Archive for the ‘filmkritik’ Category

filmkritik nr. 6

Sonntag, Januar 20th, 2019

Die Jury des Max-Ophüls-Preises hat den Preis für den besten Spielfilm an meinen absoluten Favoriten übergeben: DAS MELANCHOLISCHE MÄDCHEN. Schön. Sehr schön. Dann hat er die Wahrnehmung, die er verdient. Gelangt vielleicht sogar in die deutschen Kinos. Und vielleicht auch auf DVD. Wie gesagt (und auf die Gefahr, mich zu wiederholen): eines der klügsten und unterhaltsamsten Kunstwerke, die ich in der letzten Zeit sehen und hören durfte. Wau!

filmkritik nr. 5, Samstag

Sonntag, Januar 20th, 2019

MACHT DAS ALLES EINEN SINN UND WENN JA, WARUM DAUERT DAS SO LANGE. AUs dem Dokumentarfilm-Wettbewerb. Von Andreas Wilcke.

Ein Dokumentarfilm über die Volksbühne Berlin. Kein Dokumentarfilm über die Volksbühne Berlin, wenn man von der Volksbühne keine Ahnung hat. Ein Dokumentarfilm für Kenner der Volksbühne. Kein Kommentar aus dem Off. Überhaupt nichts Erklärendes. Nur Bilder. Gute Bilder zum Teil. Einblicke in Schneider- und Tischlerwerkstätten. Einblicke hinter die Kulissen. Frank Castorf bei einer sognannten Konzeptionsprobe. Das Ensemble seinen teils verschwurbelten Gedankengngen lauschend. Frank Castorf beim Inszenieren, wo man denkt, da muss man als Schauspielerin schon ganz schön fest im Sattel sitzen, um das unbeschadet zu überstehen. Frank Castorf beim Lachen und Trinken. Chris Dercon bei öffentlichen Auftritten. Christ Dercon beim einer Gesprächsveranstaltung mit den Bühnenmitarbeiterinnen und – mitarbeitern. Alexander Scheer beim Singen und Proben. Vieles recht laut und schnodderig aneinandergeschnitten. Sophie Rois. Kathrin Angerer. Georg Friederich. Martin Wuttke. Im Gespräch nach dem Film kommt der Regisseur genauso schnodderig wie sein Film. Vielleicht alles in allem zu lang, um ein wirklich umwerfender Film zu sein. Ein bisschen so, wie Castorfs Konzeptionsprobe. Aber trotzdem gelingt es ihm tatsächlich, einiges der Stimmungen und Faszinationen der Volksbühne zu vermitteln.

 

Zwischenbilanz

Samstag, Januar 19th, 2019

Morgen noch den Dokumentarfilm über die Volksbühne. Und am Sonntag noch einen Spielfilm aus dem Beiprogramm. Von den 16 Spielfilm-Wettbewerb-Beiträgen haben wir 5 gesehen. Noch nicht mal die Hälfte. Die Entdeckung dieses Jahres für uns aber die Doku HELMUT BERGER, MEINE MUTTER UND ICH von Valesca Peters. Der war wirklich sensationell. Frisch, witzig und berührend.

Von den Spielfilmen wäre mein Wunschpreisträger DAS MELANCHOLISCHE MÄDCHEN. Ein sehr kluger und politisch motivierter Film mit sehr viel Humor und radial-verspielter Form. Und Super-Soundtrack! Ein Film, der sich durch seine Frische und Frechheit von den anderen abhebt, mögen die Themen noch so gut umgesetzt sein (wobei dies von den von uns gesehenen eigentlich nur auf NEVRLAND zutrifft. STERN haben wir leider nicht mehr in unseren Zeitplan bekommen, der klang in der Beschreibung ja auch gut).  Mindestens der Drehbuchpreis sollte für das melancholische Mädchen drin sein. So wie ich das gesehen habe, dürfte NEVRLAND ein heißer Kandidat für den Spielfilm-Preis sein. Aber Abwarten.

Zum erstenmal seit längerer Zeit bin ich tatsächlich auf den Juryentscheid sehr gespannt.

Filmkritik Nr. 3, unser 4. Tag auf dem Ophüls-Festival.

Freitag, Januar 18th, 2019

Wettbewerb Spielfilm: NEVRLAND von Greogor Schmidinger.

Eigentlich kann man die Österreicher blind buchen. Der Regisseur und Autor macht einen klugen und emotionalen Film über seine eigenen Erfahrungen mit Angststörungen. Er hat in den USA Drehbuch studiert und mag den amerikanischen Film genauso wie das harte österreichische Sozialdrama. Als solches beginnt der Film und bekommt einen Dreh in Ebenen, bei denen für die diversen Angstzustände eindringliche und nicht mehr auseinanderhaltbare Bilder gefunden werden. Der Protagonist Jakob lernt im Internet einen homosexuellen Kunststudenten kennen. Beide treffen sich auch bald im realen Leben. Oder etwa nicht? Denn ob dieser Kristjan existiert oder nicht auch bereits ein Trugbild ist, lässt der Film geflissenlich offen. So wie auch der Protagonist zwischen Wahn- und Angstvorstellungen nicht mehr unterscheiden kann, so wird auch uns als Filmzuschauer dies nicht vergönnt. Kristjan ist eine dermaßen körperlich wie seelische Wunschfigur des 17jährigen, dass er fast schon zu schön ist, um wahr zu sein. Viele viele kluge Bezüge gibt es in diesem Film: Jakob trägt seit seiner Geburt ein sogenanntes Feuermal im linken Brustbereich. Diese Stelle ist sensibler als andere, wie er sagt. Krystian trägt auf dem rechten Brustbereich ein merkwürdiges Tatoo aus logisch erscheinenden klaren, sich fast spinnennetzartig verschachtelnden Linien. Das österreichische Sozialdrama beginnt in der Muttersprache deutsch. Alles, was mit Wunschvorstellungen zu tun hat, Sex im Internet und die Person Krystian ist mit der englischen Sprache verknüpft. Der Autor erklärt das so, dass wir unsere Träume und Wünsche gerne aus englischsprachig geprägten Traumfabriken entnehmen, ob dies nun amerikanische Filme seien oder Dinge im Internet. Immer mehr Menschen seiner Generation schauten diese Filme auch durchaus im Original. Also schien es ihm ausgesprochen Konsequent, diese Parallelebene auch mit der englischen Sprache zu verknüpfen. Kunst sei dazu da, persönliche Erfahrungen derart zu transformieren, ach, wir dürfen vielleicht auch einfach „formulieren“ sagen, dass sie für ein Publikum verstehbar, anschaulich und vielleicht auch begreif- und spürbar zu machen. Dies gelingt ihm mit diesem eindrucksvollen Film auf alle Fälle. Den Preis für den Nachwuchs-Darsteller sollte es für diesen Film aber allemal geben.

 

MOP-Shortlist NEUE HORIZONTE.

Ein Programm, das von Hannes Wesselkämper, dem Kurator für Kurzfilme beim Max-Ophüls-Preis zusammengestellt wurde. Mehr oder weniger kurze Filme von Kunststudentinnen und Absolventinnen diverser Filmhochschulen. Von drei bis 26 Minuten Länge.

NÖ YORK. Von Vera Brückner. 26min. Kommt daher wie eine Selbstdoku eines New York-Aufenthaltes incl. Geschichte einer gescheiterten Beziehung. Und ist in sofern eigentlich fast schon der beste Film dieser Auswahl, denn dieser falschen Fährte folgt man durchaus bereitwillig. Dabei gelingt es allemal, die Geschichte schlüssig zu transportieren und nur bedingt zu lange zu werden.

I. Von EunJin Park. 8 min. Formal sehr interessant. Man sieht erstmal nur Füße auf Lichsstreifen balancieren. Das steigert sich zu Personen im Raum, die zeitweise per How do you do Kontakt aufnehmen, um dann wieder alleine weiterzubalancieren. Vermag durch seine Bilder, ohne viel Worte und inhaltliche Verbrämungen durchaus zu überzeugen.

WINTER BIENEN. Von Josephine Ahnelt. 14 min. Eigentlich in etwa 10 Minuten zu lang. Formal durchaus interessant: schräger Sound (eigentlich wollte sie in Japan eigentlich einen Film über die dortige Noise-Musik-Szene drehen), interessante Kombi zwischen eigefügten Tafeln mit Zeichnungen und filmischen Sequenzen. Bald wird einem das aber ein wenig zuviel, die Bilder zu uninteressant (wenn auch immer wieder die ein oder andere interessante Sequenz auftaucht). Aber irgendwann hat das Hirn aber keinen Spaß mehr daran, die Zeichnungen zu entziffern (dafür sind sie dann ab einem bestimmten Zeitpunkt zu gleich und durchschaubar) und mit den nachfolgenden filmischen Passagen in Verbindung zu bringen zu versuchen. Weil klar wird: da gibt es keine. Kardinalfehler Nummer zwei (nebst der Länge): Skype-Dialoge auf Englisch. Hört man hin oder hört man nicht hin? Keine Untertitel. Im Frage und Antwortspiel heißt es dann, es seien Gespräche mit ihrer Therapeutin gewesen. Warum soll sich der Betrachter dafür aber interessieren? Und es sich auch noch übersetzen und irgendwie mit den Bildern in Verbindung zu bringen versuchen? Nö. Nach 4-5 Minuten wäre das noch ein interessanter Film gewesen.

APPARTMENT MONOLOGUE. 12 min. Hedda Schattanik und Roman Szczesny. Im Frage und Antwort-Spiel fällt plötzlich das Wort metoo-Debatte und man denkt: hupps, hab ich da was verpasst. Vielleicht war es einfach der Mittagsschlafmüdigkeit geschuldet, keine Ahnung. Jedenfalls gab es am Anfang ein paar interessante Licht- und Schattenbilder eines Zimmers mit Lamellen in den Rolläden, interessante Korrespondenzen zwischen diesen Lichtern und blinkenden Diodendiagrammen und menschlichen Geräuschen. Und dann eine Menge Bilder, die damit scheinbar nix zu tun hatten, einen Text, der elegant an meinem Verständniszentrum vorbeihuschen wollte und und und. What the fuck: Vielleicht muss man manchmal Dinge klarer benennen, damit sie der Zuschauer auch verstehen kann? Vielleicht müsste man den Film nochmal sehen, um ihn mit den Aussagen der beiden zur Deckung zu bringen. Aber sollte das der Film nicht auch über seine Inhalte selbst schaffen. Beide studieren an der Akademie in Düsseldorf. Mir schien es ein wenig zu sehr noch in Kunstsuppe schwimmend, zu wenig Idee von der wirklichen Welt und zu sehr im elfenbeinernen Diskurs ästhetischer Spielereien. Vielleicht war ich aber einfach auch nur zu müde. Aber erwecken konnte mich das Werklein dann auch nicht. Hat aber den Marler Medienkunstpreis gewonnen…

FEST. 3 min. Von Nikita Diakur. Ein kleines buntes Trickfilmchen, computeranimiert. Tanzende und essende und trinkende Gestalten. Ein Transparent mit dem Wort Fest in Hochhausschluchten. Die Trickfiguren in einem schönen Kontrast zu real erscheinenden Häusern vor getricksten Himmeln. Ein Mann wird an einem Seil vom Hochhausdach in die Tiefe geworfen (Bungee-Jumping?). Kurz vorher sieht man noch das liebevolle kleine Detail eines Vogels, der sich in die Tiefe wirft. Der Mann pendelt unten her und hin und reißt dabei auch das FEST-Transparent weg. Filmende. In seiner Frische und seinem Nichtwollen und seiner radikalen Kürze fand ich das ganz ok. Der Filmer war nicht zum Gespräch anwesend.

WESTERN UNION. 14min. Steffen Goldkamp. In einer wüsten Landschaft fährt ein Auto. Man hört einen Funkverkehr (?): „Wie sollen wir über die Grenze fahren ohne Pässe.“ Man sieht, wie das Auto liegenbleibt. Man sieht zwei Männer zu Fuß durch die wüste Gebirgslandschaft laufend. Einer trägt einen Stuhl. Der andere eine Tasche. Sie durchqueren einen Fluss. Der eine trägt ein T-Shirt mit der Aufsschrift UHNCR. Beide klettern einen rutschigen Abhang hinab. Dunkelheit. Eine Kamerafahrt von einem Boot aus. Man sieht einen kleinen Hafen, der in keinster Weise mit der wüsten Gebirgslandschaft von eben in Verbindung zu bringen ist. Filmende. Im anschließenden Gespräch heißt es zu meiner Überraschung, es sei  ein Film über Flüchtlinge gewesen. Der Regisseur wollte dem gängigen Flüchtlingsbild ein anderes entgegensetzen. Ausgehend davon, dass ihm aufgefallen sei, dass die Berichterstattung und vor allem Bebilderung von Flüchtlingsschicksalen in vielem deckungsgleich sei, was der amerikanische Western in seinen Westwärts-Bewegungen gezeigt habe. Ich habe in diesem Film die beiden Männer nicht als Flüchtlinge gelesen. Für mich waren das, was auch immer, Mitarbeiter der UHNCR oder Journalisten, die in Kriegsgebiet liegenbleiben und dann zu Fuß weitergehen müssen. Warum hatten sie ein Auto? Warum blieb es liegen? Was hat der kleine Hafen mit allem zu tun? Die Idee der Verknüpfung von Flüchtlingsrouten mit Western-Bewegungen fand ich gar nicht mal so uninteressant. Ich hätte das in dem Film ohne die erklärenden Worte aber nicht, und nie und nimmer, gesehen. Pardon. Und er Hafen bleibt mir ein ewiges Rätsel.

Donnerstag

Donnerstag, Januar 17th, 2019

Dokumentarfilm-Wettbewerb: HELMUT BERGER, MEINE MUTTER UND ICH von Valesca Peters. Dieser Film wird den Weg ins „richtige“ Kino schaffen. Und man kann nur sagen: Ansehen! 82 Minuten eines höchst feinfühlig beobachteten Portraits, das uns den 73 jährigen Helmut Berger sehr nahe bringt und menschlich greifbar macht. – Die Mutter der Regisseurin sieht Helmut Berger auf einem youtube-Video und ist so entsetzt, dass sie ihn kurzerhand zu sich nachhause auf`s Land einlädt. „Da muss man doch etwas tun. Da hat man doch eine Verpflichtung.“ Helmut Berger kommt und es entsteht tatsächlich so etwas wie eine Freundschaft. Man kann Dinge verändern, wenn man die Dinge verändern will. Und auch die Familie der Regisseurin ist dadurch auf andere Art wieder zusammengewachsen. Sehr sehr sehenswert.

 

Spielfilm-Wettbewerb: DAS LETZTE LAND.

Ein Science-Fiction-Film von Marcel Barion. Fast 2 Stunden, die man kaum bemerkt. Und hier ist, anders als gestern in ENDZEIT, das Genre klug und phantasievoll genutzt, um grundsätzliche Fragen menschlichen Wollens und Daseins zu verhandeln. Davon abgesehen, dass die Science-Fiction-typischen Sequenzen ausnahmslos ausgesprochen einfallsreich und phantasievoll umgesetzt wurden. Erfrischend klischeefern. Das fängt schon mit dem heruntergekommenen Zustand des Raumfahrzeugs an. Adem, eine der Hauptpersonen geht dann auch erstmals mit einem übergroßen Schraubenschlüssel vor, um das Schott zum Leitstand des Schiffes zu öffnen. Und auch so ein beiläufiger Satz, als Adem vermutet, das gefundene Raumfahrzeug müsse wohl ursprünglich von der Erde kommen, und sein Begleiter Novak nur meint: Die Erde sei doch etwas, was man Kindern erzählt, ein Satz, der so beiläufig eine ganze Menge an Hintergrundgeschichte verankert, ohne dies weiter ausführen zu müssen, spricht für den gedanklichen Hintergrund des Filmes. Wer bin ich, wo komme ich her und wohin soll ich? Um solche Dinge geht es hier, und das auf nicht unkluge Art und Weise.

 

Spielfilm-Wettbewerb: LYSIS.

Der Unfalltod der Mutter, den wir nicht sehen, führt dazu, dass der Vater, der seine Familie verlassen hat, als der Sohn sechs Jahre alt war, jetzt, zehn Jahre später, seinen Sohn auf eine Art Rafting-Tour in den Alpen einlädt, um wieder Kontakt zu ihm aufzubauen. Und vielleicht auch das ein oder andere wiedergutzumachen, bzw. richtig zu stellen. Der Sohn hat keinen Bock darauf, verweigert sich und stößt das Boot mitsamt der Ausrüstung den Fluss hinunter, so dass Vater und Sohn allein auf sich gestellt, ohne Proviant und Schlafsack etc. ihre Rettung aus der Wildnis versuchen müssen. Das führt natürlich zu einer Näherung zwischen den beiden, wer hätte es auch nicht vermutet? Am Ende stürzt der Sohn durch eine Unaufmerksamkeit in die Tiefe, gerade als er einem Haus, also ihrer voraussichtlichen Rettung gewahr wurde. Ob er dabei umgekommen ist oder nicht, lässt der Film offen. Kein schlechtes Thema, kein uninteressantes Experiment, vor allem bildnerisch, da fast der gesamte Film mit den Helm- und Outdoor-Kameras der Hauptdarsteller fotografiert ist. Das führt zu oft ungewohnten Kameraperspektiven. Nicht aber unbedingt zu ungewohnten Sehweisen. Aber: Wird von diesem Film etwas bleiben? Wird man sich später nochmal an Bilder erinnern, die sich eingeprägt haben? Warum hat man das Gefühl, da fehle dann doch irgendwas? Es fehlt an Dramatik. Im Frage- und Antwortspiel im Anschluss an die Vorführung sagt einer aus dem Team einen rechten Platitüdensatz bzgl. der Kameras: Wir wollten den Zuschauer mittendrin statt nur dabei. Dummerweise gelingt dem Film das aber nicht. Denn die Kamera ist nicht alles. Man stelle sich vor: die beiden haben Boot und Proviant verloren, stehen mitten im Gebirge und haben keine Ahnung wie weiter. Wieso spürt man das nicht? Keiner schreit, keiner wird vor Angst hysterisch. Wieso bleibe ich als Zuschauer genauso relaxed und cool wie die Figuren im Film? Weil alle so spielen, als ginge es um nichts. Hat man mal einen Tag lang Durst und findet kein Wasser und rennt dann der Vater alleine los, um Wasser zu finden, findet aber keins, dann ist man bei seiner Rückkehr halt einfach nicht mehr so durstig. Fertig. Der Junge kotzt ein bisschen und wird an den Beeren nicht sterben. Ich habe als Zuschauer kein einziges Mal einen Impuls entweder rauszurennen, weil ich die Situation nicht mehr ertrage, oder auf die Leinwand zu springen, um den beiden helfen zu können. Die beiden schweben in Lebensgefahr und man spürt es nicht. Da hilft auch keine Kopfkamera. (Das klingt jetzt alles schlimmer als es soll: Wir haben hier keinen schlechten Film. Aber auch keinen, der einen wirklich begeistert).

fülmkrütück

Mittwoch, Januar 16th, 2019

Schreibst du in der Not, dann hast du in der Zeit. Oder umgekehrt? Wenn ich mir hier die 2014 immer wieder nach langen Kino-Tagen abgerungenen Kleinkritiken anschaue, dann lohnt es sich vielleicht auch in diesem Jahr, bei einigen Filmen weniger, doch das ein oder andere Wort zu verlieren, um in ein paar Jahren rückblickend wieder das ein oder andere erinnern zu können.

Beginnen wir mit heute, dem zweiten Tag. Und der Enttäuschung des Tages.

Man braucht hier wahrscheinlich kaum viele Worte zu verlieren. Warum misslingt ein Film? Trotz ZDF und arte und nochundnöcher Geld. Weil die Redakteure, beim Frage und Antwort-Spiel nach dem Film selbstzufrieden ins Publikum grinsend, und alle anderen sich ihrer Sache vielleicht zu sicher waren. So sicher, dass das Ach-so-tolle-Buch dann doch nicht richtig funktionierte?? Dass sie vor aller Selbstbegeisterung gar nicht gemerkt haben, dass Zuviel auch Zuviel sein kann? Und der Plot doch seine Argen Lücken und Platitüden hat?

Die Rede ist von ENDZEIT. Basierend auf einer Graphic Novel, wie das heute so schön heißt, um dem einen etwas wertvolleren Anstrich zu geben. Die Menschheit wurde von einer merkwürdigen Seuche dahingerafft, nur in Weimar und Jena haben die Menschen überlebt. Man schützt sich mit Zäunen vor zombieartigen Gestalten, die draußen in der Freien Wildbahn lungern. Ihr Biss führt zwangsläufig dazu, dass die Viren auch auf das eigene Hirn übergreifen und man wohl auch zum Zombie wird. Soweit, so ding. Zwei Mädchen aus Weimar, wie immer wieder in der Filmbeschreibungen betont wird: unterschiedlchen Charakters, versuchen aus unterschiedlichen Gründen nach Jena zu kommen. Der fahrerlose Schienenbus, der zwischen beiden Städten verkehrt und Waren transportiert, und den sie illegal benützen, bleibt aus unerwähnten Gründen auf offener Strecke stehen und die beiden müssen sich durch die Wildnis nach Jena durchschlagen. Von Anfang an geizt der Film nicht mit Schockelementen, setzt dabei aber auf Abgegriffenes und Altgewohntes. Zuviel ist zuviel. Irgendwann ist man es satt, die Zombies sind scheiße geschminkt und wirken eigentlich nicht wirklich wie ernstzunehmende Gefahren. Man erschrickt mal kurz, wenn einer jungen, vom Zombie gebissenen Frau der Arm abgehackt und sie daraufhin auf Anweisung einer leitenden Person doch noch erschossen wird: Regel ist Regel und Arm ab genügt in diesem Falle nicht. Völlig abstrus wird die Story, als die beiden Mädels im Wald einer sogenannten „Gärtnerin“ begegnen, die ziemliche Platitüden von sich gibt. Eva liegt da, schon halb begraben (warum?), jetzt bekommt sie eine Tomate und darf weiterleben. Später werden die Mädchen auf einer Brücke von aberhunderten Zombies verfolgt, Eva opfert sich (warum bleibt unklar, sie hätte sich genauso retten können, wie das dann die andere der beiden kann), um dann am Ende des Films wiederauferstanden und zu einem merkwürdigen Pflanzen-Mensch-Wesen verwandelt wieder aufzutauchen. Auch die Gärtnerin war schon ein solches Pflanzen-Menschen-Wesen. Watt will der Film? Gruselfilm sein, wie nachher im Frage-Antwort-Spiel behauptet wird? Warum dann so ein ernstes Thema? Und wenn so ein ernstes Thema, wieso nimmt man es dann nicht ernst? Und wenn Gruselfilm, warum dann nicht mit Phantasie und Einfallsreichtum statt mit solch platt-überholten Mitteln? (Plötzliche Laute Geräusche, dramatische Musik, blöd grunzenden Zombies)? Blair Witch Project gab`s ja auch mal, und den fand,  zumindest ich, dann extrem gruselig.  Man fragt sich ernsthaft, warum ein solcher Film, perfekt produziert, mit Verleih versehen, mit arte-Sendetermin in Aussicht, auf dem Ophüls-Festival laufen muss, bzw. laufen darf. Weil ZDF und arte mit im Ophüls-Sponsoring drinhängen?? Soviel Aufwand und man fühlt sich noch nicht mal gut unterhalten, eher für nicht ganz voll und ernst genommen. Einige im Publikum schon, wie es schien…

 

Der Knaller des Tages aber, ein Film, den man am liebsten direkt noch einmal und noch einmal sehen möchte. Mit so wenig Geld gedreht, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler ohne Gage gearbeitet haben. Intelligent in den Dialogen, witzig und geistreich inszeniert, experimentell in der Form, die Musik als weiterer Darsteller eingesetzt, zu keiner Sekunde langweilig, erhellend, überfordernd, zum Lachen bringend. Wie kann man politisch-gesellschaftskritische Themen, die einem unter den Nägeln bringen, auf nutzbringende und unterhaltsame Art auf die Leinwand bringen?: Die Antwort zeigt DAS MELANCHOLISCHE MÄDCHEN. Man kann diesen Film nicht oft genug erwähnen, nicht genügend loben, nicht oft genug sehen. Susanne Heinrich! Susanne Heinrich! Susanne Heinrich! Als Schriftstellerin saß sie schonmal vor der Jury in Klagenfurt und begann sich, wie sie selbst sagt, spät in ihrem Leben, zu politisieren und mit entsprechenden Theorien auseinanderzusetzen. Feministische Kapitalismuskritik und und und. Und trotzdem wird daraus keine trockene Theorie-Illustration, sondern ein Film, der nachwirken wird. Und es wäre ihm zu wünschen, dass er nicht nur in diesem Wettbewerb einen Preis bekäme. Das hier ist Formfindung auf höchstem Niveau. Und ein Gegenbeweis zur These, man könne keine gute Kunst machen, wenn man dies aus einem politischen Anliegen heraus tue. Hier funktioniert das super. Ich werde auf jeder meiner Stimmkarten den Namen des abzustimmenden Filmes durchstreichen, durch DAS MELANCHOLISCHE MÄDCHEN ersetzen und fünf Herzen ankreuzen. Jawoll. DAS MELANCHOLISCHE MÄDCHEN. DAS MELANCHOLISCHE MÄDCHEN. DAS MELANCHOLISCHE MÄDCHEN. DAS MELANCHOLISCHE MÄDCHEN. DAS MELANCHOLISCHE MÄDCHEN. Chapeau!

Bubheit

Freitag, Juli 25th, 2014

Mit meinen Filmkritiken hier auf dem blog bin ich ein wenig schluderig geworden. Keine zeit, keine Zeit, keine Zeit. Aber das gilt jetzt wirklich nicht als Ausrede: Das was man tun will, sollte man auch irgendwie schaffen.

BOYHOOD von Richard Linklater. Liegt jetzt auch schon ein paar Wochen zurück, vieles also aus dem gedächtnisgetrübten Zurückblick. Ich muss gestehen, ich mochte die Linklater-Filme bisher nicht. Before and after dawn und sunrise, egal wann und wie, hat mich alles nicht sonderlich interessieren können. Also recht skeptisch in diesen Film gegangen, weil ich trotzdem die Idee äußerst spannend fand, Kindheit und Jugend des Protagonisten zu beschreiben und dabei wirklich dieselben Schauspieler über Jahre hin zu beobachten und sich den Film mit ihnen entwickeln zu lassen. Die Zeit als Thema. Ein Thema, das mich auch selbst zutiefst trifft und beschäftigt. Die persönliche Entwicklung von Menschen in der Zeit. Aber meine Skepsis bestand vor allem darin, ob der Film es schafft, dass ich mich wirklich für eine amerikanische Kindheit und Jugend interessieren werde, deren Lebensstil uns in Europa dann doch eher befremdlich erscheinen könnte. Ist uns dieses Lebensgefühl dann doch nicht zu fremd? Muss ich wissen, dass das Kind in einem bestimmten Alter mit seinem, wenn auch von der Mutter getrennt lebenden Vater zum Baseball geht? Der Film dauert lange. Und ich war überrascht, wie gut das dann doch alles funktioniert. Man langweilt sich keine einzige Minute. Im Gegenteil: Man will wissen, wie sich das weiterentwickelt. Das Älterwerden der Figuren/Schauspieler betrachtet man interessiert und fasziniert aber mit großer Selbstverständlichkeit. Nicht zuletzt dies macht auch die Geschichte selbst glaubwürdig, rückt sie einem näher. Und die Geschichte vermag, wenn auch aus us-amerikanischem Lebensgefühl, Grundbefindlichkeiten des menschlichen Daseins zu beschreiben. Die letzten Worte, mit denen die Mutter (Patricia Arquette) aus dem Film verschwindet „Ich hätte mir vorgestellt, es sei irgendwie mehr gewesen…“ (aus dem Gedächtnis zitiert), als ihr Sohn sich zu Studium (und somit zum eigenständig abgenabelten Leben) hin verabschiedet. Ganz beiläufige und gleichzeitig ganz tiefgehende Szene. Und davon hat man viele. Wie die Figuren geführt sind, zum Teil auch, wie das bildnerisch inszeniert ist: Wenn all die after-dawn-and-before-sunrise-Filme Vorübungen zu diesem Film waren, dann will ich das gerne akzeptieren.

liebessteaks

Freitag, April 18th, 2014

Der Ophüls-Preisträger 2014, den wir in unserem ausgiebigen Ophüls Programm nicht ausgewählt hatten, kommt jetzt in die Kinos und räumt ziemlich viele Preise ab. Das ist lobenswert, zumindest das mit den Kinos. Meine Einstellung zu Preisen habe ich hier ja bereits des öfteren kundgetan. Gelobt wird immer wieder die unkonventionelle Frische, der eigene Humor, wenn ich mich recht erinnere, hieß es in der Jury-Begründung „ein Film, der endlich wieder zeige, wozu Kino in der Lage sei“. Nundenn. Kein schlechter Film. Formal recht frech daherkommend und auch das Thema des ungleichen Paares, das sich auf der Ebene der Kurhotel-Angestellten findet, obwohl es doch so ungleich gestrickt ist, alles bestens. Auch agiert der Film inhaltlich und bildnerisch subtiler, als es die Pressetexte etc. erwarten lassen. Also durchaus sehenswert. Kann man sich angucken. Kein Problem. Aber sooooo unkonventionell, soooooo mutig ist das alles dann doch wieder nicht. Aber interessant: In einer Zeit (was man auch bei den Ophüls Beiträgen immer wieder sieht die letzten Jahre), in der die jungen Filmers und Filmerinnen ihr Geld bei den Sendeanstalten angraben, wirkt LOVE STEAKS dann scheinbar schon fast wie ein Anarcho-Streifen. Isser aber nicht. Auch mit dreimal drüber schlafen: Wäre nicht unser Preisträger gewesen. Netter Film, mutig gemacht, was alles schon lobenswert genug ist. Aber es ist natürlich auch schön zu sehen, dass das durchaus in die Kinos kommen darf. Aber „ein Film, der zeigt, wozu Kino fähig ist“? Da geht bestimmt mehr. (Was war noch in den 60ern? Da gab es auch viele Mutige…) Und dass sich der Regisseur wünscht, dass man nach dem Ende des Films irgendwie befreit und gestärkt in die Welt schreitet?: Not really.

fülmkrütück

Dienstag, März 11th, 2014

Wes Anderson: GRAND BUDAPEST HOTEL. Man hat viel zu gucken. Man kommt manchmal mit den ganzen Anspielungen nicht mehr mit. Es gibt eine Menge zu lachen. Es strotzt nur so vor Einfällen und Ideen. Alleine das Riesenwildschweinbild bei der Testamentseröffnung… Das wäre für meine Begriffe ein schöner und gelungener Unterhaltungsfilm. Wobei ich THE ROYAL TENENBAUMS im Vergleich aber vorerst bevorzugen würde. (War LA GRANDE BELLEZZA im letzten Jahr ein Film, den man nach dem Abspann sofort, aber wirklich sofort, noch einmal sehen wollte, so besteht der Wunsch nach nochmaligem Betrachten durchaus auch bei GRAND BUDAPEST HOTEL, aber nicht direkt im Anschluß, irgendwann später mal wieder, vielleicht auch auf DVD, damit man das ein oder andere sofort zurückspulen kann.)

fülmkrütück

Sonntag, März 9th, 2014

Am Freitagabend in der Kinowerkstatt St. Ingbert. Eigentlich war „12 years a slave“ angekündigt, den durften sie aus verleihtechnischen Gründen aber nicht zeigen…Den Ersatzfilm „All is lost“ mit Robert Redford hätte ich mir wahrscheinlich nicht unbedingt angesehen, aber als Ersatzfilm und wenn man schonmal da war und Hans-Ulrich Pönack war auch ganz euphorisch (was sonst: euphorisches Lob oder euphorische Verrisse). Nungut.
Der Film leidet an zweierlei: Erstens daran, dass er nicht komplett auf Musik verzichten kann. Er verzichtet zum Großteil auf Musik, und das ist auch wunderbar so, das was akustisch passiert, wenn die Wellen während des Sturms auf das Boot schlagen etc., ist wirklich sehr interessant und schafft eine bedrohliche Atmosphäre. Und dann spielen plötzlich mitten auf dem Meer nach einer ersten überstandenen Bedrohung plötzlich die Geigen…Und auch in einer weiteren Bedrohungssituation können sie darauf nicht verzichten. Das zerrt Dich als Betrachter sofort aus dem Geschehen und schafft einen sicheren Abstand. Und das ist schade. Das verschenkt der Film vieles der Wirkungen, die er vorher erzeugt hat.
Dasselbe passiert leider durch die zahllosen Ungereimtheiten, die man wahrscheinlich gar nicht alle aufzählen kann. Und auch das ist schade. Es geht nicht darum, dass ein Film in allen seinen Details absolut echt und der Wirklichkeit entsprechende abbilden muss. Das tut Kunst in den seltensten Fällen.
Aber: Wichtig ist eine gewisse Grundglaubwürdigkeit, die erhalten bleiben muss.
Wenn ich mich ständig frage, wieso plötzlich wieder alle Landkarten so schön trocken sind, damit er sich auf dem Ozean zurechtfinden kann, wenn ich mich fragen, wieso er nach all dem Kentern und Ungemach plötzlich eine unversehrte Lesebrille aus der Hemdtasche zieht, wo plötzlich die trockenen unversehrten Bücher herkommen, anhand derer er sich mal eben flugs das Navigieren mit dem Sextanten beibringt, dann fühle ich mich als Betrachter nicht ernst genommen.
Ein Frachtschiff, dass so dicht an ihm vorbeifährt, ohne ihn trotz Signalraketen zu sehen, finde ich noch halbwegs glaubwürdig, dass das Schiff aber kaum 20 Meter an der Rettungsinsel vorbefährt, ohne das es diese auch nur im Geringsten zum Schaukeln bringt, resp. sie nicht gleich zum Kentern bringt, das ist irgendwie nicht ganz nachvollziehbar. Schade.
Dabei hat der Film zum Teil wirklich starke Bilder, und erzielt beklemmende Wirkungen dort, wo er das Verletzliche und Bedrohte des Menschlichen zeigt. Der Topos „Haus“, hier in die Kajüte des Einhandseglers verlagert, schwankt und wankt, und die Sicherheit ist eine scheinbare. Das funktioniert gut, wird aber durch viele handwerkliche Fehler kaputt gemacht.
Eine interessante Idee für einen Film, aber einfach zu schludrig gemacht.
Und: Die amerikanische Filmindustrie sollte generell ein mehrjähriges Verbot für Filmmusik aussprechen.

ophüls 35, 6, filme 15 und 16

Montag, Januar 27th, 2014

17uhr: DURCH DIESE NACHT SEHE ICH KEINEN EINZIGEN STERN. Regie: Dagmar Knöpfel. (außerhlab des Wettbewerbes in der Corinna Harfouch-Reihe): Am 6. Tag ist man ein wenig müde, deshalb habe ich ein wenig mit der langsamen Erzählweise gekämpft, was aber nichts über den Film sagt. Ein Film, der sich mit seinen Bildern viel Zeit lässt und auf drei Briefen der teschechischen Schriftstellerin Bozena Nemcová beruht. Dreimal setzt sie an, um ihrem Verleger zu erklären, warum sie derzeit nicht in der Lage sei, ihre gesammelten Schriften herauszugeben, und das, was man erfährt über ihre Lebensbedingungen, über ihren Mann, ihr Keingehaltenwerden in dieser Familienstruktur,  ist eigentlich ein Skandal. Der Film erzählt nicht viel, aber auch er setzt dreimal an, und man sieht dieselben Geschehnisse in drei leicht verschobenen Varianten und so wird die Situation der Protagonistin ausgesprochen deutlich.

 

20uhr15: DER BLINDE FLECK. Regie: Daniel Harrich. Ein Film, um den im Vorfeld schon ein wenig Trara gemacht worden ist, weil er parallel zum Festival wohl auch bereits in den Kinos angelaufen ist, er aber trotzdem der Festivalleitung so wichtig erschien, dass er trotzdem laufen sollte. Es geht um das Oktoberfestattentat von 1980 und die Vertuschungen, die dazu geführt haben, dass man unbedingt in der Öffentlichkeit einen Einzeltäter präsentieren wollte, anstatt den Hinweisen auf Verstrickungen mit der Wehrsportgruppe Hoffmann nachzugehen, um Franz-Josef Strauß im Wahlkampf aus der Schußlinie zu nehmen. Der Anschlag war am 26.9., Bundestagswahl damals am 5.10. Die Hintergrund-Infos sind zwar ganz interessant, beruhend auf dem Buch des BR-Journalisten Ulrich Chaussy. Der Film leidet ein wenig unter der prominenten Besetzung, die BR-Tatortkommissare Wachveitl und Nemec hier in wichtigen Nebenrollen zu besetzen, war keine gute Idee. Generell ist der Film ein wenig zu professionell und abgebrüht. Die Musik im zeitgemäßen Stil ein wenig zu dramatisch aufgesetzt und laut. Pseudodokuspielfilm, der einen dann doch irgendwo ins Leere laufen lässt.

ophüls 35, 5, filme 12 – 14

Samstag, Januar 25th, 2014

9uhr30: HIGH PERFORMANCE. Regie: Johanna Moder. Das Thema Kapitalismus, Kapiatlismuskritik und was mach ich aus meinem Leben werden hier auf unterhaltsame Weise intelligent abgehandelt. Interessante Idee der Konstellation zweier Brüder aus wirtschaftlich erfolgreichem Haus, deren einer eine Wirtschaftskarriere eingeschlagen hat, der andere Mitglied einer Off-Theatergruppe ist und sein Geld als Aushilfe im Supermarkt verdient. Es kommt zur Zuspitzung, als der Wirtschaftsbruder den Theaterbruder benutzt, um eine seiner Angestellten zu bespitzeln. Das gute an dem Film ist das Drehbuch. Da holpert nix und trotz dieser etwas gewagten Konstruktion wirkt das alles ausgesprochen glaubhaft. Und auch der Schluß bleibt im besten Sinne unbefriedigend. Es kommt zu keiner eindeutigen Wegschiebung: Hier der böse Kapitalistenbruder, da der gute Schauspieler, nee, der Wirtschaftsbruder gewinnt sein intigantes Spiel und steht als Gewinner da, der Schauspielerbruder verliebt sich zwar in die zu bespitzelnde Programmiererin seines Bruders, verliert diese aber, weil alles rauskommt, sie, gerade erst entlassen, pokert und steigt mit höherem Gehalt wieder in die Firma ein, während die alternative Theatergruppe von durch den Verrat verdienten Geld gesponsert wird. Und beide Brüder stehen am Schluß zusammen und rauchen gemeinsam eine Zigarette vor der Tür. Das muss man erstmal so erzählen, dass das funktioniert. Und hier tut es das.

 

12uhr. SEME. Regie: Il Kang. Bis zur Hälfte des Filmes konnte ich mich bestimmter Gedanken nicht erwehren, z.B. wieso will mir da jemand was erzählen, der eigentlich gar keine Lust hat, mir etwas zu erzählen. Oder: Ein an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg entstandener Film: wirklich ein typischer Kunststudentenfilm, etwas blutleer. Und eine merkwürdig aus dem Zusammenhang fallende Szene mit einem Stadtstreicher, der seine Schnapsflasche fallen lässt und dann vor Wut im Regen seinen Schirm zertrümmert. Schlecht gespielt und an der Stelle war ich drauf und dran, den Film innerlich zu verlassen. Doch so langsam kam dann doch ein wenig Stringenz in die Geschichte, die vielleicht, alles in allem, in ihrer Entwicklung ein wenig zu vorhersehbar bleibt, aber man geht dann am Ende doch nicht raus mit einem unguten Gefühl. Ein Film, den man sich durchaus ansehen kann. Nochwas lobenswertes, was ich fast vergessen hatte: Die Filmemacher haben sich entschieden, die koreanisch gesprochenen Passagen nicht zu untertiteln. Dies war ein guter Plan, man versteht trotzdem, um was es geht, und es lässt einen trotzdem die Situation erspüren und auch ein wenig die Fremdheit.

 

16uhr30: HERRENPARTIE. Regie: Wolfgang Staudte, 1964 (außerhalb des Wettbewerbs): Das sind die Veranstaltungen, weswegen ein Besuch des Festivals alleine bereits lohnt. Einen solchen Film wieder- oder zum erstenmal zu sehen. Ein wichtiger Film nicht nur für die damalige Zeit. Dazu begleitet von einem Interview mit Helga Sanders-Brahms, die ihre Begeisterung über Staudte und den Film ans Publikum weitergibt. Beides sehenswert, Frau Staudte und der Film. Auch dieser Nachmittag wird lange nachklingen.

blog-Eintrag Nr. 1700, Ophüls 35, 4, Filme 9 – 11

Freitag, Januar 24th, 2014

10uhr30: VERGRABENE STIMMEN. Regie: Numan Acar. Ein Film wie ich ihn mit seit Jahren wünsche. Jemand, der sich Gedanken um seine Bilder macht und um die Art und Weise, wie er was erzählen will. Der sich bewusst vom konventionellen Erzählen absetzt und deshalb auch konsequenterweise keine Förderungen für seinen Film beantragt hat. Nicht alle Bilder versteht man, nicht alles löst sich auf, nicht alles versteht man. Aber es bleiben starke Bilder, interessante Einfälle (auch im Soundtrack) und vieles, was einen noch weiter beschäftigen wird. Nach allen Wettbewerbsfilmen, die ich bis heute abend dann gesehen habe, mein aktueller Favorit.

Intermezzo: Deshalb mein Favorit, weil zwar VIKTORIA auch ein wichtiger und gut gemachter Film ist, VERGRABENE STIMMEN aber dann filmisch doch mehr wagt, auch dass Numan Acar oft zu einer eigenen Erzählweise und Bildsprache gelangt, spricht sehr für diesen Film. Würde mich sehr freuen, wenn dieser Mut belohnt würde…

13uhr15: FAMILIENFIEBER. Regie: Nico Sommer. Zu vergleichbaren Themen hat man schon mehr oder weniger Gelungenes gesehen. Konstellation: Zwei Elternpaare werden von einem verliebten jungen Paar in das Haus des Jungen eingeladen, damit sie sich mal kennenlernen. Und eigentlich sollen sie dabei gleich auch erfahren, dass das Mädchen schwanger ist. Kommt anders. Die Mutter des Mädchens hat seit einiger Zeit ein Verhältnis mit dem Vater des Jungen. Beide wussten aber bis zu diesem Abend nicht, dass ihre Kinder ein Paar sind. Zuerst versucht man es zu verheimlichen, die Mutter hält dies aber nicht aus und bringt die Wahrheit zur Sprache. Und was jetzt und auf welche Art zur Sprache kommt ist ausgesprochen klug gesagt und clever inszeniert. Ein locker daherkommender Film mit viel Humor, der sein durchaus ernstes Thema (zwei Ehe-Paare, die nicht mehr funktionieren, warum und wie man damit umgeht) klug vermittelt. Bei diesem Thema könnte man sehr leicht ziemlich viel versemmeln, passiert aber nicht. Alles schlüssig. Und verglichen mit dem Humorproblem in TOTALE STILLE: So kann das auch funktionieren mit der Balance zwischen Ernst und Humor.

15uhr: FRÄULEIN ELSE. Regie: Anna Martinetz. Die Novelle von Schnitzler wird nach Indien transponiert. Man fragt sich natürlich: warum. Die Antwort im anschließenden Gespräch ist aber nachvollziehbar. Die Novelle spielt in einem Nobelhotel in Italien. Italien sei damals eine Art heutiges Schwellenland gewesen mit prekären Arbeitsverhältnissen im Kontrast zur mondänen Gästeschaft des Hotels. Indien schien der Regisseurin ein adäquates Land aus heutiger Zeit. Sie hat sich außerdem für eine intellektuelle Variante der Verfilmung entschieden: Der Text wird in der Schnitzlerschen Diktion vorgetragen, die Währung im Text durch Euro ersetzt. Weitere kleine Modifikationen dieser Art hat der Text zu ertragen. Die Brechung ursprüngliche Diktion im Verhältnis zu heutigem Indien schafft Distanz zu Text und Film, so dass man, deshalb „intellektuelle Variante“, schließlich dann doch eher auf den Text zurückgeworfen wird, der der Regisseurin als Ausgangspunkt dann doch sehr wichtig war. Filmisch wird das ein oder andere Experiment mit der Filmsprache gewagt, überwiegend verbleibt es aber bei einer recht konventionellen Bildsprache. Kein schlechter Film, gehört aber in die Kategorie: einmal Sehen reicht.

18uhr30: WESTEN. Regie: Christian Schwochow. (außerhalb des Wettbewerbes): Hätten wir gerne gesehen. Leider gab es eine technische Panne in der Camera 2, weshalb der Film nach der Anfangssequenz bereits abgebrochen werden musste.

ophüls 35, 3, film 7 und 8.

Donnerstag, Januar 23rd, 2014

10 uhr: Viktoria – a tale of grace and greed. Regie: Men Lareida. Eine junge Ungarin verlässt Budapest, um in Zürich als Prostituierte auf dem Straßenstrich das große Geld zu machen. Ein klug erzählter Film, auf Ungarisch mit Untertiteln. Ein in seinen Zwischentönen wichtiger Film. Gut inszeniert und gut gespielt. Bisher haben wir nur vier Wettbewerbsfilme gesehen – wenn ich unter diesen vier einen Preisträger wählen müsste, dann wäre es dieser!

14 uhr: TOTALE STILLE. Regie: Zarah Ziadi. Die Geschichte von zwei Amokläufern, die persönlich gescheitert sind, dies politisch verbrämen und ihre Uni überfallen. Man möchte nach diesem Film leider sagen: Thema verfehlt. Der Film weiß nicht, ob er die Gewalt thematisieren will oder eine Komödie sein möchte. Im Gespräch nachher heißt es, man habe sich an japanischen Filmen orientiert, wo auch die Genres wild gemischt werden, oder an Shaklespeare, der auch in seinen ernsten Dramen immer eine Figur habe, die durch komische Momente das Publikum nochmal durchatmen lässt, bevor es mit dem Unerträglichen weitergehe. Mag ja sein, dass das bei Shakespeare so ist und dass man das tun kann. Man muss es aber auch können. Hier erscheint es einfach nur unentschieden, was dazu führt, dass nie wirklich Spannung aufkommt, die Handlungsstränge vorhersehrbar sind und das Drehbuch überhaupt an vielen Stellen hinkt. Nur ein Beispiel: Ein Prof, in seinem Büro sitzt er mit seiner Geliebten, einer Uni-Angestellten, fest. Er kommt auf die Idee: Vielleicht verbirgt sich hinter der Klappe an der Decke ein Lüftungsschacht, über den man vielleicht fliehen könne. Seine Geliebt klettert auf seine Schultern und kommt grade so an die Decke, um in den Schacht zu schauen. Schnitt. Nächste Szene: Beide klettern durch den Schacht. Jetzt sag mir mal einer, wie der Prof (auch nicht mehr ganz so taufrisch) da hineingekommen sein soll! Ich hätte es noch nicht mal von der Position auf seinen Schultern stehend geschafft. Und derer Holperer gibt es einige. Die einzig interessante Figur: Eine junge Frau, man sieht sie in der ersten Szene beim Psychiater, der ihr rät, sie solle endlich mal Zähne zeigen, sich wehren, nicht immer alles schlucken und duckmäusern. Sie solle sich vorstellen, was sie mit ihrem Ex-Freund täte, wenn sie eine Waffe hätte und er nochmals ankäme, um ihr kundzutun, sie zu verlassen. Und all das, was sie sich kaum zu phantasieren traut, tut sie nachher mit einem der beiden Amok-Läufer in echt. Und geht dann wortlos in der Schlussszene an allen Hilfskräften vorbei ins Freie. Superschluß. Wären nur 30% von dem Film auch so gewesen. Und nochwas: Wenn man in einem Film sitzt und einem plötzlich Zeit sichtbar wird, noch eine Szene und noch eine und der Film kommt nicht voran und wie lange dauert das eigentlich schon: nur der Hauch eines solchen Gedankens spricht gegen das Drehbuch. Thema verfehlt und Chance verschenkt.

 

ophüls 35, 2, film 4 – 6

Donnerstag, Januar 23rd, 2014

14 uhr: POKA. Regie: Anna Hoffmann. Interessantes Thema schön erzählt. Was von dem Film aber wirklich an Bildern hängen bleiben wird, ist abzuwarten. Auffallend vor allem der Darsteller Pavlo Pasha Antonov. Man erfährt einiges über die sog. Russland-Deutschen, ihr Selbstverständnis in der UdSSR und wie sich dieses geändert hat, als sie nach Deutschland gekommen sind. Die Story ist klug gebaut, man sieht erst einmal eine Menge über die Zustände in der UdSSR, detailreich und glaubwürdig beschrieben.

18 Uhr 30. DAS HAUS MEINES VATERS. Regie: Ludwig Wüst. (außerhalb des Wettbewerbes). Interessant die Grundidee, den Film ohne Schnitt, resp. mit einem einzigen Schnitt nur in zwei Plansequenzen zu drehen. Daraus folgt, dass er auch in Echtzeit spielt. Ein Mann kehrt nach dem Tod seines Vaters in sein Elternhaus zurück und sieht sich in Begleitung einer ehemaligen Schulfreundin die Stätte seiner Kindheit und Jugend wieder an. Die beiden unterhalten sich, so wie man sich in solcher Situation unterhält und Stück für Stück erfährt man mehr, erahnt Abgründe. Die Frage bleibt, ob der 65 minütige Film tatsächlich funktioniert oder ob er nur eine Stilübung ist. Wobei ich eher zu ersterem tendieren würde. Auch hier bin ich gespannt auf die Bilder, die bleiben.

22uhr30. AUTUMN BLOOD. Regie: Markus Blunder. (außerhalb des Wettbewerbes): Der Film läuft auf Englisch ohne Untertitel. Doch keine Panik: Es wird kaum gesprochen. Und das ist das Wunderbare dieses Films. Wie hier mit eindrucksvollen Bildern eine Geschichte um sinnlose Gewalt und Vergewaltigung im Alpenraum inszeniert ist, dürfte einen so schnell nicht mehr aus dem Kopf gehen. Da traut sich jemand mal wieder was. Hier werden wohl tatsächlich Bilder hängen bleiben…

 

ophüls, 35, 1, film 1 bis 3

Mittwoch, Januar 22nd, 2014

14 uhr: und morgen mittag bin ich tot. Regie: Frederik Steiner. Von SWR und arte begleitet. Ein Film über eine junge Muskoviszidose-Patientin, die beschließt, ihrem Leben in einer Zürcher Einrichtung ein Ende zu setzen. Ein Film, bei dem man sich wünschen würde, auf die Idee, Filme durch Musik zu begleiten, wäre noch nie jemand gekommen. Dort, wo er seinen Bildern vertraut, funktioniert er sogar meist (nicht immer). Aber wo er Musik einsetzt, macht er sich vieles von seiner Wirkung kaputt und überzuckert und setzt auf falsche Gefühle. Rosamunde Pilcher wäre die nächste Stufe. Ein Beispiel: Die Protagonistin Lea erleidet im Sterbezimmer im Beisein kurz vor dem Einnehmen des Gifttrankes nochmals einen panische Attacke und geht zur Toilette. Diese Bilder, wie sie dort mit sich ringt, auch wie dies fotografiert ist, wären absolut beeindruckend: die Figur und ihr Drama wären sich ausgeliefert und der Zuschauer könnte dem nicht entrinnen. Jetzt muss man aber ein wenig Musik drunterlegen, um das ganze nochmals zu untermalen. Wieso? Diese Untermalung schafft Distanz, gibt dem Zuschauer vor, welche Gefühle er dabei zu haben hat (entmündigt ihn also) und verhindert so, dass man von dem, was man zu sehen bekommt, wirklich betroffen ist. Der Regisseur nachher im Gespräch: Es zeigt sich, dass er ein Profi im negativen Sinne ist: Man schlägt ihm ein Buch vor, er nimmt an, beginnt dann, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Er weiß, wie man Dinge in Bilder übersetzt und macht seinen Job. Aber im Grunde genommen könnte er auch am Schreibtisch sitzen und Steuerbescheide bearbeiten. Ein leider mutloser Film, der Chancen eines Themas verschenkt, das einer ernsthafteren Betrachtung wert wäre.

20 uhr: Matthias Glasner in der Corinna Harfouch Reihe. Eine frühe Fingerübung eines wirklich interessanten Regisseurs, der für solche Filme wie „Der freie Wille“ und „Gnade“ verantwortlich zeichnet. Eine Fingerübung in 12 Tagen mit wenig Budget abgedreht, wie Frau Harfouch auskunftet. Frech, roh. Und vor allem kann hier jemand auch Musik einsetzen, so dass die Stimmung schafft und die Filmbilder strukturiert und stützt. Hier ist auch jemand am Werk, der keinen Job macht, sondern was erzählen will. Ob einem das ein wenig zu klamaukhaft wird oder nicht, steht auf einem anderen Blatt. Mich hat’s ein wenig an Wim Wenders „Same Player Shoots Again“ erinnert. Aber immerhin jemand, der sich was traut.

22uhr15: das leben nach dem tod am meer. Regie: Martin Rieck. Dokumentarfilmwettberwerb. Hier stimmt alles: Beobachtet wird ein junges Paar, das per Occasion ein Beerdigungsinstitut in Husum übernimmt. Welche Gedanken, welche Arbeit machen sich die beiden (viele Gedanken und gute Arbeit), wie ist das gemeinsame Leben, wie hat es sich verändert usw. usf. Sensibel beobachtet, mit günstig erworbenem Gerät gefilmt, nicht gefördert, weil der Autor Grafik-Designer ist und kein Absolvent einer Filmschule, gut geschnitten und mit einem extra komponierten Soundtrack unterlegt:  https://www.facebook.com/daslebennachdemtodammeer