16.3.21

17UHr29 bis 17UHR34

wie schön waren die gedanken, als ich sie noch für mich hatte – zwischen die steine konnte ich sie legen, unter den sand buddeln, mit dem dreirad konnte ich ums haus fahren, an der tür wurde nach mir gerufen, von draußen nach drinnen: kommst du? Und: was gab es denn bei euch zu essen? Und: was ist das für eine schlechte musik? Opa schlachtete den hasen, ansonsten war er 1 sehr friedlicher mensch. Er musste 2 kriege überleben, hatte aber immer gerade eben noch das richtige alter.

18.3.21

 

      1. 7uhr20 bis 7uHr27

Sing mich in den Schlaf. Jahrelang hab ich alleine gewohnt. Wenn ich abends nachhause kam, habe ich meine Wohnung begrüßt: Hallo Wohnung! Und wenn ich nachts nicht schlafen konnte, dann habe ich das Radio angemacht. Deutschlandradio Kultur. Mit langen merkwürdigen Musiksendungen, z.B. einer Spezialsendung nur über Filmmusiken. Mit einem Moderator, der da die unglaublichsten Sachen wusste und kannte. Eine Welt für sich. Und das war nicht die einzige Welt, die sich da entfaltete. Um 1 Uhr immer die Diskussionssendung, wo Menschen zu einem bestimmten Thema anrufen konnten. Und auch dort schien es die immer ein und selben Schlaflosen zu geben, die zu allem etwas zu sagen wussten. Weltbeobachtung und Weltkommentar aus nächtlicher Sicht. Wobei ich dann nicht schlaflos war. Ich schlief gut unter akustischer Begleitung. Wurde stellenweise wach und schnappte etwas auf. Mein Hirn kam nicht auf dumme Gedanken. Manchmal nahm ich einen Fetzen aus Strawinsky wahr. Oder Mahler. Oder was auch immer. Und hatte meine Verbindung zur Welt. Und etwas Vertrautes, was einfach da war. Wie andere ihre Wellensittiche haben. Wellensicht. Wellensichtiche. Nachtsicht. Nachtschicht und Nachsicht. Wellenweltnachtsicht-Gerät. Selbst heute mache ich das ab und an, wenn ich alleine zuhause bin. Ich bin mir dann vertraut und gut gewogen. Wellenweltnachsichts-Gerät.

11.3.21

      1. 8UhR49 bis 8UHr59

mit dem fahrrad hatte ich meine schwierigkeiten. Es hat lange gedauert, bis mein vater die stützräder abmontieren konnte. Wahrscheinlich hatte er es schon aufgegeben. Und trotzdem bin ich zum passionierten alltagsradler geworden. Das fahrrad halte ich für die größte erfindung des menschen. Mit dem schlittschuhlaufen war es anders. Als kind ausgeprägt unsportlich, was sich erst so mit zwölf, dreizehn jahren änderte als ich mit dem handballspielen anfing, war das eis sofort mein freund. Freunde stellten mich drauf. Sportliche freunde. Und ich konnte es sofort besser als sie. Und was motiviert einen mehr? Ich hatte etwas, was ich konnte. Sogar besser als die, die soviel besser waren. Zeitweise war ich, war die halle offen, zweimal wöchentlich auf dem eis. Jahrelang dann nicht mehr, mangels gelegenheit. Die letzten jahre dann wieder ab und zu. Was ist das besondere? Ich bin ja auch kein tänzer? Aber auf dem eis bewege ich mich leicht und elegant. Locker und elastisch. Ich vermute, es ist die bindung an vorgegebene bewegungsabläufe. Die schlittschuhe geben gewisse bewegungsabläufe vor, innerhalb derer man frei ist. Man muss den kräften, die sich zwischen den geschliffenen kanten, dem eis und dem eigenen richtungswunsch entspannen, nachgehen. Man darf nicht etwas anderes wollen. Man muss diese kräfte und ihren ausgleich spüren und ihnen nachgehen. Man darf nichts zwingen. Besser sogar: man muss nichts zwingen. Man muss nicht überlegen: wie beweg ich mich jetzt? Hat man angst vor dem eis, dann fällt man hin. Traut man ihm, so wird man getragen. Nachdenken über die bewegung führt zum misserfolg. Und das scheint mir sehr zu entsprechen. Wenn ich überlege, bin ich oft schlecht. Anders als auf rollschuhen, wird man beim fallen auf dem eis kaum gebremst, was weniger schmerzhaft ist. Man fällt leise.

Ps: im november 2019 war ich in schwenningen zu besuch und morgens zum schlttschuhlaufen. Ein gewöhnlicher wochentag. Außer mir war kein mensch in der halle. Ganz allein auf frischem eis. Alle spuren waren am ende ganz allein von mir. Auch eine zeichnung. Und etwas, was ich so wohl nie wieder erleben werde.

pps: wer vollendet mein schlttschuhläuferisches werk, wenn ich tot bin?

2.3.21

23uHr37 bis 23Uhr46

ich bin müde und wäre es auch gewesen, wenn ich nicht müde gewesen wäre. Die dinge sind nicht die dinge, die interessant sind. Lange konnte ich nicht auf dem fahrrad fahren. Mein vater lief hinter mir her und war verzweifelt. Sein vater lief nicht hinter ihm her und war verzweifelt. Er konnte schlecht atmen. Weil von wegen dem krieg. Angeblich kam er mit einem der letzten transporte aus stalingrad raus, bevor es zu dem wurde, was wir unter stalingrad verstehen. Ich verstand damals allerdings noch nicht einmal die sache mit dem gleichgewicht. Das kam später. Der vater meines vaters musste jeden tag zu einem spaziergang in den wald. Dabei war ich oft dabei. Ich kannte alle wege auswendig. Wir versteckten eine limoflasche am wegesrand und fanden sie am folgenden tage wieder. Ich erinnere mich, dass diese sorte limo schon nicht so super schmeckte, bevor wir sie versteckten. Fünf tage nach meinem zwölften geburtstag verstarb der vater meines vaters in dem krankenhaus, in dem ich geboren wurde. meine haare wuchsen ungebremst.

27.2.21

8UHr09 bis 8 uhr17

der traum von eben

ich war mitglied in einem mainzer verein für sport und bestattungen. Es gab einen alten veranstaltungssaal und ich durfte auf dem podium sitzen und war auch gleich in die illustre runde aufgenommen. Alles in brau und ockertönen. Stühle dunkelgrün bezogen. Wenn auch neben mir ein etwas unsympathischerer mensch saß. Aber der war auch den anderen mitgliedern unsympathisch. Ich musste mich auch nicht direkt neben ihn setzen und konnte einen stuhl zwischen uns frei lassen. Niemand im zuschauerraum. Ein mitglied fuhr mit seinem rennrad einmal um den raum und hinter uns am podium vorbei, um schonmal für mich eine duftmarke zu setzten. Die wände der großen räume hinter dem podium waren mit einem leinenartigen stoff bespannt, was mir sehr gefallen hat. Ich sollte schon bald bei der ersten beerdigung behilflich sein. Ich wartete an einem grab, bis die trauernden sich entfernt hatten und der mir zugeteilte erfahrene mitarbeiter zu mir kam, um mir zu sagen, was ich zu tun hatte. Das schien etwas länger zu dauern und ich war mutig und ging direkt an den grabhügel (alles war eher eine hügelige grablandschaft) und sah ein skelett, halb mit erde bedeckt, halb offen daliegend, die knochen nicht mehr in kompletter ordnung. Dass es eine frau war, wusste ich durch die gegebene situation. ich fand das alles nicht so schlimm. Eine halbverweste leiche wäre schlimm gewesen. Knochen einsammeln sollte möglich sein. Denn das war dann wohl meine aufgabe.

26.2.21

10UhR22 bis10UHR32

keine lust zum aufstehen: wir drehen die zeit zurück. Ein jahr, das würde schon reichen. Wenn man 3 sekunden veranschlagt, um die uhr eine stunde zurückzudrehen, dann bäuchte man für 24 stunden 72 sekunden. Das macht bei 365 tagen 26280 sekunden. Das wären 438 minuten, bzw. 7,3 stunden. Wenn man nicht zwischendurch einen arm in den krampf bekommt oder mal kurz langsamer wird. Oder schneller. Keine pause für ein butterbrot. Wenn die uhr neben dem bett steht, kann man sogar etwas liegen bleiben. Ein jahr retour und alles noch vor sich. Hinter sich. Unter sich. Neben sich. vor jahren hab ich mir mal folgendes errechnet:

14. März 2009

Eben lese ich in der Zeitung: Hanne Darboven ist tot.

Und Klaus Zumwinkel lässt sich seine Rentenansprüche von 20 Millionen Euro ausbezahlen. Für zwei Monate Arbeit im Jahre 2008 stehen ihm weitere 714.045,- Euro zu. Ich bewege mich normalerweise ja ein wenig abseits des Sozialneidgedankens und bin mir auch durchaus darüber im Klaren, dass andere für andere Dinge auch noch mehr bekommen, aber: kein Mensch leistet so viel, dass er soviel Geld „verdient“ hätte! Keiner! Man sollte mal eine Radierung von Klaus Zumwinkel machen und sie 20 Millionen mal drucken. Oder auch nur 714.045 mal. Letzteres angenommen, und angenommen, ich könnte in einer Viertelstunde einen Abzug auf der Radierpresse erstellen, hätte ein Team, das es erlaubte, rund um die Uhr zu arbeiten, bräuchten wir dazu 178.511,25 Stunden, d.h. 7.438 Tage (in Worten: Siebentausendvierhunderachtunddreißg)oder 20 Jahre und ein paar zerquetschte Monate (in Worten: zwanzigJahre). Bei Klaus Zumwinkel waren es 60 Tage (wenn man mal davon ausgeht, dass er samstags und sonntags durcharbeitet…).

Hanne Darboven ist tot.

21.2.21

8Uhr33 bis 8uhr50

stell dir vor: alle häuser sehen ursprünglich gleich aus. Jahre vergehen. Familien wachsen. Ziegen sterben. Die nachkommen der ersten bewohner haben mehr geld als die, die die häuser damals gebaut haben. Konjunktur und wirtschaftswunder und marshall-plan und wunder von bern. Und der darauffolgenden generation geht es noch besser. Auch werden die menschen jetzt größer als früher: mehr platz muss her. Es wird an und umgebaut und platz geschaffen. Und wenn man jetzt durch die siedlung geht, ist es merkwürdig: man sieht den häusern an, was in den köpfen den menschen drin ist. Schörkel und schnörkellosigkeiten. Ideen und keine ideen. Obstbäume und keine obstbäume. Wiesen, wo früher gärten waren. Wilde private kinderspielplätze. Betonierte einfahrten. Autos, größer als die garagen. Und überall sieht man noch – mehr oder minder deutlich – das ursprüngliche kern-haus: es ist aber meist nur noch der nukleus, an dem die aktuelle wohnwelt klebt. Paläste an hütten. Krebsgeschwüre als wohnzimmer. individualität als falsch verstandene, nach außen dröhnende merz-bauten. Die architekten hatten urlaub, die baumärkte offen. Alles platzt aus allen nähten und man fragt sich, wo früher die grundstücke platz hatten. Der mond (halb-, voll-, neu- und platz-) ist von all dem immer gleich weit entfernt: genau 1 minute.

20.2.21

8uhR08 bis 8UHR19

ich male ein fenster, aus dem ich als kind zweimal geschaut habe. Das war etwas besonderes: mein opa musste mich anheben. Das fenster war im oberen geschoss des hauses, eigentlich ein ausgebautes dachgeschoss eines sehr kleinen hauses. Die zimmer dort waren kalt und ungenutzt. Zu meiner zeit wurden sie nicht mehr gebraucht. Es waren die zimmer meiner mutter, ihrer schwester und ihres bruders. Es stand dort auch eine alte nähmaschine. Ich sehe das fenster von weitem. In meinem bild ist es ein kleiner heller fleck. Und ich kann das haus nicht mehr betreten. Die menschen verkaufen dinge. Dafür bekommen sie geld. In das haus kam regelmäßig ein einarmiger mann, der mit seinem lkw durch die gegend fuhr und sprudel, limo und bier verkaufte. Einmal im monat? Jedenfalls kam er von weit her (odenwald-quelle) um seine sachen zu verkaufen. Er sprach auch anders als wir. Ob er aber wirklich aus dem odenwald kam? Und damals war alles noch viel weiter! Die entfernungen waren größer weil die geschwindigkeit geringer (einstein). Er trug die sprudel-, limo- und bierkästen einarmig in den keller. Wir tranken sie aus. Süsser sprudel und saurer sprudel. So hieß das. Außerdem stand an einer ecke immer eine kanne hagebutten-tee (beutel), den wir aus gesammelten (und gespülten) plastikbechern tranken. Eine schaukel im garten und ein sandkasten. Gegend. gegessen wurde immer schon um 11.

15.2.21

      1. 15Uhr08 bis 15uHR17 (nachklapp zu bachmann im filzanzug, danke und gedanke)

bedeutungslose verbindungen. Gestern, am 14.2.2021, fiel mir zu der kleinen bemerkung Jörn Budesheims über zeichnung und kunst und das nachdenken darüber und dem dabei verbleibenden mangel an wirklichem wissen sofort ein zitat meines japanischen lieblings-kalligrafen Innoue Yu-Ichi ein, dessen retrospektive ich 1996 in frankfurt gesehen habe (zusammen mit Stephan Flommersfeld übrigens, der mich darauf aufmerksam gemacht hatte). Ich zog den katalog aus dem bücherregal, wollte ich ja genau zitieren, und fand das zitat nicht und legte ihn wieder weg und reagierte anders auf diesen gedanken. (mit der 3-minuten-gehirnwäsche von gestern: danke und gedanke). Später fand ich das zitat: „mir meine armut bewahrend, habe ich 66 jahre lang meinen pinsel bewegt. Befragt nach dem geheimnis, das hinter diesem steckt (muss ich antworten:) es gibt keine gesetze (für die kunst)“. Das, was ich dann aber am meisten kickte: ein blättern in der biografie Innoue Yu-Ichis sprach zu mir: geboren am 14.2.1916. Ich mag diese bedeutungslosen verbindungen, die einem nahelegen, es könnte so etwas wie einen sinn geben. Guck mal: 14.2. und 14.2.! Heiner Geißler hatte am gleichen tag geburtstag wie ich, aber das heißt nun gar nix. Aber auch Georg Cantor, der erfinder der mengenlehre, zumindest nach dem gregorianischen kalender. Und mengenlehre mochte ich tatsächlich. on kawara mochte die zahlendreher.

15.2.21 15.2.21 18UhR25 bis 18uhr27

aus dem soll ein muss machen oder aus dem brot eine tugend hier sind aber keine brote also aus der not – – – für das wort kneten gibt es im japanischen ein wort, das auch für lernen steht – – – vieles können wir einsehen, aber nur weniges begreifen: knetegard hilf!

14.2.2021

      1. 11uHr20 bis 11UHR25

die zeichnung ist der gedanke. Jeder gedanke darüber hinaus ist ein verbaler gedanke. Manche denken mit knien und ohren. Manche mit händen. Ich kann es mir noch nicht verkneifen, über hände nachzudenken. Manche stimmen mit den füßen ab. Überhaupt ist interessant: denken und danken. Gedenken und gedanke. Gedenkenlos. Gedankenlos. Die einzig philosophisch relevante frage ist die des selbstmords. Kann ich mir einen hintergrund zeichnen, vor dem es sich zu leben lohnt? Ist es nicht das, was wir zeichner jahraus-tagein tun? Und die die nachdenken? Gezeichnete hintergründe zum lebendigen vordergrund? Danken. Und denken. Danken? Und denken?

10.2.21

      1. 9uhr20 bis 9UHR23

in norwegen haben sie heute morgen vergessen, das licht einzuschalten. Das ist aber nichts besonderes. Machen die dort öfter. Norweger brauchen nicht so viel licht. Wie wer jetzt? So im vergleich? Wie wir? Bei uns haben sie heute morgen auch vergessen, das licht einzuschalten. Das macht aber nix, denn inzwischen halten sich unglaublich viele menschen, gerade auch morgens in der dunkelheit, ihr smartphone unter das kinn (tablets eher selten), was ein schier magisches licht auf ihrem gesicht erscheinen lässt. sie sprechen und leuchten. Kommunikationskonsum. Aber auch norweger kommunizieren mit göttlichem licht. Strom kommt aus der wolke.

2.2.21

      1. 9UhR12 bis 9uhR (im Zug nach Kaiserslautern)

meine großmutter mütterlicherseits (geboren 1899) war klein. Noch kleiner als meine mutter. Was fast unvorstellbar ist. Sie saß neben dem ofen und hatte probleme mit dem knie. Schwere probleme mit dem knie. Ihr hausarzt kam aus jugoslawien, milosevic. Das war etwas besonderes. Ihr knie war auch etwas besonderes. Ein hubschrauber fotografierte alle häuser von oben und verkaufte später die fotos. Das foto des hauses meiner großmutter und meines großvaters mütterlicherseits hing wohlgerahmt neben dem ofen, neben der großmutter mütterlicherseits und über dem schrank (von links nach rechts).

5.2.21

      1. 15UHr32 bis 15uhr38

es gibt zuviele bahnhöfe. Und zuviel regen, zuviele bahnhöfe mit vorne und hinten. Mit regendächern hinten und keinen vorne. Man kann vorwärts und rückwärts fahren. Vorne und hinten rausgehen. Sich nach oben oder unten orientieren. Die stadt kennt sich mit ihren eigenen leuten nicht aus. Was kann ich dafür? An einem einsamen und vierten bahnhof läuft ein mann davon, klemmt seine aktentasche unter den arm und ergreift die flucht. Ich schreie mich an. Ich schreie nicht biblisch, sondern nur zweimal. Der regen nimmt zu, und ich finde mein ziel. Ein zettel, den ich an die tür hänge, glaubt ein bisschen, aber.

4.2.21 (kleines fäkal-stück)

17uHR59 bis 18uhR04

ich lasse mir ein loch in den bauch schneiden und habe spaß dabei. Es wird schon wieder zuwachsen. Immer nur in der kurve laufen, auf der gerade aber stehen bleiben, bringt einem das ziel auch nicht näher. Auch wenn man sich auf die knie wirft, um nachzudenken. Worüber auch. Gemüse gibt es nicht beim pizzabäcker. Im keller steht das rad. in der toilette führen braune wege abwärts. Wäre ein blitzeblank geputztes klo die ehrlichere variante? Let the sunshine in and out.

3.2.2021 (für Statistik Freaks: dies ist der 4300ste Beitrag auf diesem blog)

      1. 17Uhr36 bis 17uRh42 (aus der Erinnerung)

Mit dem Zug in ein Zeitloch gefahren, zwischen Karlsruhe Hbf und Neustadt/Weinstraße. Unwirkliches oder vielmehr sehr wirkliches Wetter vor den Fenstern. Autos im Regen auf der Landstraße, die ein Sprühwassergewitter an ihrem Heck bilden. Ist mir vorher noch nie aufgefallen sowas. Ich schaue auf die Anzeige im Nahverkehrszug, sie zeigt: 20.06.2001. 11Uhr18. Ich schaue zweimal. Die Uhrzeit stimmt. Heute morgen bei meiner Abreise war noch der 3. Februar 2021. Falls jetzt die Schaffnerin käme und ich sie darauf aufmerksam machte und sie verdutzt guckte: „Wie: 2021“?? Dann wäre alles doch ein wenig merkwürdig. Mein Vater lebte noch und die Zwillingstürme in New York wären zwei normale Zwillingstürme in New York. Es kommt aber keine Schaffnerin, die ich fragen könnte.

1.2.21

21uHr11 bis 21UHR19

ich denke immer, ich sollte etwas über meinen großvater schreiben. Meinen großvater mütterlicherseits. Über den großvater väterlicherseits sollte ich natürlich auch etwas schreiben. Beide waren auf je ihre spezielle art speziell. Mütterlicherseits: 1900 geboren, ungewöhnlich für seine zeit schon allein dadurch, dass er gekocht hat. Als ich ihn kennenlernte, war er schon ein pensionierter bergmann. Hat im seinem garten gearbeitet, anfang des jahres freude daran gehabt, mir zu zeigen, welche zwerge er wo im garten aufstellt. Er fuhr mit seiner frau, meiner großmutter mütterlicherseits, wie es sich nämlich gehört, per busreise in urlaub. Sie reisten ins kleinwalsertal. Und nannten daraufhin das kleinste wiesenstück in ihrem großen garten kleinwalsertal. Das größte wiesenstück folgerichtig großwalsertal. Er ging mit mir und dem hölzernen handwangen zur müllhalde (sowas gab es damals noch) oder sammelte nach silvester mit mir im garten die papiernen überreste der silvesterraketen, die im garten niedergegangen waren. Auf den weihnachtsbaum aus plastik war er stolz. Wer hatte schon einen weihnachtsbaum, der nicht jedes jahr erneuert werden musste? Und am pfirsichbaum vor dem fenster neben dem fernseher konnten die vögel von meisenknödeln fressen. Ich saß drinnen und zeichnete die vögel auf meinen dreiährenblock. Mein opa mütterlicherseits hatte kein auto, einen ford, der war immer fort.

31.1.21

      1. 7UHr28 bis 7UhR34

er steht dicht vor und gegen die schwarze wand mit ernstem gesicht und hat da mehrere zettel drangeklebt und er steht und er haut in rhythmischen abständen, rhythmus könnte man ja eh definieren als der zeitliche abstand beim wiederholten eintreffen von irgendwas, zärtlich oder wütend oder laut oder leise mit einer plastikfliegendklatsche gegen die wand. Ich finde, nichts beschreibt ihn besser. Allein, mit der plastikfliegenklatsche vor der wand. Das ist der punkt an der wand: windmühlen war gestern.

30.1.2021

      1. 21uHR 17 bis 21UHR 26

die konstruktion der welt verlangt einen baumarkt. Die politiker entspringen seinem dickicht & zeigen mir die dinge, die sie mitgebracht haben. Es sind die dinge, die sie mir zeigen wollen. Es sind nicht die dinge, die sie mir nicht zeigen wollen. Ich schaue & betrachte & denke: hatte ich nicht etwas anderes bestellt? Was mache ich überhaupt hier? Hier warte ich und kann nicht anders?

29.1.21

      1. 9uhR3 bis 9uHr10

oh ja, eigentlich sollte ich draußen sein. Aufrecht und gehend. Und sitze stattdessen hier drinnen. Was habe ich vor einem jahr gemacht? Eine frage, die mich immer wieder beschäftigt. Wo war ich, wer war ich, wann war ich? Immer wieder erinnere ich mich an frühere punkte in meinem leben und denke: ach du scheiße. Hoffentlich weiß das keiner mehr! Wie dumm war man. Was hat man dummes von sich gegeben. Und war doch am besten möglichen punkt. Am rande der erkenntnis. Am rande des eigenen vermögens und wissens. Am rande der eigenen welt. Falsch: mittendrin! Und konnte keine weitere erblicken. Und heute weiß man: man ist weiter. Nicht mehr so dumm und der horizont ist ein anderer. Das hat etwas tröstliches, nämlich: ich sehe, ich kann mich ändern. Aber auch etwas beunruhigendes: in fünf jahren werde ich über den heutigen punkt vielleicht ähnlich denken wie jetzt über einen früheren: und ich merke jetzt nicht, wie dumm ich eigentlich bin. Ich sehe jetzt nicht, was ich morgen peinlich und scheiße finden werde. Bleibt so und ändert sich.