ophüls 35, 3, film 7 und 8.

10 uhr: Viktoria – a tale of grace and greed. Regie: Men Lareida. Eine junge Ungarin verlässt Budapest, um in Zürich als Prostituierte auf dem Straßenstrich das große Geld zu machen. Ein klug erzählter Film, auf Ungarisch mit Untertiteln. Ein in seinen Zwischentönen wichtiger Film. Gut inszeniert und gut gespielt. Bisher haben wir nur vier Wettbewerbsfilme gesehen – wenn ich unter diesen vier einen Preisträger wählen müsste, dann wäre es dieser!

14 uhr: TOTALE STILLE. Regie: Zarah Ziadi. Die Geschichte von zwei Amokläufern, die persönlich gescheitert sind, dies politisch verbrämen und ihre Uni überfallen. Man möchte nach diesem Film leider sagen: Thema verfehlt. Der Film weiß nicht, ob er die Gewalt thematisieren will oder eine Komödie sein möchte. Im Gespräch nachher heißt es, man habe sich an japanischen Filmen orientiert, wo auch die Genres wild gemischt werden, oder an Shaklespeare, der auch in seinen ernsten Dramen immer eine Figur habe, die durch komische Momente das Publikum nochmal durchatmen lässt, bevor es mit dem Unerträglichen weitergehe. Mag ja sein, dass das bei Shakespeare so ist und dass man das tun kann. Man muss es aber auch können. Hier erscheint es einfach nur unentschieden, was dazu führt, dass nie wirklich Spannung aufkommt, die Handlungsstränge vorhersehrbar sind und das Drehbuch überhaupt an vielen Stellen hinkt. Nur ein Beispiel: Ein Prof, in seinem Büro sitzt er mit seiner Geliebten, einer Uni-Angestellten, fest. Er kommt auf die Idee: Vielleicht verbirgt sich hinter der Klappe an der Decke ein Lüftungsschacht, über den man vielleicht fliehen könne. Seine Geliebt klettert auf seine Schultern und kommt grade so an die Decke, um in den Schacht zu schauen. Schnitt. Nächste Szene: Beide klettern durch den Schacht. Jetzt sag mir mal einer, wie der Prof (auch nicht mehr ganz so taufrisch) da hineingekommen sein soll! Ich hätte es noch nicht mal von der Position auf seinen Schultern stehend geschafft. Und derer Holperer gibt es einige. Die einzig interessante Figur: Eine junge Frau, man sieht sie in der ersten Szene beim Psychiater, der ihr rät, sie solle endlich mal Zähne zeigen, sich wehren, nicht immer alles schlucken und duckmäusern. Sie solle sich vorstellen, was sie mit ihrem Ex-Freund täte, wenn sie eine Waffe hätte und er nochmals ankäme, um ihr kundzutun, sie zu verlassen. Und all das, was sie sich kaum zu phantasieren traut, tut sie nachher mit einem der beiden Amok-Läufer in echt. Und geht dann wortlos in der Schlussszene an allen Hilfskräften vorbei ins Freie. Superschluß. Wären nur 30% von dem Film auch so gewesen. Und nochwas: Wenn man in einem Film sitzt und einem plötzlich Zeit sichtbar wird, noch eine Szene und noch eine und der Film kommt nicht voran und wie lange dauert das eigentlich schon: nur der Hauch eines solchen Gedankens spricht gegen das Drehbuch. Thema verfehlt und Chance verschenkt.

 

ophüls 35, 2, film 4 – 6

14 uhr: POKA. Regie: Anna Hoffmann. Interessantes Thema schön erzählt. Was von dem Film aber wirklich an Bildern hängen bleiben wird, ist abzuwarten. Auffallend vor allem der Darsteller Pavlo Pasha Antonov. Man erfährt einiges über die sog. Russland-Deutschen, ihr Selbstverständnis in der UdSSR und wie sich dieses geändert hat, als sie nach Deutschland gekommen sind. Die Story ist klug gebaut, man sieht erst einmal eine Menge über die Zustände in der UdSSR, detailreich und glaubwürdig beschrieben.

18 Uhr 30. DAS HAUS MEINES VATERS. Regie: Ludwig Wüst. (außerhalb des Wettbewerbes). Interessant die Grundidee, den Film ohne Schnitt, resp. mit einem einzigen Schnitt nur in zwei Plansequenzen zu drehen. Daraus folgt, dass er auch in Echtzeit spielt. Ein Mann kehrt nach dem Tod seines Vaters in sein Elternhaus zurück und sieht sich in Begleitung einer ehemaligen Schulfreundin die Stätte seiner Kindheit und Jugend wieder an. Die beiden unterhalten sich, so wie man sich in solcher Situation unterhält und Stück für Stück erfährt man mehr, erahnt Abgründe. Die Frage bleibt, ob der 65 minütige Film tatsächlich funktioniert oder ob er nur eine Stilübung ist. Wobei ich eher zu ersterem tendieren würde. Auch hier bin ich gespannt auf die Bilder, die bleiben.

22uhr30. AUTUMN BLOOD. Regie: Markus Blunder. (außerhalb des Wettbewerbes): Der Film läuft auf Englisch ohne Untertitel. Doch keine Panik: Es wird kaum gesprochen. Und das ist das Wunderbare dieses Films. Wie hier mit eindrucksvollen Bildern eine Geschichte um sinnlose Gewalt und Vergewaltigung im Alpenraum inszeniert ist, dürfte einen so schnell nicht mehr aus dem Kopf gehen. Da traut sich jemand mal wieder was. Hier werden wohl tatsächlich Bilder hängen bleiben…

 

ophüls, 35, 1, film 1 bis 3

14 uhr: und morgen mittag bin ich tot. Regie: Frederik Steiner. Von SWR und arte begleitet. Ein Film über eine junge Muskoviszidose-Patientin, die beschließt, ihrem Leben in einer Zürcher Einrichtung ein Ende zu setzen. Ein Film, bei dem man sich wünschen würde, auf die Idee, Filme durch Musik zu begleiten, wäre noch nie jemand gekommen. Dort, wo er seinen Bildern vertraut, funktioniert er sogar meist (nicht immer). Aber wo er Musik einsetzt, macht er sich vieles von seiner Wirkung kaputt und überzuckert und setzt auf falsche Gefühle. Rosamunde Pilcher wäre die nächste Stufe. Ein Beispiel: Die Protagonistin Lea erleidet im Sterbezimmer im Beisein kurz vor dem Einnehmen des Gifttrankes nochmals einen panische Attacke und geht zur Toilette. Diese Bilder, wie sie dort mit sich ringt, auch wie dies fotografiert ist, wären absolut beeindruckend: die Figur und ihr Drama wären sich ausgeliefert und der Zuschauer könnte dem nicht entrinnen. Jetzt muss man aber ein wenig Musik drunterlegen, um das ganze nochmals zu untermalen. Wieso? Diese Untermalung schafft Distanz, gibt dem Zuschauer vor, welche Gefühle er dabei zu haben hat (entmündigt ihn also) und verhindert so, dass man von dem, was man zu sehen bekommt, wirklich betroffen ist. Der Regisseur nachher im Gespräch: Es zeigt sich, dass er ein Profi im negativen Sinne ist: Man schlägt ihm ein Buch vor, er nimmt an, beginnt dann, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Er weiß, wie man Dinge in Bilder übersetzt und macht seinen Job. Aber im Grunde genommen könnte er auch am Schreibtisch sitzen und Steuerbescheide bearbeiten. Ein leider mutloser Film, der Chancen eines Themas verschenkt, das einer ernsthafteren Betrachtung wert wäre.

20 uhr: Matthias Glasner in der Corinna Harfouch Reihe. Eine frühe Fingerübung eines wirklich interessanten Regisseurs, der für solche Filme wie „Der freie Wille“ und „Gnade“ verantwortlich zeichnet. Eine Fingerübung in 12 Tagen mit wenig Budget abgedreht, wie Frau Harfouch auskunftet. Frech, roh. Und vor allem kann hier jemand auch Musik einsetzen, so dass die Stimmung schafft und die Filmbilder strukturiert und stützt. Hier ist auch jemand am Werk, der keinen Job macht, sondern was erzählen will. Ob einem das ein wenig zu klamaukhaft wird oder nicht, steht auf einem anderen Blatt. Mich hat’s ein wenig an Wim Wenders „Same Player Shoots Again“ erinnert. Aber immerhin jemand, der sich was traut.

22uhr15: das leben nach dem tod am meer. Regie: Martin Rieck. Dokumentarfilmwettberwerb. Hier stimmt alles: Beobachtet wird ein junges Paar, das per Occasion ein Beerdigungsinstitut in Husum übernimmt. Welche Gedanken, welche Arbeit machen sich die beiden (viele Gedanken und gute Arbeit), wie ist das gemeinsame Leben, wie hat es sich verändert usw. usf. Sensibel beobachtet, mit günstig erworbenem Gerät gefilmt, nicht gefördert, weil der Autor Grafik-Designer ist und kein Absolvent einer Filmschule, gut geschnitten und mit einem extra komponierten Soundtrack unterlegt:  https://www.facebook.com/daslebennachdemtodammeer

lgb

Ein Kriterium, wenn ich mir nach einem Kinobesuch nicht ganz sicher war, was ich von dem Film zu halten hatte, war immer: tat es mir leid um’s Geld, das ich an der Kasse hinterlegt hatte. Hatte es mich geärgert, dafür Geld auszugeben? Die war in diesem Jahr einmal der Fall, bei einer Regisseurin, deren Filme ich ansonsten mochte: THE BLING RING von Sophia Coppola fand ich ausgesprochen langatmig und fad. Das, was der Film zeigen wollte, das fade und an äußerem Schein orientierte Leben der jungen Menschen, war dann relativ schnell kapiert und wurde in immer wieder vergleichbaren Bildern wiederholt. Die fehlende Tiefe der Protagonisten wurde in der fehlenden Tiefe des Films formal gut übertragen. Dies hätte man sagen können, wenn man dem Film formale Absicht unterstellen wollte.
Ein zweiter Film, von der ein oder anderen Zeitungskritik gut besprochen, war Prince Avalanche. Auch dies ein höchst überflüssiger Film. Eine, wie es die Amerikaner gerne mögen, einfache Grundkonstellation, die man schnell kapiert hatte und die einem dann doch bei der Klärung der Grundfragen des Daseins wenig weiterhilft. Recht einfach gestricktes Unterhaltingskino, das aber so tut, als hätte es doch einen etwas höheren Anspruch. Nicht ganz rausgeworfenes Geld, weil man ja ab und zu einen schlechten Film sehen muss, damit man auch für die eigene Kunst lernen kann, was man alles falsch machen kann.

Natürlich gibt es dann die weiteren Kategorien: Der Film war das Eintrittsgeld absolut wert. Oder: Das hat wirklich Spaß gemacht. Oder: Würde ich mir jederzeit wieder ansehen.
Und seit gestern: Müsste man sich im Anschluß eigentlich sofort wieder ansehen!
(Ich hatte das Anfang der 90er mal ein einziges Mal bei einer Ausstellung, der Arnulf-Rainer-Präsentation im Saarland-Museum, die damals derart einen Nerv bei mir getroffen hatte, dass ich an zwei Tagen hintereinander in der Ausstellung war, um zu kapieren, warum diese Bilder bei mir was angestellt hatten. Ich muss dazu sagen, dass folgende Arnulf-Rainer-Ausstellungen nie wieder eine solche Erschütterung bei mir ausgelöst haben, es kommt da wohl sehr auch auf Auswahl und persönliche Tagesverfassung an…)

Gestern jetzt endlich in dem vielgelobten Film „La grande bellezza“. Und der steckt so voll von Bildideen, Umsetzungen, Einfällen, dass man das gar nicht alles fassen kann und neidisch wird auf die Filmer, Film ist die wirkliche Kunst des 20. Jahrhunderts (ich weiß, ich weiß, wir sind bereits im 21. angekommen), wie das Catherine David bereits anlässlich ihrer Dokumenta X formuliert hat. Allein die Anfangssequenz wäre die Eintrittskarte wert gewesen, das ist alles mit einmal Sehen, mit zweimal Sehen wahrscheinlich auch nicht zu fassen.
Aromen von Fellini, von Letztes Jahr in Marienbad, die ein oder andere Szene könnte auch aus einem Tarkovski-Film stammen, und überhaupt erinnert das an vieles und baut sich doch eine eigene Welt.

Das Jahr begann am 1.1. mit „Himmel über Berlin“ in der Kinowerkstatt St. Ingbert, die man immer nur wärmstens empfehlen kann (nirgends kann man im Saarland so günstig gute Filme gucken und nirgends wird das Programm liebevoller und beweglicher gestaltet) und auch die Fortsetzung „In weiter Ferne so nah“ konnte man sich dort im Laufe des Jahres aus Anlass der Tode von Otto Sander und Lou Reed anschauen. Dazu ein Cassavetes-Wochenende und jetzt weiß ich nicht mehr, war die Bigelow-Werkschau dieses oder bereits letztes Jahr?

Wenn „La grande bellezza“ dort läuft, werdet ihr mich dort finden!

Ein Film, der mich ein wenig mit diesem Jahr dann doch noch ein wenig versöhnt. Nicht nur, was das Kino betrifft.

SaarHarth Neunkirchen

Jetzt hab ich mir als Außenstehender den Spaß gemacht und mir heute – zusammen mit einer ehemaligen Studienkollegin aus Mainz, im Saarland geboren und in Merzig lebend – die Neunkircher Abteilung der 10. Landeskunstausstellung angeguckt. Bettina van Haaren schreibt ins Gästebuch „Tolle Ausstellung!“. Dies ist aus meiner Sicht nur schwer nachvollziehbar.

Was bleibt ist für mich eine einzige Zeichnung, die dritte Zeichnung von rechts von Uwe Loebens. Die fand ich originell mit den männlichen Geschlechtsteilen, die zur Dornenkrone werden, wirklich ein schöner Einfall, der über die sonst ein wenig postpubertär inflationäre Verwendung dieses menschlichen Organs in seinen Zeichnungen, um seinen Unmut über gesellschaftliche Mißstände auszudrücken, doch ein wenig hinausgeht.

Ansonsten viel Malerei, die nichts wagt, die brav drei Leinwände vollpinselt, um zu zeigen, was man alles draufhat (wie bei Cordula Sumalvico). Zuviel unzusammenhängendes Material, dass einem das arme Bild schlußendlich gleichgültig zurücklässt.

Der Versuch, Fritz Zolnhofer, Edvard Frank und Richard Eberle einzubinden ist schwierig: Alle drei sind eigentlich nur noch kunsthistorisch interessant. Was bleibt für uns heute? Sind es Bilder, die uns heute als Bilder anrühren? Wohl kaum. Es sind Bilder, wo man nur noch sagen kann: Aha, das hat den damals also interessiert, aha…

Die Stilleben von Volkmar Groß gehen immerhin ganz gut mit den kleinen Gemälden von Gabriele Langendorf zusammen, deren Arbeiten ich aber in größerer Anzahl kombiniert im Künstlerhaus in Saarbrücken letzlich interessanter und überzeugender fand. Das wirkt in der geringeren Zahl auch ein bisschen wie Fleißarbeit und Demonstration von Können. Ein Sockenbild, das nicht ganz so glänzend daherkommt, und dass auch in SB eines meiner lieberen Bilder war, bleibt auch hier einer meiner Favoriten.

Volker Sieben mit zwei dunklen Leinwänden, ok, but: so what? Johannes Lotz pflegt seine Privatmythologien, verlangt aber immerhin sehr hohe Preise für seine Bilder. Auf einem Bild ist ein Kasperle mit drauf. Die Lieder, die er mal gedichtet und gesungen hat, fand ich schöner und verschrobener. Diese Bilder guckt man an und hat sie, kaum ist man aus dem Raum draußen, wieder vergessen.

Till Neu bleibt ein Schönfärber. Das Rot in seinen Bildern glüht und ist wirklich auffallend und man denkt sich: gut! Aber im Gesamten zeichnet er doch ein recht gutmütiges Bild von der Welt, zu schön, um wahr zu sein. Was passiert grade in Syrien? Da bleiben wir doch lieber im Garten Eden und malen noch flugs Adam und Eva ins Bild…

Bei Mert Akbal kann man die Arme ausbreiten und, so man will, in die Luft springen, man sieht dann ein Abbild davon in einer hin und her wackelnden Landschaft, die einen Traum des Künstlers darstellt, wenn ich das recht verstanden habe. Ich gehe raus und hatte ein wenig Sport (Hüpfen).

Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer.

Der Schlaf der Gedanken Schönfärberei (und auch Volker Sieben färbt in diesen beiden Leinwänden schönes Schwarz mit lecker Blau usw.)

Das schlimmste bei einer Ausstellung ist, wenn man wieder rausgeht, so wie man reingegangen ist, unberührt und unverändert.

Neunkirchen fand ich wirklich keine „tolle Ausstellung“. Aber es ist schön mal ein bisschen lästern zu dürfen, weil man selbst nicht dabei ist. Uwe Loebens macht das ja auch immer gerne…