kleiner zwischenjahrstext aus meiner vergangenheit

Der Winter ist gnadenlos. Es befindet sich die falsche Musik in meinem Beutel. Ich stehe und kann nicht weg. Der Schnee taut, der Bus wird kommen, wenn auch zu spät. Eine Bewegung zurück scheint nicht mehr möglich. Die Autos fahren auf einer trockenen Straße und der Fußgänger rutscht auf dem Bürgersteig. Falsche Musik wird falsche Musik bleiben, egal ob der Bus kommt oder auch nicht. Alle, die ihren Weg gefunden haben, werden sie hören. Der Schnee wird die Musik nicht leiser machen. Und wenn ich jetzt hinfiele? Ein Knochenbruch und die Sonne scheint.

Man darf sich die Bewohner dieser Stadt als unglückliche Menschen vorstellen.
Der junge Mann, der, ganz Hose, sich sacht und sacht nach vorne beugt. Er macht einen überlegen-kritischen Eindruck, beäugt die anderen, und trägt salopp die Bildzeitung unter dem Arm. Über die Runden kommen. Um die Ecke. Die junge Frau, die, ganz gezupfte Augenbraue, auf ihre ebenfalls gezupfte Freundinmutterschwester wartet. Zum MUT gehört das Bewusstsein der GEFAHR. Zum EINKAUFEN das nötige KLEINGELD.
„schöndasswirunsgetroffenhabenaufwiedersehen!“
Danke für ihren Mut.
Danke für ihren Einkauf.
Die Kassiererin, die, ganz Kasse, den Kunden namentlich verabschiedet, sobald sie seinen Namen auf der EC-Karte gelesen hat: Friendly fire.

(von links ein Jahr, von rechts ein Jahr,
von oben eines, von unten; ich könnte zerquetscht werden, wenn ich nicht mal ein paar Tage Urlaub hätte).

Hunde riechen am Geruch, und ich kann mir vorstellen, dass anschließend kein Geruch mehr da ist. Weggerochen. Gerüche sind endlich. Und ein Ding. Und Geld spritzt aus den Menschen, in regelmäßigen Abständen fliegt es von ihnen weg, in das einzige Loch, in das es hineingehört. Das hat einen Rhythmus. Ich kann mich hinsetzen und es absichtslos betrachten. Es sieht ganz schön aus. Wie alles in diesem einen Loch verschwindet, das doch einen Namen braucht und das wir deshalb Konjunktur nennen wollen. Wo Konjunktur ist, oder Aufschwung oder Auftrieb, da wird keiner versinken und am Boden bleiben. Wir werden leichter und treiben oben. Alle werden gerettet. Nie wieder wird es regnen. (Nur im Turnunterricht der männlich pubertierenden Jugend war der Aufschwung etwas Unangenehmes: Man sollte sich unendlich verbiegen, beide Füße rechts antreibend von der Erde heben und den Überblick verlieren, indem man von einer Vorwärts- in eine Rückwärtsbewegung übergeht. Drehung um eine mittlere Achse, nicht gedacht, sondern sehr real und fest, und das macht Angst. Quetschung und Schmerz schoben sich mit den Füßen über den Horizont und lähmten die Arme.) Alle Dinge, die in diesem feucht-fröhlich wärmenden Loch namens Konjunktur verschwinden, brauchen keinen Namen: sie heißen alle Geld. Egal, was sonst noch so mitfliegt. Am zweiten Weihnachtsfeiertag, morgens um halb sieben, hat es aufgehört zu spritzen. Ich höre nichts. Alles ist weggeworfen. Aus allen Richtungen bewegen sich die Jahre auf mich zu. Mich stört das nicht. Das macht mir keine Angst, denn ich habe sowieso ein paar Tage Urlaub und das jährt sich jährlich.
Ich kann zurücklassen, was ich will, ich kann Wahrzeichen biegen aus Blech, so viele ich will, ich kann es mir sparen, den Kindergarten einzuzäunen. Die Kinder bleiben da und kommen gar nicht erst auf den Gedanken abzuhauen. Denn bald ist Silvester, und sie freuen sich und sie zerplatzen schon Tage vorher knallend auf dem Asphalt. Doch das macht mir keine Angst, denn ich habe sowieso ein paar Tage Urlaub und die Leute machen sich neue Kinder mit neuen Namen für ein neues Jahr. Auch eine Art von Loch.

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