monochrom, plural II

09-09

08-09
Du musst dich im Leben benehmen wie bei einem Gastmahl: es wird herumgereicht, die Schüssel kommt an dich: du langst zu und nimmst dir bescheiden; die Schüssel wird weitergetragen: halte sie nicht zurück; ist sie noch nicht zu dir gekommen, so richte dein Verlangen nicht weiter darauf, sondern warte, bis die Reihe an dich kommt.
So denke auch über Kinder, Weib, äußere Stellung und Reichtum, dann wirst du ein würdiger Tischgenosse der Götter sein.
Wenn du aber gar von dem nicht nimmst, was dir vorgesetzt wird, sondern es vorbeigehen lässt, dann wirst du nicht bloß mit den Göttern am Tische sitzen, sondern sogar mit ihnen herrschen. So machten es Diogenes, Herakles und ihresgleichen, und deshalb wurden sie mit Recht göttlich genannt.

Wenn du jemanden trauern siehst, weil sein Kind weit fort ist oder weil er sein Vermögen verloren hat, so gib acht, dass dich nicht die Vorstellung fortreisst, als sei jener infolge der äußeren Dinge im Unglück, sondern halte dir sofort gegenwärtig, dass jenen nicht das Geschehene schmerzt, denn einen anderen würde das ja nicht betrüben, sondern nur seine Auffassung von dem Geschehenen. Solange es noch mit Worten geht, magst du ihm sein Leid tragen helfen und vielleicht auch mit ihm seufzen; nur hüte dich, auch innerlich zu seufzen.
Betrachte dich als einen Schauspieler in einem Drama: die Rolle gibt dir der Dichter, du musst sie spielen, ob sie kurz oder lang ist. Will er, dass du einen Bettler darstellen sollst, so musst du auch diese Rolle gut spielen, auch wenn du einen Krüppel, einen Fürsten oder einen gewöhnlichen Menschen darstellen sollst.
Deine Sache ist es nur, die dir gegebene Rolle gut zu spielen; sie auszuwählen ist Sache eines anderen.

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