ISBN 978-3-6951-1989-9

Hier isses. Weihnachten ist vorbei, die Geschenke verteilt. Das neue Jahr hat auch begonnen. So langsam kann man wieder dran denken, sich auch wieder was Schönes zu gönnen. Wie in den letzten Jahren meist zu Beginn des neuen Jahres: der Rückblick auf das vergangene. Zeichnungen und Texte von 2025. Fast noch frisch, kaum verwelkt und unglaublich: das sechste Jahrbuch, seit ich mit diesem Spaß angefangen habe. Wie immer im Verlag Books On Demand. Ihr könnt es also unter der oben genannten ISBN Nummer im Buchhandel bestellen. Oder direkt bei mir unter klaus_harth@web.de Oder eine SMS hinterlassen unter +49 151 144 90 59 6. Geht auch. Oder schreiben per Post. So kommt das dann auch, per Post nämlich. 17,50 € kostet das. Versandkosten übernehme ich.
Es trägt den Titel: „angebot ohne nachfrage – vom beobachten des beobachters beim beobachten = jahrbuch 2025“.
„Gibt es Entwicklung? Kann es überhaupt Entwicklung geben?“ Bestellt und seht selbst.
Diese Jahrbücher sind im Wesentlichen meine Ausstellungen. Ausstellungen werden wieder abgebaut, so wie man auch selbst immer wieder abbaut, diese Bücher aber bleiben. Bisschen was über 104 Seiten und mindestens ebensoviele Abbildungen.
Wie heißt es bereits bei Konfusius: LANGT TSU!
(Anmut – Unmut – Armut)

vor weihnachten ist nach weihnachten, teil 2

Anpassung oder Wagnis.  Wehren sich meine Ästhetiken oder nehmen sie teil? An was auch immer. Lass ich mich fressen oder werde ich gefressen?  Mich würde es interessieren, mir die Anzeigen-Ästhetiken anzuverwandeln. Zeichnerisch zu verfremden, zuzuspitzen, die einem eher künstlerischen Ansatz auszuliefern. Den Marktscheiß rauszupusten. Sie rückzuführen in einen rechtfertigbaren Ausdruck. Auf ein menschliches Maß. Was auch immer.

Man hat ja sonst nix zu tun.

 

vielleicht auch doch?

Die untere Abbildung zeigt eine Arbeit von Alicja Kwade gegen eine Anzeige von DOUGLAS. Das obere Foto Carneb Winant mit Grace Weaver. Eine Doppelseite ohne Werbung, wo sich zwei künstlerische Positionen auf interessante Art und Weise kommentieren. Links eine Art Collage aus dokumentarischen Fotos, gesammelt und gefunden und montiert, rechts „Madonna lactans“ von Grace Wieaver. Die Fotos eröffnen einen Raum von Körper-Sprachen, Geschlechter-Identitäten, Körper-Rhythmen, der sich betreten, erkennen, aber nicht entschlüseln lässt. Dem gegenüber steht die „Madonna lactans“ in ihrer fast kindlichen Ästhetik. In sich selbst eine inhaltliche Spannung entfaltend aus traditionellem christlichen Bildthema und der gewählten Umsetzung. Beide zusammen finde ich eine sehr gelungene Kombination, die angespielten Themen nochmal steigernd.

Alicja Kwade könnte in ihrer Rundästhetik auch als Verbreitung der Duftnoten gelesen werden. Ich mag ihr Uhren-Objekt in Mannheim. Das Blatt hier heißt übrigens „Form light to dark in 3 months (91 days/2184 hours)“. Es könnte dann auch: die Verbreitung der Düfte in 3 Stunden heißen. Ok, ok. Ich bin schon still.

vor weihnachten ist nach weihnachten

Kurz vor Weihnachten gab es in der Süddeutschen eine Beilage mit künstlerischen Beiträgen. Es gab jeweils ganzseitige Abbildungen mit Arbeiten von Thomas Demand, Liv Liberg, Camille Henrot, Carmen Winant, Grace Weaver, Peter Shire, Ólafur Elíasson, William Kentridge und Alicja Kwade. Im Zeitungsformat gedruckt. Ich mag sowas. Kunst, die in einem Zusammenhang auftaucht, den man vielleicht nicht unbedingt erwartet – ach nein, das stimmt nicht so ganz, die aber vielleicht nicht so edel daherkommt wie sonst in einem Ausstellungskatalog. In einem anderen Medium einer anderen Wahrnehmung ausgesetzt wird. Die in die Zeitungsästhetik gequetscht wird und sich dort behaupten muss. GROSSE KUNST heiß die Beilage.

Manchmal stehen zwei Kunst-Seiten gegenüber, wie z.B. die von Thomas Demand und Liv Liberg, manchmal steht eine Kunst-Seite eine ganzseitige Anzeige gegenüber.

Und dort wird es besonders interessant.

Denn es stellt sich die berechtigte Frage (neben der allerersten Frage, wie es überhaupt zu genau dieser Auswahl an Künstler*innen kommt): Wie behaupten sich die künstlerisch gestalteten Blätter gegen die werbetechnisch durchgestylten und strategisch ausgerichteten Gestaltungen. Manchmal, wie in den  Beispielen oben, Camille Henrot gegen HERMES und unten Peter Shire gegen PORSCHE gehen sie für mein Gefühl eine doch merkwürdige Allinanz ein. Mag sein, dass sich die Werbeagenturen in den speziell für diese Beilage angelegten Anzeigen an künstlerischer Sprache orientiert haben, mag sein, dass die künstlerische Sprache ihre Widerständigkeit zu zaghaft formuliert, oder sich bereits beide Sprachen zu sehr angenähert haben?

Wobei ich es natürlich sehr spannend fände, traute sich CHANEL an die kindliche Madonnen-Ästhetik einer Grace Weaver heran.

Mischen wir alles miteinander. Es ist eh alles egal.

Natürlich ist es eine Binsenweisheit, wie sehr sich das meiste an Kunst den kapitalistischen Zeitzwängen anpasst, Wert und Bedeutung in Geldwert gemessen wird.

Ich musste dran denken, dass bei meiner ersten Einzelausstellung 1993 die Mainzer Rheinzeitung nichts als ein Foto veröffentlichte, auf eine Zeitungsseite gepackt mit den anderen Meldungen, untertitelt mit „Klaus Harth zeigt seine Werke“. Eine Abbildung eines meiner überschmierten Werbeplakatteile, die ich damals in den Büros der „Forschungsgruppe Jugend und Europa“ gezeigt hatte und die in der Zeitung die Form eines vielleicht etwas irritierenden Zeitungsfotos angenommen hatten. Was mir natürlich sehr gefiel.

Anpassung oder Wagnis.  Wehren sich meine Ästhetiken oder nehmen sie teil? An was auch immer. Lass ich mich fressen oder werde ich gefressen?  Mich würde es interessieren, mir die Anzeigen-Ästhetiken anzuverwandeln. Zeichnerisch zu verfremden, zuzuspitzen, die einem eher künstlerischen Ansatz auszuliefern. Den Marktscheiß rauszupusten. Sie rückzuführen in einen rechtfertigbaren Ausdruck. Auf ein menschliches Maß. Was auch immer.

Man hat ja sonst nix zu tun.

5895. Beitrag in diesem seit 2009 bestehenden Blog

Eben bin ich beim Spülen des Geschirrs. Der Reste unserer weihnachtlichen Einladung. Keine Familie diesmal. Sondern Freunde. Ich höre dabei eine alte Schallplatte, die mir einmal zugetragen wurde mit den Worten: Kannst du gerne haben, ich kann nichts damit anfangen. Ich konnte damals schon sehr viel damit anfangen: Keith Jarrett „Invocations“. Er spielt an der Orgel und dazu gibt es ab und an Saxophon. Wobei ich nie herausbekommen habe, wer hier Saxophon spielt, das steht nirgends auf der Platte und im Internet hab ich es bisher auch nicht rausbekommen. Eine teils, für viele Ohren wohl, schräge und radikale Aufnahme. Mich berührt diese Musik immer sehr. Gerade an den Stellen, wo es sehr radikal wird. So radikal ist er in seinen Klavierimpros eher nie gewesen. Das hab ich bei seinem Bruder gefunden, Chris Jarrett, aber bis auf dieser Platte Invocations nie bei ihm.

Das sollte Kunst können: Das Leben in all seinem Schmerz und Unaushaltbaren ausdrücken. Und auch in dem Aushaltbaren.

Ich versuche mich zu erinnern, von wem dieses Zitat war. Und warum ich es nie irgendwo notiert habe, außer in Tagebüchern.

Glenn Gould wird es in den Mund gelegt im Buch von Jonathan Cott: „Telefongespräche mit Glenn Gould“.

Seite 20, Gould zitiert wiederum Nietzsche:

„Sie (die Kunst) allein vermag jene Ekelgedanken über das Entsetzliche und Absurde des Daseins in Vorstellungen umzubiegen, mit denen sich leben lässt: diese sind das Erhabene als die künstlerische Bändigung des Entsetzlichen und das Komische als die künstlerische Entladung vom Ekel des Absurden.“

Yes. Und das ist es, was ich oft bei dem vermisse, was sich im mich herum so als Kunst enfaltet. Oft nur noch Design und Projektionsflächen für die Kopfkinematografien der Betrachter*innen.

So viel muss gesagt werden an diesem 1. Januar.

Ach, es ist noch gar nicht erster Januar?

Sondern 25. Dezember.

Egal.

 

3 minuten gehirnwäsche, 17.12.25 23uhR44 bis 23UHR51

Ich denke grade über neue Formen nach. Und über Dinge, die man sich früher so getraut hat. Und die niemanden interessiert haben. Die einen aber freier gemacht haben. Ich hatte zum Beispiel mal die Idee, für ein paar Wochen lang Sonntag morgens so um 6 Uhr rum an der Konzertmuschel im Deutsch-französischen-Garten in Saarbrücken ein Klarinettenstück zu spielen. Dinge, die sich ereignen, die aber kaum jemand mitbekommt. Die sich aber trotzdem ereignet und folglich die Welt verändert haben. Auch wenn sie, diese Welt, das nicht bemerkt hat. Heute lasse ich mich vom Alltag auffressen. Die tagessätze, mit denen ich mich gegen die Vereinnahmung wehre, schreibe ich viel zu selten. Meine Beobachtungen sind meine Beobachtungen und meine Sprache, die ich der Welt entgegensetze, verhindern, dass ich überrollt und aufgefressen werde. Ich schreibe sie viel zu selten, diese Sätze. Ich zeichne viel zu selten die Blätter, die mich am Leben halten. Auch wenn sie keiner sieht, existieren sie und verändern die Welt. Auch wenn sie es nicht merkt. Sprich wenigstens mit dir selbst. Leise reicht völlig. Viel zu viele sind laut genug.

so zwischendurch – ansätze und absätze

Letztens wurde es mir zugetragen: Sigurd Rompza, dem das Saarland-Museum gerade eine Ausstellung widmet, konnte mit Picasso nicht so viel anfangen: zu viele verschiedene Ansätze, keine wirkliche Kontinuität in der Arbeit. Nundenn. Aber interessant. Denn, wenn ich mich recht erinnere, war es mal wieder Canetti (bei mir ist es immer irgendwie Canetti, auch wenn ich das Zitat niemals wieder gefunden habe), der gemeint hat, es gäbe in der Kunst vor allem – und noch blöder: jetzt weiß ich noch nicht mal mehr, welche Begriffe er genau gebracht hat – es gäbe in der Kunst vor allem zwei Sorten Künstler*innen: die Eindampfer (so will ich das mal nennen), diejenigen, die also ein Thema, bestenfalls iht Thema, formal ein Leben lang dermaßen eindampfen, dermaßen reduzieren und zuspitzen, dass sie zu einer Essenz gelangen. Zumindest scheint das ihr Wunsch, Ziel und Begehr. Die Kunst des Bogenschießens, wie es die Japaner lehren. Oder Tai Chi oder oder. Konzentration, Kontemplation. Selbstvergessenheit im Einköcheln des Themas und seiner interessant erscheinenden Form. Und es gibt die Chaotiker, Synthetiker, Beobachter, die die Welt wahr- und aufnehmen und alles auf unterschiedlichste Art und Weise wieder neu zusammensetzen. Die ihr Thema (von mir aus auch im Plural) auf immer wieder neue Art und Weise umkreisen und umzingeln, um es sich greifbar und dingfest zu machen. Die Welt auf diese Art zu begreifen versuchen. Dasselbe auf immer wieder neue Art sagen. Und vielleicht bleibt es dann ja auch nicht „dasselbe“. Dies kann dann formal unkonsequent erscheinen, gleichzeitig aber nicht weniger konsequent sein, als das formale Eindampfen. Und nicht zu vergessen, die ganzen Formen dazwischen. Was ist mit jemandem wie Gerhard Richter? Geht es hier nicht in letzter Konequenz um die Fragen, was alles ein Bild sein kann und was alles auf diese Weise sagbar ist? Ach.

1984

Der 1. November. 1984. Also heute vor 41 Jahren. Ein Herbst der Niederlagen. Nach meinem Praktikum in der Druckerei damals und der anregenden Tätigkeit dort, wo ich viel gelernt hatte, dem Erwerb meines ersten Plattenspielers, und zwei Ablehnungen für ein Studium der Kunsterziehung (für Bewerbungen um ein freies Kunststudium fehlte mir damals noch der Mut), war ich am Ende und wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Ein Herbst extremer Einsamkeiten und extrem langer abendlicher Spaziergänge von Wiebelskirchen nach Neunkirchen, teilweise bis Wellesweiler und wieder zurück, am besten mit Sturm und Gegenwind, hab ich mich am 1.11.1984 hingesetzt und nochmal neu angefangen: Mir Gegenstände vor die Nase gesetzt und versucht, sie auf eine ganz neue, ganz unbefangene Art zu sehen und zu zeichnen. In der Hoffnung, dass mich dies weiterbringe. Mich nicht niederringen zu lassen von Absagen und Ablehungen.
41 Jahre. Anfang Dezember 1984 hab ich mit dem Zivildienst begonnen. Neues Umfeld, neue Gesichter, bin ins Wohnheim des Krankenhauses gezogen. „Raus aus der Komfortzone“, wie man heute dazu sagen würde. Hab währenddessen die Initialzündung vom 1.11.84 weitergetrieben und gezeichnet und aquarelliert mit dem Ziel, mich nach dem Zivildienst nochmal um ein Kunststudium zu bewerben (kein Kunsterzieher-Studium). War dann doch nochmal ein bisschen anders. Aber das ist hier nicht so ding.
Mittlerweile hatte ich das Glück, dass ich doch in diesem Bereich ein paar schöne Dinge machen durfte.
Trotzdem kämpfe ich immer noch mit Ablehnung und Nichtbeachtung. Natürlich sind das tief sitzende persönliche Deformationen. Und natürlich sollte man sich davon frei machen.
Wenn man sein künstlerisches Tun upunkt-apunkt als eine persönliche Freiheitsbewegung versteht, nicht nur als Bewegung, diesen ganzen Quatsch, der uns umgibt, und der auch in einem selbst drin steckt, halbwegs verstehen zu können, allein um ihn auch aushalten zu können, allein um dieses Dasein irgendwie halbwegs würdevoll zu überstehen und zu Ende zu bringen, dann ist es natürlich ein wenig grotesk, wenn man von denen Anerkennung heischt, mit denen man aber im Grunde seines Herzens gar nicht spielen will.
Da bleibt also noch ein wenig zu tun auf dem Weg der Erkenntnis.
1.11.2025

omnibus

für alle Mannheimerinnen und Mannheimerinnen und die es werden wollen und auch für die, die es nicht werden wollen und natürlich für alle, die einfach nur in der Nähe sind oder einfach nur mal hinfahren wollen: die EINHUNDERTSTE Ausstellung (in Worten: EINHUNDERTSTE). Freude in Feudenheim. Marchons! Partons!

hannah arendt in an eric-dolphy-style, take 1, remix 1 und remix 2

Bei dem kleinen Experiment, Hannah Arendt im Interview zuzuschauen, das sie 1964 mit Günter Gaus geführt hat, allerdings nicht ihrem eigenwilligen Sprachduktus zu folgen, sondern per Kopfhörer Eric Doplphy zu hören, kam es bei Take 1 zu der Zeichnung, die ganz oben zu sehen ist und die auch schon hier gepostet wurde.
Etwas unzufrieden mit dem Blatt, habe ich gestern die Musik gewechselt hin zur Platte OUT TO LUNCH (die ich nebenbei bemerkt zu den besten Platten zähle, die ich kenne). Remix 1 (im bildkünstlerischen Bereich wäre der Begriff „Zustand“ der gebräuchlichere) war schon etwas besser, Remix 2 (ergänzt mit weißer Aquarellfarbe, um gewisse Stellen „aufzuweichen“ und das Gesicht auch etwas breiter wirken zu lassen) war dann immerhin ein Ergebnis, mit dem ich erstmal leben kann. Alle dies Fotos beschreiben eine Zeichnung. Es sind keine drei Zeichnungen, sondern es handelt sich um ein einiges Blatt.

Jörn Budesheim gibt auf seinem facebook-Account eine Frage weiter, die ihm, so seine Erklärung, immer wieder gestellt wird: Warum machen Sie Kunst?
Ein mir unbekannter Michael Eschmann antwortet: Weil Kunst die einzig sinnvolle Revolte im Leben des Menschen ist. Ohne einen Tropfen Blut zu vergiessen (Albert Camus sinngemäß zitiert aus seinem Buch „Der Mensch in der Revolte).

Die Antwort gefällt mir sofort. Obwohl ich nicht weiß, ob es schon eine Revolte ist, aber wenigstens ist es so etwas wie ein Revoltieren, ein tägliches Sich-Wehren gegen und Nicht-Anerkennen eines wie auch immer gearteten So-isses-aber. Sich einen Hintergrund zeichnen, vor dem es sich aushalten lässt.

Corinna Mayer schreibt:
Weil ich mehr über mich und die Welt erfahren will.

Auch das ist einfach, klar und präzis und richtig.
Man könnte es natürlich auch komplizierter und komplexer ausdrücken. Was inhaltlich aber kaum etwas ändern würde.

Wenn man Leute im Landschafts-Kurs hat, die es dankbar annehmen, Baustellen zu malen und zu zeichnen: was für ein Glück. Ansonsten eumel ich ja grade ziemlich durch die Gegend mit meinen zweifelhaften Zweifeln. Gestern aber die Kiste aufgemacht mit den kleinen Zeichnungen von 2018. Und auch das war ein überraschendes Glück. Sehr freche und experimentierfreudige Blättchen dabei, wo man sich immer fragt: War ich früher mutiger?
Auf alle Fälle Felle.
(Und auch eine neue Heckenschere, weil meine Arme dann doch kürzer als früher.)

3 Versionen desselben Portraits. Mir war es zu glatt und es haben mir die nötige Härte und die nötigen Widersprüche gefehlt. Letztens abends eine kleine wilde Session. Und aktuell ist es tatsächlich der erste Zustand, mit dem ich halbwegs zufrieden bin. Vor allem auch deshalb, weil sich der Ausdruck des Bildes im Lauf des Tages mit unterschiedlichen Lichteinflüssen extrem verändert.

stand der dinge

im moment weiß ich kaum noch, wie ich bei all dem chaos, das um mich herum zu managen ist, irgendwie ein ganzes bleiben soll. am freitag bin ich in der arztpraxis sauwütend geworden, aus verzweiflung, dem gefühl des ausgeliefertseins und hilflosigkeit. die ärzte sind doch die profis, denkt man. die machen das doch täglich und wissen, wie das system funktioniert. gedankenlosigkeit, routine und ein bisschen mir-doch-egal sind aber die dinge, die mir grade so begegnen. und wenn man sich mit anderen unterhält, hört man immer wieder vergleichbare dinge. wie auch immer: durch zufall in die hände gespielt, lese ich zum erstenmal in meinem leben „im westen nichts neues“. dagegen ist das, was ich grade denke, aushalten zu müssen, natürlich ein witz.
aber trotzdem wahr.

erster am morgen, 10.5.25 7uHr48 bis 7uHR56

ein traumrest von heute nacht: es gab eine ausstellung, wo topflappenähnlich-gehäkeltes aussagekräftig an den wänden hing, mit der aufforderung, sich den gedanken zu merken, dass dinge, sobald sie an der wand hängen, zu anderen dingen werden. ist natürlich der klassischer Duchamps, klar. aber noch nie war mir das so klar, wie in dieser traumsequenz. und dass die meisten ja einfach ihre bilder in ausstellungen hängen, ohne sich darüber klar zu sein, dass sie, wenn sie dort hängen, etwas anderes werden, als sie zuhause im atelier waren. und daran schließt sich die frage: sind es gute bilder, wenn sie bleiben, was sie zuhause waren, oder sind es nur dann gute bilder, wenn sie etwas anderes werden? was mich grade dran erinnert, dass ich bei einer ausstellung im treppenhaus des kunsthistorischen instituts mal eine sequenz von fotokopien aufgehängt habe, wo nix drauf war als die wörter G U T E B I L D E R G U T E B I L D E R G U T E B I L D E R etc. das war 1994 oder so. und dass ich das so schlecht gemacht habe, dass sie nach meiner abreise nach ultraschneller bildmontage (ich war noch im thermalbad in wiesbaden verabredet, dessen eintritt ich mir eigentlich gar nicht leisten konnte) sofort wieder von der wand fielen und von freunden, die noch bei der montage ihrer bilder waren, aufgehängt wurden, und zwar so, dass sie stabil an der wand blieben, was sie mir tage darauf erzählten, während ich zu lange im wiesbadener bleiwasser blieb und nachts kotzte und kotzte und deshalb jahrelang keinen spargel mehr aß, weil ich dachte, es käme davon.

Ist Plump jetzt der kleine böse Bruder von Plakativ? Das schwarze Schaf der Familie? Mit Plakativ kann man noch einen netten Nachmittag verbringen, mit Plump nicht unbedingt. Ich lade Euch alle ein zum Plump-Pudding. Sind die beiden überhaupt verwandt? Manche meinen dies, manche jenes. Plump betritt das Zimmer, setzt sich auf den Stuhl und betrachtet die leere Wand. Plakativ lächelt Dich an, als gäbe es was zu sehn. Ich sehne mich stattdessen und wende mich ab. Frieden und Fritten. Mein linkes Ohr hört immer schlechter.

nur so eine Beobachtung:

ich bewege mich ja auch zuweilen auf facebook und instagram. besonders auf letzterem portal fallen mir gerade die werbungen für die klima xl – ausstellkung im saarl. künstlerhaus auf, ausstellung teil 2.  viele kolleg*innen werben dafür. schön. sie werben aber eigentlich immer mit: hier meine arbeit als beitrag zur ausstellung. ich. ich. ich. bin dabei. hier mein werk und eine ausstellung mit anderen drumrum gibt’s auch noch. wie gesagt: nur ne beobachtung. niemand wirbt neutral für die ausstellung, sondern immer mit betonung auf dem eigenen beitrag. mir selbst wäre sowas ungeheuer peinlich. fällt ja auch keinem auf. da ich aber immer wieder mit musiker*innen zusammenarbeiten darf: da scheint mir das ein wenig anders. da sagt kaum jemand: ich spiele da und dort in diesem zusammenhang demnächst viele gelungene töne und ein paar andere machen auch noch mit. da wird sich auffallend oft gegenseitig gelobt und präsentiert. naja, bin halt oldschool und immer wieder empfindlich. 😉

NK – von jemandem, der einfach nicht mit dem Singen aufhören kann

So, jetzt hab ich es gestern endlich mal geschafft, mir die Ausstellung meines Kollegen Armin Rohr in Neunkirchen anzugucken. Sie hat einen für mich fast unerträglich prätentiösen Titel, was, von der in den letzten Wochen nicht vorhanden Zeit mal abgesehen, mich durchaus auch davon abgehalten hatte, einfach mal in einem vorhandenen Zwischendurch vorbeizuhüpfen. Mich schreckt sowas ab. Wie wenn jemand mit dem Messer auf dem Teller kratzt. (Wobei ich den Namen „KULT“ für dieses Zentrum Neunkircher Kulturgeschehens auch nicht gerade glücklich finde). Ich verstehe, was damit gesagt werden soll, ich verstehe auch die Motivation dahinter und die Haltung, die ja durchaus begrüßenswert ist, aber in meinem Ohren klingt das zu prätentiös. Sing a song. Jetzt hat es mich dann doch sehr erfreut, dass die Bilder (bis auf ein oder zwei Ausnahmen) eben alles andere als prätentiös daherkommen. Manches kannte ich ja bereits aus dem Netz, das ein oder andere war im Zuge der Berichterstattung in der Presse zu sehen. Die Kritik von Frau Elß-Seringhaus fand ich in ihrer Argumentation furchtbar, bei der beim Betrachten ein „Kopfkino“ losratterte und sie das als die ultimative Qualität erkannt hat. Dazu habe ich aber letztens bereits abgekotzt. Man braucht hier die Originale! Was, und das soll jetzt nicht überheblich klingen, IMMER für die Bilder spricht! Was Armin hier an Differenziertheit zaubert, erschließt sich weder im Netz noch im Katalog, der mir in so fern nicht gelungen scheint. In den Abbildungen erscheint zu plump, was im Original von einer unglaublichen Intensität und Differenziertheit der Farbgebung lebt. Chapeau! In den Abbildungen fand ich das Installieren dieser weißen Figuren einen billigen Trick, Aufmerksamkeit und einfache Projektionsflächen zu erzeugen. Im Original sind aber auch diese Figuren ausdifferenziert und eben doch lebendig und nicht nur einfache Projektionsflächen. Ich musste an eine Picasso-Aussage über Marc Chagall denken, der gesagt haben soll: Ich kann mit all seinen fliegenden Menschen und Tieren nix anfangen, aber er ist der einzige, der noch weiß, was Farbe ist. Hier entsteht Tiefe und Ausdruck durch Farbgebung. Armin ist der einzige, der weiß, was Farbe sein kann. Gefällt mir am besten von allem, was ich von ihm bisher gesehen habe. Hier hat sich die letzten Jahre scheint’s enorm was erarbeitet. (Was natürlich auch kein Qualitätskriterium ist, wenn MIR was gefällt, genauso wenig wie Kopfkino, schon klar) (Aber wenn ich bei Darja Linder z.B. weiterhin nur bunte Bilder sehe, sehe ich bei Armin tatsächlich inhaltliche Tiefe und Kompetenz).
Was meine ich jetzt mit aber mit „plump“? Das Autowrack in Natur etwa. Das ist motivisch-inhaltlich natürlich schon a bisserl simpel gestrickt. Das finde ich auch weiterhin eines der weniger gelungenen Bilder. Trotzdem, dass auch hier die Differenzierung noch ein bisschen was rausreißt. Aber das ist mir gedanklich zu simpel und beleidigt einen deswegen ein bisschen. (Ich finde unsere tägliche Autokultur viel empörender als ein verlassenes Wrack im Wald). (Obwohl die schief stehenden Räder natürlich geil in Szene gesetzt sind).
Das zentral gehängte Bild mit dem Maler in der Landschaft. Natürlich müsste ich sowas mögen, weil es sich was traut, das Motiv an die absolute Kitschgrenze führt und man nicht weiß, ob sogar drüber hinweg. Eigentlich mag ich solche Grenzgänger. Aber irgendwie mag ich es dann doch nicht. Kippt bei mir auch eher in die Richtung Prätention statt Ironie. Vielleicht nimmt es sich dann doch ernster, als es vorgibt? Ach, ich bin so ironisch, will dann aber doch ernst genommen werden? Für mich knapp vorbei. Aber andere sehen das natürlich anders.
Die in der Ausstellung angebrachten Textpassagen: Ich neige ja auch dazu, zu viel zu sprechen. Wozu ist das nötig? Ich war mal in meiner Studentenzeit in einer Podiumsdiskussion zu irgendeinem malerischen Thema im Hinterhof in Wiesbaden. Ein Mitstudent, ein paar Semester älter als ich, meldete sich zu Wort und sagte: Ich male, weil ich dumm bin und nix anderes kann. Oder so ähnlich. Er fand das schlau. Betretenes Schweigen im Publikum.
Nichtsdestodings: Wer etwas über Farbe lernen will, drehe seine Füße Richtung Neunkirchen und wackele los.