monochrom, olympisch

21-09
Bei jeder Sache bedenke, was ihr vorangeht und was ihr folgt, dann erst gehe an die Sache selbst heran. Tust du das nicht, dann wirst du anfangs zwar wohlgemut an die Sache gehen, da du nicht bedacht hast, was noch kommen wird: dann aber, wenn sich Unannehmlichkeiten zeigen, wirst du mit Schande von ihr abfallen.
Du willst in Olympia siegen? Ich auch, bei Gott! denn das ist eine schöne Sache. Aber bedenke, was vorangehen und nachfolgen wird, und dann eben mache dich daran:
Du musst dich einer strengen Ordnung fügen, nach Vorschrift essen, musst dich aller Näschereien enthhalten, musst dich auf Kommando und zu bestimmten Stunden trainieren, bei Hitze und Kälte, darfst nicht kaltes Wasser trinken, keinen Wein, wenn es dir gerade einfällt, kurz, du musst dich dem Aufseher wie einem Arzte überantworten, musst dich beim Wettkampf auf der Erde wälzen. Es kann auch vorkommen, dass du das Handgelenk aussetzest oder den Knöchel verstauchst, dass du viel Staub schlucken musst; zuweilen wirst du sogar Schläge erhalten und – trotz alledem wirst du möglicherweise zuletzt noch besiegt.
Das alles musst du bedenken, und wenn du dann noch Lust hast, dann werde Athlet. Sonst geht es dir wie den Kindern, die bald Gladiatoren, bald Ringkampf spielen, bald Trompete blasen, dann Theater spielen. So bist auch du bald ein Ringkämpfer, bald ein Gladiator, bald ein Redner, dann einmal ein Philosoph, mit ganzer Seele aber nichts! Sondern wie ein Affe machst du alles nach, was du siehst, heute das, morgen etwas anderes, wie es dir gefällt. Denn du trittst nicht mit Überlegung an eine Sache heran, du siehst sie dir nicht von allen Seiten an, sondern folgst jedem Einfall, jeder flüchtigen Laune.
So haben zum Beispiel manche einmal einen Philosophen gesehen, haben ihn reden hören, wie etwa Euphrates redet – fürwahr, wer kann so reden wie der! – gleich wollen sie auch Philosophen sein. Mensch, zunächst überlege dir, worum es sich eigentlich handelt; dann prüfe deine natürlichen Anlagen, ob du der Sache auch gewachsen bist. Willst du ein Ring- oder Fünfkämpfer werden? Dann sieh dir deine Arme, deine Schenkel an, prüfe deine Hüften, denn der eine hat hierzu Anlage, der andere dazu.
Glaubst du etwa, dass du bei einem solchen Beruf noch weiter in derselben Weise essen und trinken kannst, dass du noch in gleicher Weise deinen Neigungen und Abneigungen folgen darfst? Du musst es ertragen können: den Schlaf zu entbehren, Strapazen zu erdulden, deine Angehörigen zu verlassen, von einem Sklaven dich verachten zu lassen, von den Leuten auf der Straße verlacht, bei jeder Gelegenheit, bei einer Ehrung, einer Beförderung, vor Gericht, überhaupt in allen Dingen übergangen zu werden. Das bedenke: ob du dafür Seelenruhe, Freiheit, innere Festigkeit eintauschen willst. Willst du das nicht, dann fange nicht erst an. Mach es nicht wie die Kinder: heut Pilosoph, morgen Zolleinnehmer, übermorgen Redner, dann einmal ein kaiserlicher Beamter – das passt nicht zusammen.
Nur eins kannst du sein, ein guter oder ein schlechter Mensch; entweder musst du deine Seele ausbilden oder deine äußere Lage, entweder deine Kunst auf das Innere verwenden oder auf das Äußere: entweder ein Philosoph oder ein Kind der Welt.

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