aus Paul Lynch, „Das Lied des Propheten“

„…Na gut, sagt er, dann schreib ich einfach mal ihren Namen und ihre Telefonnummer auf, ist ja bloß Teilzeit, abends Regale auffüllen, auf die Stelle haben sich schon andere beworben, sogar eine ganze Menge, aber wir melden uns jedenfalls. Sie wird sich nicht an dieses Gesicht erinnern, es gehört schon zu den unscheinbaren, kläglichen Gesichtern, die weggeschaut haben, sie sieht, dass es dieses Gesicht schon immer gab, sieht, dass es alle Gesichter schon einmal gab, dieses Gesicht, das von der ganzen Schöpfung zeugt, von der furchtbaren Energie der Sterne, dem Universum zu Staub zerschmettert und immer wieder aufs Neue in gestörter Schöpfung umgemodelt wurde.“

im Klappentext: „…das Buch der Stunde“. Und ja: das haben die Klappentexter recht. Und nicht nur inhaltlich brisant, auch sprachlich auf dem Punkt.

Eben lese ich diese Stelle und muss an die vielen Gesichter denken, die einem im Leben so begegnen, und derer ich auch nicht müde werde, sie immer wieder interessant zu finden und sie zeichnerisch zu begreifen. Und ja.

die schöne müller*in

das was ihn am meisten interessiert ist sein müll. (ist dir eigentlich aufgefallen, dass kafka bei seinen relativsätzen nie ein komma setzt?) müll gehört in die tonnen. Tonnen gehören versteckt oder, wenn es dann an der zeit ist, sichtbar an den straßenrand. Das unsichtbare sichtbar machen, das war paul klees inzwischen etwas abgelutschte definition von künstlerischem tun. Das unsichtbare sichtbar machen, wenn es an der zeit ist, wenn klar ist: heute kommen die müllwerker*innen. Nein: morgen kommen die müllwerker*innen. Das hat sich so eingebürgert bei uns in der straße: morgen ist restmüll, gelbe tonne, biomüll oder sogar papier, dann stehen bereits am vorabend die mülltonnen am wegesrand. Stille zeugen der entsorgungsmentalität. Stille zeugen, die trotzdem beredt darüber auskunft geben, dass sich allem ordnungsgemäß entledigt wird. Bei manchen reicht inzwischen sogar der vorabend kaum noch aus. Es sollte gesetze geben, dass vor 16 uhr am vortag des entsorgungsgeschehens keine tonnen am wegesrand… Ich habe übrigens eure mülltonne rausgestellt: sie war voll. Merkwürdige interessen: früher hatten wir eine nachbarin, rentnerin, am stock mühsam gehend, die sich jeden tag in der frühe auf die reise zu ihrer neben dem haus geparkten mülltonne machte, um, mit ebendiesem stock, das innewohnende material ebendieser tonne ordnungsgemäß zu verdichten. Eine poetin von fülle und leere, von fülle und abfuhr, von etwas und nichts. Sorge und entsorge. Ora et labora. Das leben als eine abfolge von dingen, die es zu erledigen gilt. Man sollte auch unbedingt nochmal über die anale phase nachdenken. (zu meiner kindheit gab es bei uns im ort tatsächlich eine müllhalde. Im ort ist falsch: am rande des ortes. Dort lagerte und verrottete alles. Man konnte es sehen und riechen. Haben wir in den 70ern weniger müll gemacht? Kaum vorstellbar). Mehr als 40g Zucker pro Tag sind ungesund – und Kommas sind kein Müll. Nur ein schriftsteller der seine raltivsätze ordnungsgemäß mit kommata versieht ist ein guter schriftsteller. Die dinge sichtbar machen und dann ganz ganz schnell wieder vergessen. Ma il treno dei desideri, nei miei pensieri all’incontrario va.