blog-Eintrag Nr. 1700, Ophüls 35, 4, Filme 9 – 11

10uhr30: VERGRABENE STIMMEN. Regie: Numan Acar. Ein Film wie ich ihn mit seit Jahren wünsche. Jemand, der sich Gedanken um seine Bilder macht und um die Art und Weise, wie er was erzählen will. Der sich bewusst vom konventionellen Erzählen absetzt und deshalb auch konsequenterweise keine Förderungen für seinen Film beantragt hat. Nicht alle Bilder versteht man, nicht alles löst sich auf, nicht alles versteht man. Aber es bleiben starke Bilder, interessante Einfälle (auch im Soundtrack) und vieles, was einen noch weiter beschäftigen wird. Nach allen Wettbewerbsfilmen, die ich bis heute abend dann gesehen habe, mein aktueller Favorit.

Intermezzo: Deshalb mein Favorit, weil zwar VIKTORIA auch ein wichtiger und gut gemachter Film ist, VERGRABENE STIMMEN aber dann filmisch doch mehr wagt, auch dass Numan Acar oft zu einer eigenen Erzählweise und Bildsprache gelangt, spricht sehr für diesen Film. Würde mich sehr freuen, wenn dieser Mut belohnt würde…

13uhr15: FAMILIENFIEBER. Regie: Nico Sommer. Zu vergleichbaren Themen hat man schon mehr oder weniger Gelungenes gesehen. Konstellation: Zwei Elternpaare werden von einem verliebten jungen Paar in das Haus des Jungen eingeladen, damit sie sich mal kennenlernen. Und eigentlich sollen sie dabei gleich auch erfahren, dass das Mädchen schwanger ist. Kommt anders. Die Mutter des Mädchens hat seit einiger Zeit ein Verhältnis mit dem Vater des Jungen. Beide wussten aber bis zu diesem Abend nicht, dass ihre Kinder ein Paar sind. Zuerst versucht man es zu verheimlichen, die Mutter hält dies aber nicht aus und bringt die Wahrheit zur Sprache. Und was jetzt und auf welche Art zur Sprache kommt ist ausgesprochen klug gesagt und clever inszeniert. Ein locker daherkommender Film mit viel Humor, der sein durchaus ernstes Thema (zwei Ehe-Paare, die nicht mehr funktionieren, warum und wie man damit umgeht) klug vermittelt. Bei diesem Thema könnte man sehr leicht ziemlich viel versemmeln, passiert aber nicht. Alles schlüssig. Und verglichen mit dem Humorproblem in TOTALE STILLE: So kann das auch funktionieren mit der Balance zwischen Ernst und Humor.

15uhr: FRÄULEIN ELSE. Regie: Anna Martinetz. Die Novelle von Schnitzler wird nach Indien transponiert. Man fragt sich natürlich: warum. Die Antwort im anschließenden Gespräch ist aber nachvollziehbar. Die Novelle spielt in einem Nobelhotel in Italien. Italien sei damals eine Art heutiges Schwellenland gewesen mit prekären Arbeitsverhältnissen im Kontrast zur mondänen Gästeschaft des Hotels. Indien schien der Regisseurin ein adäquates Land aus heutiger Zeit. Sie hat sich außerdem für eine intellektuelle Variante der Verfilmung entschieden: Der Text wird in der Schnitzlerschen Diktion vorgetragen, die Währung im Text durch Euro ersetzt. Weitere kleine Modifikationen dieser Art hat der Text zu ertragen. Die Brechung ursprüngliche Diktion im Verhältnis zu heutigem Indien schafft Distanz zu Text und Film, so dass man, deshalb „intellektuelle Variante“, schließlich dann doch eher auf den Text zurückgeworfen wird, der der Regisseurin als Ausgangspunkt dann doch sehr wichtig war. Filmisch wird das ein oder andere Experiment mit der Filmsprache gewagt, überwiegend verbleibt es aber bei einer recht konventionellen Bildsprache. Kein schlechter Film, gehört aber in die Kategorie: einmal Sehen reicht.

18uhr30: WESTEN. Regie: Christian Schwochow. (außerhalb des Wettbewerbes): Hätten wir gerne gesehen. Leider gab es eine technische Panne in der Camera 2, weshalb der Film nach der Anfangssequenz bereits abgebrochen werden musste.

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