saarHartH, die zweite

Time runs dabber, pflegte mein Englischlehrer zu sagen, und da hatte er recht: Aufgeschreckt von der Nachricht, dass am Wochenende bereits in WND und Stadtgalerie finissiert werden sollte, musste ich noch meinen Weg dorthin finden.WND hat nicht mehr geklappt, ich sag’s gleich, nachmittags in den Trubel der Finissage und Künstlergespräch mit SG: dazu hatte ich keine Lust. Also ab in die Landeshauptstadt.
Und hier darf ich folgendes sprechen: Allein die Installation von Ingo Bracke war die Reise wert. Ein quadratischer LSD-Trip ohne LSD: Man könnte stundenlang zugucken – und fast hätten wir es auch getan. Diese Installation soll man mir vorführen, wenn ich auf dem Sterbebett liege, dann kann mir das ewige Licht gestohlen bleiben! Josef Albers, wie ich ihn mir immer gewünscht habe!! Chapeaux.Leider hatten wir keine Zeit (und Kraft), uns abends noch die John Cage Interpretation anzugucken.
Ansonsten, was die Stadtgalerie anging: Natürlich die Bilder von Juliana Hümpfner! Mochte ich von der allerersten Erstbegegnung an. Recht radikal in der Auffassung und entgegen vielem, was an der Saarbrücker HBK groß geworden ist: da wird nix reingeheimnisst, indem Leerstellen dem Betrachter Projektionsflächen bieten oder auch nur vorgaukeln, hier geht’s um die Wurst.
Schade nur, dass, wie so oft in dieser Ausstellung, die sympathische Idee der Gegenüberstellung älterer und bereits verstorbener Künstler mit aktueller Kunst nicht klappt. Was hat Frans Masareel dem entgegenzuhalten? Wo ist hier eine Verbindung? Wo soll hier etwas Erhellendes für den Betrachter stattfinden? (Von der recht lieblosen dekorativen Hängung der drei Holzschnitte im Treppenhaus mal ganz abgesehen…).
Hier war ein Kunsthistoriker am Werk. Und man merkt, dass dieser Berufsstand eben zu den Historikern gehört: Sie ordnen und sortieren in Schublädchen, die Dinge brauchen ihre Ordnung. Und manchmal ziehen sie zwei Schublädchen gemeinsam auf und sagen Dir, was vielleicht etwas miteinander zu tun haben könnte. Kunst ist aber das Gegenteil, nämlich die Verweigerung der Schublade. Mein spontaner Gedanke war: Warum traut man sich dann nicht einfach mal, Masareel und Hümpfner wild zu mischen, statt ordentlich nebeneinander und doch irgendwie getrennt? Halbwegs gut funktioniert das größere Masareel-Gemälde in dem Raum mit Werner Constroffer und Nikola Dimitroff, dessen „Verklärte Nacht“ mir überraschend gut gefallen hat. Und Werner Constroffer ist eh immer eine Entdeckung wert.Ein Künstlersmann, der sich formal immer wieder zu bewegen versucht, und dem dies auch gelingt.

Und dann wagen wir auch bereits den Sprung ins Künstlerhaus und kommen zu Jo Enzweiler, einem Mann, der uns seit zwanzig Jahren das einundgleiche Bild verkauft. Josef Longwilly. Hier fänd‘ ich einen Kurator mal wirklich mutig, der sagt: da kommt nix Neues, da gibt es Spannenderes (und das gibt es!) und das ist jetzt – um ein Lieblingswort Sabine Grafs hier anzubringen, das ich nie mochte: verzichtbar; aber hier würde es tatsächlich mal zutreffen. Und bei all dem Gerede von subjektiver Auswahl usw. usf. ist doch eines an der Auswahl auffallend: Der Kurator hat es sich mit keinem einzigen seiner Kolleginnen und Kollegen von der HBK verscheißen wollen: Alle, aber auch wirklich alle sind dabei. Aktuelle, ehemalige, egal. Hat hier Mut gefehlt oder findet er die wiklich alle so atemberaubend? Oder gehört sich das einfach so?? Klar, man muss ja auch nach der Landeskunstausstellung nochmal zur Arbeit gehen…
Das Video im Keller des Künstlerhauses bleibt vielleicht im Gedächtnis hängen, obwohl es nur schwer Chancen hat, wenn man vorher Ingo Brackes Quadrate gesehen hat. Die sind bei weitem spannender und bleiben es auch dann noch, wenn man das Prinzip kapiert hat.
Lukas Kramer hat immerhin auch noch nicht aufgegeben und findet in seiner abgesteckten Welt immer nochmals einen neuen bisher noch nicht ausreichend beleuchteten Winkel.
Im Saarlandmuseum gibt es doch zwei oder drei Dinge zu entdecken, die man bisher noch nicht gesehen hat: Jacques Nestlé zu zeigen war für mich eine Entdeckung, Ralf Werners Skulturen Melencolia und Mandelbrod, das Gemälde „Der Wald der Grenze“ von Yonjin Moon und die sensationellen ausgesägten Zeichnungen von Katharina Hinsberg!So zart und fragil, an jeweils zwei Nägelchen an der Wand angebracht und so tough. Das war mein Hochlicht der Ausstellung im Saarlandmuseum.
Die kleinen Häuschen von Henrik Elburn: achja, sowas geht immer, bisschen seriell und einer sieht anders aus, auch nicht grade eine aufregende Erkenntnis…auf die Arbeiten des derzeit gefeierten Gregor Hildebrandt war ich auch sehr gespannt, das finde ich aber so übercool abgeklärt und risikoarm, dass es mich nicht umhaut. Getöse in Schwarz. Datt janze noch ein bisschen intellektuell ummäntelt, da freut sich auch Frau Elß-Seringhaus, die in der Saarbrücker Zeitung einen Bezug zwischen Meer im Bild- und Ingrid-Caven-Liedtitel zu der meerähnlichen horizonztalen Anordnung der Tonbänder herzustellen weiß…Ingrid-Catrin Caven-Elß-Seringhaus am mönchigen Möchtegern-Meer.
Immerhin auch gut und noch nicht satt gesehen: Thomas Meier-Castel!
Altes Material von Sigrun Olafsdottir. Aber ein schönes Gemälde von Thomas Wojciechowicz.
Rotes Einweckgummi und Knäckebrot bei Sven Erik Klein zeigen, dass auch dieses fotografische Prinzip des gepflegten Blow-Ups nicht ins Unermessliche dehnbar ist. Die Tomaten von vor fünf Jahren in Saarlouis eine optische Erschütterung, das Knäckebrot ein schnell durchschaubares Gebrösel.
An leider nur ganz ganz wenigen Beipielen sieht man: Es hätte mit etwas Mut tatsächlich etwas Neues und Interessantes werden können! Mal wirklich alles bereits zu oft Gesehene raus und Dinge gezeigt, die bisher vernachlässigt wurden. Und wann merkt eigentlich endlich mal jemand, was einer wie Alwin Alles seit Jahren im Verborgenen treibt? Seine Art des Umgangs mit Musik und Geräusch sind gesellschaftlich relevanter als mit Frauke Eckhardts Angeln nach Geräuschen zu angeln (auch nur ne leichte Abwandlung dessen, was sie immer tut…)
Und wie gesagt: Jetzt war ich gar nicht in St. Wendel und hab auch komischerweise gar nicht das Gefühl, ein wichtiges Volker Lehnert Gemälde verpasst zu haben. Warum nur?

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