischen st. ingbert und homburg einen brand ausgelöst. 8500 m² haben gebrannt laut SR. dabei sind auch neben der bahnstrecke verlegte kabel der bahn und auch von vodafone zu schaden gekommen.

seit gestern gab es in einem großteil des saarlandes bei allen vodafone kunden, so am I, kein internetz mehr.

und da haben wir es, und wir sollten es uns wie immer faustdick hinter die ohren malen:

all das wunderhübsche blablablubb von wegen: alles in der cloud, alles ständig und überall leicht und easy erreichbar, alles sofort und überall und sowieso nur ein leichter gedanke: lüg und trüg: alles superhandfestes material. und wenn man den stecker zieht, geht sowieso nix mehr.

ein lob also der digitalen patientenakte, die im falle eines falles … droff geschiss

nachtrag

falls sich eine sz-leser*in auf diese seite verirren sollte nach dem heute erschienenen artikel: die vogel-serie ist nicht so wichtig, wie es in dem bericht vielleicht rüberkommen mag. und wenn man auf den von mir auf dem foto präsentierten vogel schaut, dann sieht man dort die wörter: je doute de tout.

ja, so isses. das motto eines alten fluxus-artisten, das ich sehr schätze.

und epiktet natürlich: nicht die dinge verwirren den menschen, sondern die ansichten von den dingen.

farewell.

(heute werden es wieder 40°.)

Celsius!

 

 

 

gestern am bahnhof in neunkirchen: ein vollverkleideter spiderman am bahnsteig. gewisse körperliche merkmale ließen darauf schließen, dass darunter allerdings ein spider-woman gesteckt haben könnte. auf alle fälle war das gesicht nicht zu erkennen wegen einer komplett-spiderman-maske. und das war irritierend. weil ich mich dabei ertappe, dass meine gedanken abschweifen in richtung: ist das jetzt lustig oder steckt darunter vielleicht ein potentieller attentäter/attentäterin? und massakriert uns selenruhig mit messer und maske? kann man sich wehren, wenn man es vorher ahnt? ein nicht erkennbares gesicht, dazu mit diesen großen augenlöchern macht unruhig. und ich denke sogar darüber nach, ob ich in denselben zug steigen soll, ob ich nicht übertreibe mit meiner übertriebenen reaktion und ob sie nicht vielleicht übertrieben ist. ich war dann etwas beruhigt, als eine junge frau den spiderman-woman um ein selfie gebeten und er/sie es nicht verweigert hat. lassen attentäter vorher noch selfies zu?

so weit sind wir schon, dass wir mit allem rechnen. und das, obwohl ich nicht ständig lanz und precht und noch schlimmeres an mich ranlasse.

lieber brecht als precht übrigens.

Ich denke da oft dran, aber ich erwähne es selten, weil es irgendwie so selbstverständlich die Mainzer Schule ist, die ich durchlaufen habe: Kein Strich ohne Bedeutung.
Alles, was auf dem Papier ist, erfüllt seinen Zweck und ist Teil des Inhalts und des Ausdrucks.

Je älter man wird und je mehr Zeichnungen man gemacht hat, desto näher kommt man dem vielleicht.
Das wär cool.
Und dann hätte das alles doch ein bisschen einen Sinn ergeben.

vorankündigung

ES erscheint am 14.9.26. Gestern kam das Layout vom Verlagsprospekt.

Ich finde das immer irre, wie sich die Sachen von einem entfernen:
Ich sehe das Cover und kapiere erst im dritten Schritt, dass das Bild von mir ist.
Als wäre es jemand Fremdes, aber unendlich vertraut und sympathisch.

bevor ich’s vergesse:

Als Möglichkeit der Illustration könnte man auch einzelne Sätze aus dem Buch nehmen und von Hand schreiben und quasi nochmal explizit aus dem Text rausnehmen. Wäre auch was für Hannah Arendt.

Oder auch für Friedrichsthal.

so wie hier bei diesem unabhängig entstanden Blatt in etwa:

oder wie hier:

lese ich eben:

Dr. Sabine Graf spricht zur Ausstellung des Saarländischen Künstlerbundes „schwarz und weiß“.

Da wächst zusammen, was zusammen gehört. Gar keine Frage.

KI und so

„… Dazu noch ein kleiner Exkurs: Als der Begriff Künstliche Intelligenz 1956 in die Welt gesetzt wurde, geschah dies nicht, weil er präzise war und die Fähigkeiten der Software umschrieb, sondern weil er klangvoll genug war, um Forschungsgelder zu beschaffen. Seitdem schleppen wir diese unpräzise Bezeichnung mit uns herum, nennen Mustererkennung fälschlicherweise Denken, statistische Wahrscheinlichkeit Urteil und Text- und Bildgenerierung Kreativität.
So macht unsere Sprache die Maschinen groß und den Menschen klein. Dabei sollten wir immer dann, wenn wieder einmal eine neue KI-Wunderlösung vorgestellt wird, daran denken: KI beruht auf Sprachmodellen – nicht auf Wissensmodellen.“

Klaus-Peter Nicolay in Druck+Medien 03+04/2026

Sätze

Stolpere eben über einen Satz, den ich letztes Jahr zum „König ?“ geschrieben habe:

Der reale Kontrollverlust wird vermeintlich durch alternative Wahrheiten aufgelöst.

Ich nagel den hier nochmal ans Bord. Dieser Satz gehört unbedingt auch nach Friedrichsthal.

Cori und myself moderieren life. Und ein sehens- und hörenswertes Programm. Easy, Mensch Meier, Wannie und Leo und der gemischte Saarbrücker Damenchor. Und Eis gibt’s auch. Treffpunkt um 14 Uhr am am Landwehrplatz. Keine Laufdemo wegen der Hitze, nur ein kleiner demonstrativer Umzug vom Landwehrplatz zum Tblisser Platz, wo schattenspendende Bäume auf uns warten.

Und nicht vergessen: Pedition zu unterschreiben!!

Buchtipp

Ich werde ja nicht müde, es zu empfehlen:

„Das Lied des Propheten“ von Paul Lynch. DAS Buch zu unserer Zeit. DAS Buch, das zeigt, wie schnell es passieren kann. Hier. Bei uns. Wo sonst.

41

Jetzt stellen wir uns  mal vor, 41% unserer Mitbürger kämen auf die Idee, dass sie es ab sofort cool fänden, kleine süße Kampfhunde zu besitzen und mit ihnen unangeleint durch die Gassen und Flure zu flanieren. Fänden wir gut, oder? Sind ja immerhin 41% und dann haben die auch das Recht dazu. Ist ja fast eine Mehrheit. Bleiben wir also lieber zuhause oder hoffen, auf dem Weg zum Einkaufsladen ohne Biss davonzukommen. Die Mehrheit hat das Recht, uns unsere Rechte abzuerkennen. So einfach geht das nicht, oder doch?

Es gibt Leute, die argumentieren, es wäre unrecht, die AfD verbieten zu wollen, weil sie ja inzwischen von 41% gewählt würde. Das wäre antidemokratisch.

Wie haben wir als Kinder gerufen?: Leute fresst Scheiße, Millionen Fliegen können sich nicht irren .

Eben auf dem Spaziergang dachte ich: Eigentlich sollte man das Parteiprogramm der AfD publizieren. Damit keiner sagen kann: das habe ich so nicht gewusst.

Selbst Alice Weidel sagt zum klassischen Familienbild der AfD und ihren Parteigenossen (absichtlich nicht gegendert): Die können da reinschreiben, was sie wollen, mein Lebensmodell ist ein anderes.

Hitler hat sich auch als Bohemien gesehen.

Ein Lob der Neunkircher Bibliothek, wie so oft. In der Kinderabzeilung entdeckt: der preisgekrönte Band „GAMES“ von Patrick Oberholzer erzählt fünf Flucht-Geschichten aus Afghanistan in die Schweiz. Patrick Oberholzer ist Schweizer. Deshalb. Ein „bande dessinée“, was bei uns bisschen blöd „graphic novel“ heißt. Patrick Oberholzer ist von zuhause aus Grafiker. Man sieht das den Zeichnungen an. Das ist alles grundsolide illustratorisch gedacht, aber nicht unspannend in Szene gesetzt. Und es ist lobenswert, dass er am Ende des Buches die Karten offen legt: Wie er von Bleistiftskizzen ausgehend, Foto- und Dokumaterial sammelnd, diese Skizzen am Pad überarbeitend, diese Stadien und Zwischenstadien auch immer wieder mit den Protagonisten bespricht und korrigiert (es soll alles so aussehen, wie es wirklich war; es soll echt wirken und sein und stimmig), wie er das dann am Schluss farblich fasst und mit dem Text versieht: Es tut einem gut, zu sehen, wie das entstanden ist und mit welcher inhaltlichen Sorgfalt. Interessant finde ich die Gestaltung des Buches. Die Comic-Passagen sind eigentlich keine klassisch-erzählerischen Comic-Passagen, aber sie vermitelln einem ein Bild, wenn man das so sagen kann. Und zwischendurch gibt es immer wieder Info-Blöcke, wo erklärt wird, wie Dinge ablaufen. Wie z.B. Geld transferiert werden kann von Afghanistan nach Istanbul, ohne dass das über Banken läuft, was ja nicht funktionieren würde. So erfährt man eigentlich sehr viele Dinge, von denen man noch nichts wusste. Das ist nicht aufdrinlich, sondern einfach nur klar. Und deutlich. Und in so fern passt diese Art des illustrativen Zeichnens natürlich wunderbar. Sehr lesens- und sehenswert.

eine art des zeichnens

… wäre etwas zu tun, von dem man noch nicht weiß, was dabei herauskommt: kann natürlich auch in die vielzitierte hose gehen. aber es ist spannend und interessant, dinge zu tun, die man so vielleicht noch nicht getan hat, sich selbst zu provozieren, sich einen strich durch die rechnung zu machen, um noch einen anderen strich in die andere richtung zu machen und es dann scheiße zu finden. etwas zu tun, um es weniger scheiße zu finden. aber so bekomme ich etwas heraus. erkenne dich selbst. das blattgegenüber als spiegel dessen, was man aushält und erträgt an scheuslichkeit und kitschigkeit. süßlickes und salzlickes. manchmal ist das auch natürlich nur schwer auszuhalten. und es scheint kaum verbesserung in sicht. wegwerfen ist die letzte option. like in the richtiges leben.

es gibt aber auch andere arten des zeichnens und malens.

knetegard hilf!