Archive for the ‘kritik’ Category

jetzt, 2017

Sonntag, Juli 23rd, 2017

Unter www.utethiel.de findet sich unter dem Reiter „aktuell“ ein Projekt, das ich der näheren Betrachtung unbedingt anempfehlen möchte. (Was ich zum Start des Projektes aber, glaube ich, auch schon mal getan habe).

Parallel zur documenta in Athen und Kassel stellt Ute Thiel dort für jeden Tag ein Foto ein. Parallel dazu finden sich mit der Zeit auch Zitate und Texte.

Eben nach Mittagschlaf den Rechner angeschaltet, obwohl ich mir eigentlich einen Mokka machen wollte.
Und dann ganz lange im „jetzt, 2017“ hängen geblieben.
Vom letzten Eintrag bis zum ersten Eintrag rückwärts Fotos gesehen, Texte gelesen.
Eigentlich fehlen mir die Worte, das auszuloten und meine Begeisterung angemessen auszudrücken über das, was hier gelingt.
So beiläufig all diese Themen anzukicken.
Von der alltäglichen Beobachtung (und hier halten sich dann bildnerische und sprachliche Reflexionen in der Waage) zu Profundem vorzustoßen, und dann wieder den Schlenker zurück zum Abendessen mit MC Escher.
Da kann man lesen und gucken und nachdenken und hängenbleiben und hat eigentlich gar keine Lust mehr, den Rechner auszuschalten.
Man wünscht es sich als Buch, damit man es auch im Liegen lesend und betrachtend genießen kann.
Natürlich ist es gut, dass man weiß: geht die documenta zu Ende, dann findet auch dieses Projekt seinen Abschluss.
Das ist, denke ich, wichtig.
Aber man könnte da auch ewig zuhören, zusehen und mitlesen.
Bei all den Fragen, was nun wichtig ist oder unwichtig, bedeutend oder unbedeutend: hier ist etwas, was zumindest mich berührt, und ich könnte mir vorstellen, dass das auch anderen so geht.
(In meinem Geschimpfe über die diesjährige Landeskunstausstellung habe ich rumgemotzt über Kunst, die nach Kunst aussieht. Und natürlich steht die Gegenfrage im Raum: was kann es denn anderes geben? Ich finde, dieses Projekt von Ute Thiel ist ein solches, für mich gelungenes Beispiel: sieht aus wie eine Sammlung von Fotos, teilweise sogar Schnappschüssen und ein paar Texten dazu, wenn man aber hinguckt und liest und es kapiert, dann entsteht hier große Kunst, beiläufig, aber tiefgreifend, leicht und bedeutend, schöpfend aus Beobachtung, Erfahrung und Leben.)

kritik

Donnerstag, Dezember 29th, 2016

Uwe Loebens „FRESSEN“ im Saarländischen Künstlerhaus.

Uwe Loebens ist einer der wenigen saarländischen Künstler, die sich was trauen. Im Vergleich stimmt das sogar. Allerdings sieht Uwe Loebens schlecht. In der Tat. Das heißt: Wenn er einem auf der Straße begegnet, dann macht er meist ein ausgesprochen verdrießliches Gesicht, um das mal potitiv auszudrücken. Er zieht eine Fresse, so könnte man das etwas weniger freundlich ausdrücken. Viele fürchten ihn wegen dieser Äußerlichkeiten und ob seiner Kommentare zu Ausstellungen von Kolleginnen und Kollegen. Und der Titel FRESSEN bezieht sich nicht auf die Tätigkeit der Nahrungsaufnahme. Das schlechte Sehen führt dann, ebenso wie FRESSEN als Nahrungsaufnahme zu den Kernproblemen dieser Ausstellung. Hier hat jemand ein festgefügtes Bild von der Welt (kein nettes und freundliches, was ja auch im Anbetracht der Welt durchaus nachvollziehbar ist), das er vor uns ausbreitet: Sehet her wie schlecht doch alles ist! Alles Arschlöcher und FRESSEN! Und DU auch! Nur ist dieses Weltbild bei Uwe Loebens seit vielen Jahren unverändert dasselbe. Und dabei völlig ungetrübt von durch Beobachtung der Wirklichkeit abgeleiteter Erkenntnisse. Das erinnert einerseits ein bisschen an Stammtisch. Und andererseits gehe ich aus der Ausstellung und bin nachher so klug als wie zuvor. Hier kotzt einer sein Weltbild raus. Immer wieder und immer wieder. Vomitismus. Und: Kennst du ein Bild, kennst Du alle. Wenig interessante Erfindungen, viel fast einfallslos zu nennende Wiederholungen. Klar: Es ist ja auch immer dieselbe Kotze einer einmal vor Jahren gefressenen Weltverachtung. Wenn ich aber jemandem beim Kotzen zugucke und immer nur dieselben Brocken kommen, dann ist das tatsächlich nur mäßig beglückend. Man will dann schon jemand wirklich leiden sehen. Und auch das passiert hier in keinstem Fall. Das wär wenigstens was: wirkliches Rausgekotze! Extase! Wut! Das Rausgewürge kommt dann doch alles in allem ästhetisch ein wenig zu geleckt. Gedankliche Bewegung? Fehlanzeige (wer denkt schon beim Kotzen?). Wirklicher Hass und wirkliche Wut? Fehlanzeige. Dafür ist die Haltung des Anklagenden, der sowieso schon vorher weiß, wie die Welt funktioniert, allzu wohlfeil. Dann vielleicht doch nur Illustrationen einer unverbrüchlichen Weltsicht? Uwe leidet an uns, das wird klar, aber was jetzt?

Ich muss an die Bemerkung von Horst Janssen denken, der Goyas „Desastres de la Guerra“ heraushebt, weil sie, wenn ich das halbwegs recht verstanden habe, eben nicht plakative Antikriegspropaganda sind, sondern von der Beobachtung leben, vom Gesehenen, das mit  zeichnerischen Mitteln dargestellt und verarbeitet werden muss. Ein eher absichtsloses Tun, das die Schrecken tatsächlich zeigt und keine absichtsvolle Zurschaustellung.

FRESSEN begegnen einem tatsächlich jeden Tag eine Menge auf der Gasse. Aber allein schon der Titel der Ausstellung zeigt die Überheblichkeit des festgefügten Feind- und Weltbildes.

Blatt 22 fand ich übrigens interessant. Hier passiert formal etwas mit dem Gesicht, das den Blick ein wenig festhakt und bannt.

Uwe Loebens traut sich was. Indeed. Aber vielleicht will er dann doch, alles in allem, zuviel Kunst machen. Und er denkt zu wenig.

Und er guckt nicht hin. Er will nicht die Welt verstehen, sondern sie uns erklären.

 

jahresrückblick – 1

Samstag, Dezember 17th, 2016

Das mit Abstand unmotivierteste und uninspirierteste Buch, das mir (in diesem Jahr auch eine Neuerung: ich bin nämlich seit diesem Jahr zum erstenmal in meinem Leben mangels ökonomischer Mittel zum Bibliotheksleser geworden) in diesem Jahr in die Hände gefallen ist: Unruhezone von Jonathan Franzen. Die einzig interessante Passage darin ist die, wo er sich über die Cartoons von Charles M. Schulz auslässt. Das ist wirklich interessant und teilweise erhellend. Der Rest ist Schweigen. Da stelle ich mir einen sehr amerikanischen Durchschnittsmenschen vor, der eine sehr amerikanische Durchschnittsjugend verlebt hat und ziemliche Durchschnittsdinge getan hat. Vielleicht fängt man manchmal auch einfach mit dem falschen Buch an.

titel-bild-kritik

Samstag, Dezember 17th, 2016

Heute morgen auf der ersten Seite der Saarbrücker Zeitung das Foto eines niederländischen sogenannten Supermodels, das am Strand Müll aufsammelt und obdessen gelobt wird. Dieses Foto zu betrachten ist recht lohnenswert, denn es zeigt den Lug- und Trughudeleicharakter der abgebildeten Wirklichkeit. Das Model lächelt uns an, hat eine kleine Papiertüte mit etwas farbigem Abfall darin. Das ganze wirkt so niedlich, dass man sich kaum vorstellen kann, das man mit so einer Tüte mehr als fünf gedankenlos hingeworfene Banananschalen aufsammeln kann. Außerdem wäre das Papier auch ratzfatz durchgeweicht (man bedenke: Strand). Zweitens: Das Model lächelt den Betrachter an und hat die rechte Hand am Boden, als wäre da was zum Aufsammeln: isabernicht! Da ist nix! Guck hin!! Absolut niente!!! Da ist nur eine Hand am Boden. Und die greift noch nicht mal nach irgendwas. Hängt da nur so rum. Drittens: Der ganze Strand ist komplett abfallfrei. Entweder hat die Gute schon mehrere Stunden fleißg gearbeitet (siehe aber auch: kleine Papiertüte) oder das ist jetzt wirklich eine Stelle, wo man fix fertig ist. Viertes: In diesen Schuhen und in diesem Kostümchen würde ich noch nicht mal bei schönem Wetter am Strand spazieren. Fünftens: Verarschen können wir uns selbst.

Wie hat mal ein höherer technischer Abteilungsleiter der Mainzer Allgemeinen Zeitung (für die ich mal knapp über ein Jahr als Reprofotograf gearbeitet habe) zu mir gesagt: Bei größeren und guten Zeitungen gibt es so etwas wie Bildredakteure.

Muss ja nicht jeder haben, aber ein wenig gedankenvoll bei der Arbeit sein und nicht auf der ersten Seite Müll-Fotos verkaufen, das wäre schon auch mal was. Lustig war`s auf jedenfall anzuschauen. So engagiert sich ein bekanntes niederländisches Model für den Umweltschutz.

Und jetzt Computer ausgeschaltet, in den SUV gesprungen und in den Bio-Markt zum Einkaufen! Schließlich ist Samstag.

kritik

Donnerstag, Dezember 15th, 2016

Andrea Neumann in Neunkirchen. Was hab ich mich so schwer getan mit dieser Präsentation. Zwiegespalten. Einerseits geht man da durch und denkt: was für eine geile Malerei, Auflösung der Formen und und und. Und andererseits bleibt es schal und macht mich fast wütend: um was geht es hier eigentlich? Du gehst durch und nichts bleibt haften. Ich für meinen Teil werde sogar fast wütend, weil die Bilder dich anlügen, sie tun so, als ginge es um etwas, aber es geht eigentlich um nichts, außer um malerische Effekte. Cathrin Elß-Seringhaus von der Saarbrücker Zeitung lobhudelt bis zum Umfallen. Sie mag das: Projektionsflächen für den Betrachter, die Dich optisch umschmeicheln und somit nicht den Hauch eines Gedankens fordern oder sogar dich als Betrachter fordern. (Vielleicht ist das auch falsch beobachtet: Vielleicht sucht sie ja auch Bilder, die es ermöglichen, sich weiter an den eigenen,sowieso bereits vorhandenen Gedanken und Beobachtungen aufzugeilen, sich bestätigt zu fühlen, anstatt vielleicht auch mal ein wenig aus dem Gleichgewicht gebracht zu werden…) Vielleicht ist das der ideale Ausdruck unserer Zeit? Ich bekenne mich zu gar nichts, alles ist mir Mittel zum eigenen Spiel, aber eigentlich nehme ich die Dinge nicht ernst. Musik als Klang-Design. Kunst als Kunstdesign. Dabei funktioniert es sogar teilweise, wenn man sich ein beliebiges Bild herauspickt und sich den Rest der Ausstellung wegdenkt. Ein einzelnes Bild, sich vorgestellt in einem Museumskonzext mit anderen Werken anderer Menschen: da kann ich mir sogar denken, dass dann das einzelne Bild funktioniert. Aber wenn sie alle zusammen hängen, dann nehmen sie sich gegenseitig was, sie eliminieren sich, die Masche wird deutlich und alles ist an der selben Nadel gestrickt. Kein Wagnis, keine existientielle Wucht, kein Mut zum Bruch: alles ordentlich gemalt und ohne Risiko. Meine Begleiterin hat es schön auf den Punkt gebracht, wo ich wochenlang mit Worten und Sinnsuche hadere: „Eine tolle Malerin, aber sie traut sich nix. Soviel vergeudetes Talent.“

So ein bisschen die Xavier Naidoo der saarländischen Malerei.

(Und dann hat man hier so Leute wie Kurt Emser zum Beispiel, die malen, weil es ihnen um etwas geht, und die bei allen Ausstellungshäusern gnadenlos abblitzen.)

Lang lebe die Kreativwirtschaft!

augenwischen

Sonntag, November 6th, 2016

Es gibt Musik, die verklebt einem so die Ohren, dass man nachher dringend Albert Ayler hören muss oder DEAD WEATHER. Irgendwas, was die Ohren wieder freispült.

Und sowas gibt es auch in der Malerei. Toll, supertoll gemalte Bilder, die einem aber das Hirn verkleistern, die dazu noch so tun, als ginge es um etwas, aber es geht um nichts als Malerei. Das mögen die Leute, denn darin kann man prima schwelgen. Man bekommt was geboten. Und wenn man selbst was im Kopf mit sich rumträgt, dann bietet es prima Projektionsflächen, um alles darin sehen zu können, was man gerne drin sehen möchte. Sogar versteckte Bösartigkeiten und Gesellschaftskritik.

Großartig. Groß und artig. Es bleibt die Erinnerung an großartig gemalte Malerei aber kaum ein Bild bleibt hängen. Ich darf so bleiben wie ich bin. Was will man mehr.

 

unser dorf spielt kunst

Mittwoch, Juni 22nd, 2016

man nehme einen maler in einem kleinen dorf. überall gibt es kleine dörfer und irgendwo gibt es immer einen maler. am besten nicht zu verschroben, sondern einer, der sich abbildenderweise mit dem lebens- und arbeitshorizont der eingeborenen bevölkerung auseinandersetzt. zu lebzeiten hält man ihn vielleicht für ein bisschen irgendwie, aber da er ja sachen malt, die man, und auf denen man sich vielleicht sogar selbst, wiedererkennen kann, kann er sogar manchmal die wurst mit einem bild bezahlen.
so lebt er vor sich hin und malt und eigentlich interessiert sich niemand wirklich für ihn und seine bilder.
vielleicht hat er ja auch noch einen richtigen beruf.
nun stirbt der maler irgendwann und eine menge zeit geht ins land.
und so wie man gerne dorffeste feiert und in den siebzigern all über all „unser-dorf-spielt-fußball“ turniere stattfanden, so ist auch in den köpfen der lokalpolitik langsam das wort „kultur“ in die ohren gekrabbelt und bahnt sich seinen weg in die hirne. kultur. aha. was könnte das denn sein? weiß nicht so genau, aber wenn wir hier kultur hätten, dann könnte es bestimmt auch nix schaden. hatten wir da nicht mal einen, der bilder gemalt hat, die man sich sogar ansehen kann? lebt nicht mehr und kann sich auch nicht mehr wehren. kann man also verwenden.
man sucht und findet und nicht nur der metzger hat noch ein bild im hinterstübchen versteckt.
ein großer sohn der stadt, ähem des dorfes. und auch beim bäcker hat sich das ein oder andere angesammelt.
da müsste man doch was tun?!
da kann man doch was machen, oder?
man gründet eine stiftung, findet verbündete aus den kreisen der ortsansässigen kunsthistoriker (im laufe der zeit hat immer mal wieder jemand studiert und wie praktisch, dass es da im nachbarort tatsächlich jemanden zu finden gibt).
kunsthistoriker hat tatsächlich verbindungen, beantragt und bekommt geld vom ministerium und man macht ein event.
die heimkehr des verlorenen sohnes. späte ehrenrettung einer jahrhundert-begabung.
damit das alles hand und fuß hat, denkt man sich noch ein rahmenprogramm aus, kunstpreis, musik, vorträge, gespräch mit den preisträgern.
so geht das. prima. schnell abgegriffenes geld. selbst die sich selbst für so unbestechlich haltendene ex-schwerkritikerin der landesüblichen tageszeitung lässt sich vor den karren spannen und lobt dinge, die sie sonst in der zeitung als hausfrauenmalerei zerissen hätte. leichenfledderei. da wird plötzlich jemand gerühmt, den man zu lebzeiten gar nicht bemerkt hatte. aber ein paar orte weiter gibt es sogar seit jahren bereits ein eigenes museum für einen maler, der, ortsgebürtig, in den dreißiger jahren in paris picasso mal von weitem gesehen und vielleicht sogar zugewunken hat. reputation genug.
gesammelt werden kann alles. gelobhudelt werden kann alles. aber hier wird falsches spiel getrieben, werden dinge unter einem falschen etikett verkauft. unser dorf spielt kunst. kann man machen. ist ja auch alles gar nicht so schlimm. jeder darf seinen spaß haben. nur lügt euch nicht selbst in die taschen. und verkauft uns nicht an anderer stelle was völlig anderes.

Sabine Ostermann

Samstag, Juni 18th, 2016

Neunkirchen/Saar hat seit einiger Zeit neue Räume für die Städtische Galerie. Datt Janze nennt sich nun KULT, darüber kann man streiten, stört aber auch nur bedingt in seiner gewollt zeitgeistigen Originalität.

Dort werden seit Mai Arbeiten von Sabine Ostermann gezeigt. Wir haben in den frühen Neunzigern zusammen in Mainz studiert.

Sie zeigt Linolschnitt-Arbeiten, die in einigen Exponaten tatsächlich gedruckt und anschließend mit Ölfarbe überarbeitet wurden. Daneben aber auch Arbeiten, wo die geschnittenen Platten mit Alkydfarbe be- und überarbeitet wurden. Es entstehen so reliefartige Bilder einer großen farbigen und plastischen Intensität.

Das ist aber nicht alles.

Die Bilder sprühen vor bildnerischen Einfällen. Figuren, die bestimmte, scheinbar alltägliche Dinge tun, die aber wieder mit anderen Dingen kombiniert oder farblich auf eine bestimmte Art und Weise gefasst sind, die das Ganze auf eine weitere, bedeutungsvollere Ebene hebt.

Ich war heute zum zweitenmal in der Ausstellung und habe wieder neue Einzelheiten und Zusammenhänge entdeckt.

Und sie bedient auch das, was mir oft an malerischen Erzeugnissen fehlt: sie sind nicht nur malerisch lecker, sondern man merkt: da denkt auch jemand über die Welt und ihren Zustand nach und vermag das bildnerisch zu fassen.

Hin nach Neunkirchen! Die beste Ausstellung, die ich dort je gesehen habe. Und wahrscheinlich auch die sehenswerteste Ausstellung derzeit hier überhaupt in der Gegend.

Schön gefärbt, aber weit weg von jedweder Schönfärberei.

http://www.sabine-ostermann.de/

 

denk

Samstag, Juni 20th, 2015

Gestern abend in der Aufführung des Schauspielclubs des Saarl. Staatstheaters. Felicia Zeller: „deutsches hysterisches museum“. Premiere in der Inszenierung des Schaupielclubs.
Wie immer bei Laienspielgruppen: Man hat Lust am Spielen, aber nur die wenigsten können es. Das hat im letzten Jahr besser geklappt, in diesem Jahr zeigen sich die Wahrnehmung des Stückes beeinflussende Mängel. Es gibt einige wenige, die ihrer Rolle eine Gestalt geben, ihr Leben einhauchen, wo man das Gefühl hat, hier geht es um etwas. Andere kämpfen leider sehr mit ihrem Text, und man fragt sich, was sollte mir dieser Dialog, diese Szene hier jetzt eigentlich mitteilen. Das fragt man sich übrigens bei dem ganzen Stück. Soviel verschenktes Potential, kein einziger Gedanke wird vertieft, alles nur angeschnitten und sprachlich gibt das auch nur in den allerwenigsten Fällen etwas her. Eine Menge unzusammenhängender Szenen, die einem ernsten Thema, das man durchaus auch hätte klamaukhaft auf die Spitze treiben können, was das Stück aber nicht tut, so dass alles ziemlich wischiwaschi bleibt. Was in der Erinnerung bleibt, sind zwei bis drei doch berührend gespielte Einzelszenen und ein einziger Regieeinfall: wie Claudius (hieß er so?) und Klaus nach jeder ihrer Szenen zusammen auf dem Skatebord wieder zu ihren Sitzplätzen fahren, verquer stehend und die Arme wie ein Engel ausbreitend.

Letztes Jahr war ich zweimal hintereinander in der Aufführung des Schauspielclubs, weil es so mitreißend war. Nächstes Jahr bitte wieder ein besseres Stück!

gross und klein (STOP MAKING SENSE):

Mittwoch, März 12th, 2014

Der neue Werbeslogan für das Saarland lautet: GROSSES BEGINNT IMMER IM KLEINEN. Mal davon abgesehen, dass diese Aussage nicht haltbar ist, was sie auch immer im Genauen und diesem Zusammenhang des Werbezweckes meinen mag, besteht das grösste Problem mit diesem Slogan darin, dass ein Wunschdenken als Tatsache verkauft wird. Durch das Behaupten einer Behauptung soll eine Tatsache erzeugt werden. Wenn ich lange genug behaupte, ich hätte gesunde Zähne, dann habe ich irgendwann welche. Vor vielen vielen Jahren, noch zu Zeiten des Saarbrücker Tatortkommissärs Jean Fitou, Jaques Filou, nee: Max Palu erinnere ich mich an ein entsprechendes Drehbuch, das im Eishockeymilieu spielte (ich muss zugeben, habe ich nie gesehen, erinnere mich aber an die lebhafte Berichterstattung der Saarbrücker SZ) und man ist zum Drehen extra nach Frankfurtmain gefahren, weil das entsprechende Milieu ici n’existe pas. Alors: Lüg et trüg. Oder etwas anspruchsvoller: Es handelt es sich einfach um einen Fall falscher Induktion:

Das Saarland ist klein. Alles Große beginnt im Kleinen. Also beginnt auch im Saarland etwas Großes.

Wobei Problem:  Bereits der zweite Satz ist Nonsense.

Merke: Sätze mit „immer“ sind immer falsch!

Merke weiter: Die Leute sind zwar oft doof, aber nicht immer.

ES GIBT KEIN WAHRES LEBEN IM KLEINEN.

 

fülmkrütück

Dienstag, März 11th, 2014

Wes Anderson: GRAND BUDAPEST HOTEL. Man hat viel zu gucken. Man kommt manchmal mit den ganzen Anspielungen nicht mehr mit. Es gibt eine Menge zu lachen. Es strotzt nur so vor Einfällen und Ideen. Alleine das Riesenwildschweinbild bei der Testamentseröffnung… Das wäre für meine Begriffe ein schöner und gelungener Unterhaltungsfilm. Wobei ich THE ROYAL TENENBAUMS im Vergleich aber vorerst bevorzugen würde. (War LA GRANDE BELLEZZA im letzten Jahr ein Film, den man nach dem Abspann sofort, aber wirklich sofort, noch einmal sehen wollte, so besteht der Wunsch nach nochmaligem Betrachten durchaus auch bei GRAND BUDAPEST HOTEL, aber nicht direkt im Anschluß, irgendwann später mal wieder, vielleicht auch auf DVD, damit man das ein oder andere sofort zurückspulen kann.)

fülmkrütück

Sonntag, März 9th, 2014

Am Freitagabend in der Kinowerkstatt St. Ingbert. Eigentlich war „12 years a slave“ angekündigt, den durften sie aus verleihtechnischen Gründen aber nicht zeigen…Den Ersatzfilm „All is lost“ mit Robert Redford hätte ich mir wahrscheinlich nicht unbedingt angesehen, aber als Ersatzfilm und wenn man schonmal da war und Hans-Ulrich Pönack war auch ganz euphorisch (was sonst: euphorisches Lob oder euphorische Verrisse). Nungut.
Der Film leidet an zweierlei: Erstens daran, dass er nicht komplett auf Musik verzichten kann. Er verzichtet zum Großteil auf Musik, und das ist auch wunderbar so, das was akustisch passiert, wenn die Wellen während des Sturms auf das Boot schlagen etc., ist wirklich sehr interessant und schafft eine bedrohliche Atmosphäre. Und dann spielen plötzlich mitten auf dem Meer nach einer ersten überstandenen Bedrohung plötzlich die Geigen…Und auch in einer weiteren Bedrohungssituation können sie darauf nicht verzichten. Das zerrt Dich als Betrachter sofort aus dem Geschehen und schafft einen sicheren Abstand. Und das ist schade. Das verschenkt der Film vieles der Wirkungen, die er vorher erzeugt hat.
Dasselbe passiert leider durch die zahllosen Ungereimtheiten, die man wahrscheinlich gar nicht alle aufzählen kann. Und auch das ist schade. Es geht nicht darum, dass ein Film in allen seinen Details absolut echt und der Wirklichkeit entsprechende abbilden muss. Das tut Kunst in den seltensten Fällen.
Aber: Wichtig ist eine gewisse Grundglaubwürdigkeit, die erhalten bleiben muss.
Wenn ich mich ständig frage, wieso plötzlich wieder alle Landkarten so schön trocken sind, damit er sich auf dem Ozean zurechtfinden kann, wenn ich mich fragen, wieso er nach all dem Kentern und Ungemach plötzlich eine unversehrte Lesebrille aus der Hemdtasche zieht, wo plötzlich die trockenen unversehrten Bücher herkommen, anhand derer er sich mal eben flugs das Navigieren mit dem Sextanten beibringt, dann fühle ich mich als Betrachter nicht ernst genommen.
Ein Frachtschiff, dass so dicht an ihm vorbeifährt, ohne ihn trotz Signalraketen zu sehen, finde ich noch halbwegs glaubwürdig, dass das Schiff aber kaum 20 Meter an der Rettungsinsel vorbefährt, ohne das es diese auch nur im Geringsten zum Schaukeln bringt, resp. sie nicht gleich zum Kentern bringt, das ist irgendwie nicht ganz nachvollziehbar. Schade.
Dabei hat der Film zum Teil wirklich starke Bilder, und erzielt beklemmende Wirkungen dort, wo er das Verletzliche und Bedrohte des Menschlichen zeigt. Der Topos „Haus“, hier in die Kajüte des Einhandseglers verlagert, schwankt und wankt, und die Sicherheit ist eine scheinbare. Das funktioniert gut, wird aber durch viele handwerkliche Fehler kaputt gemacht.
Eine interessante Idee für einen Film, aber einfach zu schludrig gemacht.
Und: Die amerikanische Filmindustrie sollte generell ein mehrjähriges Verbot für Filmmusik aussprechen.

Kritik der Kritik

Freitag, Februar 28th, 2014

Dr. Sabine Graf schreibt heute in einem Auftragsartikel für die Saarbrücker SZ über die Jubiläumsausstellung Jo Enzweiler im Museum Schloss Fellenberg in Merzig.
Der Artikel endet mit folgenden Gedanken:
„Die Ausstellung versammelt das, was man von Enzweiler kennt: Die gerissenen Karton-Collagen in leuchtendem Gelb in immer neuen Variationen, die Farbkombinationen sowie Nuancen einer einzigen Farbe auslotenden Gouache-Drucke, die das Verhältnis von Raum und Zwischenraum erkundenden Papierschnitte beziehungsweise Zeichnungen und die seit einigen Jahren gefertigten Skulpturen, die das Zusammenspiel geometrischer Formen erkunden.
Das ist altvertraut, doch stammen die gezeigten Arbeiten aus dem Zeitraum zwischen 2006 und 2014. Es wäre ein Leichtes, daher von der Wiederkehr des Immergleichen zu sprechen. Doch geht es hier gerade darum, die Qualität herauszukehren, die in der dauernden Befragung des Materials und der Entdeckung weiterer Kombinationsmöglichkeiten von Vorhandenem liegt. Hierin begegnen sich Kunst und Leben. Zudem geht es wie in jedem künstlerischen Werk um Wiedererkennbarkeit. Die Wiederholung ist dafür ein probates Mittel. Sie schafft ein Markenzeichen, um einen Künstler den Tag hinaus einen Platz in der Kunstgeschichte zu sichern.“

An folgenden Punkten muss wiedersprochen werden:
Es wäre nicht ein Leichtes, von der Wiederholung des Immergleichen zu sprechen. Man muss hier von der Wiederholung des Immergleichen sprechen. Denn darum handelt es sich. Und aus der bloßen Wiederholung erwächst erstmal per se keine Qualität. Sich zu wiederholen heisst noch nicht, dass man dabei Entdeckungen macht.

Es ist zwar eine interessante Frage, ob es möglich ist, und ab welchem Zeitpunkt Quantität in Qualität kippt, ob aus der bloßen Wiederholung irgendwann etwas Erhellendes wächst, aber Sisyphos, der täglich seinen Stein zu rollen hat, ist eine andere Veranstaltung. Auch Entwicklung gehört zum Mensch-Sein. Zugegeben, es mag natürlich auch an mir liegen, dass ich hier keine Entwicklungen sehe. Ich sehe hier keinen Suchenden, der ein Thema umkreist und mit sich und der Welt etwas zu klären und mir folglich etwas Interessantes zu sagen hätte. (Wie ich es durchaus bei Sigurd Rompza oder Lukas Kramer sehr). Ich sehe hier jemanden, der in seinen jungen Jahren einmal eine Idee hatte und uns seit 30 Jahren immer wieder dasselbe Bild zeigt, oder dasgleiche, das spielt hier kaum eine Rolle. Kennste eines, kennste alle.

Heftig wiedersprochen werden muss dem (ich bin ja nicht Dr. Sabine Graf, aber diese hätte früher einfach folgendes Adjektiv in den Raum geworfen, das ich nie mochte, aber das Imperium darf ja auch mal zurückschlagen, also bitteschön:) hirntoten Satz „Zudem geht es wie in jedem künstlerischen Werk um Wiedererkennbarkeit.“ …bei jedem künstlerischen Werk!? Das ist in seiner groben Verallgemeinerung eine derartige Frechheit und Anmaßung von Urteilskraft, dass man sich das nicht lange genug immer wieder vorlesen kann…; Vielleicht geht es bei Jo Enzweiler um Wiedererkennbarkeit. Aber das ist generell schon eine hahnebüchene Bemerkung. Es geht von mir aus um solche Dinge wie „Schönheit“, Erkenntnis, Wahrheit, Leben und Tod, die Welt an sich, aber doch nicht um Wiedererkennbarkeit. Angenommen, auch Litaratur sei Kunst, was ich gerne annähme, hat Vrginia Woolf so stilistisch unterschiedliche Bücher geschrieben, weil sie in ihrem Schreiben um Wiedererkennbarkeit gerungen hat? Liebe Literaturwisschenschaftlerin: behaupten kann man vieles, aber halten lässt sich oft davon nur wenig. Max Ernst rang um Wiedererkennbarkeit? Fuck off.

„Die Wiederholung ist dafür ein probates Mittel. Sie schafft ein Markenzeichen, um einen Künstler den Tag hinaus einen Platz in der Kunstgeschichte zu sichern.“ Diesen Satz kann sie noch weniger ernst meinen. Ich kann das nur so verstehen, dass sie, mit dem Güllepfosten winkend, dem Enzweiler Joachim (wie heisst man wirklich, wenn man „Jo“ heisst?)(Josef?)(Jorinde?)(Joringel?) eins reinwürgen will, sich vor der anerkannten Fachkraft aber nicht das zu sagen traut, was sie sagen möchte, wo sie doch jedem anderen hergelaufenen Künstlersmann oder jeder hergelaufenen Künstlersfrau einen reinwürgt, wenn sie den oder die sich tiefer dünkt, und sich auch noch was drauf einbildet.

Fuck off, die Zweite.

 

 

Es gilt Billy Wilders Prämisse: Du darfst nicht langweilen!

ophüls 35, 6, filme 15 und 16

Montag, Januar 27th, 2014

17uhr: DURCH DIESE NACHT SEHE ICH KEINEN EINZIGEN STERN. Regie: Dagmar Knöpfel. (außerhlab des Wettbewerbes in der Corinna Harfouch-Reihe): Am 6. Tag ist man ein wenig müde, deshalb habe ich ein wenig mit der langsamen Erzählweise gekämpft, was aber nichts über den Film sagt. Ein Film, der sich mit seinen Bildern viel Zeit lässt und auf drei Briefen der teschechischen Schriftstellerin Bozena Nemcová beruht. Dreimal setzt sie an, um ihrem Verleger zu erklären, warum sie derzeit nicht in der Lage sei, ihre gesammelten Schriften herauszugeben, und das, was man erfährt über ihre Lebensbedingungen, über ihren Mann, ihr Keingehaltenwerden in dieser Familienstruktur,  ist eigentlich ein Skandal. Der Film erzählt nicht viel, aber auch er setzt dreimal an, und man sieht dieselben Geschehnisse in drei leicht verschobenen Varianten und so wird die Situation der Protagonistin ausgesprochen deutlich.

 

20uhr15: DER BLINDE FLECK. Regie: Daniel Harrich. Ein Film, um den im Vorfeld schon ein wenig Trara gemacht worden ist, weil er parallel zum Festival wohl auch bereits in den Kinos angelaufen ist, er aber trotzdem der Festivalleitung so wichtig erschien, dass er trotzdem laufen sollte. Es geht um das Oktoberfestattentat von 1980 und die Vertuschungen, die dazu geführt haben, dass man unbedingt in der Öffentlichkeit einen Einzeltäter präsentieren wollte, anstatt den Hinweisen auf Verstrickungen mit der Wehrsportgruppe Hoffmann nachzugehen, um Franz-Josef Strauß im Wahlkampf aus der Schußlinie zu nehmen. Der Anschlag war am 26.9., Bundestagswahl damals am 5.10. Die Hintergrund-Infos sind zwar ganz interessant, beruhend auf dem Buch des BR-Journalisten Ulrich Chaussy. Der Film leidet ein wenig unter der prominenten Besetzung, die BR-Tatortkommissare Wachveitl und Nemec hier in wichtigen Nebenrollen zu besetzen, war keine gute Idee. Generell ist der Film ein wenig zu professionell und abgebrüht. Die Musik im zeitgemäßen Stil ein wenig zu dramatisch aufgesetzt und laut. Pseudodokuspielfilm, der einen dann doch irgendwo ins Leere laufen lässt.

ophüls preisträger

Samstag, Januar 25th, 2014

Diese sind seit eben bekanntgegeben. Den Preisträgerfilm hatten wir nach der Beschreibung im Programmheft nicht ausgesucht, auch den Träger des Drehbuchpreises nicht. Aber die laufen bestimmt demnächst auch mal im „richtigen“ Kino. Kinowerkstatt IGB zum Beispiel. Schade auch, dass ein Film wie VIKTORIA nicht den neuen Preis für gesellschaftsrelevante Filme bekommen hat. Nungut, auch MÄNNDER ZEIGEN FILME UND FRAUEN IHRE BRÜSTE hatten wir nicht auf unserer Agenda, vielleicht kann man das ja nachholen, die Begründung der Jury macht dann doch neugierig. Ebenso auch auf LOVE STEAKS.

Dass der intelligente Kurzfilm ALTER EGON den Publikumspreis für Kurzfilme bekommen hat, das ist sehr erfreulich, wirklich ein sehr kluges freches kleines Filmchen.

HIGH PERFORMANCE wenigstens den Publikumspreis. Hätte auch als gesellschaftsrelevant durchgehen können. Nungut.

Und FAMILIENFIEBER als Preis der Ministerpräsidentin wundert mich ein wenig. Wo sie doch grade alle so gegen Prostitution unterwegs sind, wäre doch hier VIKTORIA auch eine gute Wahl gewesen. Scheint mir so, als fände ich es schade, dass dieser Film so komplett leer ausgegangen ist…obwohl, wie in meiner Tageskritik zu lesen, FAMILIENFIEBER meiner Meinung auch ein recht klug gemachter Film war.

Kritik ist ein schwieriges Geschäft, Kriterien zu finden und die Dinge aneinander zu messen auch. Wenn möglich werde ich mir die preisgedingsten Filme irgendwann einmal angucken. Nur nicht morgen.

Morgen steht noch DER BLINDE FLECK auf dem Programm und DURCH DIESE NACHT SEHE ICH KEINEN EINZIGEN STERN (außerhalb des Wettbewerbs). Und dann ist erstmal Schluss.

(Wobei ich ja seit „zwischen den Jahren“ dran bin, mir die HEIMAT.Trilogie ins Gedächtnis zurückzurufen, resp. zu erarbeiten. Und das ist auch ziemlich dichte Kost (zumindest DIE ZWEITE HEIMAT)…

 

ophüls 35, 5, filme 12 – 14

Samstag, Januar 25th, 2014

9uhr30: HIGH PERFORMANCE. Regie: Johanna Moder. Das Thema Kapitalismus, Kapiatlismuskritik und was mach ich aus meinem Leben werden hier auf unterhaltsame Weise intelligent abgehandelt. Interessante Idee der Konstellation zweier Brüder aus wirtschaftlich erfolgreichem Haus, deren einer eine Wirtschaftskarriere eingeschlagen hat, der andere Mitglied einer Off-Theatergruppe ist und sein Geld als Aushilfe im Supermarkt verdient. Es kommt zur Zuspitzung, als der Wirtschaftsbruder den Theaterbruder benutzt, um eine seiner Angestellten zu bespitzeln. Das gute an dem Film ist das Drehbuch. Da holpert nix und trotz dieser etwas gewagten Konstruktion wirkt das alles ausgesprochen glaubhaft. Und auch der Schluß bleibt im besten Sinne unbefriedigend. Es kommt zu keiner eindeutigen Wegschiebung: Hier der böse Kapitalistenbruder, da der gute Schauspieler, nee, der Wirtschaftsbruder gewinnt sein intigantes Spiel und steht als Gewinner da, der Schauspielerbruder verliebt sich zwar in die zu bespitzelnde Programmiererin seines Bruders, verliert diese aber, weil alles rauskommt, sie, gerade erst entlassen, pokert und steigt mit höherem Gehalt wieder in die Firma ein, während die alternative Theatergruppe von durch den Verrat verdienten Geld gesponsert wird. Und beide Brüder stehen am Schluß zusammen und rauchen gemeinsam eine Zigarette vor der Tür. Das muss man erstmal so erzählen, dass das funktioniert. Und hier tut es das.

 

12uhr. SEME. Regie: Il Kang. Bis zur Hälfte des Filmes konnte ich mich bestimmter Gedanken nicht erwehren, z.B. wieso will mir da jemand was erzählen, der eigentlich gar keine Lust hat, mir etwas zu erzählen. Oder: Ein an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg entstandener Film: wirklich ein typischer Kunststudentenfilm, etwas blutleer. Und eine merkwürdig aus dem Zusammenhang fallende Szene mit einem Stadtstreicher, der seine Schnapsflasche fallen lässt und dann vor Wut im Regen seinen Schirm zertrümmert. Schlecht gespielt und an der Stelle war ich drauf und dran, den Film innerlich zu verlassen. Doch so langsam kam dann doch ein wenig Stringenz in die Geschichte, die vielleicht, alles in allem, in ihrer Entwicklung ein wenig zu vorhersehbar bleibt, aber man geht dann am Ende doch nicht raus mit einem unguten Gefühl. Ein Film, den man sich durchaus ansehen kann. Nochwas lobenswertes, was ich fast vergessen hatte: Die Filmemacher haben sich entschieden, die koreanisch gesprochenen Passagen nicht zu untertiteln. Dies war ein guter Plan, man versteht trotzdem, um was es geht, und es lässt einen trotzdem die Situation erspüren und auch ein wenig die Fremdheit.

 

16uhr30: HERRENPARTIE. Regie: Wolfgang Staudte, 1964 (außerhalb des Wettbewerbs): Das sind die Veranstaltungen, weswegen ein Besuch des Festivals alleine bereits lohnt. Einen solchen Film wieder- oder zum erstenmal zu sehen. Ein wichtiger Film nicht nur für die damalige Zeit. Dazu begleitet von einem Interview mit Helga Sanders-Brahms, die ihre Begeisterung über Staudte und den Film ans Publikum weitergibt. Beides sehenswert, Frau Staudte und der Film. Auch dieser Nachmittag wird lange nachklingen.

blog-Eintrag Nr. 1700, Ophüls 35, 4, Filme 9 – 11

Freitag, Januar 24th, 2014

10uhr30: VERGRABENE STIMMEN. Regie: Numan Acar. Ein Film wie ich ihn mit seit Jahren wünsche. Jemand, der sich Gedanken um seine Bilder macht und um die Art und Weise, wie er was erzählen will. Der sich bewusst vom konventionellen Erzählen absetzt und deshalb auch konsequenterweise keine Förderungen für seinen Film beantragt hat. Nicht alle Bilder versteht man, nicht alles löst sich auf, nicht alles versteht man. Aber es bleiben starke Bilder, interessante Einfälle (auch im Soundtrack) und vieles, was einen noch weiter beschäftigen wird. Nach allen Wettbewerbsfilmen, die ich bis heute abend dann gesehen habe, mein aktueller Favorit.

Intermezzo: Deshalb mein Favorit, weil zwar VIKTORIA auch ein wichtiger und gut gemachter Film ist, VERGRABENE STIMMEN aber dann filmisch doch mehr wagt, auch dass Numan Acar oft zu einer eigenen Erzählweise und Bildsprache gelangt, spricht sehr für diesen Film. Würde mich sehr freuen, wenn dieser Mut belohnt würde…

13uhr15: FAMILIENFIEBER. Regie: Nico Sommer. Zu vergleichbaren Themen hat man schon mehr oder weniger Gelungenes gesehen. Konstellation: Zwei Elternpaare werden von einem verliebten jungen Paar in das Haus des Jungen eingeladen, damit sie sich mal kennenlernen. Und eigentlich sollen sie dabei gleich auch erfahren, dass das Mädchen schwanger ist. Kommt anders. Die Mutter des Mädchens hat seit einiger Zeit ein Verhältnis mit dem Vater des Jungen. Beide wussten aber bis zu diesem Abend nicht, dass ihre Kinder ein Paar sind. Zuerst versucht man es zu verheimlichen, die Mutter hält dies aber nicht aus und bringt die Wahrheit zur Sprache. Und was jetzt und auf welche Art zur Sprache kommt ist ausgesprochen klug gesagt und clever inszeniert. Ein locker daherkommender Film mit viel Humor, der sein durchaus ernstes Thema (zwei Ehe-Paare, die nicht mehr funktionieren, warum und wie man damit umgeht) klug vermittelt. Bei diesem Thema könnte man sehr leicht ziemlich viel versemmeln, passiert aber nicht. Alles schlüssig. Und verglichen mit dem Humorproblem in TOTALE STILLE: So kann das auch funktionieren mit der Balance zwischen Ernst und Humor.

15uhr: FRÄULEIN ELSE. Regie: Anna Martinetz. Die Novelle von Schnitzler wird nach Indien transponiert. Man fragt sich natürlich: warum. Die Antwort im anschließenden Gespräch ist aber nachvollziehbar. Die Novelle spielt in einem Nobelhotel in Italien. Italien sei damals eine Art heutiges Schwellenland gewesen mit prekären Arbeitsverhältnissen im Kontrast zur mondänen Gästeschaft des Hotels. Indien schien der Regisseurin ein adäquates Land aus heutiger Zeit. Sie hat sich außerdem für eine intellektuelle Variante der Verfilmung entschieden: Der Text wird in der Schnitzlerschen Diktion vorgetragen, die Währung im Text durch Euro ersetzt. Weitere kleine Modifikationen dieser Art hat der Text zu ertragen. Die Brechung ursprüngliche Diktion im Verhältnis zu heutigem Indien schafft Distanz zu Text und Film, so dass man, deshalb „intellektuelle Variante“, schließlich dann doch eher auf den Text zurückgeworfen wird, der der Regisseurin als Ausgangspunkt dann doch sehr wichtig war. Filmisch wird das ein oder andere Experiment mit der Filmsprache gewagt, überwiegend verbleibt es aber bei einer recht konventionellen Bildsprache. Kein schlechter Film, gehört aber in die Kategorie: einmal Sehen reicht.

18uhr30: WESTEN. Regie: Christian Schwochow. (außerhalb des Wettbewerbes): Hätten wir gerne gesehen. Leider gab es eine technische Panne in der Camera 2, weshalb der Film nach der Anfangssequenz bereits abgebrochen werden musste.

ophüls 35, 3, film 7 und 8.

Donnerstag, Januar 23rd, 2014

10 uhr: Viktoria – a tale of grace and greed. Regie: Men Lareida. Eine junge Ungarin verlässt Budapest, um in Zürich als Prostituierte auf dem Straßenstrich das große Geld zu machen. Ein klug erzählter Film, auf Ungarisch mit Untertiteln. Ein in seinen Zwischentönen wichtiger Film. Gut inszeniert und gut gespielt. Bisher haben wir nur vier Wettbewerbsfilme gesehen – wenn ich unter diesen vier einen Preisträger wählen müsste, dann wäre es dieser!

14 uhr: TOTALE STILLE. Regie: Zarah Ziadi. Die Geschichte von zwei Amokläufern, die persönlich gescheitert sind, dies politisch verbrämen und ihre Uni überfallen. Man möchte nach diesem Film leider sagen: Thema verfehlt. Der Film weiß nicht, ob er die Gewalt thematisieren will oder eine Komödie sein möchte. Im Gespräch nachher heißt es, man habe sich an japanischen Filmen orientiert, wo auch die Genres wild gemischt werden, oder an Shaklespeare, der auch in seinen ernsten Dramen immer eine Figur habe, die durch komische Momente das Publikum nochmal durchatmen lässt, bevor es mit dem Unerträglichen weitergehe. Mag ja sein, dass das bei Shakespeare so ist und dass man das tun kann. Man muss es aber auch können. Hier erscheint es einfach nur unentschieden, was dazu führt, dass nie wirklich Spannung aufkommt, die Handlungsstränge vorhersehrbar sind und das Drehbuch überhaupt an vielen Stellen hinkt. Nur ein Beispiel: Ein Prof, in seinem Büro sitzt er mit seiner Geliebten, einer Uni-Angestellten, fest. Er kommt auf die Idee: Vielleicht verbirgt sich hinter der Klappe an der Decke ein Lüftungsschacht, über den man vielleicht fliehen könne. Seine Geliebt klettert auf seine Schultern und kommt grade so an die Decke, um in den Schacht zu schauen. Schnitt. Nächste Szene: Beide klettern durch den Schacht. Jetzt sag mir mal einer, wie der Prof (auch nicht mehr ganz so taufrisch) da hineingekommen sein soll! Ich hätte es noch nicht mal von der Position auf seinen Schultern stehend geschafft. Und derer Holperer gibt es einige. Die einzig interessante Figur: Eine junge Frau, man sieht sie in der ersten Szene beim Psychiater, der ihr rät, sie solle endlich mal Zähne zeigen, sich wehren, nicht immer alles schlucken und duckmäusern. Sie solle sich vorstellen, was sie mit ihrem Ex-Freund täte, wenn sie eine Waffe hätte und er nochmals ankäme, um ihr kundzutun, sie zu verlassen. Und all das, was sie sich kaum zu phantasieren traut, tut sie nachher mit einem der beiden Amok-Läufer in echt. Und geht dann wortlos in der Schlussszene an allen Hilfskräften vorbei ins Freie. Superschluß. Wären nur 30% von dem Film auch so gewesen. Und nochwas: Wenn man in einem Film sitzt und einem plötzlich Zeit sichtbar wird, noch eine Szene und noch eine und der Film kommt nicht voran und wie lange dauert das eigentlich schon: nur der Hauch eines solchen Gedankens spricht gegen das Drehbuch. Thema verfehlt und Chance verschenkt.

 

ophüls 35, 2, film 4 – 6

Donnerstag, Januar 23rd, 2014

14 uhr: POKA. Regie: Anna Hoffmann. Interessantes Thema schön erzählt. Was von dem Film aber wirklich an Bildern hängen bleiben wird, ist abzuwarten. Auffallend vor allem der Darsteller Pavlo Pasha Antonov. Man erfährt einiges über die sog. Russland-Deutschen, ihr Selbstverständnis in der UdSSR und wie sich dieses geändert hat, als sie nach Deutschland gekommen sind. Die Story ist klug gebaut, man sieht erst einmal eine Menge über die Zustände in der UdSSR, detailreich und glaubwürdig beschrieben.

18 Uhr 30. DAS HAUS MEINES VATERS. Regie: Ludwig Wüst. (außerhalb des Wettbewerbes). Interessant die Grundidee, den Film ohne Schnitt, resp. mit einem einzigen Schnitt nur in zwei Plansequenzen zu drehen. Daraus folgt, dass er auch in Echtzeit spielt. Ein Mann kehrt nach dem Tod seines Vaters in sein Elternhaus zurück und sieht sich in Begleitung einer ehemaligen Schulfreundin die Stätte seiner Kindheit und Jugend wieder an. Die beiden unterhalten sich, so wie man sich in solcher Situation unterhält und Stück für Stück erfährt man mehr, erahnt Abgründe. Die Frage bleibt, ob der 65 minütige Film tatsächlich funktioniert oder ob er nur eine Stilübung ist. Wobei ich eher zu ersterem tendieren würde. Auch hier bin ich gespannt auf die Bilder, die bleiben.

22uhr30. AUTUMN BLOOD. Regie: Markus Blunder. (außerhalb des Wettbewerbes): Der Film läuft auf Englisch ohne Untertitel. Doch keine Panik: Es wird kaum gesprochen. Und das ist das Wunderbare dieses Films. Wie hier mit eindrucksvollen Bildern eine Geschichte um sinnlose Gewalt und Vergewaltigung im Alpenraum inszeniert ist, dürfte einen so schnell nicht mehr aus dem Kopf gehen. Da traut sich jemand mal wieder was. Hier werden wohl tatsächlich Bilder hängen bleiben…

 

ophüls, 35, 1, film 1 bis 3

Mittwoch, Januar 22nd, 2014

14 uhr: und morgen mittag bin ich tot. Regie: Frederik Steiner. Von SWR und arte begleitet. Ein Film über eine junge Muskoviszidose-Patientin, die beschließt, ihrem Leben in einer Zürcher Einrichtung ein Ende zu setzen. Ein Film, bei dem man sich wünschen würde, auf die Idee, Filme durch Musik zu begleiten, wäre noch nie jemand gekommen. Dort, wo er seinen Bildern vertraut, funktioniert er sogar meist (nicht immer). Aber wo er Musik einsetzt, macht er sich vieles von seiner Wirkung kaputt und überzuckert und setzt auf falsche Gefühle. Rosamunde Pilcher wäre die nächste Stufe. Ein Beispiel: Die Protagonistin Lea erleidet im Sterbezimmer im Beisein kurz vor dem Einnehmen des Gifttrankes nochmals einen panische Attacke und geht zur Toilette. Diese Bilder, wie sie dort mit sich ringt, auch wie dies fotografiert ist, wären absolut beeindruckend: die Figur und ihr Drama wären sich ausgeliefert und der Zuschauer könnte dem nicht entrinnen. Jetzt muss man aber ein wenig Musik drunterlegen, um das ganze nochmals zu untermalen. Wieso? Diese Untermalung schafft Distanz, gibt dem Zuschauer vor, welche Gefühle er dabei zu haben hat (entmündigt ihn also) und verhindert so, dass man von dem, was man zu sehen bekommt, wirklich betroffen ist. Der Regisseur nachher im Gespräch: Es zeigt sich, dass er ein Profi im negativen Sinne ist: Man schlägt ihm ein Buch vor, er nimmt an, beginnt dann, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Er weiß, wie man Dinge in Bilder übersetzt und macht seinen Job. Aber im Grunde genommen könnte er auch am Schreibtisch sitzen und Steuerbescheide bearbeiten. Ein leider mutloser Film, der Chancen eines Themas verschenkt, das einer ernsthafteren Betrachtung wert wäre.

20 uhr: Matthias Glasner in der Corinna Harfouch Reihe. Eine frühe Fingerübung eines wirklich interessanten Regisseurs, der für solche Filme wie „Der freie Wille“ und „Gnade“ verantwortlich zeichnet. Eine Fingerübung in 12 Tagen mit wenig Budget abgedreht, wie Frau Harfouch auskunftet. Frech, roh. Und vor allem kann hier jemand auch Musik einsetzen, so dass die Stimmung schafft und die Filmbilder strukturiert und stützt. Hier ist auch jemand am Werk, der keinen Job macht, sondern was erzählen will. Ob einem das ein wenig zu klamaukhaft wird oder nicht, steht auf einem anderen Blatt. Mich hat’s ein wenig an Wim Wenders „Same Player Shoots Again“ erinnert. Aber immerhin jemand, der sich was traut.

22uhr15: das leben nach dem tod am meer. Regie: Martin Rieck. Dokumentarfilmwettberwerb. Hier stimmt alles: Beobachtet wird ein junges Paar, das per Occasion ein Beerdigungsinstitut in Husum übernimmt. Welche Gedanken, welche Arbeit machen sich die beiden (viele Gedanken und gute Arbeit), wie ist das gemeinsame Leben, wie hat es sich verändert usw. usf. Sensibel beobachtet, mit günstig erworbenem Gerät gefilmt, nicht gefördert, weil der Autor Grafik-Designer ist und kein Absolvent einer Filmschule, gut geschnitten und mit einem extra komponierten Soundtrack unterlegt:  https://www.facebook.com/daslebennachdemtodammeer