Filmkritik Nr. 3, unser 4. Tag auf dem Ophüls-Festival.

Wettbewerb Spielfilm: NEVRLAND von Greogor Schmidinger.

Eigentlich kann man die Österreicher blind buchen. Der Regisseur und Autor macht einen klugen und emotionalen Film über seine eigenen Erfahrungen mit Angststörungen. Er hat in den USA Drehbuch studiert und mag den amerikanischen Film genauso wie das harte österreichische Sozialdrama. Als solches beginnt der Film und bekommt einen Dreh in Ebenen, bei denen für die diversen Angstzustände eindringliche und nicht mehr auseinanderhaltbare Bilder gefunden werden. Der Protagonist Jakob lernt im Internet einen homosexuellen Kunststudenten kennen. Beide treffen sich auch bald im realen Leben. Oder etwa nicht? Denn ob dieser Kristjan existiert oder nicht auch bereits ein Trugbild ist, lässt der Film geflissenlich offen. So wie auch der Protagonist zwischen Wahn- und Angstvorstellungen nicht mehr unterscheiden kann, so wird auch uns als Filmzuschauer dies nicht vergönnt. Kristjan ist eine dermaßen körperlich wie seelische Wunschfigur des 17jährigen, dass er fast schon zu schön ist, um wahr zu sein. Viele viele kluge Bezüge gibt es in diesem Film: Jakob trägt seit seiner Geburt ein sogenanntes Feuermal im linken Brustbereich. Diese Stelle ist sensibler als andere, wie er sagt. Krystian trägt auf dem rechten Brustbereich ein merkwürdiges Tatoo aus logisch erscheinenden klaren, sich fast spinnennetzartig verschachtelnden Linien. Das österreichische Sozialdrama beginnt in der Muttersprache deutsch. Alles, was mit Wunschvorstellungen zu tun hat, Sex im Internet und die Person Krystian ist mit der englischen Sprache verknüpft. Der Autor erklärt das so, dass wir unsere Träume und Wünsche gerne aus englischsprachig geprägten Traumfabriken entnehmen, ob dies nun amerikanische Filme seien oder Dinge im Internet. Immer mehr Menschen seiner Generation schauten diese Filme auch durchaus im Original. Also schien es ihm ausgesprochen Konsequent, diese Parallelebene auch mit der englischen Sprache zu verknüpfen. Kunst sei dazu da, persönliche Erfahrungen derart zu transformieren, ach, wir dürfen vielleicht auch einfach „formulieren“ sagen, dass sie für ein Publikum verstehbar, anschaulich und vielleicht auch begreif- und spürbar zu machen. Dies gelingt ihm mit diesem eindrucksvollen Film auf alle Fälle. Den Preis für den Nachwuchs-Darsteller sollte es für diesen Film aber allemal geben.

 

MOP-Shortlist NEUE HORIZONTE.

Ein Programm, das von Hannes Wesselkämper, dem Kurator für Kurzfilme beim Max-Ophüls-Preis zusammengestellt wurde. Mehr oder weniger kurze Filme von Kunststudentinnen und Absolventinnen diverser Filmhochschulen. Von drei bis 26 Minuten Länge.

NÖ YORK. Von Vera Brückner. 26min. Kommt daher wie eine Selbstdoku eines New York-Aufenthaltes incl. Geschichte einer gescheiterten Beziehung. Und ist in sofern eigentlich fast schon der beste Film dieser Auswahl, denn dieser falschen Fährte folgt man durchaus bereitwillig. Dabei gelingt es allemal, die Geschichte schlüssig zu transportieren und nur bedingt zu lange zu werden.

I. Von EunJin Park. 8 min. Formal sehr interessant. Man sieht erstmal nur Füße auf Lichsstreifen balancieren. Das steigert sich zu Personen im Raum, die zeitweise per How do you do Kontakt aufnehmen, um dann wieder alleine weiterzubalancieren. Vermag durch seine Bilder, ohne viel Worte und inhaltliche Verbrämungen durchaus zu überzeugen.

WINTER BIENEN. Von Josephine Ahnelt. 14 min. Eigentlich in etwa 10 Minuten zu lang. Formal durchaus interessant: schräger Sound (eigentlich wollte sie in Japan eigentlich einen Film über die dortige Noise-Musik-Szene drehen), interessante Kombi zwischen eigefügten Tafeln mit Zeichnungen und filmischen Sequenzen. Bald wird einem das aber ein wenig zuviel, die Bilder zu uninteressant (wenn auch immer wieder die ein oder andere interessante Sequenz auftaucht). Aber irgendwann hat das Hirn aber keinen Spaß mehr daran, die Zeichnungen zu entziffern (dafür sind sie dann ab einem bestimmten Zeitpunkt zu gleich und durchschaubar) und mit den nachfolgenden filmischen Passagen in Verbindung zu bringen zu versuchen. Weil klar wird: da gibt es keine. Kardinalfehler Nummer zwei (nebst der Länge): Skype-Dialoge auf Englisch. Hört man hin oder hört man nicht hin? Keine Untertitel. Im Frage und Antwortspiel heißt es dann, es seien Gespräche mit ihrer Therapeutin gewesen. Warum soll sich der Betrachter dafür aber interessieren? Und es sich auch noch übersetzen und irgendwie mit den Bildern in Verbindung zu bringen versuchen? Nö. Nach 4-5 Minuten wäre das noch ein interessanter Film gewesen.

APPARTMENT MONOLOGUE. 12 min. Hedda Schattanik und Roman Szczesny. Im Frage und Antwort-Spiel fällt plötzlich das Wort metoo-Debatte und man denkt: hupps, hab ich da was verpasst. Vielleicht war es einfach der Mittagsschlafmüdigkeit geschuldet, keine Ahnung. Jedenfalls gab es am Anfang ein paar interessante Licht- und Schattenbilder eines Zimmers mit Lamellen in den Rolläden, interessante Korrespondenzen zwischen diesen Lichtern und blinkenden Diodendiagrammen und menschlichen Geräuschen. Und dann eine Menge Bilder, die damit scheinbar nix zu tun hatten, einen Text, der elegant an meinem Verständniszentrum vorbeihuschen wollte und und und. What the fuck: Vielleicht muss man manchmal Dinge klarer benennen, damit sie der Zuschauer auch verstehen kann? Vielleicht müsste man den Film nochmal sehen, um ihn mit den Aussagen der beiden zur Deckung zu bringen. Aber sollte das der Film nicht auch über seine Inhalte selbst schaffen. Beide studieren an der Akademie in Düsseldorf. Mir schien es ein wenig zu sehr noch in Kunstsuppe schwimmend, zu wenig Idee von der wirklichen Welt und zu sehr im elfenbeinernen Diskurs ästhetischer Spielereien. Vielleicht war ich aber einfach auch nur zu müde. Aber erwecken konnte mich das Werklein dann auch nicht. Hat aber den Marler Medienkunstpreis gewonnen…

FEST. 3 min. Von Nikita Diakur. Ein kleines buntes Trickfilmchen, computeranimiert. Tanzende und essende und trinkende Gestalten. Ein Transparent mit dem Wort Fest in Hochhausschluchten. Die Trickfiguren in einem schönen Kontrast zu real erscheinenden Häusern vor getricksten Himmeln. Ein Mann wird an einem Seil vom Hochhausdach in die Tiefe geworfen (Bungee-Jumping?). Kurz vorher sieht man noch das liebevolle kleine Detail eines Vogels, der sich in die Tiefe wirft. Der Mann pendelt unten her und hin und reißt dabei auch das FEST-Transparent weg. Filmende. In seiner Frische und seinem Nichtwollen und seiner radikalen Kürze fand ich das ganz ok. Der Filmer war nicht zum Gespräch anwesend.

WESTERN UNION. 14min. Steffen Goldkamp. In einer wüsten Landschaft fährt ein Auto. Man hört einen Funkverkehr (?): „Wie sollen wir über die Grenze fahren ohne Pässe.“ Man sieht, wie das Auto liegenbleibt. Man sieht zwei Männer zu Fuß durch die wüste Gebirgslandschaft laufend. Einer trägt einen Stuhl. Der andere eine Tasche. Sie durchqueren einen Fluss. Der eine trägt ein T-Shirt mit der Aufsschrift UHNCR. Beide klettern einen rutschigen Abhang hinab. Dunkelheit. Eine Kamerafahrt von einem Boot aus. Man sieht einen kleinen Hafen, der in keinster Weise mit der wüsten Gebirgslandschaft von eben in Verbindung zu bringen ist. Filmende. Im anschließenden Gespräch heißt es zu meiner Überraschung, es sei  ein Film über Flüchtlinge gewesen. Der Regisseur wollte dem gängigen Flüchtlingsbild ein anderes entgegensetzen. Ausgehend davon, dass ihm aufgefallen sei, dass die Berichterstattung und vor allem Bebilderung von Flüchtlingsschicksalen in vielem deckungsgleich sei, was der amerikanische Western in seinen Westwärts-Bewegungen gezeigt habe. Ich habe in diesem Film die beiden Männer nicht als Flüchtlinge gelesen. Für mich waren das, was auch immer, Mitarbeiter der UHNCR oder Journalisten, die in Kriegsgebiet liegenbleiben und dann zu Fuß weitergehen müssen. Warum hatten sie ein Auto? Warum blieb es liegen? Was hat der kleine Hafen mit allem zu tun? Die Idee der Verknüpfung von Flüchtlingsrouten mit Western-Bewegungen fand ich gar nicht mal so uninteressant. Ich hätte das in dem Film ohne die erklärenden Worte aber nicht, und nie und nimmer, gesehen. Pardon. Und er Hafen bleibt mir ein ewiges Rätsel.

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