Der Radiozeichner – Blatt Nr. 1

Manchmal kommt es auf den Stift an. Nein, eigentlich kommt es immer auf den Stift an. In diesem Falle aber ganz besonders. Denn nur dieser Stift, ein Kugelschreiber mit extrem dünner Linie, läuft so klar und leicht über das Papier, dass unnötige Grauwerte gar nicht erst auftauchen und klare Konturen die für das Blatt wichtigen Dinge bezeichnen können. Wir müssen uns also alles sehr konturiert vorstellen. Und verspielt. Was haben wir vor uns: eine rechte Seite aus einem Skizzenbuch, etwa 25x25cm groß, dicht bevölkert von erst einmal kaum voneinander unterscheidbaren wimmelnden Klein- und Kleinstformen. Links unten ein etwas größer angelegtes Frauenportrait, nach links aus dem Blatt schauend. Sie könnte uns bekannt vorkommen. Kommt sie uns bekannt vor? Ein Pfeil von ihrem Kopf führt nach rechts ins Blatt und zu dem Namen George Sand. Darüber ein angedeutetes Wegeschild mit dem Namen „Nohant“. Links davon ein Schild mit der Bezeichnung „Nohant-Vic“ und daneben ein eine naiv wirkende Abbildung einer stilisierten Figur. Rechts davon mehrere kleine Häuser, ein Ortsschild „La Chatre“ und die Wörter „meine Häuser“. Spaziergänger, die an einer kleinen Sonne vorbeilaufen, sie könnten einer Kinderzeichnung entlaufen sein, ein Pizza-Automat, an dem kleine Autos vorbeifahren. Um nur einige Details zu nennen. Kühe in Landschaft. Bissige Hunde vor einem Schloss. Ein Kellner mit drei Gläsern auf seinem Tablett und kleine Formen, die sich als Macarons herausstellen. Käfige mit Hühnern und anderen Vögeln auf einem Markt im Norden des Blattes. Ein Tisch mit der Bemerkung: 300,- €. Eine Aktfigur auf einem Podest am linken oberen Blattende: „Musée des sculptures“. Und noch immer haben wir nicht alle Details erfasst. Die Linien hüpfen, springen und tanzen von einem Motiv zum anderen. Eine kleine persönliche Landkarte mit Urlaubserlebnissen. Manchmal nahe an der Kinderzeichnung, manchmal hintersinnig-humorvoll, manchmal einfach eine Beobachtung notierend. Locker, flott und leicht gezeichnet, um nichts anderes zu tun, als sich selbst eine Orientierung und eine Erinnerung zu schaffen, wo man was gefunden und entdeckt hat, wo es was zu sehen gab. Und diese Unbekümmertheit führt dazu, dass man auch als Betrachter Lust hat, mit den Augen auf dem Blatt spazieren zu gehen und nichts zu verpassen. Links oben, neben der Aktfigur, die einzige Stelle, wo die Konturen ausgemalt sind. Dunkel gefasste Figuren in einem gerahmten Bild, das an der Wand hängt. (Ein Bild aus einer Ausstellung in Chateauroux. Ein französisches Künstlerkollektiv hat sich hier mit Napoleon auseinander- und ihn ironisch in Szene gesetzt. All diese Informationen kann man aber der Zeichnung selbst nicht entnehmen. Man sieht einzig die Abbildung eines gerahmten Bildes mit dunklen Figuren).  Dieser dunkle Augenfänger links oben ist für das gesamte Blatt aber nicht unwichtig. Er bildet einen kleinen, flächig-dunklen Gegenpart, der verhindert, dass dann doch alles ein klein wenig zu gleich funktioniert. An diesem Fluchtpunkt scheint alles andere ein wenig Halt zu finden, bringt die Linien etwas zur Ruhe, ordnet sie, als wären sie daran festgezurrt. Und das auf ganz unscheinbare Weise. Man lässt den Blick wieder zurück gleiten und entdeckt dann noch ein Detail und noch ein anderes. Wo war nochmal der Kellner mit seinen drei Gläsern?

Wem die Zeichnung nicht genügen sollte, kann  anhand des Blattes die Gegend natürlich selbst bereisen: Ab nach Frankreich und sich in dem Dreieck zwischen Chateauroux, Bourges und Boussac bewegt. Jaques Tati hat in Ste. Sévères sein eigenes Museum und Delacroix und Chopin waren durchaus öfter zu Besuch in Nohant-Vic.

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