Blättere eben in einem Baselitz-Interview in einem älteren Lettre International. An der Rand habe ich mir am 16.10.2024 die Notiz geschrieben:
Kunst als Werkverweigerung -> schält sich das nicht als mein Thema heraus?
Je älter ich werde, desto mehr scheint es mir, als sei das eines meiner grundlegenden Themen. Ich war ja eh schon immer davon überzeugt, dass das, was man „Thema“ nennen sollte, die in einem tiefer verborgenen Dinge sind. Der Umgang mit Ordnung und Chaos etwa. Eine gewisse Unbehaustheit in der Welt. Das Vereinen unterschiedlichster und teils widersprüchlichster Elemente zu einem Ganzen. Oder halt die Werkverweigerung.
Ob ich ein Portrait zeichne oder eine Landschaft oder eine Zeichnung zu einem Musikstück mache: Die tiefer liegenden Theman transportieren sich durch Anordnung und Verwendung des Materials, durch die Art und Weise etwas zu sehen und zu sagen.
Das ist natürlich ein Problem. Denn damit vereinzelt man sich. Die meisten brauchen wiedererkennbare Spuren. Bei wiedererkennbaren und sich wiederholenden Spuren kann fast jeder eine Fährte lesen. Einen Kontext erschließen.
Ich habe in meinem Leben zwei Komplimente für meine Zeichnungen etc. bekommen, die sich mir tief eingegraben haben:
Eines lautete (über eine postkartengroße Zeichnung): „Die ganze Welt in ein paar Strichen“.
Das andere: „Egal, was Du malst und zeichnest und wie Du das tust, man erkennt doch immer, dass das von Dir stammen muss.“
„Die Welt in ein paar Strichen“ tröstet mich immer, wenn wieder diese ganzen wohlfeilen Selbstdarstellungsstrategien gerühmt werden, Bildprodukte gelobt werden, weil sie das „Kopfkino“ befeuern u.ä. Ich mache diese Dinge in erster Linie für mich, es geht um Beobachten, Verstehen, Verstoffwechseln, Umdeuten, den DIngen auf den Grund gehen. Die Welt aushalten. Die eigene Sicht der Dinge verstehen und zeigen. Dem mag und kann nicht jede*r folgen.
Das „Egal“-Zitat tröstet mich immer, wenn ich denke, ich hätte mir alle Chancen selbst verbaut, indem ich nicht anders kann, als die Dinge von den unterschiedlichsten Seiten aus zu beleuchten. Und dass dann die Sachen nicht alle den gleichen Stil pflegen. Früher gab es dann noch ellenlange Serien über größere Zeiträume hinweg. Mittlerweile gibt es immer noch Serien, die laufen aber anderen Dingen parallel und verquer und versuchen alles zu greifen. Und natürlich sehen die wenigsten den Zusammenhang und das habe ich mir nicht nur selbst eingebrockt, nein, das ist zutiefst in mir angelegt.
Die Werkverweigerung als künstlerische Strategie. Weil das Werk suspekt ist.
Vielleicht.