Der Massenerfolg der totalitären Bewegungen bedeeutete das Ende zweier Illusionen, die allen Demokraten, besonders allen Anhängern des europäischen Parteiensystems teuer gewesen waren. Die erste Illusion war, daß alle Einwohner eines Landes auch Bürger sind, die ein aktives Interesse an öffentlichen Angelegenheiten nehmen, und daß jeder einzelne zwar nicht notwendigerweise in einer Partei organisiert zu sein brauchte, aber doch mit irgendeiner von ihnen sympathisierte und sich auch von ihr vertreten fühlte, wenn er selbst niemals wählte. Die Bewegungen bewiesen, daß politisch neutrale und indifferente Massen die Mehrheit der Bevölkerung auch in einer Demokratie bilden können und daß es also demokratisch regierte Staaten gibt, die zwar im Sinne des Mehrheitsprinzips funktionieren, in denen aber dennoch nur eine Minderheit herrscht und überhaupt politisch repräsentiert ist.
Die zweite Illusion, die von den totalitäten Bewegungen vernichtet wurde, war, daß diese politisch neutralen und indifferenten Massen auch ohne politisches Gewicht seien, daß sie wirklich, wenn es sie schon gab, neutral seien und nur den Hintergrund des politischen Lebens der Nation bildeten. …
Da die totalitäten Bewegungen trotz ihrer Verachtung des Parlamentes, und nur scheinbar im Widerspruch zu ihr, sich an öffentlichen Wahlen beteiligten und ihre Repräsentanten in die Reichstage schickten, konnten sie sogar innerhalb demokratischer Spielregeln demonstrieren, daß die parlamentarischen Majoritäten nur scheinbare waren, daß die antiparlamentarischen Bewegungen im Begriff waren, die Mehrheit des Volkes zu repräsentieren, daß also die Majoritäten, die sich in den Parlamenten innerhalb des Parteiensystems bildeten, den Realitäten des Landes niemals entsprachen; …
Man hat immer wieder bemerkt, daß totalitäre Bewegungen sich der demokratischen Freiheiten bedienen, um dieselben abzuschaffen.
Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, S. 670f.