Archive for the ‘der Radiozeichner’ Category

zu einer Zeichnung aus dem Comic PERSEPOLIS von Marjane Satrapi

Sonntag, Juli 8th, 2018

koorektur der kohrektuhr

Montag, Juli 2nd, 2018

soso, neueste Version…isses das jetzt? vorerst.

korrektur

Sonntag, Juli 1st, 2018

Diese Steinberg-Zeichnung ist, wie so manch andere in diesem Projekt, doch nicht ganz so einfach zu vertonen. Da denkt man, man habe jetzt eine Lösung gefunden, dann scheint es einem dann doch kurz darauf nicht so ganz passend, zu düster in der Grundstimmung, zu wenig Witz, den das Blatt ja auch transportiert, zuviel an Material, wo die Zeichnung ja eigentlich mit ganz wenig auskommt. Normalerweise werden diese Arbeitsschritte ja hier nicht alle veröffentlicht, in diesem Ausnahmefall dann doch, vielleicht ist es ja ganz interessant, das, was ich normalerweise für mich behalte, auch mal ein wenig mit nachzuvollziehen.

zu Rikuo Ueda „Letter“, Kunststation St.Peter, Köln

Mittwoch, Juni 27th, 2018

aus: der Radiozeichner: Nr. 23: zu einem Blatt von Saul Steinberg

Mittwoch, Juni 27th, 2018

Haben wir es hier mit einem Cartoonisten zu tun? Jedenfalls mit einem Zeichner, der seine Zeichnungen überwiegend zur Veröffentlichung in Zeitschriften und Büchern konzipiert hat. „Zeichnen ist Denken auf dem Papier“. Ein ausgeprägter Spieltrieb kann beim Denken aber sehr gut helfen. Unser Blatt ist kein ganz so typisches, dafür fehlt einfach die Farbe. Gerne hat er Buntstifte eingesetzt, manchmal auch aquarelliert, wie auch immer: unser Blatt ist ganz puristisch: nur schwarzweiß, nur ein einziger Stift. Vermutlich Bleistift oder ein Kreidestift – ganz genau lässt sich das aus dem Abdruck im Buch nicht erschließen – wichtig ist: keine harten Tuschelinien; trotz aller klar umrissener Gegenstände wirkt alles ein wenig angewärmt und nicht bissig. In den frühen Jahren gab es durchaus auch mal ein Blatt mit Feder in Tusche, mit der Verbesserung drucktechnischer Verfahren konnte er aber seiner Freude an farbiger Gestaltung durchaus mehr Auslauf bieten. Was haben wir nun vor uns?: Ein Querformat. Nicht ganz das, wohin uns unsere DIN-Formate verdorben haben, Höhe zu Breite sind etwas angenehmer verteilt, wenn auch das Ganze noch nicht Richtung Quadrat hin empfunden wird. In der Horizontale wird das Blatt durchgehend in der Mitte in ein deutliches Oben und Unten geteilt. Diese Klarheit der Trennung wird dadurch betont, dass diese Linie offensichtlich sogar mit einem Lineal gezogen wurde. Die Zeichnung gehört zu einer Folge von Blättern, die sich dem Thema der Spiegelungen verschrieben haben. Die trennende horizontale Mitte stellt also eine Spiegelachse dar. Gleichzeitig eine Art Horizont, beziehungsweise Begrenzung eines Sees. Oder etwa nicht? Und hier fängt dann auch das Verwirrspiel bereits an. Aber der Reihe nach. Was passiert nun entlang dieser offensichtlich wie gleichermaßen scheinbaren Spiegelachse? Beginnen wir am linken Blattrand. Direkt an diesem Horizont, nur kurz ins Blatt reichend, zwei leicht gekrümmte Linien, die eine kleine Insel bzw. Landzunge andeuten. Oben das Land, unten die Spiegelung. Darauf findet sich – etwas kräftiger gezeichnet – eine Art „T“, das wir gerne als Baum wiedererkennen dürfen. Und unterhalb unserer Spiegelachse natürlich als kopfstehendes „T“ der Umkehrschluss dieses Bäumchens. Das alles noch sehr sehr klein, quasi als Auftakt all dessen, was da noch kommt. Dieses Präludium findet seinen Nachklang am rechten Bildrand in Gestalt einer etwas weitläufigeren Landzunge, in ihren Mitteln aber ebenso einfach angelegt: zwei Linien, eine oben, eine unten, noch ein paar Schraffuren reingeschludert und fertig. Darauf ein Haus mit einem Schornstein, fast wie von Kinderhand hingezaubert: eine kleine Fabrik. Der Schornstein schickt seinen Rauch auf den Weg, der alsbald rechtwinkling zum Papierrand hin abbiegt und sich kurz vorher noch einmal verzweigt. Um das darzustellen reichen Steinberg gerade mal drei hingestotterte Linien. (In der Vorstellung nicht zu vergessen: die passende Spiegelung unterhalb!). Jetzt nochmal zurück zum Anfang am linken Blattrand. Neben der präludierten Landzunge finden wir, mit Großbuchstaben in den Himmel geschrieben, das Wort OHIO, das unterhalb unserer Spiegelachse, also im gedachten Wasser seine Wiederholung findet. Aber halt! Wieso eigentlich Wiederholung? Spiegelung wollten wir doch sagen. Und stimmt! O und H und I und O sind als Buchstaben alle an einer mittig gedachten Waagerechte spiegelbar und es verändert sich gar nichts. Mit OTTO könnte man das nicht machen. Oder mit MICHIGAN, schließlich sind wir ja hier bei einem amerikanischen Zeichner. Hier hat uns Steinberg also schon die ersten Falle gestellt. Weiter im Blatt. Etwas weiter rechts, aber immer noch in der Blatthälfte, jedoch mit der Tendenz zu oberen, bzw. unterem Blattrand: jeweils zwei Schwäne, schwimmend, seitlich gesehen, mit einfacher Linie krakelig gezeichnet, Köpfe nach links. Aber was ist das denn jetzt schon wieder?: Im Himmel können doch keine Schwäne schwimmen! Und wieso sind das sowieso zwei? Will heißen: wir haben sowohl im Himmel als auch im Wasser einen Schwan, der seine Spiegelung jeweils direkt bei sich trägt, schön mit kurzer Linie voneinander getrennt, ein Doppelwesen aus Schwan und Spiegelung. Und dieses Doppelwesen dann wieder gespiegelt im ehemals gedachten Wasserbereich. Sind unsere Annahmen denn so überhaupt noch haltbar? Der Blick sucht das Weite und flüchtet weiter nach rechts. Und wieder findet sich ein Wort. Das kennen wir ja schon von OHIO. Doch was steht da in unmittelbarer Nähe zum Horizont (es war doch der Horizont, oder?): das Wort STAR. Stern. Schön. Das könnte man als Spiel deuten mit Abbild, Wort und Wirklichkeit, statt einen Stern zu zeichnen, schreibt er das Wort dafür ins Bild. Und auch noch in den Himmel. Prima. Das passt wieder. Doch bei S und T und A und R gibt es keine erkennbare Spiegelachse. Ein vorsichtiger Blick nach unten und wir sind perplex. Keine horizontale formale Spiegelung findet statt, sondern eine vertikale verbale. Aus dem STAR werden die RATS. Aus dem Stern werden die Ratten. Keine Buchstaben vertauscht, einfach einmal von hinten nach vorne. Und über die semantische Fallhöhe zwischen dem Stern und den Ratten im Wasser wollen wir hier gar nicht erst mal nachdenken. Gehört aber in die Schublade mit all den Ideen, die man selbst gerne gehabt hätte. Mit all dem lässt uns Steinberg allerdings nicht gang alleine. Am sehr unteren Bildrand gibt es eine weitere Linie von links nach rechts. Sie bezeichnet das Ufer, sicheres Land. Hier ebenfalls noch ein paar hingschleuderte Schraffurandeutungen, um es ein wenig fester erscheinen zu lassen, aber ja nicht zu sehr ausführen das alles. 1/4 vom rechten Blattrand entfernt: die Silhouette eines Mannes mit Hut. Er steht mit Blick zum See und betrachtet das alles in aller Seelenruhe und macht sich wohl keinerlei Gedanken über die beiden Schlagschatten, die unterhalb seiner Beine wachsen und schräg nach links aus dem Blatt führen. What you see is what you get.

Ergänzung um einen weiteren Versuch:

Nr. 21: Arnulf Rainer: „Im Gewirre gefangen“

Samstag, Mai 26th, 2018

Ein hochformatiges Blatt. Nicht zu klein. 59,8cm x 47,6cm. Hier herrscht Unruhe. Bewegung. Nervosität. Bedrohung. Wir sehen was? Wir sehen eine männliche Figur von vorne. Sie trägt Hose und Hemd. Hose und Hemd in derselben Farbe. Diese Person hängt merkwürdig im Blatt. Wir erkennen einen schmalen dunklen Gürtel. Graue Hose, graues Hemd. Der Kopf ist nach vorne gebeugt, wir sehen nur einen schwarzen Haarschopf. Die Beine: Knie nach außen, Zehen wieder zusammen, so dass durch Ober- und Unterschenkel eine Raute entsteht. Der linke Arm der Person greift etwas weiter nach hinten aus. Und jetzt glauben wir es zu verstehen: Wahrscheinlich eine von schräg oben-vorn aufgenommene Boden-Sitzposition. Wir müssen wissen: die Figur ist eine Fotografie. Der rechte Arm der Person etwas näher am Körper. Die komplette Figur ist überzogen von einem wirren Gewirr an Bleistiftlinien. Kleinen Hieben, die wie Nadelstiche wirken. Gekräuselten Linien, gekringelten Linien, die das Ganze auratisch umschwirren. Auf alle Fälle: mit hoher Geschwindigkeit gezeichneten Linien. Eine spontane Reaktion auf die abgebildete Figur. Ein Gezingel und Gezüngel. Verwischte Linien. Und nochmal eine Lage drüber.  Solche Linien gehen nicht langsam. Sie gehen nicht bedacht. Sie wollen und sollen nicht denken. Sie sollen reagieren. Kämpfen. Adaptieren. Verändern. Sich anpassen und erweitern. Das Liniengewirr überzieht also nicht das gesamte Blatt, sondern nur die Figur und das  nähere Umfeld der Figur. Die Figur ist eine Abbildung des Zeichners selbst. Er erscheint also doppelt im Blatt: Als wiedererkennbare, wenn auch unter einem gewissen irritierenden Aspekt aufgenommene Person und als eigene, nervöse Reaktion auf dieses Abbild. Ein hoher Grad an Emotionalität. Rechts unten hingeschrieben der Titel des Blattes und die Signatur. Beides eher wütend gezeichnete Linien als klassische Schrift. Der Titel des Blattes: „Im Gewirre gefangen“. Arnulf Rainer hat vorwiegend in Serien gearbeitet. Er wühlt und suhlt in den Linien, um den Dingen auf die Spur zu kommen. Ein hochnervöses Kreisen und Kritzeln und Wüten, um sich die Dinge handhabbar zu machen. Die dunkelste Stelle hier in diesem Blatt: das Wuschelhaar des Kopfes, das so überzeichnet ist, dass man es nicht als Wuschelhaar, sondern als dunkle energetische Kugel wahrnimmt.

Canetti, ein ganz anderes Naturell, schreibt zu seiner eigenen Arbeit: „Mir geht es nicht um Formulierfreude als Selbstzweck, das wäre ja eine simple literarische Eitelkeit, ich will vielmehr… die Leute überzeugen, dass ich nicht nur schreibe, sondern den Dingen wirklich nachspüre.“ Arnulf Rainer in einem Gespräch mit Friedhelm Mennekes: „…Der Künstler stellt sich die höchsten idealen Ansprüche an sich selbst und an spirituelle Systeme und muss doch zugleich im Alltäglichen, in dem Vorläufigen, in erbärmlichsten Mülldeponien sich bewegen bzw. diese bewegen. Er muss sich dem Materiellen stellen und es transponieren. . . .  Um den großen Zusammenhang ringen. Alles andere wird einem ja nachgeschmissen. …“

 

 

Nr. 20: zu einer Zeichnung von Ute Thiel

Donnerstag, Mai 24th, 2018

Man sollte sich dieses Blatt (30x24cm, Hochformat, warm wirkendes Seidenpapier, so ein Papier, wie man es gerne für kalligraphische Studien benutzt) auf einem Ateliertisch (Holzplatte) in der Sonne liegend zwischen ebensolchen kalligraphischen Übungen vorstellen. Das Blatt selbst ist keine kalligraphische Übung, und dann auch wieder doch. Mit Pinsel gezeichnet, warme Linien, warm wirkendes Tusche-Schwarz. In der oberen Hälfte des Blattes ein Gesicht, das uns anblickt. Das Gesicht einer Frau. Links beginnt das Ohr mit zwei eleganten Schwüngen, in einem Pinselzug geht es weiter und markiert linke Wange und Kinn und rechte Wange und läuft, die Linie dünner werdend, über der von uns aus gesehen rechten Augenbraue aus. Das Gesicht selbst sehr einfach gehalten: Die Nase ein links offener Haken nach oben, der Mund eine einfache Wellenlinie. Aber was für eine Wellenlinie! Mit dem Tuschepinsel wohl auch links angesetzt (denn hier ist die Linie etwas angedickt, dies ist oft der Fall, wenn sich im Ansatz der Linie einfach noch etwas mehr Tusche im Pinsel befindet- – – wobei es in der chinesischen Kalligraphie auch genau den umgekehrten Weg gibt: man beginnt leicht und endet mit einer kräftigen Betonung durch Druck auf den Pinsel; ich wäre mir hier also nicht ganz so sicher) – kleiner kurzer Schwung nach oben, längerer Schwung nach unten und rechts leicht ausschwingend: lacht dieser Mund, lächelt er, hält er im Lächeln inne, drückt er vielleicht sogar etwas Zweifelndes aus? Es bleibt ambivalent in dieser einen Linie und das ist etwas, dem wir uns nicht entziehen können. Die Augen, beide fast gleich gemacht: zwei kräftige Punkte mit jeweils einem Halbkreis darüber. Die Augenbrauen: links ein Halbkreis, nach unten offen, nach oben gerundet, über dem rechten Auge ein geringer gebogener, fast zarter Schwung. Der Halbkreis über dem (immer von uns aus gesehen) linken Auge: sehr dicht am Augenpunkt dran, der rechte Bogen nimmt etwas Abstand. Diese wenigen Differenzierungen in der angelegten Einfachheit erzeugt eine soghafte Wirkung. Wir können uns diesem Blick kaum entziehen. Und auch hier: Ambivalenz. Das hat gleichzeitig etwas Freches, Schlitzohriges, aber auch etwas Freundliches. Hier spricht Schalk genauso wie Ernst. Am linken Ohr ansetzend ein zum linken Blattrand führender Schwung, abgebremst durch eine kurze Bewegung nach rechts: der Ärmel einer Bluse, eines Shirts. Von unten dagegen laufend eine Linie, die in ihrer Mitte einen Kringel beschreibt und dann zum „Ärmel“ aufschließt. Locker rechts daneben gesetzt wieder ein sehr leichter und mit nichts auf direktem Weg verbundener Schwung (man kann diese Linien einfach nicht anders als als Schwünge sehen – und so sind sie auch gemacht: jeweils in einem Zug hingeworfene Tusche-Spuren). Linie mit Kringel und rechts daneben gesetzter Schwung markieren einen Arm. Der Kringel ist der Ellenbogen! Ein kleiner widerborstiger Ellenbogenkringel am linken unteren Rand des Blattes, der formal jetzt nicht so wirklich aufdringlich daherkommt, sich aber wunderbar auf die beiden Augenpunkte mit ihren Halbkreisen reimt. Unter dem Kopf: Ein Schwung mit Haken nach oben, an der linken Wange ansetzend (ach: jetzt sieht man es erst auf den zweiten Blick: es könnte auch so sein, dass Ohr und linke Wange und dieser den Ausschnitt des Gewands markierende Schwung auch aus einem Guss sein könnten, und die zweite Gesichtshälfte extra angesetzt…hmm). Wie auch immer: an der rechten Wange enden zwei Linien, die die Anmutung des Ausschnitts des Gewandes vervollkommnen. Ein Blatt auf einem Tisch mit kalligraphischen Übungen. Ein Blatt, das auf einem fast schon zum Wegwerfen gedachten Papier gezeichnet wurde. Ohne große Absicht. Und wahrscheinlich liegt darin das Geheimnis: all diese vielen locker und selbstverständlich gezeichneten Schwünge, die an asiatische Kürzel nicht nur erinnern, nein, diese aufgreifen, adaptieren und sie mit unserer europäischen Sichtweise verbinden, die genau an dem Platz sitzen, an dem sie sitzen müssen, enthalten genau das, was sie enthalten können. Zur Beschreibung hatte ich einen Ausdruck eines Scans des Originals auf dem Schreibtisch liegen, dann an der Wand hängen. Je öfter man dieses Blatt betrachtet, je öfter zufällig der Blick darauf fällt, desto häufiger bleibt er hängen, desto weniger kann man sich diesem Blatt entziehen. Übrigens: ein Selbstportrait!

Tusche auf Seidenpapier, 30x24cm, entstanden im Herbst 2011 in Nanhua/China.

aus: der Radiozeichner: zu einer Zeichnung von Jörn Peter Budenheim

Montag, Mai 21st, 2018

Bei dieser Zeichnung handelt es sich um ein kleines, DIN-A5 großes, Papier, Hochformat. Motiv und Material sind überschaubar. Ein klares Blatt mit klaren Gedanken und klaren Linien. Rechts sehen wir einen mit dickem Filzstift gezeichneten Stuhl, einen einfachen Stuhl, einfach gezeichnet, man sieht nur drei Stuhlbeine. An den Füßen der Stuhlbeine ist jeweils ein kleiner Schatten notiert, ebenfalls mit schwarzem dicken Filzstift angebracht. Und „angebracht“ beschreibt hier genau die Art und Weise, wie wir uns das vorstellen müssen. Als wären die Schatten wie kleine flatternde Fähnchen montiert. Die Stuhlbeine selbst jeweils mit drei Linien angesetzt, ein wenig an so etwas wie Perspektive erinnernd. An den linken Stuhlbeinen findet sich ein zartdunkelgelber Fleck, der sich wohl bereits auf dem Blatt befand, bevor die eigentliche Zeichnung dazugekommen ist. Dieser leicht wirkende Fleck gehört nun aber mit zur Familie und spielt seine Rolle nicht schlecht. In seiner zufällig wirkenden Form und der Leichtigkeit der Farbgebung schafft er einen Ausgleich zur Strenge der Konzeption des eigentlichen Motivs, macht das ganze leichter, betont vielleicht sogar die Leichtigkeit des dem Blatt zugrunde liegenden Gedankens, schafft Platz und Luft und Raum. Auf dem Stuhl befindet sich ein Kopf. Kein Körper. Nur der Kopf mit dem oberen Teil des Oberkörpers, wie wir das von klassischen Portraitbüsten her kennen. Im Profil nach links gesehen. Mit dünnerer Linie und sehr locker angelegt, in der Hauptsache die Umrisslinien betonend; eine Brille und ein Ohr und ein angedeuteter Kragen die wenigen Binnenformen, die das ganze etwas genauer bezeichnen. Dieser Kopf mitsamt der Rücklehne des Stuhls, die nichts mehr ist als eine kräftige gebogene Linie, die auf dem Hut des Kopfes endet, nimmt so ziemlich das gesamte rechte obere Viertel der Zeichnung ein. Ein im Verhältnis zum Stuhl sehr großer Kopf. Die schwungvolle Lockerheit der Linien dieser Portraitbüste sowie der Gesichtsausdruck sagen uns: das ist aber keine Büste, das hier ist lebendig! Und es befindet sich direkt auf der Sitzfläche des Stuhls (die keine Fläche ist, sondern eine einzige waagerechte kräftige Linie). Es sitzt nicht. Es befindet sich auf. Stuhl und Kopf als Einheit. Ein menschlicher Körper wird nicht gebraucht. Der Stuhl ist der Körper des Kopfes! Und der Kopf der Kopf des Stuhls. Der Kopf eines schon etwas älteren Herrns mit Hut. Das hatten wir, glaube ich, noch gar nicht erwähnt. Man denkt sich unwillkürlich: müsste man diesen Herrn erkennen? Könnte es sich um einen Philosophen handeln? Oder um Magritte? Duchamp? Einen Naturwissenschaftler? Oder muss man ihn gar nicht kennen? Steht er einfach nur für einen älteren Herrn mit Hut? Er blickt von uns aus gesehen nach links, ins Blatt hinein. Eine Sprechblase wurde ihm beigegeben:  „Was man mit der Nase sieht“ steht da drin. Oberhalb der Sprechblase ein schwarzes „Sternchen“, so wie man es etwa bei Fußnoten verwendet (wobei es hier allerdings keine Fußnote gibt). „Was man mit der Nase sieht“ hat schon jemanden an Saint-Exupéry erinnert: man sieht nur mit der Nase gut – quasi. Oder mich sogar an Joseph Beuys‘: Ich denke sowieso mit dem Knie. Die Nase endet unten genauso in einer Spitze wie das rechte Ende der Sprechblase. Beide Spitzen kommen sich in der Zeichnung sehr nah. Mit der Nase sprechen. Mit der Nase sehen. Mit den Ohren denken. Die Gedanken scharf stellen vermittels eines Stuhls, einer Büste, eines Sternchens und einer Sprechblase. Die Gedanken unscharf stellen. Um sie wieder putzen zu können.

zu einer Zeichnung von Markus Lüpertz

Mittwoch, Mai 16th, 2018

zu einer Zeichnung von Morandi

Mittwoch, Mai 16th, 2018

wie soll man diese beiden Zeichnungen spielen?

Samstag, Mai 12th, 2018

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zu einer Zeichnung von Joseph Beuys

Montag, April 2nd, 2018

zu einer Zeichnung von Olaf Metzel

Samstag, März 24th, 2018

zu einer Zeichnung von KRH Sonderborg

Samstag, März 24th, 2018

zu einem Portrait „Francis Ponge“ von Jean Dubuffet

Samstag, März 24th, 2018

Zeichnung Nr. 7

Samstag, März 3rd, 2018

Zeichnung Nr. 7:

Richard Tuttle. Wann ist etwas etwas und wann ist es noch nichts? 1941 geboren. Wir nehmen uns aus dem vielfältigen Werk ein Blatt aus einer Serie von 1989. Titel auf Englisch: 40 days. Wenn man alle Blätter vor sich hat, dann handelt es sich um Blatt 39. Thirtynine. Also vorletztes. Ein Blatt, aus einem Spiralblock gerissen. Am unteren Rand ist die Lochperforation nicht entfernt. Blaue Lineatur, das Blatt nervös, zum größten Teil netzartig überziehend. Wie so aus dem Handgelenk gekritzelt. Möglicherweise Kugelschreiber. Und natürlich mischt sich die Lochperoration auch ins Gespräch. Man kann sich vorstellen, dass er hier tatsächlich vierzig Tage lang. Ein Blatt nach dem anderen. Wie leicht Du bist. Dazu gesellen sich fast willkürlich gesetzt erscheinende. Gezeichnet hat. Was jetzt?: Farbflecke. Und entwickelt hat. Vierzig Tage lang in einem ähnlichen Duktus Blätter gefertigt hat, die dann als Serie. Willkürlich erscheinend gesetzte Farbflecke, Aquarell, davon könnte man ausgehen. Also durchaus eine malerisch wirkende Zeichnung. Klares Gelb, grün, blau. Eine sehr rote Form fast mittig, die so eine Art Rechteck beschreibt. Hochzartes Violett. Grau. Die Flecke haben unterschiedliche. Was bei Tuttle immer interessant ist: Größen. Wann ist etwas etwas und wann ist es noch nichts? Gelbes Zickzack am oberen Blattrand. Er war also 47/48 Jahre alt. Sieht aus wie.  Wie lange haben Sie für diese Zeichnung gebraucht? : 47/48 Jahre? Eben mal so hingekritzelt. Flecke, die aber doch keine Flecke sind. Grün auch. Ein Fleck, der von einem intensiven Orange ausgehend in einem Gelb ausläuft auch. Fast so wie beiläufig. Ist es beiläufig? Flecke als Form. Formen wie Flecke. Dabei das blaue Liniennetz nicht aus den Augen verlieren. Ein zusammenhängendes Stück, auf alle Fälle akzeptieren wir hier das Beiläufige als ein Stück. Darf das schon etwas sein? Hier hat doch niemand an der Form gearbeitet. Er wirft etwas hin und das ist es. Oder ist es noch nichts? Wo ist der Unterschied zwischen Zufall und Absicht? Ist es ein Stück? 1 Stück? Ein Stück? Ein Stück vom Glück vielleicht? SO unglaublich leicht. So leicht, dass viele denken (und sagen) mögen, dass sie das auch könnten – könnten sie auch vielleicht, wenn sie nur selbst etwas leichter wären. Alles zusammen dann schön und klar gerahmt. Und davon 40 so oder so ähnliche Blätter für so oder so ähnliche Tage. Auf meiner Gitarre klingt das (stark verkürzt) in etwa wie folgt:

zu einer Zeichnung von Richard Tuttle

Donnerstag, März 1st, 2018

der Radiozeichner, Zeichnung Nr. 4

Montag, Februar 26th, 2018

Zeichnung Nr. 4:

Was ich mag sind Küsntler, wo man spürt, dass es um etwas geht. Wo man sieht, dass sie etwas wissen wollen. Dass sie es wissen wollen. Einer von diesen scheint mir Ralf Winkler gewesen zu sein, der unter dem Namen A.R. Penck firmierte. Weniger in seinen Gemälden als in seinen Zeichnungen scheint mir das der Fall. Man findet Blätter großer Varationsbreite. Hier werden, quasi ohne Rücksicht auf Verluste, verschiedenste Dinge angestrichelt, umgeschmiert, durchgespielt und ertestet. Vom Picasso-nahen Portrait über das Spiel mit verbalen und bildnerischen Begriffen, Gesichter, Gesichter, Gesicher, Strichmännchen, kniende Akte, Löffel und Glas, ornamentale Verwicklungen, Weltbilder. Vom gedankenerklärenden Blatt bis zur klärformenden Schmiere. Ein Blatt von vielen dabei ist Inv. Nr.: 1978.309 aus dem Baseler Kupferstichkabinett. Ein Querformat, 42×59,5cm, Bleistift. Das ganze Blatt ist voller kleiner und kleinster, schräg von links unten nach rechts oben kurz gesetzter Striche. Die Striche schwärmen von links nach rechts im Blatt. Das ist alles sehr lebendig gesetzt, nicht zu geordnet, sehr spontan, so dass tatsächlich ein sehr lebendig-bewegter Eindruck entsteht. Manche lieben ja das Wort Schwarmintelligenz, so ungefähr kann man sich das vorstellen. Kurzlineare Schwarmintelligenz als All-Over-Struktur. Dazu gesellen sich zwei weitere, eher ruhig wirkende Elemente. Im linken ersten Viertel des Blattes mehrere, wohl mit härterem Bleistift gezogene, und deshalb hellgrauer und zarter erscheinende Bewegungen von oben nach unten (jedenfalls suggerieren sie diese Richtung, wahrscheinlich weil sie am oberen Blattrand alle fast auf derselben Höhe beginnen und am unteren Blattrand auf unterschiedlichen Höhen enden). Etwas kräftiger, in der rechten Hälfte des Blattes, von der Höhe her gesehen etwa im mittleren Drittel, dunklere Spuren, die eine Pyramide zu formen scheinen, auch wenn die Form so raffiniert an Boden und Spitze offen bleibt, dass man es auch nicht unbedingt als Pyramide lesen muss. Die dunklen Partien dieser Figur jedenfalls sind auch die dunkelsten des gesamten Blattes. Von der Funktionsweise erinnert mich das ein wenig an Charles Yves „The Unanswered Question“. Nur andersrum: Hier liegt hier als Grundmuster eine nervös bewegte Lineatur zugrunde, darauf inszenieren sich zwei relativ ruhige, anders funktonierende Formen. Bei meinem akustischen Umsetzungsversuch habe ich gemerkt, dass es mit einem umgekehrten Charles Yves dann doch nicht so hinhaut: Das Dreieck, resp. die Pyramide musste aus dem gleichen Material bestehen wie die kurzen Striche, und um es schwerer zu machen, bekam es dann doch eine kleine Pause und wurde sogar wiederholt.

Baum – Geld – Radio

Sonntag, August 13th, 2017

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Raumkonzepte: Radio am Abgrund

Mittwoch, Juli 26th, 2017

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