
Skizzenbuch und permanenter Ausstellungsraum von Klaus Harth

neben all den nach oben gerichteten daumen, herzchen, grinsegesichtern, die man im internet anklicken kann, um eine emotion auszudrücken, fehlt dann doch eines: eine kleine, kurz angedeutete dankbare verbeugung – – – aber eigentlich gut, dass es das im netz noch nicht gibt (und hoffentlich auch nie geben wird)
Man sollte sich dieses Blatt (30x24cm, Hochformat, warm wirkendes Seidenpapier, so ein Papier, wie man es gerne für kalligraphische Studien benutzt) auf einem Ateliertisch (Holzplatte) in der Sonne liegend zwischen ebensolchen kalligraphischen Übungen vorstellen. Das Blatt selbst ist keine kalligraphische Übung, und dann auch wieder doch. Mit Pinsel gezeichnet, warme Linien, warm wirkendes Tusche-Schwarz. In der oberen Hälfte des Blattes ein Gesicht, das uns anblickt. Das Gesicht einer Frau. Links beginnt das Ohr mit zwei eleganten Schwüngen, in einem Pinselzug geht es weiter und markiert linke Wange und Kinn und rechte Wange und läuft, die Linie dünner werdend, über der von uns aus gesehen rechten Augenbraue aus. Das Gesicht selbst sehr einfach gehalten: Die Nase ein links offener Haken nach oben, der Mund eine einfache Wellenlinie. Aber was für eine Wellenlinie! Mit dem Tuschepinsel wohl auch links angesetzt (denn hier ist die Linie etwas angedickt, dies ist oft der Fall, wenn sich im Ansatz der Linie einfach noch etwas mehr Tusche im Pinsel befindet- – – wobei es in der chinesischen Kalligraphie auch genau den umgekehrten Weg gibt: man beginnt leicht und endet mit einer kräftigen Betonung durch Druck auf den Pinsel; ich wäre mir hier also nicht ganz so sicher) – kleiner kurzer Schwung nach oben, längerer Schwung nach unten und rechts leicht ausschwingend: lacht dieser Mund, lächelt er, hält er im Lächeln inne, drückt er vielleicht sogar etwas Zweifelndes aus? Es bleibt ambivalent in dieser einen Linie und das ist etwas, dem wir uns nicht entziehen können. Die Augen, beide fast gleich gemacht: zwei kräftige Punkte mit jeweils einem Halbkreis darüber. Die Augenbrauen: links ein Halbkreis, nach unten offen, nach oben gerundet, über dem rechten Auge ein geringer gebogener, fast zarter Schwung. Der Halbkreis über dem (immer von uns aus gesehen) linken Auge: sehr dicht am Augenpunkt dran, der rechte Bogen nimmt etwas Abstand. Diese wenigen Differenzierungen in der angelegten Einfachheit erzeugt eine soghafte Wirkung. Wir können uns diesem Blick kaum entziehen. Und auch hier: Ambivalenz. Das hat gleichzeitig etwas Freches, Schlitzohriges, aber auch etwas Freundliches. Hier spricht Schalk genauso wie Ernst. Am linken Ohr ansetzend ein zum linken Blattrand führender Schwung, abgebremst durch eine kurze Bewegung nach rechts: der Ärmel einer Bluse, eines Shirts. Von unten dagegen laufend eine Linie, die in ihrer Mitte einen Kringel beschreibt und dann zum „Ärmel“ aufschließt. Locker rechts daneben gesetzt wieder ein sehr leichter und mit nichts auf direktem Weg verbundener Schwung (man kann diese Linien einfach nicht anders als als Schwünge sehen – und so sind sie auch gemacht: jeweils in einem Zug hingeworfene Tusche-Spuren). Linie mit Kringel und rechts daneben gesetzter Schwung markieren einen Arm. Der Kringel ist der Ellenbogen! Ein kleiner widerborstiger Ellenbogenkringel am linken unteren Rand des Blattes, der formal jetzt nicht so wirklich aufdringlich daherkommt, sich aber wunderbar auf die beiden Augenpunkte mit ihren Halbkreisen reimt. Unter dem Kopf: Ein Schwung mit Haken nach oben, an der linken Wange ansetzend (ach: jetzt sieht man es erst auf den zweiten Blick: es könnte auch so sein, dass Ohr und linke Wange und dieser den Ausschnitt des Gewands markierende Schwung auch aus einem Guss sein könnten, und die zweite Gesichtshälfte extra angesetzt…hmm). Wie auch immer: an der rechten Wange enden zwei Linien, die die Anmutung des Ausschnitts des Gewandes vervollkommnen. Ein Blatt auf einem Tisch mit kalligraphischen Übungen. Ein Blatt, das auf einem fast schon zum Wegwerfen gedachten Papier gezeichnet wurde. Ohne große Absicht. Und wahrscheinlich liegt darin das Geheimnis: all diese vielen locker und selbstverständlich gezeichneten Schwünge, die an asiatische Kürzel nicht nur erinnern, nein, diese aufgreifen, adaptieren und sie mit unserer europäischen Sichtweise verbinden, die genau an dem Platz sitzen, an dem sie sitzen müssen, enthalten genau das, was sie enthalten können. Zur Beschreibung hatte ich einen Ausdruck eines Scans des Originals auf dem Schreibtisch liegen, dann an der Wand hängen. Je öfter man dieses Blatt betrachtet, je öfter zufällig der Blick darauf fällt, desto häufiger bleibt er hängen, desto weniger kann man sich diesem Blatt entziehen. Übrigens: ein Selbstportrait!
Tusche auf Seidenpapier, 30x24cm, entstanden im Herbst 2011 in Nanhua/China.






gestern gab es anlässlich der aktuellen ausstellung in münchen ein interview mit jutta koether in der frankfurter allgmeinen sonntagszeitung.
„…Es werden immer neue Updates vorgenommen, und die laufen bei mir zusammen. Das ist eben nicht möglich, wenn das Subjekt eine statische Veranlagung hat.
So wie es sonst bei Künstlern dargestellt wird?
Wie es in allen Prozessen des Künstlerwerdens immer wieder nahegelegt wird.
An der Uni?
An der Uni, durch Magazine, Hitlisten, Kunstmärkte. Egal wie weit man dekonstruiert, am Ende des Tages muss man immer eine Eindeutigkeit produzieren, es muss fassbar, abrufbar, benennbar, bewertbar sein. Sich dem nicht grundsätzlich verpflichtet zu fühlen und auch eine gewissen Unverarntwortlichkeit zu praktizieren, halte ich für sehr wichtig.

B.H. KlangKoerper zum Tee bei Dubuffet
Konzertante Soundinstallation von Klaus Harth & Brandstifter (B.H. KlangKoerper)
glockenspiel, metallrohr, hundespielzeug, sax, vibrator, radio, diktiergerät, melodika, stimmen, kuhhorn, nebelhorn, lachsack, buddah maschine, spieluhr, tempelglöckchen und vieles anderes
wie das in teestunden so üblich ist.
3.6.2018, PAFF Gelände, PAFF THE MAGIC, 17 Uhr
Bei dieser Zeichnung handelt es sich um ein kleines, DIN-A5 großes, Papier, Hochformat. Motiv und Material sind überschaubar. Ein klares Blatt mit klaren Gedanken und klaren Linien. Rechts sehen wir einen mit dickem Filzstift gezeichneten Stuhl, einen einfachen Stuhl, einfach gezeichnet, man sieht nur drei Stuhlbeine. An den Füßen der Stuhlbeine ist jeweils ein kleiner Schatten notiert, ebenfalls mit schwarzem dicken Filzstift angebracht. Und „angebracht“ beschreibt hier genau die Art und Weise, wie wir uns das vorstellen müssen. Als wären die Schatten wie kleine flatternde Fähnchen montiert. Die Stuhlbeine selbst jeweils mit drei Linien angesetzt, ein wenig an so etwas wie Perspektive erinnernd. An den linken Stuhlbeinen findet sich ein zartdunkelgelber Fleck, der sich wohl bereits auf dem Blatt befand, bevor die eigentliche Zeichnung dazugekommen ist. Dieser leicht wirkende Fleck gehört nun aber mit zur Familie und spielt seine Rolle nicht schlecht. In seiner zufällig wirkenden Form und der Leichtigkeit der Farbgebung schafft er einen Ausgleich zur Strenge der Konzeption des eigentlichen Motivs, macht das ganze leichter, betont vielleicht sogar die Leichtigkeit des dem Blatt zugrunde liegenden Gedankens, schafft Platz und Luft und Raum. Auf dem Stuhl befindet sich ein Kopf. Kein Körper. Nur der Kopf mit dem oberen Teil des Oberkörpers, wie wir das von klassischen Portraitbüsten her kennen. Im Profil nach links gesehen. Mit dünnerer Linie und sehr locker angelegt, in der Hauptsache die Umrisslinien betonend; eine Brille und ein Ohr und ein angedeuteter Kragen die wenigen Binnenformen, die das ganze etwas genauer bezeichnen. Dieser Kopf mitsamt der Rücklehne des Stuhls, die nichts mehr ist als eine kräftige gebogene Linie, die auf dem Hut des Kopfes endet, nimmt so ziemlich das gesamte rechte obere Viertel der Zeichnung ein. Ein im Verhältnis zum Stuhl sehr großer Kopf. Die schwungvolle Lockerheit der Linien dieser Portraitbüste sowie der Gesichtsausdruck sagen uns: das ist aber keine Büste, das hier ist lebendig! Und es befindet sich direkt auf der Sitzfläche des Stuhls (die keine Fläche ist, sondern eine einzige waagerechte kräftige Linie). Es sitzt nicht. Es befindet sich auf. Stuhl und Kopf als Einheit. Ein menschlicher Körper wird nicht gebraucht. Der Stuhl ist der Körper des Kopfes! Und der Kopf der Kopf des Stuhls. Der Kopf eines schon etwas älteren Herrns mit Hut. Das hatten wir, glaube ich, noch gar nicht erwähnt. Man denkt sich unwillkürlich: müsste man diesen Herrn erkennen? Könnte es sich um einen Philosophen handeln? Oder um Magritte? Duchamp? Einen Naturwissenschaftler? Oder muss man ihn gar nicht kennen? Steht er einfach nur für einen älteren Herrn mit Hut? Er blickt von uns aus gesehen nach links, ins Blatt hinein. Eine Sprechblase wurde ihm beigegeben: „Was man mit der Nase sieht“ steht da drin. Oberhalb der Sprechblase ein schwarzes „Sternchen“, so wie man es etwa bei Fußnoten verwendet (wobei es hier allerdings keine Fußnote gibt). „Was man mit der Nase sieht“ hat schon jemanden an Saint-Exupéry erinnert: man sieht nur mit der Nase gut – quasi. Oder mich sogar an Joseph Beuys‘: Ich denke sowieso mit dem Knie. Die Nase endet unten genauso in einer Spitze wie das rechte Ende der Sprechblase. Beide Spitzen kommen sich in der Zeichnung sehr nah. Mit der Nase sprechen. Mit der Nase sehen. Mit den Ohren denken. Die Gedanken scharf stellen vermittels eines Stuhls, einer Büste, eines Sternchens und einer Sprechblase. Die Gedanken unscharf stellen. Um sie wieder putzen zu können.






