Ophüls Nachklapp

Zuerst zum Guten.

In diesem Jahr gab es das Filmfestival Max Ophüls Preis coronabedingt nur Online. Da ich sowieso mit meiner fahrradgeschädigten Hand in der Ecke hänge, haben wir das mal genutzt, wobei man sagen muss: soviele Filme hätte man in einer Woche im Kino aus rein physikalischen Gründen kaum geschafft.

Ein seit Jahren gehegter Plan konnte umgesetzt werden: einmal den kompletten Dokumentarfilmwettbewerb zu sehen! Und wenn man sie alle gesehen hat, dann stellt sich umso mehr die Frage: Ergibt sich durch einen Wettbewerb mit Preisträgerin und Sockelstellen etc. überhaupt irgendein nahrhafter Mehrwert. Wie sollen solch unterschiedliche Filme bewertet werden? Nach welchen Kriterien? Gesellschaftliche Brisanz des Themas? Zärtlichkeit der Beobachtung? Umsetzung des Themas?

Von den zehn im Wettbewerb stehenden Filmen fällt für unseren Geschmack („uns“ ist hier kein Pluralis majestatis, sondern der zwischen den beiden in diesem Haushalt lebenden Personen besprochene Eindruck) am wenigsten gelungene Film war DAVOS. Anlässlich des Weltwirtschaftsforums werden Forumsteilnehmerinnen ins Visier genommen, genauso aber auch mehr oder weniger normale Bürgerinnen und Bürger des Ortes. Der portugiesische Fischerclub genauso wie eine Bäuerin, die am Schluss ihren Hof aufgeben muss. Alles gut und schön. Und wenig berührend. Warum? Wahrscheinlich deswegen, weil sich die Autorinnen* des Films zu wenig Gedanken um die Form des Films gemacht haben. Das einfach nur abzufilmen und hintereinander zu montieren, in der Hoffnung, dass das Thema allein schon trägt: ca ne suffit pas.

I AM THE TIGRESS, ein Film über eine amerikanische Bodybuilderin brachte einen natürlich auch in eine Welt, die einem hochgradig merkwürdig und befremdlich vorkam. Insofern durchaus ok, für uns vom Thema jetzt aber nicht so aufwühlend. Wenngleich es natürlich eine Voraussetzung für einen guten Film (nicht nur Doku) sein sollte, dich für sein Thema zu interessieren und dich hineinzuziehen.

Nicht nur im Gespräch mit den Autorinnen von WIR ALLE. DAS DORF (hier aber besonders) wurde klar, was dem Film DAVOS gefehlt hat. Antonia Traulsen und Claire Roggan erzählen hier, wie sehr sie mit dem Material gerungen haben, wie viele Gedanken sie sich darüber gemacht haben, was über die im Film vorkommenden Menschen erzählt werden soll und kann und vor allem wie! Und das führt dann zu einem Film, bei dem man gespannt verfolgt, wie eine Gruppe von Menschen im Wendtland versucht, gemeinsam nicht nur eine Wohn-, sondern auch eine gesellschaftliche Utopie (im kleinen Maßstab) für sich umzusetzen.

WEM GEHÖRT MEIN DORF. VÄTER UNSER. THE CASE YOU. NICHTS NEUES. MEIN VIETNAM. Und auch STOLLEN, der den Preis dann tatsächlich bekommen hat: alles Filme, die einen Preis verdient gehabt hätten. Insbesondere auch DEAR FUTURE CHILDREN des 20jährigen Franz Böhm, der die Tätigkeit von drei politischen Aktivistinnen in Chile, Uganda und Hongkong schildert. Alleine, was da auf die Beine gestellt wurde, um die Protagonistinnen zu schützen und nicht zusätzlich zu gefährden, die Gefährdungen, denen sich das Team selbst ausgesetzt hat. Irre.

STOLLEN war der, wenn man so will, unpolitischste Film, wenn man bei der Schilderung des Lebens von Menschen im Erzgebirge nicht vergessen müsste, dass hier während der DDR-Zeit Uran abgebaut wurde mit all den gesundheitlichen Konsequenzen, die das bis auf den heutigen Tag für die Menschen hier hat. Das ist aber nur beiläufiges Thema. Wie es auch von den Menschen nur beiläufig erwähnt wird. Und wahrscheinlich macht das die Qualität des Films aus: zuzuhören und wohlwollend zu schildern. Allem zu Trotz.

VÄTER UNSER. Auch dieser Film zog einen in den Bann: Eine Auswahl von Menschen erzählen von ihren Vätern. Jede ungefähr eine Stunde lang im Original-Interview. Klug geschnitten und montiert. Zu keiner Sekunde langweilig. Und sofort im Bann des Geschehens.

Und und und.

Was wäre noch positiv herauszuheben?

Aus dem Wettbewerb mittellanger Film, der im Normalfestival auch komplett immer an uns vorbeiläuft, ganz vor allem: ICH GEH NIRGENDWOHIN von Bidzina Gogiberidze. Konflikt Georgien-Russland. Sehr starke und präzise Bilder. Sehr ruhig erzählt. Sehr eindrücklich. Da waren wir sehr froh, dass wir den gesehen haben. Und da werden wohl auch ein paar Bilder hängen bleiben.

Und auch eine Erkenntnis aus dem Streaming für`s nächste richtige Festival (falls es jemals wieder eines geben sollte): Kommt auch in jedem Jahr im Beiprogramm und nie haben wir geguckt: Die KURZFILM.TOUR mit den prämierten Kurzfilmen des DEUTSCHEN KURZFILMPREISES.

Yeah! Die Entdeckungen des Festivals. Ohne Frage!

Der Trickfilm JUST A GUY von Shoko Hara. 500mal ansehen! Und jedesmal nochmals ein Detail entecken, das da reingetrickst ist. Flache Knetfiguren, aber auch teilweise hinterlegt mit Filmmaterial, überkritzelt, was auch immer. Super einfallsreich und detailverliebt. Bei einem nicht so netten Thema: Warum suchen immer wieder Frauen den Kontakt zu verurteilten Mördern und Vergewaltigern in ihren Gefängniszellen? Schreiben Briefe, besuchen sie oder heiraten sie sogar? Schwieriges Thema, dem der Film aber durchaus in aller Kürze gerecht wird. Ansehen!!!

LAND OF GLORY von Borbála Nagy. So locker und leicht kann man einen politischen Film machen. Der Besuch des Staatspräsidenten (wir sind in Ungarn) ist für den Nachmittag in einer Schule angekündigt. Eine Torte in der Form des Landes wird bestellt und angeliefert. Und allein schon die Schildwerung der Dekoration der Torte (ah, der Plattensee ist zu kleine – aber so ist er im Atlas -nein das wirkt zu klein, mach ihn etwas größer – so sieht es nach was aus) beeinhaltet schon eine Menge an Beschreibung dessen, wie in diesem Land mit Identität, Wirklichkeit und Wunschdenken umgegangen wird. Und das steigert sich in diesem Film (man beachte, in welchem Zustand sich diese Schule befindet, die Stühle, der Sportplatz, alles, man glaubt das alles sofort) bis zur schönen Pointe und der lustvollen Zerstörung des Landes. „Was für eine Sauerei“ sagt die Putzfrau am Ende. Yepp.

Muss man zu MASEL TOV COCKTAIL noch was sagen? Der Film hat letztes Jahr beim Ophüls gepunktet und dann wurde er immer bekannter. Wir hatten ihn allerdings noch nicht gesehen. Auch ihn zweimal hintereinander angeschaut (auch ein Vorteil des Streamings). Genial. Fertig. Selber gucken!

So. Das waren – so kurz – die Hochlichter.

Alsdann folgt eine Kritik der Kritik (als Extra-Blog-Eintrag) eines Filmes, der einen Preis bekommen hat und derzeit von vielen Menschen gelobhudelt wird. Sogar von der Drehbuch-Jury den Preis bekommen hat. Ich kann es nicht nachvollziehen. Habe ich einen völlig anderen Film gesehen? Oder habe ich kurz vorher einen zu guten anderen Film gesehen??

 

*ich mache hier mal ein zu dem Gendersternchen unterschiedlichen Versuch: handelt es sich um einen Mann und eine Frau (wie bei DAVOS der Fall), dann gebrauche ich die weibliche Form, bei einem rein weiblichen Autorinnenteam ebenso, bei einem rein männlichen Team die männliche Form. Also umgekehrt, als bisher sprachlich üblich. Gefällt mir besser als *).

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