fülmkrütück

Schreibst du in der Not, dann hast du in der Zeit. Oder umgekehrt? Wenn ich mir hier die 2014 immer wieder nach langen Kino-Tagen abgerungenen Kleinkritiken anschaue, dann lohnt es sich vielleicht auch in diesem Jahr, bei einigen Filmen weniger, doch das ein oder andere Wort zu verlieren, um in ein paar Jahren rückblickend wieder das ein oder andere erinnern zu können.

Beginnen wir mit heute, dem zweiten Tag. Und der Enttäuschung des Tages.

Man braucht hier wahrscheinlich kaum viele Worte zu verlieren. Warum misslingt ein Film? Trotz ZDF und arte und nochundnöcher Geld. Weil die Redakteure, beim Frage und Antwort-Spiel nach dem Film selbstzufrieden ins Publikum grinsend, und alle anderen sich ihrer Sache vielleicht zu sicher waren. So sicher, dass das Ach-so-tolle-Buch dann doch nicht richtig funktionierte?? Dass sie vor aller Selbstbegeisterung gar nicht gemerkt haben, dass Zuviel auch Zuviel sein kann? Und der Plot doch seine Argen Lücken und Platitüden hat?

Die Rede ist von ENDZEIT. Basierend auf einer Graphic Novel, wie das heute so schön heißt, um dem einen etwas wertvolleren Anstrich zu geben. Die Menschheit wurde von einer merkwürdigen Seuche dahingerafft, nur in Weimar und Jena haben die Menschen überlebt. Man schützt sich mit Zäunen vor zombieartigen Gestalten, die draußen in der Freien Wildbahn lungern. Ihr Biss führt zwangsläufig dazu, dass die Viren auch auf das eigene Hirn übergreifen und man wohl auch zum Zombie wird. Soweit, so ding. Zwei Mädchen aus Weimar, wie immer wieder in der Filmbeschreibungen betont wird: unterschiedlchen Charakters, versuchen aus unterschiedlichen Gründen nach Jena zu kommen. Der fahrerlose Schienenbus, der zwischen beiden Städten verkehrt und Waren transportiert, und den sie illegal benützen, bleibt aus unerwähnten Gründen auf offener Strecke stehen und die beiden müssen sich durch die Wildnis nach Jena durchschlagen. Von Anfang an geizt der Film nicht mit Schockelementen, setzt dabei aber auf Abgegriffenes und Altgewohntes. Zuviel ist zuviel. Irgendwann ist man es satt, die Zombies sind scheiße geschminkt und wirken eigentlich nicht wirklich wie ernstzunehmende Gefahren. Man erschrickt mal kurz, wenn einer jungen, vom Zombie gebissenen Frau der Arm abgehackt und sie daraufhin auf Anweisung einer leitenden Person doch noch erschossen wird: Regel ist Regel und Arm ab genügt in diesem Falle nicht. Völlig abstrus wird die Story, als die beiden Mädels im Wald einer sogenannten „Gärtnerin“ begegnen, die ziemliche Platitüden von sich gibt. Eva liegt da, schon halb begraben (warum?), jetzt bekommt sie eine Tomate und darf weiterleben. Später werden die Mädchen auf einer Brücke von aberhunderten Zombies verfolgt, Eva opfert sich (warum bleibt unklar, sie hätte sich genauso retten können, wie das dann die andere der beiden kann), um dann am Ende des Films wiederauferstanden und zu einem merkwürdigen Pflanzen-Mensch-Wesen verwandelt wieder aufzutauchen. Auch die Gärtnerin war schon ein solches Pflanzen-Menschen-Wesen. Watt will der Film? Gruselfilm sein, wie nachher im Frage-Antwort-Spiel behauptet wird? Warum dann so ein ernstes Thema? Und wenn so ein ernstes Thema, wieso nimmt man es dann nicht ernst? Und wenn Gruselfilm, warum dann nicht mit Phantasie und Einfallsreichtum statt mit solch platt-überholten Mitteln? (Plötzliche Laute Geräusche, dramatische Musik, blöd grunzenden Zombies)? Blair Witch Project gab`s ja auch mal, und den fand,  zumindest ich, dann extrem gruselig.  Man fragt sich ernsthaft, warum ein solcher Film, perfekt produziert, mit Verleih versehen, mit arte-Sendetermin in Aussicht, auf dem Ophüls-Festival laufen muss, bzw. laufen darf. Weil ZDF und arte mit im Ophüls-Sponsoring drinhängen?? Soviel Aufwand und man fühlt sich noch nicht mal gut unterhalten, eher für nicht ganz voll und ernst genommen. Einige im Publikum schon, wie es schien…

 

Der Knaller des Tages aber, ein Film, den man am liebsten direkt noch einmal und noch einmal sehen möchte. Mit so wenig Geld gedreht, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler ohne Gage gearbeitet haben. Intelligent in den Dialogen, witzig und geistreich inszeniert, experimentell in der Form, die Musik als weiterer Darsteller eingesetzt, zu keiner Sekunde langweilig, erhellend, überfordernd, zum Lachen bringend. Wie kann man politisch-gesellschaftskritische Themen, die einem unter den Nägeln bringen, auf nutzbringende und unterhaltsame Art auf die Leinwand bringen?: Die Antwort zeigt DAS MELANCHOLISCHE MÄDCHEN. Man kann diesen Film nicht oft genug erwähnen, nicht genügend loben, nicht oft genug sehen. Susanne Heinrich! Susanne Heinrich! Susanne Heinrich! Als Schriftstellerin saß sie schonmal vor der Jury in Klagenfurt und begann sich, wie sie selbst sagt, spät in ihrem Leben, zu politisieren und mit entsprechenden Theorien auseinanderzusetzen. Feministische Kapitalismuskritik und und und. Und trotzdem wird daraus keine trockene Theorie-Illustration, sondern ein Film, der nachwirken wird. Und es wäre ihm zu wünschen, dass er nicht nur in diesem Wettbewerb einen Preis bekäme. Das hier ist Formfindung auf höchstem Niveau. Und ein Gegenbeweis zur These, man könne keine gute Kunst machen, wenn man dies aus einem politischen Anliegen heraus tue. Hier funktioniert das super. Ich werde auf jeder meiner Stimmkarten den Namen des abzustimmenden Filmes durchstreichen, durch DAS MELANCHOLISCHE MÄDCHEN ersetzen und fünf Herzen ankreuzen. Jawoll. DAS MELANCHOLISCHE MÄDCHEN. DAS MELANCHOLISCHE MÄDCHEN. DAS MELANCHOLISCHE MÄDCHEN. DAS MELANCHOLISCHE MÄDCHEN. DAS MELANCHOLISCHE MÄDCHEN. Chapeau!

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