textkritik

Einer der faselhaft verschwurbelten Kunstwissenschaftler Texte erschien auf dem BREGENZ – Faltblatt der Ausstellung von Peter Fischli im Kunsthaus Bregenz. Eine schöne Ausstellung, eigentlich. Mit „schön“ meine ich: interessante, fordernde, witzige, ernste, herausfordernde. Vier Stockwerke, unterschiedlichst bespielt, aber halt: oben steht: TEXTKRITIK, nicht Ausstellungskritik.

Peter Fischli schreibt zu den großen Papierarbeiten im obersten Stockwerk übrigens einen herzerfrischend ehrlich und unkomplizierten Text. So geht`s dann nämlich auch: klar und unprätentiös und frei von interpretatorischem Nonsense, der die zwischen Wolken und großen Löchern anmutig hin und her schwebenden angekokelten Papiere nur sofort zu Fall brächte.

Anders Arthur Fink, der die Schwurbelsprache wohl studiert und in jahrelangem Training eingeübt hat. Doktor blablabla wahrscheinlich.

It goes like this:

Peter Fischlis Boxen befinden sich an der Schnittstelle zwischen Museumswand, wo Objekte der Kontemplation hängen, und dem pragmatisch strukturierten Innenraum des Museums (falls es im Kunsthaus Bregenz einen solchen gibt). Derlei Boxen kennen wir als Bestandteil der Museumsarchitektur und deren Informationssystems. Sie sind ein Überbleibsel der prädigitalen Kunstvermittlung und als solche Teil des diskursiven Apparats und der traditionellen Rahmung der ästhtetischen Erfahrung. Sie sind Teil des real space und des metaphysischen Raums der Kunsterfahrung zugleich. …

…Phänotypisch gesehen, sind sie – mitunter auch durch die Serialität – minimalistische Skulpturen und als solche Teil des kunsthistorischen Narrativs über die Öffnung der Skulptur hin zum real space, der in den 1960er Jahren vollzogen wurde. Die mininmalistische Skulptur wird so definiert, dass sie mit der Vorstellung eines gesonderten Raums der ästhetischen Erfahrung, der durch Sockel oder Rahmung definiert wird, gebrochen hat und keine Grenzziehung zum unmittelbaren Erfahrungsraum der Betrachters vornimmt. Die Box stellt dabei die Urszene der minimalistischen Dekontruktion der Skulptur dar.

Die Bregenzer Boxen entsprechen allerdings nur bedingt den minimalistischen Lehrsätzen, sind sie doch kunsthandwerklich und nicht industriell hergestellt und aus einem Werkstoff, der mit der Bildhauertradition konnotiert ist. Man könnte von einem manirierten Minimalismus sprechen. Zugleich sind die Arbeiten – dies der zweite kunsthistorische Allgemeinplatz – einem institutionskritischen Erbe zuzuordnen, das die institutionelle Rahmung von ästhetischer Erfahrung zum Ausgangspunkt machte und sich bekanntlich aus dem Minimalismus entwickelte. Die vermeintlich neutrale Museumsarchitektur wird reflektiert.

… Der Werkstatus der Box ist prekär – als einzelnes Werk ist sie kaum als solches erkennbar und zudem Behälter des Deutungsschlüssels für sich selbst. Die Boxen sind stumm – sie sind weder abstrakte Skulpturen noch Gebrauchsgegenstände, sie können als Kunstwerke betrachtet und mit spezifischen Diskursen befrachtet werden und zugleich sind sie Platzhalter, dekonstruktive Gesten, die sowohl den Museumsraum an sich als auch die Werkerfahrung profanieren. Sie sind materialisierte Anti-Transzendenz, richten sich gegen phänomenologischen Kitsch und sind wiederum minimalistische Arbeiten im klassischen Sinn: anti-illusionistisch und anti-idealistisch.

 

Klar, recht hat er, der Herr Fink. Inhaltlich würde ich das 100% unterschreiben. Aber geht es auch ein wenig schöner? Bzw.: was will er uns eigentlich gesagt haben wollen?

 

Peter Fischli betreibt schon immer gerne ein Spiel mit Abbild und Wirklichkeit, mit Materialitäten und Formen, die unterschiedlich wahrgenommen werden können und das hat er auch schon zusammen mit David Weiss getan. (Man erinnere sich nur an den Raum unter einer Treppe im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt/Main:  Durch ein Fenster ist ein Sammelsurium abgestellter Farbeimer zu sehen, Reste von getaner handwerklicher Arbeit. Allerdings sind auch all diese wahllos abgestellten Gegenstände keine wahllos abgestellten Gegenstände, sondern aus anderen Materialien Eimern etc. nachgebildete Objekte).  Und so finden sich in einem Stockwerk der Bregenzer Ausstellung ein ganzer Saal voller Skulpturen, die scheinbar aus Verpackungen und Dosen etc. hergestellt sind. Man hat sein Vergnügen an diesen Objekten, guckt, wie da mit alten Dosen und Schachteln und den Vorstellungen, was ein Objekt, eine Skulptur sein kann, phantasievoll gespielt wird. Um dann im Klappentext zu erfahren, dass hier z.B. keine einzige alte Farbdose verwendet und angemalt wurde: alles, sogar die Sockel, auf denen die Skulpturen stehen, ist aus Pappe hergestellt und täuscht etwas anderes vor, als es ist. Man denkt es sich einfacher, und es ist dann doch wieder komplizierter.

Und so finden sich auf allen Stockwerken nun auch diese Boxen, wie man sie immer wieder in Museen findet: an die Wand montierte kleine Kästen, denen man meist A4-Zettel mit Informationen zu den gezeigten Arbeiten entnehmen kann. In dieser Bregenzer Ausstellung hat man zu diesem Zweck ein faltbares Poster drucken lassen, das, zusammengefaltet und in die Box gestellt, einem das Wort BREGENZ entgegenwirft.

Peter Fischli hat die Boxen nun aber nicht einfach so übernommen (falls sie vorher bereits montiert gewesen sein sollten), sondern hat sie aus Bronze gießen lassen. Einem banalen Ausstelluns-Architektur-Gegenstand wird ein Materialwert zugesprochen, der aus der Box wieder was anderes macht. Einen an der Wand hängenden Kunstgegenstand nämlich, der als solches auf den ersten (und vielleicht auch auf den zweiten) Blick nicht direkt zu erkennen ist. Diese Boxen werden quasi zu seriellen Skulpturen/Objekten, verbleiben aber als Träger der gefalteten Poster weiterhin benutzbare Objekte. Und mit dem uns entgegenspringenden Schriftzug BREGENZ wird da durchaus auch in der Kombination wieder eine Art Schriftbild-Objekt an der Wand, von dem ich mir sogar einen Teil mit nachhause nehmen darf. Boxen, die ich sonst übersehe, oder auch nur als notwendiges optisches Übel wahrnehme, dürfen und sollen als Teil der Ausstellung, als Teil des Gesamten wahr- und ernstgenommen werden. Ausstellungs-Architektur und Werk zugleich.

Und nun spielen die Boxen natürlich auch mit den seit den 60 Jahren bekannten Erzählformen der sogenannen Minimal-Art. Einfache Dinge (etwa Bodenplatten) werden in einer bestimmten Anordnung wiederholt, um eine bestimmte ästhetische Erfahrung zu erzeugen. Oft handelte es sich dabei auch um einfache Materialien, meist aus industrieller Herstellung. Peter Fischli kehrt das nun wieder um und lässt die Boxen in einem klassischen bildhauerschen Verfahren herstellen (Bronze) und unterläuft so scheinbar die Idee des minimalistischen Ansatzes. Trotzdem wird aber genau dadurch die klassische Minimal-Art-Idee wiederbelebt: hier wird kein künstlicher Inhalt hergestellt oder behauptet, keine Transzendenz und keine Illusion. Eine Box bleibt eine Box bleibt keine Box.

 

 

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