die schöne müller*in

das was ihn am meisten interessiert ist sein müll. (ist dir eigentlich aufgefallen, dass kafka bei seinen relativsätzen nie ein komma setzt?) müll gehört in die tonnen. Tonnen gehören versteckt oder, wenn es dann an der zeit ist, sichtbar an den straßenrand. Das unsichtbare sichtbar machen, das war paul klees inzwischen etwas abgelutschte definition von künstlerischem tun. Das unsichtbare sichtbar machen, wenn es an der zeit ist, wenn klar ist: heute kommen die müllwerker*innen. Nein: morgen kommen die müllwerker*innen. Das hat sich so eingebürgert bei uns in der straße: morgen ist restmüll, gelbe tonne, biomüll oder sogar papier, dann stehen bereits am vorabend die mülltonnen am wegesrand. Stille zeugen der entsorgungsmentalität. Stille zeugen, die trotzdem beredt darüber auskunft geben, dass sich allem ordnungsgemäß entledigt wird. Bei manchen reicht inzwischen sogar der vorabend kaum noch aus. Es sollte gesetze geben, dass vor 16 uhr am vortag des entsorgungsgeschehens keine tonnen am wegesrand… Ich habe übrigens eure mülltonne rausgestellt: sie war voll. Merkwürdige interessen: früher hatten wir eine nachbarin, rentnerin, am stock mühsam gehend, die sich jeden tag in der frühe auf die reise zu ihrer neben dem haus geparkten mülltonne machte, um, mit ebendiesem stock, das innewohnende material ebendieser tonne ordnungsgemäß zu verdichten. Eine poetin von fülle und leere, von fülle und abfuhr, von etwas und nichts. Sorge und entsorge. Ora et labora. Das leben als eine abfolge von dingen, die es zu erledigen gilt. Man sollte auch unbedingt nochmal über die anale phase nachdenken. (zu meiner kindheit gab es bei uns im ort tatsächlich eine müllhalde. Im ort ist falsch: am rande des ortes. Dort lagerte und verrottete alles. Man konnte es sehen und riechen. Haben wir in den 70ern weniger müll gemacht? Kaum vorstellbar). Mehr als 40g Zucker pro Tag sind ungesund – und Kommas sind kein Müll. Nur ein schriftsteller der seine raltivsätze ordnungsgemäß mit kommata versieht ist ein guter schriftsteller. Die dinge sichtbar machen und dann ganz ganz schnell wieder vergessen. Ma il treno dei desideri, nei miei pensieri all’incontrario va.

1 oder 2 nutzen

lass es
ich benutze mich selbst
benutze dich selbst
auch und ebenso
benutzt nichts!
benutz-nichts-tag
und – nachts

heute mittag habe ich die zukunft gesehen: sie saß vor ihrem haus auf einer bank im schatten, war mindestens 75 oder vielleicht auch noch nicht und atmete durch ein tatoo auf ihrem linken oberarm.

Rotkreuzplatz

Hier in München wimmelt es von Zahnärzten. Zahnarzt werden kann jeder, ist leicht verdientes Geld. Und offensichtlich gibt es hier auch ausreichend Bedarf. Wir blicken aus dem Hotelzimmer auf die Landshuter Allee. Schon früh morgens sind die Straßen voll von Zahnärzten in ihren großen Autos und Patienten in ihren kleineren Autos und öffentlichen Verkehrsmitteln auf dem Weg in ihre Praxen und auf die Behandlungsstühle. Implantate allerorten. Abends fahren alle wieder zurück. In ihre überteuerten Wohnungen mit ihrem überteuerten Abendbrot. Nachts ist es eher ruhig und dunkel. Vermutlich übernehmen diese Zahnärzte auch Aufgaben der Geburtshilfe und Buchhandlungen. Wir werden das gleich nachher noch nachprüfen.

tagessatz 31.1.2024

der klare kante-zeiger betont, dass er klare kante zeigt und merkt nicht, dass die klare kante teil des problems ist: klare kante können auch netanjahu und alle anderen seines klare-kante-kalibers, und damit ist gar nix gelöst, aber rein gar nix, getöse als klare kante, pöbelei als klare kante, worum geht es, um die sache oder um das zeigen des klare-kanten-zeigers?

59

heute zum ersten mal seit des ersten corona-lockdowns wieder im hallenbad in neunkirchen. zwischenzeitlich im freibad, in diesem sommer sogar ganz oft. aber die vor corona regelmäßigen hallenbad-besuche wurden heute wieder offiziell aufgenommen. war schön. 59 bahnen (25m) quasi aus dem fast nichts in knapp 40 minuten. immer so viele bahnen, wie ich alt bin. ab märz dann eine mehr. soll ja auch kein sport sein.

26.12.23

Heute nacht vom Wald meiner Kindheit geträumt. Zum wiederholten Male. Und zum wiederholten Male war es nicht der Wald meiner Kindheit. Er hat Wege, die es in meiner Kindheit nicht gab. Ich habe seit Jahren Lust, diesen einen Weg wieder mit dem Fahrrad abzufahren, der dann überraschend nach einigen Kilometern die Kehrtwende an einem Nachbarort vorbei macht. Jedesmal ist man überrascht, dass man auf diesem Weg diesen Ort erreicht. Und heute morgen werde ich dann wach (es war kurz nach 4) und muss mir eingestehen, dass es diesen Weg, dieses Leben, diesen Wald gar nicht gibt, obwohl er mir so unendlich vertraut scheint. Ein Mangel. Eine Lücke. Es gibt keinen Ersatz für das, was es nicht gibt.

tagessätze

  • 4.12.23 zufrieden jelinek
  • 7.12.23 zuckerkorngroß = die kleinsten gedanken der welt leuchten ohne zuschauer
  • 8.12.23 so empört sich der empörfixe empörfaxe und verschießt sein ganzes leben, sauer auf die ganze welt, als platzpatrone
  • 9.12.23 ich werde durch brüllen nicht größer!
  • 10.12.23 augenhöhe wird nicht durch beschimpfung hergestellt
  • 13.12.23 mein gesicht von innen: die wahrnehmung der stube bei geschlossenen augen, die perspektivische verzerrung der stube bei geschlossenen augen, die geschlossenen augen bei geschlossenen augen: noch nicht mal meine träume interessieren mich mehr
  • 22.12.23 mein gehirn kann so einfach nicht denken, das gute hier (sic!) und das böse da
  • 23.12.23 ich bin wichtiger als meine empörung!
  • 24.12.23 meine empörung ist wichtiger als ich = diktatur der empörung

freitag ist freutag

  • heute morgen zwei züge, die, kurz vor 7, einfach mal wieder so ausfallen, der eine in die eine, der andere in die andere richtung, wegen repararatur, wir bitten um entschuldigung, heute mittag dann ein autofahrer, der so asozial auf dem bürgersteig parkt, dass ich auf die stark befahrene hauptstraße ausweichen muss, ich denke noch darüber nach, ihm einen zettel mit einem gepfefferten spruch ans auto zu kleben, man kann durchaus noch bescheuerter parken, muss sich dafür aber ganz schön anstrengen, so was in der art, finde es aber nicht wirklich aufm punkt und eigentlich ist mir auch zeit und papier zu schade, ich gehe also, die befahrene straße benutzend einfach so dran vorbei, mann, was bin ich großzügig, ärgere mich aber trotzdem, als ein anderer fahrer mit mindestens 70 sachen an mir vorbei auf die fast schon rote ampel zurast, um 5 meter vorher sich doch noch für eine vollbremsung zu entscheiden, benzin ist ja nicht teuer und wir leben in keinerlei krisen, da kann man ja mal … wie auch immer: ich bin mutiger und denke: ein blick ins auto, augenkontakt, ausdruck meiner missbilligung: that’s it, mach ich auch, klassisch kleiner zwerg im aufgemotzten zwergenauto, ein fast noch jugendlicher wichtiger wicht, der, als er endlich nach zwanzig langen jahren des wartens grün bekommt, mit highspeed vor mir die kurve nimmt, yeah, zeig mir, was du drauf hast, während ich hier an der fußgängerampel warte – kurz darauf im zug nachhause dann eine junge mutter mit kind und kinderwagen, die sich dermaßen friedlich und ausgeglichen mit ihrem kind beschäftigt, dass mich das an die eigene kindheit erinnert, an meine cousine, und ihre schwester, an freundliche menschen im freundlichen garten meiner großeltern, früher war die welt noch freundlicher, denke ich, bis mir einfällt, dass die meisten meiner verwandten (diese angedachte cousine war die ausnahme) natürlich eben erst dem 2. weltkrieg entschlüpft waren: da capo al fine.

arschlöcher für deutschland

ein künstlerkollege fotografiert ein afd-wahlplakat, auf dem gefordert wird, dass es keine öffentliche förderung von politischer kunst mehr geben solle. Ein kommentator schreibt dann, es gehe darum, keine öffentlichen gelder für künstlerische parteiwerbung auszugeben. Aha. Nenn mir jetzt mal einer (oder eine) bitte irgendein werk der letzten 30 jahre (wahlweise länger), das diese kriterien erfüllt. Mir fällt allenfalls Beuys ein, anfang der 80er, als er für die grünen kandidierte und mit dem legendären fehlversuch „wir wollen sonne statt reagan“ und dem ein oder anderen grünen-wahlplakat an die öffentlichkeit trat. Aber soll man dieses video jetzt als künstlerisches werk sehen? Und öffentlich gefördert war es wahrscheinlich auch kaum. Jedenfalls nicht auf dem weg, der hier kritisiert wird. Günter Grass hat sich für die SPD engagiert in den späten 60ern, vor allem für Willy Brandt stark gemacht. Klaus Staeck fällt mir ein, ok: deutsche arbeiter, die spd will euch eure villen im tessin wegnehmen! Ich bin jetzt seit einiger zeit künstlerisch unterwegs und habe auch einiges an ausstellungen, theater, filmen etc. gesehen in den letzten 35 – 40 jahren. holladiewaldfee. Ich kenne ziemlich viele menschen, die die unterschiedlichste kunst machen. Künstlerinnen und künstler sind individualisten. Eigenständige denker und handler. Sie sind von daher für parteipolitik selten gut zu gebrauchen. Was nicht heißt, dass sie oft den politischen strömungen näher stehen, die für freiheitliche grund- und menschenrechte einstehen. Wenn man so will, besteht die künstlerische tätigkeit aber vor allem darin, den eigenen blick auf die dinge, die eigene weltsicht, die eigene ästhetische empfindung zu formulieren und zur disposition zu stellen. Mit aller konsequenz und allem risiko. Ein maler, der angst davor hat, sich mit seiner arbeit lächerlich zu machen, braucht, nach Francis Bacon, gar nicht erst anzufangen. Individualismus war den gleichmachern, denkfaulen, führerbrauchern, despoten, kaisern und kaisertreuen (usw.) schon immer ein dorn im auge. Die forderung nach: kein geld für politische kunst ist also eine mogelpackung. Gemeint ist: kein geld für unbequeme individualisten. Sprich: kein geld mehr für störenfriede, sand-ins-getriebe-streuer, nachdenker, aus-der-reiher-tänzerinnen. Das ist die wahrheit. Kein geld für welche, die sachen machen, die wir nicht verstehen. Braucht doch keiner. Deshalb ist dieses plakat nur ein vorläufer des plakates, auf dem dann wieder stehen wird: kein geld mehr für lebensunwertes leben. Also: augen auf im straßenverkehr!

3 minuten gehirnwäsche (aus meiner klitzekleinen und überschaubaren welt):

letztens auf dem spaziergang mit dem hündchen an einer pferdekoppel vorbeigekommen. hinter dem zaun zwei klitzekleine kläffer mit zähnen im gesicht, sich überschlagend vor verteidigungswut. so verteidigungswütend, dass sie anfingen, sich gegenseitig zu bewüten und zu bebellen und bebeißen, das hündchen auf der anderen seite des zaunes nicht erreichen könnend: die beiden kläffer eine art autoaggressives system, wo wie es ja auch autoimmunkrankheiten gibt. am selben tag morgens am bahnhof, der zug war zwanzig minuten verspätet, kam dann, von einem durchaus netten mann mit fahrrad sofort reflexhaft der satz, das sei ja mal wieder symptomatisch für ganz deutschland: nix funktioniere mehr. abgesehen davon, dass dieser zug das erste mal überhaupt verspätet war, seit ich ihn ab und zu benutze, nungut, sind wir mal nicht so, aber abends die kläffer: dies schien mit viel viel eher symptomatisch für deutschland: kläffer, die sich nicht zu helfen wissen und sich dann gleich mal selbst zerfleischen. mit dem hündchen, abends, konnte man einfach nachdenklich weiterziehen. kläff kläff und tschüss tschüss. nachtrag: heute morgen im wald, wo ich die vom fahrrad gestürzte frau fand: krankenwagen noch keine viertelstunde später da, alle fokussiert, nett, zielstrebig, hilfsbereit und dankbar. funktioniert halt einfach nix mehr in deutschland.