
Skizzenbuch und permanenter Ausstellungsraum von Klaus Harth


WIR SIND DAS VOLK – der Ruf, der 1989 eine andere Bedeutung hatte als heute. ICH BIN DAS VOLK. L’ÉTAT C’EST MOI! ICH BIN DER STAAT, ODER DU?
DAS IST ja echt der Hammer: ich korriere STATT in STAAT, und immer wenn ich den Post irgendwo öffne, steht da wieder STATT. Der STAAT STATT meiner?
Also: ich bin nicht zu doof, um Staat zuschreiben, falls es also draußen beim Volk anderes ankommt: die Korrektur funktioniert nicht. Wie blöd. Ein Zeichen?
im letzten Kapitel von Canettis „Masse und Macht“ geht es u.a. um „Herrschaft und Paranoia“. Ein erstes Unterkapitel heißt: Afrikanische Könige. Dort wird ein Ritual aus Gabun beschrieben, wie ein alter König abgesetzt und vor allem, wie ein neuer gewählt wird. Ein Gremium hat den neuen König gewählt, der von dieser Wahl sieben Tage nichts weiß.
„Als er am Morgen des siebenten Tages am Strande spazierenging, wurde er von der ganzen Bevölkerung überfallen. Man vollzog nun einen Brauch an ihm, der der Krönung vorangeht und der jedem außer einem sehr ehrgeizigen Manne die Lust auf den Thron benehmen muss. In einer dichten Masse umringen sie ihn und überhäufen ihn mit Schimpfworten, wie sie nur der wüsteste Pöbel ausdenken kann. Einige spuckten ihm ins Gesicht, einige schlugen ihn mit Fäusten, einige gaben ihm Fußtritte, andere warfen nach ihm mit ekelhaften Gegenständen, während die Bedauernswerten, die zu weit außen standen und den armen Burschen nur mit ihren Stimmen erreichen konnten, ihn, seinen Vater, seine Mutter, seine Brüder und Schwestern und seine Ahnen bis zu den entferntesten Geschlechtern zurück beschimpften. Ein Fremder hätte keinen Pfennig aufs Leben dessen gesetzt, der eben zum König gekrönt werden sollte.
…
Du bist noch nicht unser König. Jetzt können wir noch mit dir machen, was wir wollen. Dann werden wir dir schon folgen müssen.
…
Alle Feindseligen Regungen gegen den Toten (der verstorbene König) werden erst an seinem Nachfolger ausgelassen.
…
Er bleibt aber ruhig, weil er weiß, dass diese Feindschaft eine verschobene ist, sie wird gespielt und gilt nicht wirklich seiner Person. Es muss alles trotzdem als peinlicher Beginn seiner Herrschaft immer in seiner Erinnerung bleiben, die Drohung dessen, was jederzeit geschehen könnte.
Übrigens erhält der neu gewählte König nach seiner Krönung den Namen des alten.
Was sowieso interessant ist: Manche Könige geben sich wie Päpste programmatische Namen.

ANARCHIE MUSS MAN AUSHALTEN –
EINEN KÖNIG AUCH
Andreas Speit beschreibt in seinem Buch „Autoritäre Rebellion“ in einem Kapitel auch die Situation und Gedankenwelt zur Zeit der Romantik anfangs des 19. Jahrhunderts. Achim von Arnim gründete 1811 die Deutsche Tischgesellschaft, später Christlich-Deutsche Tischgesellschaft genannte patriotische Vereinigung, zu der zahlreiche Politiker, Professoren, Militärs und Künstler der Berliner Gesellschaft gehörten und in der nur christlich getaufte Männer Zutritt hatten.[4] (Wikipedia).Speit spitzt das noch ein wenig zu. In der Christlich-Deutschen Tischgesellschaft hatten Juden keinen Zugang, es hatten Frauen selbstverständlich auch keinen Zugang. Und generell war man antifranzösisch und antimodernistisch eingestellt. Irgendwo musste man sich retten vor den am Horizont aufziehenden Veränderungen. Zurück zum Sicheren und Guten.
ANTIMODERNISMUS – ANTISEMITISMUS – ANTIFEMINISMUS
Auf diese drei Begriffe wird das von Speit eingedampft. Und ja: kommt einem das nicht immer noch ein wenig bekannt vor? Oder wieder? Würden nicht alle AfD nahen Denker und Nichtdenker bei diesen drei Eckpunkten hurra rufen?
Zurück zu Einbettung in Tradition und Märchen und Volkstümelei. Make the Wurzeln great again?
Sono importanti i radici. Keine Frage. Aber welches sind nun wirklich die Wurzeln. Und was kann daraus sinnvoll wachsen. Stämme, Äste und Zweige, die ihre Richtung ändern und zurück in die Erde wollen: datt kann es nun ja auch nicht sein.
D E N H U M O R V E R L I E R E N O D E R D O C H N I C H T ?
Wenigstens können wir in unserer Nachbarschaft sicher sein.
Nein! Am allerwenigsten können wir in unserer Nachbarschaft sicher sein. Erinnert Euch an den Jugoslawienkrieg. Von einem Tag auf den anderen haben sich gerade Nachbarn auf schlimmste Art massakriert und als Feinde bekämpft. Wo hab ich das Zitat letztens gelesen? Die Schlimmsten Taten werden begangen von denen, die glauben, das Richtige zu tun.
Vielleicht sollte man als gedankliche Notiz auch auf Paul Lynchs Buch „Das Lied des Propheten“ hinweisen, das das alles für mich auf wunderbarste Weise zusammenfasst.
(heute fehlen mir scheint’s ansonsten die Worte irgendwie…)
Doch noch eine Erinnerung: Gestern zufällig über ein Hannah Arendt Interview gestolpert, deutsches Fernsehen, wie es schien, 60er Jahre, schwarzweiß, allerdings ohne weitere Quellenangabe, wo sie schildert, dass mit das Schlimmste nach der Machtergreifung gewesen sei, wie langsam peut à peut die Bekannten und Freunde die Seiten wechselten.
Ergänzung einen Tag später: Das Interview ist von 1964 mit Günter Gaus aus seiner Sendung „Zur Person“. Und Hannah Arendt spricht auch nicht von Freunden, die die Seiten wechselten, sondern von welchen, die sich gleichschalteten. Überhaupt sehr sehenswert, so als kleiner Anspieltipp. Wie man damals noch miteinander gesprochen hat im Öffentlich Rechtlichen Fernseher. Gibt es sowas heute überhaupt noch irgendwo irgendwie? Irgendwas, was wirklich in die Tiefe geht und nicht dieses Polit-Talkshow-Blablablupp? Neben der Einführung der Fernbedienung und des Privatfernsehns halte ich übrigens auch die Einführung dieser Politik-Talk-Shows (Sabine Christiansen war die Ursünde) für den Anfang vom Ende. Eine s-beliebige Sendung „Der internationale Frühschoppen“ gegen irgendwas wie „Christiansen, Will und wie sie alle heißen“. Um das grad mal zu erwähnen, weil die Gelegenheit und ding. Aber ich kann da kaum mitsprechen, weil ich guck mir den ganzen Schmonzes ja gar nicht erst an. Ich les‘ weiterhin lieber „gleichgeschaltete Qualitätsmedien“.
Und dazu passt eine kleine Erzählung von Stephan Hermlin „Wie ich einen Freund verlor“, die ich heute mittag im Allmanach zum 60jährigen Wagenbach-Verlags-Jubiläum gelesen habe.
Nichts ist sicher und nichts ist selbstverständlich.
Der reale Kontrollverlust wird vermeintlich durch alternative Wahrheiten aufgelöst.
Ist unsere Fähigkeit zu urteilen, das Recht vom Unrechten, das Schöne vom Hässlichen zu unterscheiden, von unserem Denkvermögen abhängig? … Ihre Antwort lautet Ja – es war die Gedankenlosigkeit, die dem Bösen den Boden bereitete. Das war die wichtigste Erkenntnis. Diejenigen, die Widerstand leisteten, … sind diejenigen, die auf die Stimme in ihrem Kopf hören, auf das andere „Ich“ im „ich bin“, das mit Sokrates sagt: „Ich kann es nicht mehr mir selbst aushalten, wenn ich das mitmache, egal was es kostet. Ich kann dann einfach nicht mehr sein.“
„Am allerbesten werden jene sein, die wenigstens eins genau wissen, dass wir, solange wir leben, dazu verdammt sind, mit uns selbst zusammenzuleben, was immer auch geschehen mag.“
Lyndsey Stonebridge, S. 284
E N T S I C H E R T E U N Ü B E R S I C H T K I C H K E I T




wer seine Geschichte nicht kennt, ist verdammt, sie zu wiederholen (Ernst Bloch)
fast mehr als die filigransttechnik beeindrucken die großen turm- und kirchturmuhrwerke:
so viel aufwand, steine an schnüren, ineinandergreifender verstand,
um etwas zu messen, was es eigentlich gar nicht gibt.
ein windhund namens köllerbach
man hört dinge die man noch nie gehört hat
riecht einen fluss
geht man dann hin
dann kommt es einem doch total bekannt vor
ein windhund namens köllerbach
autsch
aua
utsch
grundlegende Menscheitsprobleme:
1. alle denken, sie könnten denken und
2. alle denken, dass sie zu allem etwas zu sagen hätten
(von wem stammt das noch?: der mensch hat 2 ohren aber nur 1 mund)
Eine meiner Lieblings-Hetz-Geschichten, kolportiert von einem ortsansässigen Elektrofachbetriebs-Betreiber, selbst umfangreich schwergewichtiger Ich-selbst-arbeite-16-Stunden-am-Tag-Typ.
Und eigentlich müsste man hier schon eine kleine Zäsur machen: Diese Ich-selbst-arbeite-16-Stunden-am-Tag-Typen, denen man von ihrem Körpergewicht gesehen noch nicht mal mehr als drei Stunden am Stück zutrauen würde: Ich selbst würde deren Arbeitstag gerne mal sehen.
Zur Baustelle fahren, die Arbeit besprechen und an die Angestellten verteilen, zurückfahren, Angebot schreiben, woanders hinfahren, um ein wichtiges Teil zu besorgen, zurückfahren, um eine Rechnung zu schreiben, ach, was sind die Tage voll. 16 Stunden Arbeit, 8 Stunden Schlaf, wann wird denn jetzt gefrühstückt, gemittagesst, geabendesst? Alles Arbeitszeit. Wie auch immer. Gefahren wird übrigens G-Klasse. In was anderes passt man ja auch nicht rein. Die Rechnungen sind entsprechend, aber abgesehen von Baumarkt und Selbermachen Monopolist im Ort. Feuerwehr.
Sei immer vorsicht, wenn Dir so jemand sagt, wieviel er so arbeitet. Schlaue Menschen arbeiten weniger. Nur Künstler*innen arbeiten rund um die Uhr. Und selten gegen Geld.
Wurscht.
Dieser Ich-selbst-arbeite-16-Stunden-am-Tag-Typ hat bei einem Kunden die Zeit, sich über die „Asylanten“ zu beschweren (als ob man sich bei diesem Körpergewicht noch mehr beschweren könne…) (Und: gehört diese Erzählzeit jetzt auch noch zur Arbeitszeit?) – auch wurscht – jedenfalls hat diesem Ich-selbst-arbeite-16-Stunden-am-Tag-Typ ein Bekannter berichtet, dass er gesehen habe, wie „Asylantenkinder“ sich im Aldi Wasserflaschen gekauft hätten, auf den Parkplatz raus seien, das Wasser einfach weggeschüttet hätten, um dann frech den Pfand einzulösen. Skandal!
Du denkst: Aha, „Asylantenkinder“ gehen ins Aldi, kaufen Wasser, schütten es weg, um den Pfand zu kassieren. — äh? Hab ich da was falsch verstanden?
Vor lauter „Hä?“ kann man da gar nicht empört zustimmen und weiß auch gar nicht, ob nicht der Ich-selbst-arbeite-16-Stunden-am-Tag-Typ da was falsch verstanden haben könnte.
Als Super-Geschäftsmann jedenfalls könnte er bemerkt haben, dass die Geschichte an einer bestimmten Stelle ökonomisch-überlegerisch nicht soooo ganz aufgeht…
Wie auch immer.
Das Narrativ ist gesetzt. Die Empörung erheischt. Das Weltbild gefestigt.