negativer enzensberger: ÜBERall

 

die nacht zeigt eine kleine schwäche

sie ist schon fast dem boden nah

die wirtin stellt die gläser weg

so leise sie das kann: man hört fast nichts!

die bräute rutschen sanft zu boden

an leitern, brav und schwach

die hüte kleben fest am kopf

(wer immer heute hüte trägt)

die bienen summen lohnlos frei

(und sind nicht träge, gerne)

am boden kauern, stimmenlos: arbeiter

und angestellt´, freiberufler sowieso,

ohne plan.

hinter den festverschlossenen rollläden:

fest verstummte katholikerinnen

ohrfromm und mundlos

anarchie aus ungerührtheit, unterwurf

und depression.

kein geldschein mehr enthält 1 segelschiff

kein flugzeug lässt sich falten

am schluss kommt keine null heraus

(hat man sich denn daran schön gewöhnt?)

ein ganz normaler alltagswähler wählt

1 münze aus der mütze des vorangestellten

der vorgestellten bank.

der hass wird ohne polizei verboten,

die lügner werden in den knast gesteckt.

die brötchenwarter machen ein geschäft: verkaufen

all ihr mehl (zum stimmen) an all die hörer all

der dudelfunkstationen dieser welt (morgens)

kein pferd erhält ein kreuz aus blei.

das unglück wird erbeutet wie eine katze eine maus erspielt.

Dauersparer, dauerflüssig, führen wurzeln und apfelkerne mit sich.

Im sand verebben sie trockenzwang und verunstalten parkplätze.

nirgends fallen uns die dünnen selbstversager vom himmel.

unlustig sehen wir uns, gedämpft in allen gassen.

verlacht das schiff, verlasst die bahn, all ihr wirtInnen,

allein- und vorgestellten.

Ohnmacht in die pflicht!

Kraftlos liegt die nacht.

wörter

hermann hesse:
was ist das gegenteil von stufen?
eine rutschbahn?
ein abhang?

3 minuten gehirnwäsche

15.6.22 11uhr10 bis 11uhr15
papageien sind die besseren maler! Sie tragen die farben bereits mit sich! Schweine können alles. Finden ihren weg in die zeitung, wenn man ihnen einen pinsel zwischen maul und zunge klebt. Nicht so der papagei! Er findet zwar auch den weg in die zeitung, aber aus eigener kraft! Das kann man ja mal machen! Das kann man ja einfach mal probieren! Wir löschen eine figur und schon toben die menschen vor begeisterung. Extrabunt. Papageien haben einen vorteil: selten passen sie in einen käfig, die einfach selten groß genug wären. Sie sitzen auf einer stange. Dürfen zwar nicht frei fliegen, kennen sich aber aus. Schön gefärbt ist halb gewonnen. Und den termin bei der substanzlehrerin haben wir schon vor jahren bedenkenlos abgesagt. Dem papagei geht’s gut, und er will auch, dass es dir gut geht. Eigentlich könnte man dagegen gar nichts einwenden. Ein wenig bunter lebt sichs besser. Schnell weg mit dem schwarz-weiß-denken! Abgesagt wird nie was. Und wir tragen das zwei-euro-stück unter unsrer vogelzunge.

wörterer IV

für elke erb

haferweh
sonnenmilch
lasterferner LKW
straßenpfund
butterpfand
wolkenstück
autopfarrer
wiesenrand
predigtweich
leicht erhitzt
und abgebrannt

wörterer III

in dieser reihenfolge (von drinnen nach draussen):

ich (mein vorsichtiges ich)
das fenster
die fliege
ein fliegengitter
ein falke
der unhintergründige himmel
vom kopf bis zu den füßen

l´eternité

eine wespe hält in der luft kurz inne,
direkt neben meinem kopf,
fliegt weiter,
sie ist bei weitem nicht so alt wie ich,
trotzdem fliegt sie seit jahrtausenden
in derselben spur,
hält neben köpfen inne,
während ich hier liege
und sehen muss wie und wo ich bleibe

wörterer II

glück und unglück:
ein stück transparentpapier zum pausen lebensnaher vorlagen
dinge, in die man sich verstrickt,
bevor es keinen ausgang gibt:
ich kann nicht, also bin ich

wörterer

gro teske go!
selbstverständlich hat der mond uns nichts zu sagen
ungelogen klebt der dreck am tor
keine leiter wird es jemals wagen
keiner zieht uns jetzt am ohr

empor

go! go! go!
to go? go? go? (?)

4.6.22 – beobachtung kurz vor 12

parkplatz unterhalb des friedhofs
1 junge frau
hinten bei den glascontainern
ausklopfen der fußmatten
wegwerfen von altglas
sommerlich
aus dem autoradio
1 coverversion von „imagine“
ich brauche lange, bis ich es erkenne
ja: alles könnte auch ganz anders sein!

26. mai 2022 – 3 minuten gehirnwäsche

26.5.22 18Uhr35 bis 18uhr41
gestern gehe ich irgendwohin und die menschen kennen mich. Wir sagen du zueinander. Andere sagen auch du zueinander, liegen sich aber auch in den armen und erhoffen sich förderung. Mir ist das zuwider. Wer plaudert plaudert. Wer fördert fördert. Es fördert also einiges zu tage, was ich lieber nicht gewusst hätte, aber sowieso schon gewusst habe. Blöd jetzt. Ich bin kein menschenfreund, bin aber zu den menschen freundlich*. Keiner weiß, was sie denken, keiner weiß, was ich denke. Alle wollen das kleinere buch haben, in dem sie ihre gedanken notieren. Ich notiere immer meine gedanken. Ständig pausenlos. Ohne zu wissen was daraus wird. Ja das tue ich auch! Siehe hier: mein buch trage ich sogar hier in der hand. Mein buch ist aber kleiner! Alle wollen etwas kleineres sein. Alle sehen etwas in mir. Der sieht das in mir. Die sieht jenes in mir. Nur ich sehe nichts in mir. Manches sieht man auch besser nicht. Manches fragt man besser nicht. Ohren zu im straßenverkehr! Eine liste machen: zehn fragen, die sie besser nicht gestellt hätten.
(*langsam frage ich mich aber: wie lange noch?)

1 gedicht zu ann cotten, nachdem mir daniela daub letztens „das pferd“ geschenkt hat

ann cotten!
knapp an dem, was greifbar ist, vorbeigreifen,
vorbeistreifen,
entlanggreifen,
wegstreiten
oberhalb und unterhalb
der flächen
und des flachen
flachsen
sich darüber verstecken
und verstehen,
was es heißt,
fortan stehen zu bleiben
statt hinzuschauen
wegzuducken
statt wegzugucken
fortschreiben
was fortschreiten heißen könnte
(ist das das, was man einen deckel nennt?)
(oder eine decke, die man nach oben
greifend
nicht begreift?)

don`t cry – work!

ich langweile mich über leute die sagen die kunst ist frei
ich langweile mich über leute die sagen die kunst sei frei
die kunst ist frei aber keine freude
die kunst sei frei aber keine freude
die kunst ist eine freude aber nicht frei
die kunst sei eine freude aber nicht frei
freiheit sei eine freude
ich habe die freiheit studiert und deshalb sollst du mich lieb haben
man liebt aber nur das was einen nicht langweilt
ergo: alle machen kunst und keiner freut sich

kleines postzynisches postscriptum:
es gibt in deutschland mehr autos als künstlerInnen (vermutlich)
aber immer noch mehr künstlerInnen als tankstellen (sehr wahrscheinlich).

kleines postzynisches postscriptum II:
das kann sich in kriegszeiten fix ändern.

umbenennung

ich plädiere für eine umbenamung des russischen putains: vladimir heißt ja friedrich. wir wissen das. und wir wissen seit herrn stowasser, dass sto in slawischen sprachen die hundert ist und vladimir der friedensreiche. das passt ja nun grad gar nicht. und seit vorgestern, wo man keine greuelpropaganda über die russische armee verbreiten darf, ohne dass man für 15 jahre im russischen knast versackt, tolstois roman krieg und frieden nicht mehr so heißen darf, weil es auch das wort krieg nicht mehr gibt, wäre es an der zeit, den machthaber umzutaufen in vladikrieg putain. äh, putin. klingt aber für französische ohren wohl ganz ähnlich. vladivojna. vladikrieg. ich finde, das klingt gut und den umständen entsprechend.

ach und übrigens. ich hab da noch ne theorie. weil ja keiner versteht, was der ganze scheiß soll, den vladikrieg hier abzieht. was will er eigentlich erreichen, sprich, eigentlich erreicht er doch, wie auch immer das in der ukraine jetzt ausgeht, das gegenteil von allem, was man sich so vorstellen könnte. aber wenn alles ganz anders ist? wir erinnern uns vielleicht an den unter depressionen leidenden piloten vor ein paar jahren, der in seinem unaushaltbaren leid einfach ein komplettes flugzeug an eine gebirgswand in den französischen alpen setzte und mehrere hundert menschen mit in den tod riss? psychologen haben ein wort für ein solch mitreissendes verhaltensmuster. ich habe vladikrieg da schwer im verdacht. die wette gilt. ein bisschen aufgedunsen wirkt er ja. vielleicht weiß er von seinem nahen ende und denkt: wenn schon, dann bitte alle. wers überlebt, darf mir dann berichten.

was es immer bedeuten mag

Gestern in der Mediathek den ZDF-Film über die Wannsee-Konferenz angeschaut. Ich habe noch keine Meinung zu dem Film, ob ich ihn jetzt gelungen fand oder nicht. Was mir aber aufgefallen ist: Es fällt der Begriff „entsorgen“. Schlimm genug. Aber hat man tatsächlich 1942 dieses Wort benutzt? Entsorgen als – nee, eben nicht „Synonym“, sondern als beschönigendes Ersatz-Wort für Wegwerfen kommt in meiner Erinnerung erst in den späten 80ern auf. Mein Berufschullehrer hat sich darüber aufgeregt. Natürlich war ich 1942 noch nicht geboren. Wer kann mir sagen, ob das Wort schon 1942 in Gebrauch gewesen sein könnte? Zur Präzision eines solchen Films gehört da nicht auch ein Lektorat, dem so etwas auffallen könnte? Sprache ist Denken. Ich finde das wichtiger, als dass jeder jetzt eine korrekte Nazi-Uniform trägt…

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MORGEN MÜSSEN WIR AUS TECHNISCHEN GRÜNDEN ZWISCHEN 11Uhr30 und 11Uhr31 für eine Stunde die Zeit abstellen. Wir bitten Sie, in diesem Zeitraum weder zurückzuschauen, noch Pläne für die Zukunft in Angriff zu nehmen. Wir sagen rechtzeitig Bescheid, wenn es weitergeht.

erster gedanke

ich bin ein denkbares licht
eine abgestandene zitrone
sauer bis unter den deckel
dunkel bis an den
rand meiner möglichkeit