rettung

Was hat mir heute den Tag gerettet? Zu allererst: Ein Zitat von David Polzin aus einem Interview in der Feb./März – Ausgabe der „Weltbühne“, die ich zum Geburtstag geschenkt bekommen habe.

Kunst ist Denken und Krise.

Für einen solchen Satz hat sich die Anschaffung dieser Weltbühnen-Ausgabe bereits gelohnt.

Ach ja, und heute abend:

Ich aquarelliere eine nicht ganz so gelungene Zeichnung von heute mittag von der Neubausiedlung hier, wo sich unsere Ferienwohnung befindet. Ich ziehe am Schluss noch einen Lila-Rahmen drum, als Lisa meint, heißt das jetzt, das sei im Rahmen des Möglichen?

Und genau das hatte gefehlt: Dieser Titel.

IM RAHMEN DES MÖGLICHEN.

Jetzt hatte es gepasst.

(Die Zeichnung gibt’s natürlich hier die Tage).

Krisenzeit ist gute Zeit. Schwer auszuhalten, manchmal. Aber, auch manchmal, kommt etwas Interessantes dabei heraus. In Zeiten, wo man das Gefühl hat, außer einem selbst interessiert sich niemand für das, was man da so tut, wie weitermachen? Interessieren ich mich selbst noch, für das, was ich da so tue? Es gibt da verschiedene Stadien der Zweifels-Eskalation. Und immer wieder die Frage: Lässt sich die Form dann doch so zuspitzen, dass es vielleicht doch die richtigen Köpfe erreicht? Eine Idee war 2020 mein Jahrbuch. Eine Form, Texte, Zeichnungen, Notizen zusammenzubringen und vielleicht zum miteinander funktionieren zu bringen. Geht. Und geht nicht. Und geht. Und geht nicht. Na was jetzt? Die Tage fiel mir ein Konzept wieder ein, dass mir vor Jahren bereits im Kopf rumspuktete: INFORMATION – DEFORMATION. Auch hier war es als ein Miteinander von Texten, Ideen und Gedanken, vor allem als Ausdrucke der „tagessätze“  gedacht im Zusammenhang mit Ausdrucken von Zeichnungen und Bildern. Die tagessätze waren als Beitrag von wadiwadi 2021 in Kaiserslautern zu sehen, als Beklebung eines Schaufensters eines im Laufe der Ausstellung dem Abriss freigegebenen Nachbarhauses des Theodor-Zink-Museums. Datt war cool. Und die letzten Tage schwebt mir sowas vor als Ausstellungskonzept (ich muss es nur noch ein wenig besser formulieren): Texte und Zeichnungen und vielleicht auch im Zusammenhang mit Lesung/Projektion was auch immer. Hach, während ich das so schreibe, macht mir das sogar fast wieder ein bisschen Mut.

By the way: Vielleicht war das auch ein kleiner Brandbeschleuniger dieser Idee: die alljährliche Walpoden-Visionen der Walpodenakademie in Mainz: Wer will schickt ein bis drei aktuelle Arbeiten, von denen dann eine ausgesucht und auf A3 ausgedruckt wird. Datt janze wird dann nebeneinander ins Schaufenster geklebt. Und ich finde das einfach eine schlichte und einfache und famose Idee, wie man dem Ding der Kunst, wenn es das denn gibt, auf andere Art wieder näher kömmt. Ich fahr demnächst mal hin und mach n Foto.

ISBN 978-3-6951-1989-9

Hier isses. Weihnachten ist vorbei, die Geschenke verteilt. Das neue Jahr hat auch begonnen. So langsam kann man wieder dran denken, sich auch wieder was Schönes zu gönnen. Wie in den letzten Jahren meist zu Beginn des neuen Jahres: der Rückblick auf das vergangene. Zeichnungen und Texte von 2025. Fast noch frisch, kaum verwelkt und unglaublich: das sechste Jahrbuch, seit ich mit diesem Spaß angefangen habe. Wie immer im Verlag Books On Demand. Ihr könnt es also unter der oben genannten ISBN Nummer im Buchhandel bestellen. Oder direkt bei mir unter klaus_harth@web.de Oder eine SMS hinterlassen unter +49 151 144 90 59 6. Geht auch. Oder schreiben per Post. So kommt das dann auch, per Post nämlich. 17,50 € kostet das. Versandkosten übernehme ich.
Es trägt den Titel: „angebot ohne nachfrage – vom beobachten des beobachters beim beobachten = jahrbuch 2025“.
„Gibt es Entwicklung? Kann es überhaupt Entwicklung geben?“ Bestellt und seht selbst.
Diese Jahrbücher sind im Wesentlichen meine Ausstellungen. Ausstellungen werden wieder abgebaut, so wie man auch selbst immer wieder abbaut, diese Bücher aber bleiben. Bisschen was über 104 Seiten und mindestens ebensoviele Abbildungen.
Wie heißt es bereits bei Konfusius: LANGT TSU!
(Anmut – Unmut – Armut)

vor weihnachten ist nach weihnachten, teil 2

Anpassung oder Wagnis.  Wehren sich meine Ästhetiken oder nehmen sie teil? An was auch immer. Lass ich mich fressen oder werde ich gefressen?  Mich würde es interessieren, mir die Anzeigen-Ästhetiken anzuverwandeln. Zeichnerisch zu verfremden, zuzuspitzen, die einem eher künstlerischen Ansatz auszuliefern. Den Marktscheiß rauszupusten. Sie rückzuführen in einen rechtfertigbaren Ausdruck. Auf ein menschliches Maß. Was auch immer.

Man hat ja sonst nix zu tun.

 

vielleicht auch doch?

Die untere Abbildung zeigt eine Arbeit von Alicja Kwade gegen eine Anzeige von DOUGLAS. Das obere Foto Carneb Winant mit Grace Weaver. Eine Doppelseite ohne Werbung, wo sich zwei künstlerische Positionen auf interessante Art und Weise kommentieren. Links eine Art Collage aus dokumentarischen Fotos, gesammelt und gefunden und montiert, rechts „Madonna lactans“ von Grace Wieaver. Die Fotos eröffnen einen Raum von Körper-Sprachen, Geschlechter-Identitäten, Körper-Rhythmen, der sich betreten, erkennen, aber nicht entschlüseln lässt. Dem gegenüber steht die „Madonna lactans“ in ihrer fast kindlichen Ästhetik. In sich selbst eine inhaltliche Spannung entfaltend aus traditionellem christlichen Bildthema und der gewählten Umsetzung. Beide zusammen finde ich eine sehr gelungene Kombination, die angespielten Themen nochmal steigernd.

Alicja Kwade könnte in ihrer Rundästhetik auch als Verbreitung der Duftnoten gelesen werden. Ich mag ihr Uhren-Objekt in Mannheim. Das Blatt hier heißt übrigens „Form light to dark in 3 months (91 days/2184 hours)“. Es könnte dann auch: die Verbreitung der Düfte in 3 Stunden heißen. Ok, ok. Ich bin schon still.

vor weihnachten ist nach weihnachten

Kurz vor Weihnachten gab es in der Süddeutschen eine Beilage mit künstlerischen Beiträgen. Es gab jeweils ganzseitige Abbildungen mit Arbeiten von Thomas Demand, Liv Liberg, Camille Henrot, Carmen Winant, Grace Weaver, Peter Shire, Ólafur Elíasson, William Kentridge und Alicja Kwade. Im Zeitungsformat gedruckt. Ich mag sowas. Kunst, die in einem Zusammenhang auftaucht, den man vielleicht nicht unbedingt erwartet – ach nein, das stimmt nicht so ganz, die aber vielleicht nicht so edel daherkommt wie sonst in einem Ausstellungskatalog. In einem anderen Medium einer anderen Wahrnehmung ausgesetzt wird. Die in die Zeitungsästhetik gequetscht wird und sich dort behaupten muss. GROSSE KUNST heiß die Beilage.

Manchmal stehen zwei Kunst-Seiten gegenüber, wie z.B. die von Thomas Demand und Liv Liberg, manchmal steht eine Kunst-Seite eine ganzseitige Anzeige gegenüber.

Und dort wird es besonders interessant.

Denn es stellt sich die berechtigte Frage (neben der allerersten Frage, wie es überhaupt zu genau dieser Auswahl an Künstler*innen kommt): Wie behaupten sich die künstlerisch gestalteten Blätter gegen die werbetechnisch durchgestylten und strategisch ausgerichteten Gestaltungen. Manchmal, wie in den  Beispielen oben, Camille Henrot gegen HERMES und unten Peter Shire gegen PORSCHE gehen sie für mein Gefühl eine doch merkwürdige Allinanz ein. Mag sein, dass sich die Werbeagenturen in den speziell für diese Beilage angelegten Anzeigen an künstlerischer Sprache orientiert haben, mag sein, dass die künstlerische Sprache ihre Widerständigkeit zu zaghaft formuliert, oder sich bereits beide Sprachen zu sehr angenähert haben?

Wobei ich es natürlich sehr spannend fände, traute sich CHANEL an die kindliche Madonnen-Ästhetik einer Grace Weaver heran.

Mischen wir alles miteinander. Es ist eh alles egal.

Natürlich ist es eine Binsenweisheit, wie sehr sich das meiste an Kunst den kapitalistischen Zeitzwängen anpasst, Wert und Bedeutung in Geldwert gemessen wird.

Ich musste dran denken, dass bei meiner ersten Einzelausstellung 1993 die Mainzer Rheinzeitung nichts als ein Foto veröffentlichte, auf eine Zeitungsseite gepackt mit den anderen Meldungen, untertitelt mit „Klaus Harth zeigt seine Werke“. Eine Abbildung eines meiner überschmierten Werbeplakatteile, die ich damals in den Büros der „Forschungsgruppe Jugend und Europa“ gezeigt hatte und die in der Zeitung die Form eines vielleicht etwas irritierenden Zeitungsfotos angenommen hatten. Was mir natürlich sehr gefiel.

Anpassung oder Wagnis.  Wehren sich meine Ästhetiken oder nehmen sie teil? An was auch immer. Lass ich mich fressen oder werde ich gefressen?  Mich würde es interessieren, mir die Anzeigen-Ästhetiken anzuverwandeln. Zeichnerisch zu verfremden, zuzuspitzen, die einem eher künstlerischen Ansatz auszuliefern. Den Marktscheiß rauszupusten. Sie rückzuführen in einen rechtfertigbaren Ausdruck. Auf ein menschliches Maß. Was auch immer.

Man hat ja sonst nix zu tun.

5895. Beitrag in diesem seit 2009 bestehenden Blog

Eben bin ich beim Spülen des Geschirrs. Der Reste unserer weihnachtlichen Einladung. Keine Familie diesmal. Sondern Freunde. Ich höre dabei eine alte Schallplatte, die mir einmal zugetragen wurde mit den Worten: Kannst du gerne haben, ich kann nichts damit anfangen. Ich konnte damals schon sehr viel damit anfangen: Keith Jarrett „Invocations“. Er spielt an der Orgel und dazu gibt es ab und an Saxophon. Wobei ich nie herausbekommen habe, wer hier Saxophon spielt, das steht nirgends auf der Platte und im Internet hab ich es bisher auch nicht rausbekommen. Eine teils, für viele Ohren wohl, schräge und radikale Aufnahme. Mich berührt diese Musik immer sehr. Gerade an den Stellen, wo es sehr radikal wird. So radikal ist er in seinen Klavierimpros eher nie gewesen. Das hab ich bei seinem Bruder gefunden, Chris Jarrett, aber bis auf dieser Platte Invocations nie bei ihm.

Das sollte Kunst können: Das Leben in all seinem Schmerz und Unaushaltbaren ausdrücken. Und auch in dem Aushaltbaren.

Ich versuche mich zu erinnern, von wem dieses Zitat war. Und warum ich es nie irgendwo notiert habe, außer in Tagebüchern.

Glenn Gould wird es in den Mund gelegt im Buch von Jonathan Cott: „Telefongespräche mit Glenn Gould“.

Seite 20, Gould zitiert wiederum Nietzsche:

„Sie (die Kunst) allein vermag jene Ekelgedanken über das Entsetzliche und Absurde des Daseins in Vorstellungen umzubiegen, mit denen sich leben lässt: diese sind das Erhabene als die künstlerische Bändigung des Entsetzlichen und das Komische als die künstlerische Entladung vom Ekel des Absurden.“

Yes. Und das ist es, was ich oft bei dem vermisse, was sich im mich herum so als Kunst enfaltet. Oft nur noch Design und Projektionsflächen für die Kopfkinematografien der Betrachter*innen.

So viel muss gesagt werden an diesem 1. Januar.

Ach, es ist noch gar nicht erster Januar?

Sondern 25. Dezember.

Egal.

 

3 minuten gehirnwäsche, 17.12.25 23uhR44 bis 23UHR51

Ich denke grade über neue Formen nach. Und über Dinge, die man sich früher so getraut hat. Und die niemanden interessiert haben. Die einen aber freier gemacht haben. Ich hatte zum Beispiel mal die Idee, für ein paar Wochen lang Sonntag morgens so um 6 Uhr rum an der Konzertmuschel im Deutsch-französischen-Garten in Saarbrücken ein Klarinettenstück zu spielen. Dinge, die sich ereignen, die aber kaum jemand mitbekommt. Die sich aber trotzdem ereignet und folglich die Welt verändert haben. Auch wenn sie, diese Welt, das nicht bemerkt hat. Heute lasse ich mich vom Alltag auffressen. Die tagessätze, mit denen ich mich gegen die Vereinnahmung wehre, schreibe ich viel zu selten. Meine Beobachtungen sind meine Beobachtungen und meine Sprache, die ich der Welt entgegensetze, verhindern, dass ich überrollt und aufgefressen werde. Ich schreibe sie viel zu selten, diese Sätze. Ich zeichne viel zu selten die Blätter, die mich am Leben halten. Auch wenn sie keiner sieht, existieren sie und verändern die Welt. Auch wenn sie es nicht merkt. Sprich wenigstens mit dir selbst. Leise reicht völlig. Viel zu viele sind laut genug.

so zwischendurch – ansätze und absätze

Letztens wurde es mir zugetragen: Sigurd Rompza, dem das Saarland-Museum gerade eine Ausstellung widmet, konnte mit Picasso nicht so viel anfangen: zu viele verschiedene Ansätze, keine wirkliche Kontinuität in der Arbeit. Nundenn. Aber interessant. Aber stimmt das denn überhaupt mit dieser Zutragerei? Spielt das eine Rolle, ob es mir richtig zugetragen wurde oder nicht? Wie auch immer, irgendjemand konnte Picasso aus dem Grunde der Nichtkontinuität nicht leiden. Mir fallen eine Menge anderer Gründe ein. Und man sollte vielleicht auch Mensch und Kunst unterscheiden? Was wiederum ein anderes großes Thema ist. Ob das geht, wenn jemand ein Ekelpaket ist. Kann man dann seine (oder ihre) Kunst gut finden. Zumindest teilweise? Ein weiteres weites ausgedehntes, nicht geklärtes und vielleicht auch nicht klärbares Feld.

Jetzt aber retour, da capo al fine, quasi, denn, wenn ich mich recht erinnere, war es mal wieder Canetti (bei mir ist es immer irgendwie Canetti, auch wenn ich das Zitat niemals wieder gefunden habe), der gemeint hat, es gäbe in der Kunst vor allem – und noch blöder: jetzt weiß ich noch nicht mal mehr, welche Begriffe er genau gebracht hat – es gäbe in der Kunst vor allem zwei Sorten Künstler*innen: die Eindampfer (so will ich das mal nennen), diejenigen, die also ein Thema, bestenfalls ihr Thema, formal ein Leben lang dermaßen eindampfen, dermaßen reduzieren und zuspitzen, dass sie zu einer Essenz gelangen. Zumindest scheint das ihr Wunsch, Ziel und Begehr. Die Kunst des Bogenschießens, wie es die Japaner lehren. Oder Tai Chi oder oder. Konzentration, Kontemplation. Selbstvergessenheit im Einköcheln des Themas und seiner interessant erscheinenden Form. Und es gibt die Chaotiker, Synthetiker, Beobachter, die die Welt wahr- und aufnehmen und alles auf unterschiedlichste Art und Weise wieder neu zusammensetzen. Die ihr Thema (von mir aus auch im Plural) auf immer wieder neue Art und Weise umkreisen und umzingeln, um es sich greifbar und dingfest zu machen. Die Welt auf diese Art zu begreifen versuchen. Dasselbe auf immer wieder neue Art sagen. Und vielleicht bleibt es dann ja auch nicht „dasselbe“. Dies kann dann formal unkonsequent erscheinen, gleichzeitig aber nicht weniger konsequent sein, als das formale Eindampfen. Und nicht zu vergessen, die ganzen Formen dazwischen. Was ist mit jemandem wie Gerhard Richter? Geht es hier nicht in letzter Konequenz um die Fragen, was alles ein Bild sein kann und was alles auf diese Weise sagbar ist? Ach.

Und ist Eindampfen vielleicht doch ein blödes Wort für das, um was es hier eigentlich geht? Wer weiß ein besseres?

(Ich für meine Person finde viele Picasso-Werke famos, insbesondere viele aus dem zeichnerischen Bereich. Und auch einige plastische Arbeiten sowieso. Es gibt aber auch viele Werke, die finde ich unglaublich unerträglich, unerträglich misslungen, redundant und überflüssig. Ich hätte mich mit ihm menschlich wahrscheinlich null verstanden, weil ich ihn wahrscheinlich einfach zu testosteronlastig empfunden und ihn alleine körperlich unerträglich gefunden hätte. Und natürlich ist seine Haltung Frauen gegenüber ein absolutes No-Go. Viele Arbeiten von Sigurd Rompza finde ich unglaublich interessant und pfiffig als Position der Kunstrichtung, die er hauptsächlich vertritt. Das nur so als kleinliche Ergänzung dieses kleinen Einwurfs auf einen Zuwurf, ob er nun inhaltlich gestimmt hat oder nicht.)

1984

Der 1. November. 1984. Also heute vor 41 Jahren. Ein Herbst der Niederlagen. Nach meinem Praktikum in der Druckerei damals und der anregenden Tätigkeit dort, wo ich viel gelernt hatte, dem Erwerb meines ersten Plattenspielers, und zwei Ablehnungen für ein Studium der Kunsterziehung (für Bewerbungen um ein freies Kunststudium fehlte mir damals noch der Mut), war ich am Ende und wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Ein Herbst extremer Einsamkeiten und extrem langer abendlicher Spaziergänge von Wiebelskirchen nach Neunkirchen, teilweise bis Wellesweiler und wieder zurück, am besten mit Sturm und Gegenwind, hab ich mich am 1.11.1984 hingesetzt und nochmal neu angefangen: Mir Gegenstände vor die Nase gesetzt und versucht, sie auf eine ganz neue, ganz unbefangene Art zu sehen und zu zeichnen. In der Hoffnung, dass mich dies weiterbringe. Mich nicht niederringen zu lassen von Absagen und Ablehungen.
41 Jahre. Anfang Dezember 1984 hab ich mit dem Zivildienst begonnen. Neues Umfeld, neue Gesichter, bin ins Wohnheim des Krankenhauses gezogen. „Raus aus der Komfortzone“, wie man heute dazu sagen würde. Hab währenddessen die Initialzündung vom 1.11.84 weitergetrieben und gezeichnet und aquarelliert mit dem Ziel, mich nach dem Zivildienst nochmal um ein Kunststudium zu bewerben (kein Kunsterzieher-Studium). War dann doch nochmal ein bisschen anders. Aber das ist hier nicht so ding.
Mittlerweile hatte ich das Glück, dass ich doch in diesem Bereich ein paar schöne Dinge machen durfte.
Trotzdem kämpfe ich immer noch mit Ablehnung und Nichtbeachtung. Natürlich sind das tief sitzende persönliche Deformationen. Und natürlich sollte man sich davon frei machen.
Wenn man sein künstlerisches Tun upunkt-apunkt als eine persönliche Freiheitsbewegung versteht, nicht nur als Bewegung, diesen ganzen Quatsch, der uns umgibt, und der auch in einem selbst drin steckt, halbwegs verstehen zu können, allein um ihn auch aushalten zu können, allein um dieses Dasein irgendwie halbwegs würdevoll zu überstehen und zu Ende zu bringen, dann ist es natürlich ein wenig grotesk, wenn man von denen Anerkennung heischt, mit denen man aber im Grunde seines Herzens gar nicht spielen will.
Da bleibt also noch ein wenig zu tun auf dem Weg der Erkenntnis.
1.11.2025

omnibus

für alle Mannheimerinnen und Mannheimerinnen und die es werden wollen und auch für die, die es nicht werden wollen und natürlich für alle, die einfach nur in der Nähe sind oder einfach nur mal hinfahren wollen: die EINHUNDERTSTE Ausstellung (in Worten: EINHUNDERTSTE). Freude in Feudenheim. Marchons! Partons!

hannah arendt in an eric-dolphy-style, take 1, remix 1 und remix 2

Bei dem kleinen Experiment, Hannah Arendt im Interview zuzuschauen, das sie 1964 mit Günter Gaus geführt hat, allerdings nicht ihrem eigenwilligen Sprachduktus zu folgen, sondern per Kopfhörer Eric Doplphy zu hören, kam es bei Take 1 zu der Zeichnung, die ganz oben zu sehen ist und die auch schon hier gepostet wurde.
Etwas unzufrieden mit dem Blatt, habe ich gestern die Musik gewechselt hin zur Platte OUT TO LUNCH (die ich nebenbei bemerkt zu den besten Platten zähle, die ich kenne). Remix 1 (im bildkünstlerischen Bereich wäre der Begriff „Zustand“ der gebräuchlichere) war schon etwas besser, Remix 2 (ergänzt mit weißer Aquarellfarbe, um gewisse Stellen „aufzuweichen“ und das Gesicht auch etwas breiter wirken zu lassen) war dann immerhin ein Ergebnis, mit dem ich erstmal leben kann. Alle dies Fotos beschreiben eine Zeichnung. Es sind keine drei Zeichnungen, sondern es handelt sich um ein einiges Blatt.

Jörn Budesheim gibt auf seinem facebook-Account eine Frage weiter, die ihm, so seine Erklärung, immer wieder gestellt wird: Warum machen Sie Kunst?
Ein mir unbekannter Michael Eschmann antwortet: Weil Kunst die einzig sinnvolle Revolte im Leben des Menschen ist. Ohne einen Tropfen Blut zu vergiessen (Albert Camus sinngemäß zitiert aus seinem Buch „Der Mensch in der Revolte).

Die Antwort gefällt mir sofort. Obwohl ich nicht weiß, ob es schon eine Revolte ist, aber wenigstens ist es so etwas wie ein Revoltieren, ein tägliches Sich-Wehren gegen und Nicht-Anerkennen eines wie auch immer gearteten So-isses-aber. Sich einen Hintergrund zeichnen, vor dem es sich aushalten lässt.

Corinna Mayer schreibt:
Weil ich mehr über mich und die Welt erfahren will.

Auch das ist einfach, klar und präzis und richtig.
Man könnte es natürlich auch komplizierter und komplexer ausdrücken. Was inhaltlich aber kaum etwas ändern würde.

Wenn man Leute im Landschafts-Kurs hat, die es dankbar annehmen, Baustellen zu malen und zu zeichnen: was für ein Glück. Ansonsten eumel ich ja grade ziemlich durch die Gegend mit meinen zweifelhaften Zweifeln. Gestern aber die Kiste aufgemacht mit den kleinen Zeichnungen von 2018. Und auch das war ein überraschendes Glück. Sehr freche und experimentierfreudige Blättchen dabei, wo man sich immer fragt: War ich früher mutiger?
Auf alle Fälle Felle.
(Und auch eine neue Heckenschere, weil meine Arme dann doch kürzer als früher.)

3 Versionen desselben Portraits. Mir war es zu glatt und es haben mir die nötige Härte und die nötigen Widersprüche gefehlt. Letztens abends eine kleine wilde Session. Und aktuell ist es tatsächlich der erste Zustand, mit dem ich halbwegs zufrieden bin. Vor allem auch deshalb, weil sich der Ausdruck des Bildes im Lauf des Tages mit unterschiedlichen Lichteinflüssen extrem verändert.

stand der dinge

im moment weiß ich kaum noch, wie ich bei all dem chaos, das um mich herum zu managen ist, irgendwie ein ganzes bleiben soll. am freitag bin ich in der arztpraxis sauwütend geworden, aus verzweiflung, dem gefühl des ausgeliefertseins und hilflosigkeit. die ärzte sind doch die profis, denkt man. die machen das doch täglich und wissen, wie das system funktioniert. gedankenlosigkeit, routine und ein bisschen mir-doch-egal sind aber die dinge, die mir grade so begegnen. und wenn man sich mit anderen unterhält, hört man immer wieder vergleichbare dinge. wie auch immer: durch zufall in die hände gespielt, lese ich zum erstenmal in meinem leben „im westen nichts neues“. dagegen ist das, was ich grade denke, aushalten zu müssen, natürlich ein witz.
aber trotzdem wahr.