… Diese Masse verzweifelter und ressentimentgefüllter Individuen wuchs sehr rasch nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland und Österreich, wo Inflation und Arbeitslosigkeit in kurzen Abständen der militärischen Niederlage und ihren Konsequenzen gefolgt waren; …

Diese Menschen konnte man nicht mehr zu politischen oder revolutionären Aktionen bewegen, indem man ihnen sagte, dass sie nichts mehr zu verlieren hätten als ihre Ketten; sie hatten bereits sehr viel mehr verloren als die Kette des Elends und der Ausbeutung, als das Interesse an sich selbst ihnen aus der Hand geschlagen wurde. Ihr materielles Elend war zumeist durchaus erträglich dank der Sozialversicherung moderner Staaten, aber das gab ihnen die verlorene Beziehung zu einer gemeinsamen Welt nicht wieder. Mit dem Verlust der gemeinsamen Welt hatten die vermassten Individuen die Quelle aller Ängste und Sorgen verloren, die das Leben in der Welt nicht nur bekümmern, sondern es auch leiten und dirigieren.

(S. 678 f.)

 

Das Hauptmerkmal der Individuen in einer Massengesellschaft ist nicht Brutalität oder Dummheit oder Unbildung, sondern Kontaktlosigkeit und Entwurzeltsein. Insofern sie noch herkunfts- und erinnerungsmäßig stark genug mit der Klassengesellschaft des Nationalstaates verbunden waren, um nach den dort gemachten Erfahrungen ihr neues Leben einzurichten, verfielen sie in einen besonders fanatischen und chauvinistisch gefärbten Nationalismus, da ja der Nationalismus das Verbindungsmittel gewesen war, welches die Nation über alle Klassengesetze hinweg zu einigen hatte. …

Insofern die totlitären Führer aus den nationalistischen Emotionen der Massen ein gewisses Propagandakapital schlugen, benahmen sie sich nicht anders als die Demagogen des 19. Jahrhunderts. Was sie von diesen unterschied, war, daß sie selbst weder Nationalisten waren noch gedachten, die nationalistische Propagandalinie länger zu verfolgen als unbedingt nötig.

S. 682 f.

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