kritik der kritik (wovon man nicht schweigen kann, darüber muss man sprechen)

Es schreibt Eva-Maria Reuther im Trierischen Volksfreund:

„Transposition 2“ (Verschlüsselung) heißt die Schau, die bis zum 27. April zu sehen ist. Verschlüsselt ist Kunst grundsätzlich. Wie hier freilich verschlüsselt wird, ist weitgehend vordergründig und schlicht in der Bildsprache. Im ein oder anderen Fall bleibt es bei Fleißarbeit, so wie bei Vera Kattlers nach dem Motto „Was fliegt denn da?“ zum vielteiligen Wandbild arrangierten Papierarbeiten „Vom Sammeln des Flügelschlags“. Ein ausgesprochener Pessimist scheint Ulrich Behr zu sein, der 53 niedliche hölzerne „Pistoletten“ nach Mobile Art im Raum baumeln lässt. „Pistoletten für das Selbst“ heißt die Arbeit. Das reicht weder für Zeitkritik noch als ironische Brechung, höchstens als Weltschmerz im Life Style Format. Ludwig Schmidtpeters Installation „Balconia Export“, die den exotischen Charme des heimischen Balkons feiert, wirkt wie aus der Wohnzeitschrift. Das Atelier als Denkraum und Labor präsentiert Klaus Harth mit seiner „Atelierhängung“ aus 61 Arbeiten auf Papier. Mit ihren bisweilen pompösen Kommentaren muten die Blätter allerdings eher wie ein an die Wand gehängter Zettelkasten an. Ein absoluter Lichtblick in dieser Schau sind dagegen Anne Harings schöne, der Form und der Materialästhetik verpflichtete Plastiken aus Papier und Zellstoff. Und auch Claudia Vogels klassisch monochrome Arbeiten, in deren Stille sich eine lebhafte Binnenstruktur verbirgt, machen die Schau sehenswert. Einleuchtend präsentieren sich auch Susanne Schmidts „Lichtinszenierungen“. Neben den Künstlern in der Tufa sind in der Galerie Junge Kunst Arbeiten von Petra Jung und Leslie Huppert zu sehen.

Ach ja, normalerweise sollte man über sowas ja locker und entspannt hinwegschauen. So wie die Rezensentin locker und entspannt über die Arbeiten hinweggeschaut zu haben scheint. Da scheint jemand mit einer gewissen Erwartungshaltung in die Ausstellung gegangen zu sein, die dann relativ schnell enttäuscht wurde. So kann man sich natürlich auch Ausstellungen anschauen. Man kann aber auch, im klassischen Sinn des altgriechischen αἴσθησις aísthēsis „Wahrnehmung“, „Empfindung“, woher sich das Wort Ästhetik schließlich ableitet, erst einmal hinsehen, wahrnehmen, beschreiben und dann interpretieren und bewerten. Machen wir es aber kurz, so wie es auch in der Kritik kurz gemacht worden ist: Vera Kattler = Fleißarbeit und fertig. Wenn man hinschaut, dann sieht man aber zweierlei, nämlich einerseits die sensible Vorgehensweise auf jedem einzelnen Blatt. Eine Sensibilität im Kleinen und Individuellen sozusagen. Und desweiteren das Übertragen dieser Sensibilitäten in die Zeit, die sich hier als Masse von sehr ähnlichen, aber doch niemals gleichen Blättern widerspiegelt. Ich denke mal, auch Hanne Darboven wäre für die Rezensentin eine Fleißarbeiterin. Weiter im Text: die Arbeit von Ulrich Behr als formal belanglos abzutun, weder als Zeitkritik noch als ironische Brechung tauglich, halte ich auch für einen Schnellschuss, wenn man das in diesem Zusammenhang so sagen darf. Die als Handschmeichler daherkommenden, schon durch Haptik und Geruch sehr sinnlich wirkenden hölzernen Formen, die sich als Pistoletten entpuppen, Holzspielzeuge der Waldorfpädagogik anklingen lassen, und sich unentwegt drehend gegen und miteinander positionieren, wären mir als anbivalentes Spiel mit all diesen Bezugsfeldern durchaus vielschichtig und andeutungsreich genug. Man ertappt sich dabei, dass man sie in die Hand nehmen will (und es auch tut) und darüber erschrickt. Man erinnert sich, wie man als Kind an Fastnacht mit Pistolen gespielt hat und es heute dann doch bedenklich findet. Oder vielleicht nicht? Muss ja auch nicht alles gleich Zeitkritik und ironische Brechnung sein, erinnere mich auch nicht, dass das irgendwer so benannt htte. Weiter: Hätte die Rezensentin Arthur C. Danto gelesen, dann wüsste sie, dass nichts unbedingt das sein muss, nach dem es aussieht: eine Brillo-Box und eine nachgebaute Brillo-Box sind nicht dasselbe, auch wenn sie formal keinen Unterschied machen. Ein Fettstuhl von Helaine Sturtevant ist nicht der Fettstuhl von Beuys und hat auch eine andere inhaltiche Bedeutung, sieht aber genauso aus. Und ein nachgebauter Balkon ist halt eben keine Verdreidimensionalisierung einer Abbildung aus einer Wohnzeitschrift. Gut findet sie dagegen alle Arbeiten, die man relativ schnell ohne näher hinzusehen auch als gut empfinden kann. Was die Arbeiten ja nicht schlecht macht. Klassisches und grundsolides Arbeiten mit Form und Material, dagegen ist nichts zu sagen, das kann dann aber auch eine durchschnittliche Rezensentin ohne näher hinzuschauen gut finden. Was meine eigene Wenigkeit angeht: Mit dem Begriff des Zettelkastens kann ich ganz gut leben, was meine kleinen Texteinschübe „pompös“ macht, bleibt mir aber ein wenig unklar. „Die Überprüfung des Dorfplatzes“ ist ein pompöser Titel?? „Aus dem Leben des Schnürchenhalters“? Hä?

Das reicht jetzt auch. Laut Canetti gibt man ja keine Ruhe, bis man einen erhaltenen Stachel weitergegeben hat. Ich gebe ihn hiermit einfach mal ein bisschen zurück.

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