eben noch fest geschlafen,
jetzt noch nicht richtig wach,
in diesem Zwischenzustand,
wo es auch vollkommen in Ordnung wäre,
jetzt sofort zu sterben.
das größte glück:
alles scheißegal
Skizzenbuch und permanenter Ausstellungsraum von Klaus Harth
eben noch fest geschlafen,
jetzt noch nicht richtig wach,
in diesem Zwischenzustand,
wo es auch vollkommen in Ordnung wäre,
jetzt sofort zu sterben.
das größte glück:
alles scheißegal
MORGEN MÜSSEN WIR AUS TECHNISCHEN GRÜNDEN ZWISCHEN 11Uhr30 und 11Uhr31 für eine Stunde die Zeit abstellen. Wir bitten Sie, in diesem Zeitraum weder zurückzuschauen, noch Pläne für die Zukunft in Angriff zu nehmen. Wir sagen rechtzeitig Bescheid, wenn es weitergeht.
ich bin ein denkbares licht
eine abgestandene zitrone
sauer bis unter den deckel
dunkel bis an den
rand meiner möglichkeit
was unterscheidet einen entfernten hund von einem zu dicken pferd? ganz klar: die Nase. und das gebiss. Pferde riechen Äpfel. Hunde nicht.
11.12.21 9uHr28 bis 9uRh 31
das licht meiner stirnlampe trifft mit sicherer lichtgeschwindigkeit auf die bäume ringsum. Das macht ihnen nichts aus. Sie halten das aus, als ginge es sie nichts an und leuchten freundlich zurück. Dem licht macht es auch nichts aus. Das einzige, was dem licht etwas ausmacht: wenn es von einstein ausgerechnet wird. Kerzenlicht ist nicht langsamer als stirnlampenlicht. Nicht langsamer als flutlicht im stadion. Ich stelle mir vor: einstein, wie er abends an seinem schreibtisch neben der kerze sitzt und so lange die lichtgeschwindigkeit berechnet, bis die kerze erlischt.
kauft sich eine überfettete gesellschaft deshalb gerne diese ganzen überfetteten autos, weil das einen gewissen wiedererkenungswert hat?
ein mann mit kinderwagen, tattoos und kind
& dosenbier in der hand,
ausgeglichen, geduldig, duldend, apathisch
wie rilke in seinem käfig
gestern, heute, übermorgen
& trinkt keinen einzigen schluck
seit kurzem schicken sie mich überall dorthin,
wo man die offnen türen sowieso schon einrennt.
dort steck ich fest und sammle alles,
was nichts heißen und bedeuten soll
und vor mir vor den füßen liegt.
misstraue: so einfach: U vor dem X.
du nimmst kein zeichen
aus der luft,
das alle sowieso dort sehen,
dort, wo die alten häuser stehen,
dort wo sie unten gräser mähen
dunkel und stumpf
aus welchem etwas ist die welt gemacht?
und: was ist?
was ist: das gegenteil von
stuttgart, hamburg, london und jerusalem?
Das Wort, das mir heute morgen eingefallen ist, ist mir wieder ausgefallen. Nonstop Wörter rein, Wörter wieder raus. Wer ohne Bleistift lebt ist durchlässiger für die Welt. Wörter und Sätze fallen ein. Wie früher bei den Hunnen. Die sind auch eingefallen. Ist das bei Wörtern und Sätzen anders? Können wir uns wehren gegen die eingefallenen Wörter und Sätze? Auch Gemäuer können einem einfallen.
Sich selbst beim Denken zusehen ist ein verqueres Schauspiel. Wie kann soviel Welt durch mich hindurch, ohne dass ich einen Hauch davon bemerke. Nichts wirft einen um. Und wie schön ist es, wenn es einem dann ausfällt. Ausfallen ist ja negativ besetzt. Haare fallen aus. Unterrichtsstunden. Veranstaltungen allgemein. Selten eine Haftstrafe. Wörter und Sätze können ausfällig werden. Und das ist dann ein chemischer Prozess im menschlichen Gehirn. Alles nur ein chemischer Prozess, bei dem das Urteil noch lange nicht gesprochen ist. Das Wort, das mir ausfallend geworden war, ist später wieder bei mir eingefallen. Auf dem Rad. Auf dem Nachhauseweg. Weil es mir morgens auf dem Rad auf dem Hinweg aufgefallen war, bzw. aufgefallen war mir das, was es beschreibt. Es heißt: Vorgartenbauch. Wahlweise ergänzt als: Vorgartenbauch mit Hund.
wenn man von manchen menschen wüsste, wann sie jetzt cool sind und wann sie jetzt nicht cool sind. Jetzt eine coole formulierung suchen für uncooles verhalten. Oder eine uncoole formulierung für cooles? Hier beginnt schon der fehler, wo einer sich anschickt, flotte formulierungen zu kaufen, suchen und finden für menschen, die früher auch problemlos ein konzentrationslager geführt hätten und es heute auch zu tun vermöchten, links oder rechts oder mittig: egal: hauptsache ich ich ich und macht macht macht und die heute technisch brilliante leistungen vollbringen aber als soziallegasthenische grundsoziopathen dich morgen kaltlächelnd, noch ein witzchen mit dir schäkernd, shakehand, linkshändig oder rechtshändig abservieren. Lächelnder kumpel und mörder in gleicher person.
hinter keinem noch so profanen haus
wirst du zu einem punkt
du veräppelst noch nicht einmal dich selbst
hinter keinem noch so falsch verstandenen ZEN-garten
wie du letzteres vermeiden kannst
war keinem menschen je bekannt
wie du ersteres vermeiden kannst
weißt noch nicht einmal du selbst
die fliege klebt kopfunter am bildschirm
ein seltsamer tod
an etwas flachem klebend,
das dann auch noch leuchtet und warm ist…
am sacht gebogenen horizont steht eine kuh auf dem hügel
und bildet ein merkwürdig punktvolles gegenstück
zum gelben arm eines baukrans –
tun und lassen
kleben und stehen
festgesaugt an der zeit
ich entferne die festgebissenen
pflanzen aus dem rinnstein am straßenrand
sisyphos hätte seine freude dran
man sollte mit manchen arbeiten aufhören,
kurz bevor sie beginnen, einem spaß zu machen
nach einem solchen tag
bin ich eine einzige platitüde,
eine ambiguitätstarantel &
grobberstende schuldmutter,
schmerzarm armselig
Ich trage mich
210fach
die treppe hoch
voll mit dehnbarem mut
in aller stille
fast bis unter´s dach
die fliege
am fenster
im flur
stirbt
derweil
einen lautstarken tod
sehr sachlich
und unbedacht
mit einem einzigen ton,
der
völlig zweifelsfrei
daherkommt.
du wusstest um sein allzu lautes knie
darauf die birnen faulten. So
taub und faul erloschen sah man ihn noch nie, so
hört er, nur von draußen, ganz fest angeschraubt,
was haltlos ist und stumpf,
nichts greift und alles licht verschluckt.
Das ist der grund, weshalb man dich von hinten sieht,
nichts an, nichts ab, oder du, in einem lauten stand,
nichts als verstand, mit bitterem gesicht,
nur an die ränder denkst, wo gar nichts geht
das ist der grund, weshalb sich dieser schwamm ganz klar
befindet, entsetzt oder lieber dann doch undurchsichtig hebt
und leuchtet laut so wie die haut von einem toten tier;
und in der mitte dieses schwamms, zerquetscht durch raum
und zeit: die schwarzen löcher, deren stille stellen wahllos blind,
durch die man dich nicht sieht:
du musst so bleiben, wie sie sind!
das verhältnis von eishockey zu fussball erinnert mich daran, was vor jahren mal jemand vom verhältnis tapiès zu arnulf rainer gesagt hat: gegenüber rainer erschiene ihm tapiès fast schon wie ein intellektueller – – – ich fände wohl eher rainer den flotteren und tapiès einen langweiligen fussballer – fussball ist deko, eishockey sport
viele laien
kochen einen brei
und schenken mir
eine stunde, die
gut schmeckt,
weil ich sie
verschlafen kann,
ohne zu kauen –
geschmacksfreie zeit…

Zeichnung Nr.23: Saul Steinberg, aus der Reihe Spiegelungen, 2. Spiegelungen-Blatt aus „Die Entdeckung Amerikas“, Diogenes, 1992
Unser Blatt ist sehr puristisch gehalten. Keine Farbstifte, kein Aquarell, all das, was dieser Zeichner sonst immer wieder gerne benutzt hat: genau das fehlt hier. Ein roher, etwas krakeliger Strich, der teilweise an Kinderzeichnungen erinnert. Eine Zeichnung, die uns ästhetisch nix dahermacht. Eher was zu Denken als zum Genießen.
Wir sehen ein Querformat. Seitenverhältnis grob etwa 2:3. Waagerecht findet sich etwas oberhalb der Mitte: ein Horizont. Eine schnurgerade Linie, nicht krakelig, mit dem Lineal gezogen: Die Spiegelachse, die Leitlinie, an der sich, oberhalb und unterhalb, alles orientiert, ordnet und abspielt. Beziehungsweise abspiegelt.
Das Blatt gehört sinnigerweise zu einer Reihe mit dem Titel „Spiegelungen“.
Am unteren Blattrand, etwas rechts, steht an einem angedeuteten Ufer ein kleiner Mann mit Hut, der das ganze Szenario betrachtet. So wie wir auch.
Was spiegelt sich nun? Wir lesen das am besten von links nach rechts:
Ganz links am Blattrand: der Rest einer Insel, die gerade noch ins Blatt ragt. Ein stilisiertes Bäumchen darauf.
Danach, im Himmel: das Wort OHIO. Vier Buchstaben mit etwas Abstand, die sich exakt genau so unten in der Wasserfläche wiederfinden. O gespiegelt mit O ergibt O. H gespiegelt mit H ergibt H. Und so weiter und so fort eine glasklare geometrische Spiegelsache.
Danach sehen wir im Himmel einen Schwan, Kopf nach links. Aber ach: Er schwimmt und bespiegelt sich an einer kleinen eigenen Spiegelachse entlangschwimmend bereits an sich selbst, und zwar oben im Himmel, als sei hier bereits auch schon See. Doppelschwan im Himmel, der sich als eben diese Doppelfigur, wen wird das wundern, natürlich auch als Doppelschwanselbstbespiegler-Spiegelbild unten im Wasser wiedererkennbar wiederfindet.
Man könnte so drüberweggucken. Wie über so vieles im Leben.
Dann, weiter in Leserichtung nach rechts, wieder eine Sprachspiegelung. Im Himmel das Wort STAR. Stern. So etwas erwartet man da oben. Yesjawoll. Gespiegelt wird aber nicht S als S, T als T usw., sondern von hinten nach vorne: aus dem Stern werden die Ratten, aus dem STAR werden die RATS. Das gehört in die Schublade der Ideen, die ich selbst gerne gehabt hätte. Semantische Fallhöhe hoch 3. Mindestens. Einfach mal so eben weggespiegelt.
Um das verdauen zu können, macht es uns Saul Steinberg am rechten Blattrand etwas einfacher. Da finden wir dann wieder den Anfang (oder das Ende) einer Insel, vielleicht einfach auch nur einen Kai mit einer kleinen Fabrik mit rauchendem Schlot. Der Rauch stiehlt sich sowohl in Himmel und Wasser über den rechten Bildrand aus dem Geschehen heraus.
Unten rechts steht am Ufer der Mann mit Hut. Er allein bleibt ungespiegelt. Guckt aber in dieselbe Richtung wie wir. What you see ist what you get.
Zeichnen sei Denken auf dem Papier hat Saul Steinberg einmal gesagt.
Ja!
Ein ausgeprägter Spieltrieb kann beim Denken aber sehr gut helfen.